Die ersten 85 Tage an Bord – (K)eine Bilanz

Nach fast 5 Tagen monsunartigem Dauerregen und heftigem Sturm aus Süd scheint sich heute am späten Nachmittag endlich die Sonne wieder durchzusetzen.

Schon vor mehr als zwei Wochen hatten wir angesichts untrüglicher Anzeichen des Frühlings gehofft, dass wir den Winter auf Rhodos endgültig hinter uns gelassen hätten.

Die Mandelblüte ist längst vorbei und mehrfach haben wir bereits zum Essen draußen in der warmen Mittagssonne gesessen. Überall erwachendes Leben – Restaurants und Geschäfte, welche über den Winter die Läden geschlossen hatten, putzen sich heraus und bekommen einen neuen Anstrich für die kommende Saison. Wer hätte da gedacht, dass wir die längste Schlechtwetterperiode seit Ankunft noch vor uns hätten?

Wenn man den Einheimischen glauben darf, hat sich die Sonneninsel Rhodos meteorologisch in diesem Winter ohnehin nicht unbedingt von ihrer besten Seite gezeigt. Was natürlich mit der Gesamtwetterlage im Mittelmeerraum zusammenhängt – hat es doch in diesem Winter Schnee und klirrende Kälte gegeben an Orten, die solche Wetterkapriolen sonst nicht oder nur äußerst selten erleben.

Vor diesem Hintergrund hatten wir hier wirklich Glück. Bis auf ein paar Hagelkörner an Bord und einige heftige Stürme und Gewitter, wurden wir verschont von dem, was wir aus Deutschland als Winter kennen. Über die kälteren Tage und Nächte im Dezember und Januar hat uns die Standheizung an Bord gut hinweggeholfen. Seit Anfang Februar brauchen wir die Heizung nachts gar nicht mehr, und tagsüber läuft sie nur sporadisch.

 

Rhodos ist für uns eine Liebe auf den „zweiten“ Blick – aber mit jeden Tag gefällt es uns besser. Die Altstadt ist von der Marina aus fußläufig zu erreichen und bei schönem Wetter machen wir ausgedehnte Spaziergänge an der Küste entlang, durch die Häfen, in und um die Altstadt. Mehrere Ausflüge über die Insel zu den touristischen Highlights offenbaren vor allem beeindruckende, unberührt wirkende Natur – jedenfalls um diese Jahreszeit. Es ist fast beängstigend, dort, wo im Sommer dutzende, wenn nicht hunderte von Touristen die Sicht versperren und dein Foto ruinieren, war meist keine Menschenseele außer uns.

 

Die Marina ist und bleibt schwierig, für eine Überwinterung auf dem Boot ist sie im Grunde derzeit noch nicht geeignet. Im Sommer bei westlichen Winden liegt man hier sehr gut. Jedoch aufgrund der noch nicht fertiggestellten Einfahrtsituation gelangt vor allem bei nördlichen Winden zwischen November und März gefährlicher Schwell in die Marina. Das verursacht nicht nur heftiges Rucken des Bootes meist über mehrere Tage und schlaflose Nächte. Es besteht ständig die Gefahr, dass bei einem Bruch der Leinen ein Schaden entsteht. 

 

Als wir im Dezember ankamen, war unser Boot an Steuerbord beschädigt, ein Festmacher gerissen und zwei Fender geplatzt. Die Schäden sind inzwischen behoben und die Marina hat sich sehr kulant gezeigt, alle Mitarbeiter sind sehr aufmerksam und hilfsbereit. Rund um die Uhr werden regelmäßig Festmacher und Leinen sämtlicher Boote kontrolliert und bei Bedarf wird nachgebessert. Im Herbst will man mit dem Bau der erforderlichen Schutzmauer an der Marina-Einfahrt im Norden beginnen.

 

Immer wieder haben wir zwischendurch überlegt, den Standort aufzugeben, das beständige Schaukeln hat zum Teil heftig an unseren Nerven gezehrt und auch das Leben an Bord ziemlich erschwert.  Jetzt wird es langsam ruhiger und wir freuen uns, dass wir hier geblieben sind. Denn inzwischen haben wir auch unglaublich nette und interessante Menschen getroffen. Wir starten gemeinsame Touren über die Insel und diskutieren sehr viel – das bringt viel Spaß und erweitert unser Wissen um die Situation hier in Griechenland, insbesondere natürlich Rhodos.

Häufig werden wir gefragt, was wir eigentlich den ganzen Tag so tun und ob unsere Tage wohl ausgefüllt sind, nachdem die tägliche 10-12 Stunden Büroarbeit weggefallen ist, die sich nicht selten sogar ins Wochenende gefressen hat. Nun, wir arbeiten am Boot, verbringen viel Zeit mit Inventarisieren, Verstauen, Planen. Wir lesen zur Unterhaltung und recherchieren im Internet, wälzen Kataloge der einschlägigen Schiffsausrüster und ergänzen notwendige Ausrüstung und Ersatzteile, die wir für die große Fahrt noch benötigen. In den ersten Wochen an Bord mussten wir gleich zwei Pumpen erneuern – da gehen dann bei unserem Geschick und Kenntnisstand schon mal mehrere halbe Tage drauf, bis der Fehler identifiziert, die alte Pumpe ausgebaut, die neue Pumpe bestellt, geliefert und eingebaut ist. Umso größer ist der Stolz auf die angenommene Herausforderung und die erfolgreiche Durchführung.

Über Langeweile können wir uns nicht beklagen, eher haben wir das Gefühl, dass uns die Zeit davonrennt und die Tage nicht lang genug sind, um alles zu erledigen, was wir uns vorgenommen haben. Man muss sich daran gewöhnen, dass aufgrund des begrenzten Raumes und der ständigen Bewegung an Bord, alles langsamer vonstatten  geht als gewohnt. Hinzu kommen tägliche Arbeiten – wie Spülen oder auch Waschen-, die daheim von Maschinen erledigt wurden, während man selbst die Zeit ’sinnvoll‘ anders nutzen konnte.

Die erste Grobplanung zeigt, dass unsere Zeit im Mittelmeer gar nicht so üppig bemessen ist, spätestens Anfang November wollen wir ja schon auf den Kanaren sein für die Vorbereitung der ARC, zuvor nochmal für ein paar wichtige Termine zurück nach Deutschland fliegen – vermutlich müssen wir unsere geplante Route überdenken und vielleicht auf einige unserer angestrebten Ziele verzichten.

Wir freuen uns jedenfalls darauf, wenn es Anfang Mai dann endlich losgeht. Bis dahin werden wir mit kleinen Episoden und Bildern über unser Leben hier auf Rhodos ausführlicher berichten.

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