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37° 44′ 31″ N, 25° 40′ 3″ W: Alcatraz …. – oder was?

Ponta Delgada, São Miguel, Azoren. Wenn man nicht freiwillig lange an einem Ort verweilt, ist zwangsläufig das objektive Empfinden für die Reize des Standortes getrübt und verfärbt durch den Wunsch, einfach nur dort wegzukommen. Da sitzen wir jetzt seit zwölf Wochen auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik fest, unvorstellbare 66 Tage stehen wir davon mit dem Schiff an Land. Unser persönliches Alcatraz. Womit haben wir das verdient? Während andere Segler gemäß dem oft zitierten Spruch ihre Boots-Reparaturen an den schönsten Orten der Welt durchführen, scheinen wir überproportional häufig an Orten festzuhängen, die man eigentlich doch eher zügig wieder verlassen möchte – so zum Beispiel auch unsere wochenlangen ungeplanten Aufenthalte in Almerimar und in der „malerischen“ Marina von Las Palmas im vergangenen Herbst.

Tatsächlich tut man Ponta Delgada und auch der Insel damit unrecht. Anfangs hadern wir jedoch sehr: nach der karibischen Wärme mit viel Sonnenschein drückt – zusätzlich zu unserem Problem mit dem Schiff – vor allem das Wetter auf unsere Stimmung. Während in Deutschland und Europa eine Hitzewelle die andere jagt, ist es hier im Juni und der ersten Juli-Hälfte kühl, grau und oft regnerisch.

(Polyglott on Tour: Reiseführer Azoren von Susanne Lipps-Breda)

Das Azorenhoch. Auch wir waren bisher in dem Irrglauben befangen, dass die nach den Inseln benannte Wetterlage natürlich nicht nur bei uns in Deutschland, sondern vor allem auch hier vor Ort für das bekannte strahlend schöne Wetter sorgt. Weit gefehlt. Tatsächlich könnte man meinen, hier sei das Aprilwetter erfunden worden.  Durch den Golfstrom geprägt, gibt es schnelle Wechsel von Warm- und Kaltfronten, äußerst sprunghaftes Wetter ist die Folge. Und so werden in Ponta Delgada mindestens 970 mm Niederschlag im Jahresmittel gemessen (wetter.de, es gibt andere Quellen die noch deutlich höhere Mengen verzeichnen), in Deutschland sind es im Jahresmittel nur 800 mm (umweltbundesamt.de), im besonders regenarmen letzten Jahr waren es lediglich 590 mm.

Was uns jedoch von Anfang an begeistert, ist die einfache und ehrliche portugiesische Küche. Nach den meist überteuerten – und häufig nur mäßig überzeugenden – karibischen Restauranterlebnissen eine echte Offenbarung. Wir schwelgen in Oktopus, Muscheln und Thunfisch. Lapas – gegrillte Napfschnecken mit viel Knoblauchbutter und Zitrone – ist eine regionale Meeresfrüchte-Spezialität und echt lecker mit einem Glas frischen Weißwein. Apropos Wein: welch unendliche Vielfalt, auch schon für ganz kleines Geld, selbst im Restaurant.  

Und was den Skipper besonders freut: ein wohlschmeckendes kühles Helles von den Azoren kostet weniger als ein Kölsch zuhause. Geschweige denn im Vergleich zur Karibik, wo man für eine kleine Dose oder Fläschchen Bier auch im Supermarkt bis zu 1,50 Euro hinblättern musste.

Auf den saftigen grünen Hügeln gedeihen hier auf den Azoren jede Menge Rindviecher: gemäß einer Zählung im Jahr 2011 sind es sogar gut zweitausend Tiere mehr als Einwohner. Daher kann man hier ausgezeichnetes Rindfleisch und sehr guten Käse genießen. Jede Azoreninsel hat ihre eigenen, ganz besonderen Käsesorten. Über das Inselarchipel hinaus berühmt ist der Queijo de Sao Jorge, von gleichnamiger Insel. Als Vorspeise isst man gern einen weißen Frischkäse mit Paprikamark.

Inzwischen ist auch auf Sao Miguel der Sommer angekommen. Und mit der Hochsaison massenhaft Touristen, von überall aus der Welt, aber vor allem auch azoreanische Auswanderer-Familien verbringen hier ihren traditionellen Augusturlaub. Man liest, dass allein zwischen 1970 und 1980 gut 60.000 Menschen von den Azoren nach USA und Kanada ausgewandert sind, das entspricht 20% der damaligen Bevölkerung (Susanne Lipps-Breda: DuMont Reise-Taschenbuch Reiseführer Azoren 2019). Kein Wunder also, dass die Rindviecher inzwischen in der Überzahl sind 😉

Die Bars und Restaurants sind rappelvoll, so dass wir trotz erschwerter Umstände inzwischen wieder häufiger an Bord kochen. Einkaufsmöglichkeiten sind fußläufig, einige kleinere Supermärkte, die auch in unmittelbarer Nähe zur Marina ganz normale Preise haben. Und dann gibt es einen bunten überdachten Bauernmarkt: Mercado da Graça. Hierher kommen wir oft, genießen einen frischgepressten Becher Orangensaft und decken den täglichen Bedarf an Obst und Gemüse. Unsere Kühlmöglichkeiten sind derzeit stark begrenzt, da unser Bordkühlschrank ja bekanntlich mit Seewasser gekühlt wird und daher an Land nicht betrieben werden kann. 

So gehen wir fast täglich zum Einkaufen, auch der gekühlten Getränke wegen.

Unter den Metzgerläden an der Seite der Markthalle haben wir inzwischen einen „Lieblingsmetzger“ gekürt. Neuerdings bekommen wir zu unserem Rindersteak immer noch eine leckere Zugabe: „Meat Cheese“. Hat mit unserem süddeutschen Fleischkäse allerdings nichts gemeinsam – hier werden gegrillte Fleischstückchen zu einer Art rundem Kuchen zusammengepresst und als Torte aufgeschnitten. Schmeckt köstlich als Snack zum kalten Bier.

(Bild oben: der Metzger unseres Vertrauens)

Damit wir nicht vereinsamen in unserer beschaulichen und verlassenen Ecke am Ende des Piers in der Marina Pero de Teive, stürzen wir uns auch gern mal ins Getümmel. In Ponta Delgada feiert man viel, an kirchlichen und anderen neu geschaffenen Feiertagen. Außerdem gibt es jede Menge Kultur, vor allem Musikkonzerte. Bei den Umzügen, zum Beispiel an Fronleichnam, spielen kunstvolle Blumen- und Blütenarrangements eine wichtige Rolle und sorgen für farbenprächtige Inszenierung.

Sehr besonders und mit viel Lokalkolorit kommt der Umzug anlässlich der vor 16 Jahren ins Leben gerufenen „Festas do Divino Espirito Santo“ daher. Ein schier endloser Tross von blumengeschmückten, entsetzlich quietschenden Ochsenkarren zieht die Promenaden-Straße entlang. Jede Gemeinde der Insel präsentiert sich mit Trachten, Tieren, landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Aus großen Körben wird süßes Brot an die Zuschauer verteilt. 

Ponta Delgada - „Festas do Divino Espirito Santo“
Ponta Delgada - „Festas do Divino Espirito Santo“
 „Festas do Divino Espirito Santo“ - Waschfrauen von S. Antonio
Ponta Delgada - „Festas do Divino Espirito Santo“

Am 03. August verwandelt sich Ponta Delgada (PDL) in einen `Traum in Weiß`. Anlass ist das Festival „PDL White Ocean“, das in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Auf mehr als zwanzig Musikbühnen über die Stadt verteilt wird die ganze Nacht Musk gespielt. Gassen und Plätze der Altstadt sind mit weißen Meeres-Lebewesen geschmückt: Quallen, Delfine, Wale. Weiße Läufer bedecken die alten Pflastersteine, darüber flaniert die Menschenmenge und feiert – weiß gekleidet. Getränke bekommt man gegen Bons an den erleuchteten Barstationen, die ebenfalls extra für diesen Zweck aufgebaut sind. Eine wunderbare Stimmung, vor allem am Hauptplatz bei den Stadttoren, wo wir fast bis Mitternacht auf den Start der Musik warten. Einen Sitzplatz zu ergattern ist fast unmöglich, wir sind schließlich dankbar für ein kleines Fleckchen auf der Kaimauer, halb verdeckt von einem Imbisswagen. Dort treffen wir auch eine Auswanderer-Familie, die aus Kanada zum Urlaub in der ehemaligen Heimat weilt.

Sie erzählen uns von den schrecklich geringen Verdienstmöglichkeiten auf der Insel, und dass es trotzdem keinen sichereren Ort gibt auf der Welt als Ponta Delgada. Lange hören wir auch an Bord noch bis früh in den Morgen die Musik von der Bühne gegenüber in der Marina.

Auch ohne die „White Ocean“-Dekoration ist Ponta Delgada ein netter Ort mit urbanem Flair. Wie man uns sagt, die einzig wirkliche Stadt auf den Azoren. Wir hätten es also schlimmer treffen können. Hier ist der Sitz der Provinzialregierung und der Hauptort der 1976 gegründeten Universität der Azoren.

Malerisch die beleuchtete Hauptkirche Igreja Matriz de São Sebastião am Abend. Viele kleine Restaurants in der Altstadt, die nicht nur von Seglern und anderen Touristen meist gut besucht sind. Gedrängel auf den schmalen Bürgersteigen der Hauptgeschäftsstraße, die ein paar Blocks oberhalb der Marina verläuft.

Für Atmosphäre sorgen auch die typisch portugiesischen Pflastersteine, die aus hellen und dunklen Quadern zu Mustern gelegt sind. Auch wenn das Laufen darauf nicht besonders angenehm ist – von jahrhundertelanger Benutzung gefährlich glatt geschliffen. Und unseren kleinen Tretroller kann man auf dem unebenen Untergrund schon gar nicht gebrauchen, einmal schon hat sich Sibylle vor der Kirche damit auf die Nase gelegt 😊.

 

Der Hafen von Ponta Delgada spielt durch die Insellage seit jeher eine zentrale Rolle und wurde seit der Stadtgründung wiederholt ausgebaut, vergrößert und befestigt. Es herrscht reger Frachtverkehr zwischen den Azoreninseln und dem Festland. Wenn gegenüber am Frachtterminal Zement abgeladen wird und der Wind ungünstig steht, kann man schon mal eine Nase davon abbekommen. Auch Kriegsschiffe sind regelmäßige Gastlieger. Also nicht unbedingt eine malerische Kulisse, die landseitig von etlichen modernen Hotelklötzen beherrscht wird. Mit dem jüngsten Ausbau des Hafens in 2008 wurde die Liegefläche vervierfacht und bietet nun Platz für 640 Yachten. Gleichzeitig entstand ein modernes Kreuzfahrtterminal. Problem der neuen Marina ist ein starker Schwell,  der sich bei südöstlichen Winden aufbaut und die Schiffe gefährlich tanzen lässt.

Wenig verlockend scheint uns auch das Bad im Marina-Becken, das mangels eines Strandes von den Einheimischen nicht nur an den Sonnentagen gern genutzt wird. Anders als auf den kanarischen Inseln sind Strände auf den Azoren eher die Ausnahme. Meist spielt sich das Badevergnügen von in den Felsen gegossenen Betonplattformen aus ab. Wegen der starken Strömung gibt es an ausgewiesenen Badestellen auch immer 1-2 Lifeguards, die ihren Job durchaus ernst nehmen. Wir haben wenig Lust auf die dunklen Fluten und nutzen dann lieber einige Male das unmittelbar oberhalb liegende Freibad. Das Haupt-Becken ist riesig groß und so ist angenehmes Schwimmen auch während der Schulferien möglich. Eine Liege kostet zwar fast so viel wie der Tageseintritt, aber wir gönnen uns die wenigen Male Entspannung mit Blick auf unser Schiff auf der Pier gegenüber.

Zur Ablenkung genehmigen auch wir uns, wie die meisten Touristen hier, eine Whale-Watching Ausfahrt – einer der wenigen Insel-Ausflüge bisher, denn die Organisation unserer Reparaturarbeiten lässt uns wochenlang kaum Luft für große Unternehmungen. Kein ganz preiswertes Vergnügen, doch der Veranstalter bietet eine kostenlose Zweitfahrt an, sollten sich doch gar keine der versprochenen Tiersichtungen materialisieren, zu denen allerdings nicht nur Wale, sondern auch Delphine zählen. Irgendwo haben wir gelesen, dass bei circa 65% solcher Ausfahrten hier Wale gesichtet werden – und wir haben Glück. Zwei Pottwale, vermutlich ein Weibchen und ein Jungtier, können wir über längere Zeit immer wieder auftauchen sehen. Dazu einige größere Delphinschwärme – eine richtig gelungene Abwechslung, denn auch das Wetter spielt ausnahmsweise mit.

Eigentlich hatten wir gehofft, dass wir spätestens Ende August wieder im Wasser wären, doch im Moment ist leider immer noch kein Ende der Reparatur-Arbeiten abzusehen. Immerhin haben wir vor kurzem überhaupt jemanden gefunden, der die Arbeiten hier kompetent durchführen kann. Zwischendurch hatten wir sogar geplant, einen Spezialisten von einer deutschen Werft eigens hierfür einzufliegen. Doch in der Hochsaison ist hier im näheren Umkreis tatsächlich kein einziges Hotelzimmer mehr zu bekommen. Und auch das launische Wetter mit den vielen Niederschlägen und der hohen Luftfeuchtigkeit macht die Planung einer solchen kostenintensiven Resource fast unmöglich, denn bei Regen muss die Arbeit ruhen, laminieren ist unmöglich, zumindest im Außenbereich. So haben wir uns mit der Werft aus Deutschland geeinigt, dass sie zunächst fernmündlich auf Stand-by bleiben. Vielleicht müssen wir aber dennoch für zusätzliche Unterstützung sorgen, denn das geht uns alles hier viel zu langsam.