Hinaus auf den Atlantik

Gibraltar macht Spaß und Lust auf mehr, doch leider haben wir nur wenig Zeit. Nachdem am Ankunftstag die wichtigsten Dinge erledigt sind – mal wieder Waschen und der obligatorische Besuch beim Chandler, wollen wir am nächsten Tag die britische Enklave erkunden. Das Wetter ist regnerisch und kalt, bis zum Mittag schüttet es aus Kübeln, dann nutzen wir die erste Regenpause, um uns auf den Weg zu machen.

Den zahlreichen Empfehlungen folgend laufen wir die paar hundert Meter bis zur Grenze nach Britisch-Gibraltar, die wir mit vielen anderen Touristen überqueren. Kontrolliert wird hier nicht wirklich, aber man muss einen Ausweis an der Scheibe der Grenzpolizei vorbeitragen. Drüben nehmen wir das Angebot einer geführten Tour wahr:

Es gibt viel Verkehr und zeitweilig geht es nur im Schneckentempo voran – nicht schlimm, denn unser Guide und Fahrer hat jede Menge interessanter Informationen zur aktuellen und historischen Entwicklung in Gibraltar, die er während der Fahrt zum Besten gibt.

Zunächst halten wir kurz bei dem Denkmal der sogenannten Säulen des Herkules.  So bezeichnete man im Altertum die beiden Felsenberge, welche die Straße von Gibraltar beherrschen: den Felsen von Gibraltar am Südzipfel der Iberischen Halbinsel und den Berg Dschebel Musa in Marokko, westlich der spanischen Exklave Ceuta. Der Überlieferung nach brachte Herakles am Ausgang des Mittelmeeres die Inschrift „Non plus ultra“ (nicht mehr weiter) an, um das Ende der Welt zu markieren. Trotz des schlechten Wetters ist die Sicht über die Hafenbucht und hinüber bis zum 24 km entfernten Ceuta an der Marokkanischen Küste einzigartig.

Der Fahrer verteilt Eintrittskarten für die nächste Station und rasch geht es weiter: die im letzten Weltkrieg als Kriegs-Hospital vorbereitete Tropfsteinhöhle Höhle `St. Michaels Cave` entfaltet sich bis tief in den Felsen hinein und hat unzählige bizarre Stalaktit- und Stalagmiten Formen ausgebildet, die teilweise als Säule von oben und unten zusammengewachsen sind.

Mit einem Großraumtaxi geht es in zweieinhalb Stunden zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Straßen in Gibraltar sind sehr eng und winden sich den Kalksteinfelsen hinauf.

Gibraltar - St. Michaels Cave

Die Höhle ist die meistbesuchte von ca. 150 Höhlen in dem Kalksteinfelsen, der offenbar wie ein Schweizer Käse durchlöchert ist. Heute wird die beeindruckende Location für Konzerte genutzt. Vor der Höhle begegnen wir auch den ersten Affen, von denen circa 260 hier auf dem Felsen leben – die einzig freilebenden Affen Europas.

Von den Tieren umringt werden wir auf der Straße durch das Naturreservat, ein Dutzend weitere Touristentaxis fahren hier diszipliniert im Schritttempo hintereinander den Berg hinauf und stoppen, um die Fahrgäste aus- und weiter oben wieder einsteigen zu lassen.

Den Affen könnte man stundenlang zusehen, doch weiter geht es zu einem typisch britischen Highlight: die Schießscharten in `The Great Siege Tunnels` sind mit lebensgroßen historischen Figuren bevölkert, die Ruhmestaten der britischen Armee und Feldherrn illustrieren. Die Tunnelanlage stammt aus der Zeit der Belagerung Gibraltars durch die Spanier und Franzosen im 18. Jahrhundert und wurde angelegt, um ein Vordringen der Angreifer in einem toten Winkel von Land aus zu verhindern.

Abschließend bringt uns der Fahrer zur High Street, die mit reichlich Geschäften und Pubs lockt. In einer Apotheke erstehen wir Scopolaminpflaster gegen Seekrankheit (in Deutschland verschreibungspflichtig). Zwar sind wir bisher davon verschont geblieben, aber auf dem Atlantik kann es anders sein – hier hat es schon viele erwischt, die zuvor keine Seekrankheit kannten. 

Dann lassen wir uns ein paar halbe Pints in einem typischen englischen Pub schmecken, bevor wir mit einem original London-Red-Bus zurück zur Grenze und zu Fuß zurück nach La Linea del Concepción auf der spanischen Seite wandern.Wie anders ist hier das Straßenbild – die kulturellen Unterschiede sind sofort spürbar.

Auch für die kommenden Tage ist weiterhin Regen angesagt, die Windvorhersage zeigt jedoch günstige Bedingungen für eine Durchquerung der 60 Kilometer langen Meerenge am Folgetag, Freitag 19. Oktober.

Auch wenn im weiteren Verlauf der circa 6-tägigen Reise zu den kanarischen Inseln mit teilweise wenig Wind zu rechnen ist, bereiten wir alles zum Aufbruch vor. Mit der ablaufenden Mittagsflut wollen wir auslaufen, zuvor noch Tanken, denn der Diesel ist hier steuerfrei und daher günstig. Am Vormittag gibt es noch Beratung mit anderen Booten in der Marina, die wetterbedingt zum Teil schon seit zwei Wochen hier festliegen und nun endlich auch ablegen wollen Richtung Kanaren. Man diskutiert, ob nicht der Samstag wegen der aktuell im Starkregen sehr beeinträchtigten Sichtverhältnisse in der Straße von Gibraltar nicht doch der bessere Abreistag sei. Nach erneutem intensivem Studium sämtlicher Vorhersagen wollen wir dennoch aufbrechen, und die anderen ebenfalls.

Wir verbringen eine halbe Ewigkeit mit Warten vor der Tankstelle. Es gibt zwar mehrere Tankstellen in Gibraltar Marina Bay aber überall funktioniert nur eine einzige Tanksäule und der Andrang der auslaufenden Schiffe ist groß. Nach anderthalb Stunden schließlich haben auch wir getankt und können endlich los. Wir sind einigermaßen aufgeregt, jetzt wo es hinaus geht auf den Ozean. Sibylle verstaut Fender und zurrt sie an Deck fest, wo sie bei der mehrtägigen Überfahrt nicht im Weg sind. Es weht ein frischer Wind aus Ost und so rollen wir schon bald das Vorsegel aus. Mit dem kräftigen Wind im Rücken segeln wir durch die gesamte Straße von Gibraltar bis auf die Höhe von Tarifa.

Wer hätte das gedacht, schon wieder eine Meerenge unter Segeln genommen – dabei hatten wir uns doch auf eine Motorfahrt bereits eingestellt, vor allem auch wegen der starken Gegenströmung. Wie die anderen Segler auf dieser Strecke schaukeln wir zwar mächtig in dem von Strömungen gurgelnden Wasser, aber so simpel hatten wir uns diesen Streckenabschnitt tatsächlich nicht vorgestellt. Wir segeln in Vollzeug, sogar die Gummistiefel haben wir aus der Backskiste gekramt. Es ist grau in grau und zwischendurch kommt ein Schauer runter, doch der erwartete Starkregen bleibt aus. 

Es wird dunkel, nachdem wir Tarifa passiert haben.

Wir werden die Richtung beibehalten bis an das Ende des Verkehrstrennungsgebietes, erst dort wollen wir nach Süden abbiegen, um einen möglichst großen Abstand zur afrikanischen Küste zu halten, die für ihre zahlreichen Fischernetze berüchtigt ist, da möchten wir uns nichts einfangen. Nach einem deftigen, vorgekochten Gulasch übernimmt Sibylle die erste Wache. Kurz vor Mitternacht haben wir das Ende des Verkehrstrennungsgebiets erreicht und der Wind verbläst uns zudem zu weit nach Norden. Also ist eine Halse angesagt, um auf Kurs Richtung Süden zu kommen. Burkhard unterstützt das Manöver und legt sich anschließend wieder hin.

Samstag, 20. Oktober: Gegen 03:15 fallen Sibylle so langsam die Augen zu und sie weckt Burkhard. Während der Wach-Übergabe im Cockpit, sehen wir plötzlich lauter rätselhafte Funkellichter in einer Reihe an Steuerbord – hier mitten auf dem offenen Meer – was ist das denn nun? Ja klar, da gab es den ganzen Abend eine Securité-Funkmeldung über irgendeine Operation, womöglich befinden wir uns da genau nebenan, die Koordinaten und die Meldung waren stets so schnell und unverständlich genuschelt, dass wir trotz aller Bemühungen kaum etwas verstanden haben. Wir ändern sofort den Kurs und luven an, um nicht in die Funkelkette hinein zu fahren. Als Sibylle sich endlich schlafen legt, ist es 04:30 Uhr und Burkhard schmeißt den Motor an, da inzwischen der Wind leider eingeschlafen ist.

Um 08:15 Uhr ertönt ein lautes Piepen – Motoralarm, Motor zu heiß. Burkhard stellt sofort ab. Der Motorraum qualmt schon fast. Auf dem Kühlwasserbehälter ist sichtbar Flüssigkeit verdampft und Kühlflüssigkeit ist in der Bilge. Der Überlaufschlauch vom inneren Kühlkreislauf ist angeschmolzen. Das Infrarot-Thermometer zeigt 107° C etwa zehn Minuten nach dem Abschalten – die Anzeige im Cockpit dagegen hatte keine Temperatur-Veränderung angezeigt. Das darf doch jetzt alles nicht wahr sein. Was nun: zurück, weiter oder ausweichen nach Marokko? Wir versuchen schließlich, über SSB via SailMail (unser E-Mail Account auf See) das ARC-Team zu kontaktieren, um eine Einschätzung bezüglich technischer Unterstützung und Einschlepp-Möglichkeit in Las Palmas zu bekommen, damit wir eine sinnvolle Entscheidung treffen können. Noch ist es Zeit, den Kurs zu ändern. Der Wetterreport sagt zwar, dass wir es vermutlich unter Segeln bis zum Ziel schaffen, wenn auch mit mehr Zeit als veranschlagt – aber was tun in Las Palmas, um in den Hafen zu kommen? Dejà vu?! 😨

20. Oktober, 14:30 Uhr: unser Etmal ist 120 nautische Meilen, davon 93 unter Segeln. Dieses Verhältnis wird sich vermutlich ab jetzt zwangsläufig noch verbessern 😉 (Galgenhumor).

Wir sind in engem Austausch mit unserem Motorspezialisten Frank in Almerimar. Der nächste Test erweist, auch bei ausgebautem Impeller dreht die Welle nicht, ebenfalls nicht mit neu eingesetztem Ersatz-Impeller. Also ist tatsächlich schon wieder der Seewasserpumpen-Antrieb defekt, unglaublich. Die Antriebswelle der Pumpe können wir mit Bordmitteln nicht reparieren, das wissen wir bereits. Also segeln wir erstmal weiter.

Nach Abkühlung des Motors begeben wir uns an die Ursachenforschung. Wir lassen den Motor kurz an und tatsächlich kommt kein Wasser aus dem Auspuff. Dann macht Burkhard sich an die Arbeit. Impeller-Deckel auf, Motor an: Impeller dreht nicht – schlecht! Da haben wir vermutlich dasselbe Problem wie seinerzeit im Juni in Crotone. Das ARC Office meldet sich nicht (Wochenende – das hatten wir vergessen) und wir leiten die Mail weiter an Christoph. Der nimmt sofort telefonischen Kontakt mit dem ARC-Deutschland Office auf. Wilhelm Greiff gibt die klare Empfehlung weiter Richtung Las Palmas zu fahren, dort gibt es wohl Volvo-Spezialisten und Hilfe bei der Einfahrt bekommt man wohl auch. Na gut.

Am Abend flaut der Wind ab. Bei Einbruch der Dunkelheit versuchen wir, die Segelstellung mit dem aufgekommenen Südwest-Wind zu optimieren. Das gelingt nicht. Der Wind ist zu schwach und wir arbeiten uns ab, das Schiff irgendwie auf Kurs zu bringen. Eine Wende kriegen wir nicht mehr hin, trotz Backstellung des Vorsegels, sehr merkwürdig. Wir probieren es mehrfach, Sibylle ist schon total genervt – auf einmal verstehen wir langsam, dass unsere Lenkung gar nicht mehr funktioniert. 

Burkhard sieht nach – eine Katastrophe: die Lenkseile sind von der Führung auf den Ruderquadranten abgesprungen, eines der beiden Lenkseile, die nach oben zur Steuersäule führen, scheint gerissen. Wir fühlen uns gottserbärmlich und möchten beide nur noch heulen. Womit haben wir das jetzt verdient. Monatelang haben wir uns und vor allem das Boot vorbereitet, und jetzt auch noch das, zusätzlich zu dem Antriebsproblem. Ohne Motorantrieb und Lenkung wird es außerdem nun langsam echt gefährlich – Gott sei Dank ist im Moment kein Starkwind angesagt.

Wir holen die Notpinne und setzen sie auf. Das Ruder läßt sich auf diese Weise jedoch nur sehr eingeschränkt bewegen, stattdessen bewegt es sich laufend eigenständig. Der Autopilot rasselt und Burkhard klemmt ihn ab. Wir versuchen, mit dem Ruder der Windfahne zu steuern, das funktioniert jedoch nicht, solange wir das Hauptruder nicht festsetzen können, welches zurzeit ein Eigenleben führt. Wir sind hundemüde, was unseren Frustpegel nur weiter ansteigen lässt. So beschließen wir gegen Mitternacht ein wenig zu schlafen, der Wind bläst ohnehin gegen uns und ohne Motor kommen wir da nicht weit.

Sonntag, 21. Oktober, Mitternacht: Burkhard legt sich unter Deck in die Koje, Sibylle bleibt im Cockpit und wacht – mit dem Timer alle halbe Stunde eine Kontrolle. Jeder hängt seinen Gedanken nach – ist das das Ende unserer großen Reise? So richtig Lust hat in diesem Moment niemand mehr. Es ist bitterkalt und Sibylle friert trotz voller Bekleidung mit Segelzeug und zwei Decken erbärmlich. Burkhard ergeht es unten nicht viel besser, auch er friert und muss die halbe Nacht immer wieder die Pinne neben sich festhalten, damit das Ruder nicht bis zum Anschlag gegen den Quadranten haut.

Die ganze Nacht dümpeln wir auf dem offenen Meer dahin, beziehungsweise treiben bei gesetztem Großsegel mit 0,8-1,5 Knoten in nordwestlicher Richtung. Einmal kommt uns ein Fischer ziemlich nahe, aber sonst gibt es kaum Schiffsverkehr. Gegen Morgen versucht Sibylle erfolgreich eine Wende, mit Hilfe des eingeschränkten Ruders und der Windfahne. Weiter entfernt von Land sollten wir in dieser Situation nicht treiben, von hier sind es ungefähr 110 Meilen bis Rabat (Marokko), das könnten wir zur Not erreichen, solange der Wind so bleibt.

Kurz nach Tagesanbruch machen wir uns dann an die Arbeit. Wir haben jetzt folgende Optionen, die wir ausloten werden: Steuerseile wieder befestigen, es ist uns jedoch nicht so klar, ob und wie das geht. Oder die Steuerseile komplett lösen, dann funktioniert hoffentlich die Notpinne – die kann man aber nicht unbedingt im Dauerbetrieb einsetzen. Oder: gelöstes Ruder mit Notpinne irgendwie festsetzen und mit der Windfahne weiter steuern. Jetzt zahlt es sich aus, dass Burkhard in Almerimar beim Aus- und Einbau der Steuerseile im Zusammenhang mit dem Ruderlagerwechsel unserem Mechaniker Frank intensiv über die Schulter geschaut hat. Sibylle versucht, mit der Pinne das Ruder so ruhig wie möglich zu halten, damit Burkhard bei der Arbeit an den Lenkseilen nicht die Hände gequetscht werden. Kurz vor Mittag ist es tatsächlich geschafft: Burkhard hat die Lenkseile wieder befestigt und gespannt, das eine Seil war erfreulicherweise nicht gerissen sondern nur herausgezogen. Für uns sieht das jetzt erstmal gut aus. Wir machen einen Segeltest, ja die Lenkung funktioniert wieder! Hurra! Es gibt zwar kaum Wind und immer noch aus der falschen Richtung, aber die Stimmung hat sich erheblich verbessert.

  1. Oktober, 14:30 Uhr – unser Etmal ist mit 54,4 nm echt kläglich, kein Wunder bei der vergeudeten Nacht und der vorherrschenden Windsituation.

Unsere nächste Herausforderung ist die Stromversorgung – dies ist schon der zweite Tag mit erheblicher Bewölkung und auch Regen, der Batterieladestand nimmt ständig ab. So schalten wir zunächst mal alle Navigationsgeräte aus. Am Nachmittag nimmt sich Burkhard den Generator vor. Wir hatten ihn letztes Jahr im Herbst in Porto Heli überholen lassen, aber leider springt er nicht an. Das nächste Problem. Wir vertagen es bis zum nächsten Morgen und beschließen, auch in der Nacht die Navigeräte nur gelegentlich hochzufahren, und den Bordkühlschrank in stundenweisem Wechsel abzuschalten.

Während Sibylle kocht, dreht der Wind auf ONO und frischt auf, so dass wir ab jetzt mit 4,5-6,0 Knoten zur Abwechslung mal in der richtigen Richtung unterwegs sind. Wir essen Morcilla mit Cognac abgelöscht, dazu Kartoffelstampf und Apfelkompott (in Köln sagen wir dazu: `Himmel un Äd` – allerdings ohne Cognac 😊). Das macht zufrieden und stärkt für die Nacht.

Fortsetzung folgt ….

Hurra! Gibraltar!

Ein ganzer Monat später als geplant – aber jetzt sind wir endlich in Gibraltar. 

Die vergangenen Wochen haben wir vor allem dazu genutzt, um unser Schiff komplett auf Vordermann zu bringen, auf Ersatzteile zu warten, zu warten, zu warten und derweil auch kurz unsere Lieben in Deutschland zu besuchen – wir werden darüber berichten.

Nun aber ist es endgültig. Lange stehen die beiden am Kai von Almerimar und winken uns nach. So viele schöne Stunden haben wir gemeinsam verbracht, und oft haben sie uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Wir sind sehr traurig, dass wir sie zurücklassen müssen.

Wind gibt es keinen auf diesem Trip nach Gibraltar, der unter Motor gut 20 Stunden dauern wird. Nach dem heftigen Regen am frühen Morgen ist es ziemlich kühl, und wir reisen in langer Hose und dicken Jacken – aber zumindest bleibt es unterwegs trocken.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fangen wir einen kleinen Thun. Die Nachtwachen funktionieren diesmal prima, bei den bevorstehenden längeren Überfahrten werden wir es ab jetzt mit einem konsequenten 3-Stunden Wachwechsel versuchen. Sibylle hat die spannende Wache ab 04:00 Uhr, wo wir uns langsam Gibraltar nähern und der Schiffsverkehr deutlich zunimmt.

Bei Sonnenaufgang schließlich umrunden wir den Felsen. In der riesigen Hafenbucht liegen Dutzende von riesigen Frachtschiffen auf Reede, einige davon laufen soeben aus. Dazwischen tummeln sich gefühlte hunderte kleiner Fischer- und Sportboote, die zum morgendlichen Angeln ausgefahren sind. Die Fahrt in die Alcaidesa Marina bei La Linea wird so zum Hindernislauf.

Die Sanitäranlagen in der Marina sind ziemlich neu und es gibt gute Waschmaschinen, die wir sofort nutzen, um nach einem deftigen Frühstück mit `strammen Max` drei Maschinen laufen zu lassen. Die Wäsche trocknet schnell, es ist hier viel wärmer als gestern bei der Fahrt aus Almerimar und der frische Wind tut ein Übriges. Burkhard befreit das Boot vom Salz. Wir lernen Peter aus Köln kennen, der mit einem Kat und Chartercrew ebenfalls an der ARC teilnimmt. Er gibt uns gute Tips für den Aufenthalt in Gibralter. Am Nachmittag machen wir uns auf zum Chandler, der Laden liegt in Sichtweite aber leider muss man einmal das gesamte Hafenbecken umrunden, um dort hinzugelangen.

Und wieder gibt es einen Abschied von unseren lieben Freunden von der „Rasant“, Jos und Hans, die wir unverhofft in Almerimar wiedergetroffen haben, nachdem sie ihre Winterlagerpläne geändert hatten. Das heißt – verabschiedet haben wir uns in den vergangenen Tagen tatsächlich mehrfach, denn die Wettersituation im Zusammenhang mit dem Hurrikan Leslie hat unseren ursprünglichen Abreisetermin nochmals verzögert.

Der Motor schnurrt geräuschvoll aber gleichmäßig beruhigend – so gut hat sich das schon lange nicht angehört. Enttäuscht sind wir jedoch, dass sich trotz aller Bemühungen von Frank in Almerimar nach ca. acht Stunden Fahrt doch wieder eine erhebliche Menge an Öl in der Bilge darunter gesammelt hat. Wir müssen nachkippen, denn der Peilstab zeigt unter Minimum.

Nahe des Gibraltar Felsen wird es echt aufregend. Immer wieder muss man AIS- und Radar-Informationen über sich nähernde Schiffe genau beobachten, mehrfach ändert Sibylle den Kurs, um der Großschifffahrt auszuweichen, die das gleiche Ziel haben wie wir. Auch das Ankerfeld kurz vor dem Felsen mit Tankern und Frachtern passieren wir in gebührendem Abstand. Noch anderthalb Stunden bis zur Dämmerung (hier wird es erst um 08:30 Uhr hell!) – da wird Sibylle schließlich leicht panisch in dieser Masse von irritierenden Lichtern und weckt Burkhard, der den nahen Gibraltar-Felsen tatsächlich – noch schlaftrunken – für ein großes Schiff hält 🤣.

Zu früh sind wir nun – um bei Tageslicht einzulaufen, müssen wir noch eine halbe Stunde rumbummeln. 

Am Gastkai neben der Tankstelle müssen wir anhalten um im modernen Marinagebäude einzuchecken, dann geht es zum Liegeplatz (12.41). Hier liegt man längsseits an Fingerpontoons. Sofort fühlen wir uns sehr wohl, man hat von hier aus Sicht auf Palmen und den Felsen. Gleich nebenan ist der Flughafen, der liegt bereits hinter der britischen Grenze. Um nach Gibraltar Stadt zu gelangen, muss man den Flughafen überqueren, das heißt, die Landebahn wird mit einer Schranke kurz abgesperrt, wenn ein Flugzeug startet oder landet.

Es scheint, dass sich ab Freitagmittag ein Wetterfenster auftut, das uns erlaubt, den „Überstek“ („Rasant“-deutsche Wortschöpfung für: „Überfahrt“ 😉) nach Gran Canaria in Angriff zu nehmen.

Ein letzter Balearen-Stopp

Vorbei an der Ostküste von Ibiza segeln wir runter nach Formentera für einen letzten Badestopp auf den Balearen. In dem Ankerfeld von Espalmador haben wir eine Boje gebucht. Sehr spannend ist die Passage zwischen Ibiza und Formentera, wo man durch zwei Kardinaltonnen geleitet die kleinen versprengten Inseln mit ihren Untiefen umfahren muss. Wir fahren auch hier unter Segeln, ständig dampfen großen Motorboote und unzählige Fähren an uns vorbei beziehungsweise kommen an der engen Stelle entgegen.

Der Ankerplatz ist traumhaft schön, ein Vorgeschmack auf die Karibik. An der Boje nebenan gibt es heute eine Party: Junggesellinnen-Abschied, die spanischen Damen alle in rosa Badeanzug mit Aufschrift „Bride“. 

Nach einem Blick auf die Windsituation in den nächsten Tagen entschließen wir uns spontan zu bleiben und einen Tag später zu einer Nachtfahrt Richtung Cartagena aufzubrechen.

Die Wettervorhersage ist nicht wirklich anheimelnd, es gibt wieder Gewitter, vielleicht auch unterwegs, aber wir legen anderntags wie geplant gegen halb zehn von unserer Boje ab.

Bald setzen wir die Segel, volles Tuch. Der Wind schwächelt ab und zu aber wir halten tapfer durch, den Motor werden wir erst am nächsten Tag wieder anschmeißen müssen.

Nach gut drei Stunden wird der Wind stärker, und wir düsen richtig los mit 5-7 kn. Eine Delphinschule schwimt und springt um uns herum – bestimmt zehn Minuten lang.                 

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit verlässt uns der Wind und wir schalten den Motor an. Hoffentlich geht das nicht die ganze Nacht!                                                                           

Doch gut 20 Minuten später ist der Wind wieder da und wir können erneut segeln. Wir essen ein leckeres Omelett und Sibylle ist die erste, die bald danach die Augen zumacht. Der Wind wird immer stärker und wir kommen gut vorwärts mit 6-7 kn unter Großsegel. Leider peinigt uns die Welle schräg von hinten ziemlich heftig, und so fällt Sibylle im leichten Schlaf von der Bank im Cockpit, es gibt jedoch nur zwei dicke blaue Flecken, sonst ist nichts weiter passiert.                             

Kurz vor Mitternacht erreicht der Wind um die 30 Knoten und wir wollen reffen. Etwas mühsam, in den Wind zu gehen, aber schließlich klappt es. Auch das Reffen ist anstrengend, aber gelingt gut. Anschließend holen wir zur Stütze auch ein wenig Vorsegel heraus, damit liegen wir etwas ruhiger. Leider ist bei dieser Aktion mal wieder unsere Hydrovane Windfahnensteuerung buchstäblich „aus dem Ruder gelaufen“, wie bei der Überfahrt nach Sardinien hat sich die Steuereinheit mitsamt Ruder verdreht und ist somit für den Rest der Überfahrt unbrauchbar. Vielleicht hätten wir die Wind-Fahne während des Manövers festsetzen müssen, damit das nicht passiert, trotzdem wundern wir uns darüber und wollen Tom diesbezüglich kontaktieren.                                                                  

Über das Manöver wird es Mitternacht. Endlich segeln wir weiter, jetzt mit 5-7 Knoten. Abwechselnd gönnen wir uns ein bisschen Schlaf.                                                                      

Gegen 3 Uhr früh flaut der Wind ab, so dass wir Stück für Stück das Reff aus dem Vorsegel rauslassen. Danach wird der Wind zunehmend weniger, wir dümpeln dahin mit weniger als 4  Knoten. Schließlich reffen wir das Groß wieder aus, aber bereits kurz danach müssen wir den Motor anstellen. Der Wind bleibt weg für den Rest der Fahrt.                                                              

 

Am Morgen fangen wir drei kleine Thuns oder Bonitos, am Mittag dann nochmal drei. Zwei gehen uns vom Haken. Burkhard meint, das sei ja wie Karpfenangeln im Teich 😊. In hervorragender Teamarbeit holen wir die Fische mit dem Käscher an Bord. Insgesamt haben wir knapp drei Kilo Fisch für leckeres Tartar.             

Bei brütender Hitze legen wir nach knapp 30 Stunden in Cartagena im YPC an. Es gibt gutes Internet und Waschmaschinen, alles andere erkunden wir später.    

Mallorca

In der Vergangenheit haben wir Mallorca lediglich von Landseite her kennen und schätzen gelernt. In der Zeit, als wir noch jeden Sommer irgendwo im Mittelmeer eine Yacht gechartert haben, waren uns sowohl die fetten Chartergebühren wie auch die Aussicht auf grenzenlos überteuerte Marinas und Ankerplätze immer Abschreckung genug, die schöne Insel für einen Urlaubstörn in Betracht zu ziehen.

Wir machen Station der türkisblauen Bucht Cala Mondrago. Tagsüber gibt es hier wie überall jede Menge kleiner Motorboote und Schwimmer von den beiden nahen Stränden. Aber abends kehrt Ruhe ein, so wie wir es auch schon in Italien erlebt haben: die lärmenden Tagesgäste verschwinden, und falls man den Anker nur provisorisch gelegt hat, um dem Trubel zu entgehen, kann man nun in aller Ruhe einen freien Platz im Innern der Bucht suchen. Wir treffen Jos und Hans in einem Strandrestaurant zum Abendessen. Leider mündet hier ein Fluss, der im Moment kaum Wasser führt und daher in der Sommerhitze entsprechend unangenehm riecht. Je nachdem, wie der Wind steht, weht der Geruch manchmal bis zum Schiff herüber, aber wir lassen uns nicht davon abhalten, einen weiteren Badetag in der netten Bucht zu verbringen.

Die Skepsis ist groß, denn auch unterwegs lesen wir im Internet von Buchten, die gegen ankernde Segler abgesperrt werden und im Revierführer wird gewarnt, dass man das Einlaufen – zum Beispiel in den Hafen von Palma – ohne eine sehr rechtzeitige Reservierung gar nicht zu versuchen braucht, vor allem natürlich in der Hauptsaison bis Ende August. Die Liegegebühren erscheinen astronomisch – ab 150 Euro aufwärts.

Doch unsere holländischen Freunde von der „Rasant“ kennen das Revier bereits vom vergangenen Jahr und nehmen uns mit auf eine überraschende Reise entlang der Ostküste bis in die Bucht von Palma und Santa Ponsa.

Am nächsten Tag erwarten wir überraschend Tagesgäste: Anna, die Tochter unseres langjährigen Kollegen „Günni“ mit ihrer Freundin Larissa machen nebenan in der Cala D`Or eine Woche Urlaub und wollen mit dem Bus herüberkommen. Dummerweise geht es Burkhard morgens gar nicht gut und er verbringt den Tag mehr oder weniger in der Koje, nachdem er die Gäste vom Strand abgeholt hat – es sind wohl die Muscheln vom Vorabend, die sich zurückmelden …. 

Schade, denn gern wären wir mit den beiden Mädels draußen eine Runde segeln gegangen. Doch die Girls haben auch Spaß mit Schnorcheln und springen vom Boot ins Wasser. Für das SUP ist es leider zu windig. Am Nachmittag tischt Sibylle ein paar Snacks auf. Die Zeit vergeht wie im Flug und der letzte Bus fährt um 18:10 Uhr. Sibylle rudert die beiden zurück – über den Besuch haben wir uns sehr gefreut!

Eigentlich wollen wir am Folgetag mit der „Rasant“ nach Cala San Jordi, doch in der Früh` ruft Hans rüber, ob wir nicht weiter bis Palma gehen sollen, der Wind ist gut und laut Vorhersage gibt es anderntags eine Flaute. Burkhard ist noch etwas angeschlagen, aber wir hängen uns dran. Gut die Hälfte der Strecke können wir segeln, dann verlässt uns der Wind.

Auf die Frage nach dem geplanten Ankerplatz textet die „Rasant“ zurück: vor der Kathedrale von Palma. Also wie jetzt – wir wollen vor der Kathedrale ankern? In unserem Hafenführer gibt es diesen Ankerplatz natürlich nicht, aber in den Navionics-Charts ist ein Anker zu sehen und tatsächlich finden wir auch im Internet Empfehlungen für den Ort.

Eine echt spektakuläre Location und wir geniessen es, hier eines der wenigen Schiffe zu sein. Doch für den kommenden Tag fragen wir im Hafen von Palma an, da wir dort einiges erledigen wollen. Unter anderem benötigen wir eine neue WiFi Simcard und einen Hafenführer für die spanische Festlandküste. Wir bekommen kurzfristig einen bezahlbaren Platz in der Lonja Marina, die unter der Woche die freigewordenen Charterplätze unerwartet „günstig“ (77 Euro pro Tag) vermietet. Wir stellen fest, dass man im Hafen von Palma kaum besser liegen kann.

Möchte man die Stadt erkunden oder einkaufen, hat man von der Lonja Marina ganz kurze Wege bis in die Altstadt und zur Kathedrale. Auch die beiden Chandler sind ganz in der Nähe. Außerdem vermittelt die Marina sehr guten Service für Reparaturarbeiten jeder Art. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, um Batterien und Elektronik nochmals prüfen zu lassen, da uns immer wieder Volt-Leistung fehlt, auch bei geladener Batterie. Während Sibylle im Supermarkt im Basement des El Corte Ingles hervorragend Lebensmittel und Getränke einkauft, empfängt Burkhard den Elektriker auf dem Boot. Mit den Einkäufen hat sich Sibylle dann leider etwas übernommen, der Weg zurück zum Boot wird lang und beschwerlich ….

Dort angekommen, verabschiedet sich der Elektriker gerade. Ein sympathischer junger Mann, der Kompetenz ausstrahlt. Die Batterien sind vollgeladen und in Ordnung, so wie wir es vermutet haben. Nun sollen wir für zwei Stunden einen Test mit ein paar Verbrauchern machen – es ist jedoch wohl bereits klar, dass wir die gesamte Verkabelung von der Batterie her erneuern müssen. Leider hat Toni, der Elektriker, keine Zeit für diesen Job vor Anfang der Folgewoche. Wir machen einen Großeinkauf beim gut sortierten Chandler, auch das Küstenhandbuch bekommen wir. Sibylle ist schon unterwegs zum Vodafone Shop in die City, während Burkhard an Bord erneut auf Toni wartet.

Wir müssen uns nun überlegen, ob wir am Wochenende nochmals nach Palma zurückfahren, um montags von Toni die Kabel erneuern zu lassen. Die „Rasant“ macht uns die Entscheidung leicht – sie werden mitkommen.

Per Telefon verabreden wir, dass Sibylle ein Restaurant aussucht, und Burkhard dazu kommt. Ein Fehler. Sibylle findet ein hochgelobtes, kleines feines Restaurant in einer schmalen Gasse neben dem Plaza Rei Juan Carlos und schickt den Link per WhatsApp. Googlemaps führt Burkhard jedoch komplett woanders hin. Während Sibylle im Restaurant wartet und mitleidige Blicke auf sich zieht, ist Burkhard in einem anderen Restaurant mit ähnlichem Namen – leider 1,6 km entfernt. Nach circa 45 Minuten finden wir endlich wieder zusammen. Das Essen ist hervorragend, das Restaurant klimatisiert und wir haben trotz allem einen wundervollen Abend. Nach einem Eis auf dem Rückweg kehren wir noch in der Bar La Lonja ein – eine wunderschöne, typisch spanische Bar. Eigentlich wollen wir einen „Tunel“ trinken (diesen Absacker kennen wir noch aus Urlaubszeiten), doch der Gastwirt serviert uns den echten „Hierbas de Mallorca“, nicht das Touristengetränk, wie er sagt.

Die „Rasant“ treffen wir anderntags in Portals Vells wieder. Auch eine sehr, sehr schöne Bucht mit türkisfarbigen Wasser. Die Windvorsage treibt uns jedoch weiter nach Santa Ponsa, hier liegt man gut geschützt vor dem Ostwind, der bereits früh in die Bucht von Portals Vells steht. Kurz vor dem Anleger erwischt ein viel zu dicht vorbeifahrendes Motorboot unseren Köder an der Schleppangel, die Schnur wickelt sich in Windeseile ab und reißt, und „brennt“ zusätzlich noch in die Fahne der Windsteuerung ein Loch hinein. Sibylle ist zum Heulen zumute.

Nach einem schönen Segeltag laufen wir also am Nachmittag des 26. August gemeinsam wieder in Palma ein. Der Marinero hält gerade Siesta – so muss die „Rasant“ ohne Hilfe und wir mit Hilfe eines Mitarbeiters der Charterbasis anlegen. Nach dem Anleger gibt es bei uns einen Sekt an Bord, dann gehen wir in die Stadt. Jos findet schnell ein schönes Tapas-Restaurant in einem Kellergewölbe, das ihr gut gefällt. Die beiden wollen uns einladen – wir denken, das ist nicht richtig an unserem Hochzeitstag – aber sie setzen sich durch 😊. Danke!

Anderntags sind die Elektriker pünktlich zur Stelle, werden aber leider nicht fertig, weil Toni wegen eines Notfalls abgerufen wird. So bleiben wir eine weitere Nacht, am nächsten Tag sind wir mittags dann endlich startklar, so dass wir mit der „Rasant“ nach Ses Illetes auslaufen können, ein wundervoller Ankerplatz in der Bucht von Palma. Leider steht Schwell herein und die Nacht ist ziemlich unruhig, so brechen wir am Morgen auf in der Hoffnung, dass es in Portals Vells besser sein wird. Das ist nicht der Fall, insbesondere der Tag ist ziemlich nervenaufreibend wegen der vielen kleinen Motor-Boote in der Bucht, die beim Ankern ständig zu nahekommen. Aber immerhin sind es von hier ein paar Meilen weniger bis nach Ibiza – die letzte Station, die wir mit der „Rasant“ gemeinsam anlaufen wollen, bevor wir weiter Richtung Süden und Gibraltar segeln.

Unsere Voltleistung hat sich nach den Arbeiten von Toni merklich verbessert, der messbare Output an den 12V-Steckdosen um 0,5 Volt erhöht. Wir sind sehr zufrieden, müssen aber noch weitere Maßnahmen durchführen, bevor die Energieversorgung wirklich passt.

Am 30.08. um 06:30 in der ersten Morgendämmerung geben wir Anker auf und starten von Portals Vells Richtung Ibiza. Besonders deutlich fällt uns heute auf, wie sehr sich der Sonnenaufgang nach hinten verschoben hat, je weiter wir nach Westen kommen. Wir folgen der „Rasant“ im Abstand von einigen Minuten. Im Ausgang der Bucht holen wir die Segel raus und nehmen sie erst kurz vor der Einfahrt nach Portinatx wieder rein. Ein toller Segeltag mit achterlichem Wind!

Tags drauf heißt es nun Abschied nehmen von Hans und Jos. Das wollen wir würdig begehen und verabreden uns für ein gemeinsames Abendessen im Restaurant, oberhalb der Bucht mit Blick auf unsere Schiffe. 

Die beiden holen uns mit ihrem Dinghi ab – unseres verliert leider immer noch an unbekannter Stelle etwas Luft und es kommt auch Wasser rein. Burkhard ist sehr bemüht, konnte aber bisher die Ursache nicht finden – woran das wohl liegt …. (siehe Paparazzi-Fotos von Jos 😉 ).

Gemeinsam paddeln Hans und Burkhard. Im Restaurant sind wir um 18:00 Uhr die ersten Gäste. Leider ist der angepriesene Grouper nicht verfügbar (da wären wir besser aufgehoben bei Verena und Christoph, die haben in den Kykladen nämlich gerade mal wieder einen erlegt!), so bestellen wir zunächst jeder eine Vorspeise, dann nehmen wir aber doch alle noch einen zweiten Gang und auch den Nachtisch lassen wir diesmal nicht aus. Ein echt schöner Abschiedsabend, zu dem wir die beiden Freunde gern einladen. Nach einem Absacker auf der „Rasant“ umarmen wir uns mit vielen guten Wünschen für die weitere Reise und Hans paddelt uns rüber zur „Ithaka“. Als wir am nächsten Tag den Anker aufholen, hat er eine Haube von Seegras. Schweren Herzens winken wir rüber zur „Rasant“ – passt auf Euch auf, liebe Freunde, es war eine wunderbare Zeit mit Euch! Wie schnell sind die letzten drei Wochen vergangen.

Und wieder Gewitter …

Als wir am Morgen zusammen mit der „Rasant“ aus Polença aufbrechen, wissen wir noch nicht, dass unser Ankerplatz und Tagesziel quasi vor der Haustür liegt, wo alte Duisburger Freunde von Sibylles Eltern seit langen Jahren ein Haus besitzen. Und so verbringen wir nach einem schönen Badenachmittag im türkisblauen Wasser vor dem Port de Costa de los Pinos ganz unverhofft einen wundervollen Abend mit Christel, Dorothee und Christian in einem Restaurant in Son Severo, in das sie uns zum Essen einladen.

Gern wären wir noch länger geblieben, doch auch aus dieser schönen – leider sehr offenen – Bucht vertreiben uns abermals Wolken und die Unwettervorhersagen für die kommenden Tage. Inzwischen liegen wir in Portocolom an einer der Bojen des Club Nautico, die hier fast im gesamten Hafenbereich zum Schutz der Posidonia (Seegras) ausgebracht sind. 

Der Himmel ist schwarz, um uns herum donnert es und zuweilen regnet es dicke Tropfen. Da gibt es endlich Zeit, einige Erlebnisse aufzuarbeiten. Leider ist das Internet mal wieder ziemlich schlecht.

Der mittlerweile tägliche Blick auf die Blitzortung in Echtzeit zeigt, dass es fast im gesamten Mittelmeerraum heute blitzt und donnert. Irgendwie scheint das nicht aufzuhören.

Weiter gen Westen

Es treibt uns weiter Richtung Westen – nicht nur, weil wir so etwas wie Zeitdruck verspüren, um rechtzeitig, das heißt deutlich vor Start der ARC die Kanaren zu erreichen, sondern auch um dem schlechten Wetter zu entgehen, das uns immer wieder einzuholen scheint.

 

Sardinien ist wundervoll in jeder Hinsicht, doch haben wir Bedenken, das Wetterfenster mit mildem Südost-Wind verstreichen zu lassen, mit dem wir komfortabel auf die Balearen übersetzen können. Also brechen wir etwas früher auf als geplant. In Cagliari haben wir einiges erledigt: Zahnärztin, Einkäufe, das Angel-Tackle Paket abgeholt, welches der fürsorgliche Bruder und Schwager zur Sicherstellung unseres nächsten großen Fangs dorthin geschickt hatte. Auch der Autopilot ist inzwischen repariert: die Antriebs-Zahnräder waren durch, die neuen Teile sind jetzt aus Metall und dadurch hoffentlich robuster. Der fähige Mechaniker stellt auch den Winkel neu ein, damit das Ruder nicht bis zum Anschlag dreht und der Motor des Autopiloten weniger belastet wird. Auch ein längst überfälliges Software-Update für unsere Kartenplotter wird noch schnell durchgeführt. Und weil alles ausnahmsweise mal glattläuft, verliert Sibylle ihr Portemonnaie mit sämtlichen Karten und Ausweisen beim Radfahren auf der Straße. Eine furchtbar nette junge Frau namens Roberta stellt die Börse sicher, kontaktiert Sibylle per Email und Facebook und händigt ihr wenig später das gute Stück vollständig wieder aus. Den Bargeldbetrag, der sich im Geldbeutel befand, muss man ihr quasi aufdrängen … Glück im Unglück, ein Wunder, dass es noch solche ehrlichen Menschen gibt – doch Sibylle ist für den Rest des Tages völlig erledigt.

Aus der wunderschönen türkisen Bucht Cala Zafferano werden wir leider am nächsten Morgen vom Militär vertrieben, nachdem sich nach einem regnerischen Vortag endlich die Sonne durchsetzt. In allen Revierinformationen ist zu lesen, dass man im Juli und August hier ankern darf, auch wenn die Bucht eigentlich im militärischen Sperrgebiet liegt. Selbst die vielen italienischen Boote können kaum glauben, was ihnen geschieht, doch gnadenlos fordern die Soldaten jedes einzelne Schiff auf, die Bucht sofort zu verlassen.

 

Wir verlegen uns etwas frustriert nach Porto Pino, von hier wollen wir den Absprung nach Menorca nehmen. Für die Überfahrt haben wir diesmal zwei Tage und zwei Nächte eingeplant, unsere längste zusammenhängende Fahrt bis jetzt. Auch in Porto Pino bleiben wir von Regen und Gewitter nicht verschont – das Wetter ist extrem unbeständig und wenig typisch für die Hochsommermonate in diesen Breiten. In der Hoffnung, dass wir zumindest unterwegs von Unwettern verschont bleiben, machen wir uns am Vormittag des 07. August auf den langen Weg. Nach einigen Stunden unter Motor können wir schließlich wie geplant die Segel setzen und kommen mit raumen Wind bis zum nächsten Vormittag gut voran.

Dann verabschiedet sich der Wind leider gänzlich, dabei haben wir noch mindestens 70 Meilen vor uns – keine schöne Perspektive. Wir nutzen die Fahrt unter Motor, um uns mit dem Thema `Ausbaumen der Genua` auseinanderzusetzen. Als wir schließlich den Baum mit Topnant und Niederholer vorschriftsmäßig angeschlagen haben, lässt uns sehr bald die milde Brise erneut im Stich und bis zum Abend schippern wir die nächsten 20 Meilen unter Motor. Dann holen wir die Segel wieder auf, egal wie, keiner von uns beiden hat die Nerven, die ganze Nacht hindurch das Motorgeräusch zu ertragen. Etwa 3 Stunden später kommt nach einer Halse auch tatsächlich wieder guter Wind auf, der uns bis in die Hafeneinfahrt von Mahon bringt, wo wir am 09. August gegen 10:30 Uhr in einer seitlichen Bucht am Anker festmachen.

 

Viele Boote liegen hier in der Cala Teulera, wo das Ankern maximal für drei Tage geduldet wird, danach muss man sich an einen der teuren Hafenplätze in Mahon verlegen. Heute wollen wir hier einfach nur erstmal ausruhen und dann weitersehen.

Auch Menorca ist zumeist wolkenverhangen, nur gelegentlich kommt an diesem Tag die Sonne durch. In der Nacht gibt es dann ein fürchterliches Unwetter mit Gewitter und Sturmböen bis 51 Knoten, so etwas haben wir bisher am Anker nicht erlebt. Gegen drei Uhr nachts bricht die Hölle los, die Blitze erleuchten die Bucht taghell, dazwischen ist es stockfinster. Der Regen prasselt wie aus Kübeln. In dem starken Wind treiben Segelboote, deren Anker sich gelöst haben, vor uns hängen zeitweilig zwei Boote an der größeren schwedischen Segelyacht Dream Time, die nach einer Drehung nun mit ihrem Heck an unserem Bug festhängt. 

Am Heck der schwedischen Yacht ist das Dinghi mit einer Kette befestigt, die sich wiederum in unserer Ankerkette verhakt und unter unseren Bug gezogen wird, so dass wir zunächst auch selbst keine Kette rauslassen konnten, um weitere Kollisionen zu verhindern. Nur auf nachhaltiges Geschrei von Sibylle reagiert der schwedische Skipper und löst die Dinghi-Kette. Erst als unser Bug wieder frei ist, können wir ein paar Meter Ankerkette rauslassen. Allzu viel können wir jedoch nicht nach hinten ausweichen, da unmittelbar hinter uns ein holländisches Boot mit einem jungen Pärchen liegt. Der Abstand reicht so gerade eben, um einen erneuten Zusammenstoß zu vermeiden. Der Skipper der schwedischen Yacht weigert sich, Kette aufzuholen mit dem Hinweis „I was here first“ – keine angemessene Strategie zur Schadensbegrenzung. Tiefe Kratzer an Steuerbord vorn, vor allem in der blauen Lackierung, sowie Beschädigungen am Bugkorb und am Holz der Süllkante sind das Ergebnis der Nacht. Außerdem hat Burkhard seine Gleitsichtbrille ans Meer verloren.

Der Eigner des schwedischen Schiffes behauptet später, er sei weder abgetrieben noch hätte er aus Sicherheitsgründen nachts Kette rausgegeben. Im Gegenteil, er versteigt sich dazu zu erklären, wir seien auf sein Boot getrieben und nicht umgekehrt, was natürlich angesichts der zur Zeit der Kollision vorherrschenden Windrichtung und der Tatsache, dass er mit seinem Heck an unserem Bug festhing, völlig unsinnig ist.  

Auch am Morgen holt der Schwede keine Kette. Also verlegen wir uns an einen freien Ankerplatz in der Mitte der Bucht und Burkhard kontaktiert Pantenius, um den Versicherungsschaden zu melden. Viele Yachten sind noch in der Nacht abgefahren. Wir passieren im Vorbeifahren die SY Rasant, auch eine Hallberg Rassy. Die Holländer sind besorgt und möchten wissen, wie es uns ergangen ist, am Tag zuvor haben sie uns beim Ankern schon vor einer flachen Stelle in der Bucht gewarnt.

Dann kommen Michael und Linda von der SY B`Sheret (Najad 37), Amerikaner. Sie haben Sibylle in der Nacht schreien hören und auch sie wollen erfahren, was eigentlich passiert ist. Der nette Plausch dauert länger als sie geplant hatten, aber dann müssen nach Mahon zum Einklarieren.

Wir machen das Dinghi und SUP-Board startklar, Sibylle holt den Freediver aus dem Stauraum. Wir wollen Fotos von den Schäden machen und auch nach Burkhards Brille suchen, die er in der Nacht verloren hat. Als Sibylle draußen auf dem Brett steht, kommen Hans und Jos von der „Rasant“ rübergefahren. Sie sind sich sicher, dass die „Dream Time“ nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz liegt. Unserer Einladung aufs Boot zu kommen nehmen sie gern an, wir verbringen ein paar nette Stunden zusammen und tauschen Erlebnisse aus. Anschließend versucht Sibylle die Brille zu finden, leider ohne Erfolg. Michael und Linda helfen mit einem weiteren Bleigurt, aber Sibylle hat beim Tauchen fürchterliche Ohrenschmerzen, besonders auf dem linken Ohr, was schon seit der Überfahrt Probleme macht. Das Wasser ist völlig trüb, man sieht den Grund erst, wenn man kurz davor ist. Am Abend bringen Linda und Michael Ohrentropfen und bleiben auf einen Drink, auch sie haben viel zu berichten, vor allem von ihrer Reise durch den Pazifik.

Am nächsten Vormittag wollen wir nun endlich nach Mahon fahren zum Einkaufen. auch Hans und Jos sind schon unterwegs, als wir gegen 11:30 Uhr endlich lostuckern. Sie haben uns für 17:00 Uhr zu Drinks an Bord der „Rasant“ eingeladen. Der Weg bis zur Stadt ist weit – circa 1,5 Meilen – aber wir genießen die Fahrt durch den zweitgrößten Naturhafen der Welt (nach Pearl Harbour).

Die Stadt wirkt ruhig, aufgeräumt, hell und sauber, sehr schöne alte Häuser säumen die auffallend breiten Straßen. An einem Platz finden wir einen Optiker und fragen wegen Anfertigung einer Gleitsichtbrille für Burkhard. Aufgrund eines Feiertags in der kommenden Woche würde die Bestellung der Brille eine ganze Woche dauern, das ist uns zu lang. So erwirbt Burkhard eine kleine Auswahl an Fertigbrillen, welche die verschiedene Situationen abdecken und vorläufig die Gleitsichtbrille ersetzen werden.

Es ist fast 21:00 Uhr als man uns auf der „Rasant“ mit der Frage nach einem Kaffee hinausschmeißt – wir haben überhaupt nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Beim Ablegen mit dem Dinghi nimmt Sibylle unfreiwillig ein Bad, mit den Handys in der Hand, die Gott sei Dank in wasserdichtem Beutel verpackt waren.

 

In den kommenden Tagen segeln wir ein Stück des Wegs gemeinsam. Wir folgen der „Rasant“ in die Cala Son Sauro und nehmen am nächsten Tag ebenfalls Kurs auf Mallorca. Wieder einmal Gewitterwolken bei der Abfahrt von Menorca und heftiges Gewitter neben uns bei der Ansteuerung von Polença. Und wieder gibt es sehr früh am Morgen ein Unwetter, Gott sei Dank ist das Ankerfeld in Polença sehr weitläufig und die Windböen nicht so stark wie Tage zuvor, doch auch hier driftet ein Boot durch die Bucht, zwischen „Rasant“ und „Ithaka“ hindurch – schön, dass es unsere Anker nicht erwischt hat.

Damit es uns denn auch nicht langweilig wird, lässt Burkhard dann vorgestern mal eben unser Steuerrad ins Wasser plumpsen – herrje. Also muss Sibylle mal wieder mit dem Freediver tauchen, dankenswerter Weise ist der Grund nicht tief, wenn auch das Wasser nicht minder trüb und undurchsichtig ist – doch so ein Lenkrad ist dann schon leichter wiederzufinden als eine Brille …. Ab sofort werden wir das Lenkrad immer festbinden, wenn wir es abnehmen!

Inzwischen scheint die Sonne wieder und gemeinsam mit der „Rasant“ machen wir uns auf den Weg zur Costa de los Pinos – diesmal mit schönem Wasser zum Baden!

Ein langer Schlag bis in den Süden von Sardinien

Knapp 27 Stunden unter Segeln, zuzüglich 8 Stunden unter Motor – lange 35 Stunden dauert die Fahrt von Ponza bis in die Cala Pira auf Sardinien, insgesamt legen wir in dieser Zeit 198,3 Seemeilen zurück. Es ist das erste Mal, dass wir in kompletter Dunkelheit an einem unbekannten Ort den Anker werfen – so bleibt es bis zum Schluss spannend.

Der Wind setzt planmäßig gut zwei Stunden nach dem Ablegen ein und bläst die meiste Zeit mit gut 5 Beaufort, bevor er uns am Nachmittag des zweiten Tages leider komplett verlässt. Bis dahin fahren wir einen anstrengenden Am-Wind-Kurs, die Wellenhöhe stimmt leider so gar nicht mit der Vorhersage überein und über die gesamte Strecke begleitet uns eine ansehnliche Welle aus nordwestlicher Richtung, die in Abständen heftig gegen die Bordwand schlägt und uns gut durchrüttelt. In den ersten Stunden kommt die Welle sogar mehrfach über bis ins Cockpit, gleich zu Beginn ist Sibylle einmal komplett durchnässt und muss sich völlig umziehen.

Die Krängung ist beträchtlich, und das Kochen bei der heftigen Welle eine echte Herausforderung, aber mit einigem akrobatischen Geschick und viel Vorsicht, um nicht trotz kardanischer Herdaufhängung eine Ladung kochendes Nudelwasser abzubekommen, schafft es Sibylle schließlich, für jeden eine Schüssel Spaghetti ins Cockpit zu reichen.

Der fast volle Mond leuchtet uns lange durch die Nacht, in der außer uns auf diesem Kurs kein einziges Schiff unterwegs ist.

Die Hydrovane Windsteuerung (siehe rote Windfahne im Video) macht einen super Job und gibt wirklich alles, was geht, wir sind begeistert – nicht auszudenken, wenn einer von uns die ganze Zeit manuell hätte steuern müssen. Und unser angeknackster elektronischer Autopilot hätte bei diesen Verhältnissen ganz sicher endgültig schlapp gemacht.

Zu guter Letzt haut es dann sogar die Windfahne um – die Steuereinheit und das Ruder geben irgendwann dem ständigen Druck nach und drehen sich um circa 45° Grad aus der Achse. Unter kompetenter Anleitung von Tom Logisch per WhatsApp ist es jedoch anderntags überhaupt kein Problem, die Steuerung wieder in ihre ursprüngliche Position zu justieren.

Ansonsten verläuft die Überfahrt ohne Zwischenfälle 😊 – unser Dank geht an Neptun und später in Cagliari an „La Nostra Signora di Bonaria“, Schutzpatronin der Insel und der Seefahrer.  

Die Cala Pira ist auch im Sonnenlicht ein gefälliges Fleckchen, das Wasser türkisblau vor einem langen Sandstrand. Hier tummeln sich jede Menge Urlauber, hauptsächlich vom nahegelegenen Campingplatz, wir haben jedoch ausreichend Abstand zum Strand und empfinden dies kaum als Belästigung. Noch etwas anderes ist hier bemerkenswert: es gibt eine mit Bojen markierte Einfahrt für Motorboote, die zum Strand hin fahren, und (fast) alle sich nähernden Motorboote gehen vom Gas bereits deutlich vor der Einfahrt zur Bucht – sehr überraschend und angenehm.  Wir verlängern unseren Aufenthalt um einen weiteren Tag, bevor wir dann nach Cagliari in die Marina einlaufen. Jens muss tags drauf die Rückreise nach Köln antreten und Burkhard zur Zahnärztin in Cagliari, die uns am Wochenanfang erwartet.

Impressionen aus Kampanien und Latium – Gaeta & Isola di Ponza

Mit dem günstigen Wind für die Überfahrt nach Sardinien wird es so schnell nichts – also entscheiden wir uns, zunächst mal wieder rüber ans Festland zu wechseln, um weiter nördlich einen besseren Ausgangspunkt für die Passage zu bekommen.

Gaeta in Latium besitzt eine hübsche Altstadt, mit Hafen, Festung und Kathedrale. Ein guter Segelwind ab mittags weht uns bis fast in die Marina hinein. In der Base Nautico Flavio Gioa werden wir sehr freundlich empfangen. Man spricht hervorragend englisch und so nehmen wir gern die Gelegenheit wahr, nochmal einen Volvo Penta Spezialisten vor Ort auf den Dieselmotor schauen zu lassen. Denn auch heute hat sich bei etwa 4,5 Stunden Fahrt unter Motor ein halber Liter Öl in der Bilge gesammelt. 

Das sollte nicht sein, und trotz mehrerer Anläufe ist dem Problem in den letzten Jahren niemand beigekommen, das macht uns zunehmend Sorgen.

Für 10:00 Uhr am Folgetag ist der Volvo-Service avisiert, anschließend wollen wir raus zum Ankern in eine der Buchten um die Ecke. Der Termin verstreicht, auf Nachfrage soll es nun um 14:00 Uhr klappen. Gegen 16:00 Uhr endlich erscheint der Mechaniker. Immerhin, zum ersten Mal fühlen wir uns ernstgenommen, der Ölverlust wird nicht als Bagatelle abgetan.

Pünktlich um 14:00 Uhr legen wir wieder am Ponton der Base Nautica an. Schnell das Schiff abspritzen, dann gehen Sibylle und Jens mal wieder zum Einkaufen, vornehmlich Getränke sind angesagt …. Währenddessen kommt der Service-Mann von Volvo. „Leider“ ist diesmal kaum Öl in der Bilge – der klassische Vorführeffekt. Ein bisschen feucht am Turbo und an einer Dichtung. Und wieder einmal bleibt es bei der Empfehlung, erstmal nichts weiter zu unternehmen und Öl nachzufüllen bei Bedarf. So ein Mist. Vermutlich müssen wir den Motor mal rausheben und generell überholen lassen, aber das will gut geplant sein.

Jedoch heißt es jetzt erst einmal, alles gründlich putzen, Motor und Bilge, dann 2-3 Stunden den Motor fordern, damit Menge und vor allem Austrittsort des Öls präziser bestimmt werden können. Wir machen uns zu dritt im Wechsel sofort an die Arbeit, doch erst gegen 18:30 Uhr können wir endlich ablegen und fahren raus in die Baia San Vito. Leider steht Schwell in die Bucht und wir finden nachts wenig Schlaf, aber immerhin müssen wir den vergeudeten Tag in der Marina nicht bezahlen.

Abends folgen wir einer Empfehlung der Marina und besuchen das Seafood-Restaurant „Come il Mare“. Ein ungewöhnliches Konzept, das aber funktioniert. Selbstbedienung ist angesagt, man gibt den Bestellzettel mit einem Namen an der Kasse ab. Getränke bekommt man im Plastikeimer, gut befüllt mit viel Eis sofort am Tresen. Ebenso die rohen Vorspeisen, wie Austern und Thunfischtartar. Man sucht sich einen Platz und wartet, bis man aufgerufen wird. Die warmen Speisen und Beilagen holt man sich dann an der Theke direkt bei der Küche ab. Alles ist frisch und schmeckt vorzüglich. Gegessen wird von Papp- und Plastikgeschirr, mit Einwegbesteck. Nur die Weingläser sind echt. 

Das ist eher cool und tut dem Geschmack keinen Abbruch. Da ist in jedem Fall ein Nachschlag fällig: wir probieren noch den Votapiatto, eine Spezialität aus Gaeta (gemehlte kleine Calamari in Olivenöl ausgebacken) – ebenfalls köstlich, aber leider sehr mächtig, so dass wir die Hälfte kurzerhand einfach einpacken und mitnehmen. Für italienische Verhältnisse sind wir recht früh gestartet, doch das Freiluft-Restaurant füllt sich sehr schnell, auch als wir nach zwei Stunden den Ort verlassen, strömen weiterhin jede Menge Leute herein – Familien, große Freundesrunden, Pärchen – ein echt angesagter Platz.

Nach einer weiteren schaukeligen Nacht – diesmal in der Bucht von Sperlonga – machen wir uns schließlich am übernächsten Tag auf zur Isola di Ponza. Bei frischem Wind aus Südost können wir fast die gesamten 33 Meilen segeln, trotz Reff kommen wir zügig voran mit 6-7 Knoten Fahrt.

Leider dreht der Wind früher als vorhergesagt, so dass wir am Morgen zeitig auf die Ostseite der Insel wechseln, um dem Nordwestwind zu entgehen. Wir finden einen Platz in der Cala del Core, die ebenfalls von bunten Felsen gerahmt ist. Überhaupt ist die Insel wunderschön, nur haben uns heute auch hier die sonntäglichen Freizeitkapitäne wieder eingeholt. 

Die Marina-Gebühren in Ponza sind prohibitiv (13 Euro pro Meter Schiffslänge …), also steuern wir eine Ankerbucht an. Unser Anker fällt auf ca. 9 Meter in der berühmten Cala Chiaia di Luna, mit spektakulärer Aussicht auf die hochaufragenden Felsen aus Tuff und Kaolin. Der Strand und das Ufer sind gesperrt, da sich immer wieder gefährliche Felsbrocken lösen.

Jens gibt sich im Dinghi alle Mühe, den italienischen Vorbildern nachzueifern – doch auch mit unserem neuem Außenborder hat er gegen die hochgerüsteten italienischen Nussschalen wenig Chancen.  Am nächsten Tag haben wir nun endlich den richtigen Wind für den Absprung nach Sardinien ….

Impressionen aus Kampanien und Latium – Capri & Procida

Jens Anreise über Flughafen Neapel und dann mit dem Zug nach Salerno verläuft problemlos – wenn man von der Tatsache absieht, dass er am Bahnhof in Salerno tatsächlich mehr als 40 Minuten auf uns warten muss, weil wir mit dem Mietwagen im Stau gesteckt haben.

Nach einem Ankerstopp in Amalfi geht es dann am übernächsten Tag Richtung Capri. Die Ankerbucht unserer Wahl – Faraglione di Matermania – liegt im Südosten der Insel und hat türkisblaues Wasser vor wunderschöner Felskulisse.

Es ist Wochenende und es wimmelt von Ausflugsbooten, fast im Sekundentakt fahren welche ab oder kommen neu rein. Das Ankermanöver wird so zum Problem, da an unserem gedachten Platz bereits wieder neue Motorboote den Anker geschmissen haben, bevor wir uns am Ankerplatz im Wind eingependelt haben. Anfangs slippt der Anker auf Seegrasflecken, dann gräbt er sich wunderbar im Sand ein, wie Sibylle mit Schnorchel feststellen kann.

Die italienischen Freizeitkapitäne wie auch die Skipper der professionellen Ausflugsboote geben alles, um ihre eigene Crew sowie die der Konkurrenz maximal zu beeindrucken: unter laut heulendem Motor und größtmöglicher Bugwelle braust man in die Bucht hinein und wieder heraus – wehe dem Schwimmer oder Schnorchler, der da im Wege ist. Die Überlebenschance ist eher gering, da natürlich während der rasanten Fahrt gleichzeitig noch mit den hübschen Kundinnen geflirtet oder mit der Freundin am Handy gechattet wird. Die ständigen Bewegungen verursachen konstant richtig heftigen Schwell in der Bucht, so dass wir mächtig in den Wellen tanzen. Dennoch wollen wir bleiben, denn Wasser und Felsen sind grandios.

Erst spät abends, als auch weiter draußen der schier unendliche Zug von Motorbooten langsam abebbt, wird das Wasser ruhiger in unserer Bucht. Noch ein Segler und ein Motorboot bleiben hier außer uns, später kommt noch ein großes Segelschiff, die Blackwood of London.

Wir sind froh, dass wir uns in Kalabrien den italienischen Revierführer `777 Porti e Ancoraggi` für das Tyrrhenische Meer zugelegt haben, der deutlich mehr Ankerplätze ausweist und beschreibt, als das Hafenhandbuch von Rod Heikel, der sich fast ausschließlich auf Häfen und Marinas beschränkt. Sonst hätten wir weder Amalfi oder auch diese Bucht auf Capri vermutlich nicht zur Übernachtung angesteuert – und dabei ist unser Monats-Budget für Liegegebühren inzwischen himmelhoch überschritten. Waren wir bereits entsetzt über die Hafenpreise in Kalabrien, so finden wir in Kampanien und Latium kaum einen Platz unter 100 Euro pro Nacht, meistenteils liegen die Kosten sogar deutlich darüber. Erst bei Liegezeiten ab einer Woche reduzieren sich die Tagespreise zum Teil beträchtlich, doch so lange wollen wir ja selten bleiben.

So beschließen wir zähneknirschend, uns zunächst mal für eine Nacht in der Marina Procida einzubuchen, und uns dort über die weiteren Schritte zu informieren.

An dem ursprünglich geplanten Ankerplatz in Cala Corricella schauen wir kurz vorbei. Hier liegen die Boote dicht an dicht vor der Kulisse der malerisch bunten Stadt. Es sind mehrere hundert Boote, die zum Teil im Päckchen ankern, und der wenige verbleibende Platz ist von Badenden oder Luftmatratzen belegt – unglaublich. Hier hätte man auch mit Genehmigung kaum noch einen Platz gefunden, jedenfalls nicht vor Sonnenuntergang.

Wir fahren ums Eck in die Procida Marina. Auch hier eine ansprechende Kulisse, wenn auch an der Fährhafenseite die Fassaden stärker verblichen und heruntergekommen sind.

Und so suchen wir auch anderntags auf der Nachbarinsel Procida gern wieder einen kostenlosen Ankerplatz. Unterwegs stellen wir jedoch fest, dass die gesamte Insel im Marineschutzgebiet „Regno di Nettuno“ liegt und man zum Ankern eine Genehmigung einholen muss, die in der Hochsaison wiederum fast exklusiv den sogenannten „Residenti“ vorbehalten ist.

Sibylle tätigt verschiedene Anrufe, bei der Behörde in Napoli, die verweist auf die Capitaneria in Procida, der dortige Direktor ist jedoch nicht mehr zuständig und verweist auf die Capitaneria in Ischia. Dort sagt man uns, man müsse für die Erlaubnis persönlich vorstellig werden, aber natürlich hat sonntags die Behörde geschlossen.

 

Nach Konsultation des Marina-Büros entpuppt sich die Geschichte mit dem Marinereservat schnell als üble Geldschneiderei. Sobald man einen Vertrag mit dem nächstgelegenen Hafen hat – sprich hundert Euro und mehr bezahlt – darf man auch in einer Bucht vor Anker gehen – für 1 Nacht bzw. die Dauer des bezahlten Marinaaufenthalts. Na toll. Wie wir genau weitermachen, wissen wir nun nicht. Unsere französischen Nachbarn sind da eher unbedarft, sie haben bisher überall geankert, sind nur wegen des WM-Endspiels in die Marina gekommen. Vive la France. Nach ihrer Meinung benötigt man nur im August eine spezielle Genehmigung. Die offizielle Website der Area Marina Protetta sagt allerdings klar was anderes. Sind wir mal wieder zu Deutsch?!

In jedem Fall haben wir uns natürlich das WM Endspiel angesehen – auf dem Boot im Salon. Die italienische Berichterstattung ist allerdings mehr als gewöhnungsbedürftig – an beiden Endspielgegnern bleibt kaum ein gutes Haar – mit entsprechender musikalischer Untermalung werden einzelne Spielszenen zur Posse degradiert. Wie anders hätte das ausgesehen, wenn Italien im Finale gestanden hätte – aber die heimische Mannschaft hat ja nicht einmal die Qualifikation geschafft. Sehr schade,dass man das offenbar noch immer nicht verarbeitet hat.

Wir machen uns auf den Weg in den sehr belebten Hafen und suchen uns ein kleines einfaches Restaurant mit sehr leckerer Pizza und Pasta. 

Vielleicht gibt es ja in den nächsten 2-3 Tagen guten Wind, um nach Sardinien rüberzufahren – allerdings warten dort die nächsten Marinereservate auf uns ….

Impressionen aus Kampanien und Latium – Paestum

Den Tag der Segelreparatur nutzen wir für einen Besuch in Paestum – wieder einmal Hinterlassenschaften der Magna Graecia, dorische Tempel, UNESCO-Weltkulturerbe.

Mit einem nagelneuen Mietwagen zuckeln wir zunächst die Küstenstraße entlang von Marina d`Arechi Richtung Süden. Die Italiener haben eine ausgeprägte Strandkultur – ein Lido reiht sich hier an den nächsten und die Parkplätze sind voll besetzt. Mehr oder weniger schäbige Restaurants und Imbissbuden sind Teil der Grundausstattung eines jeden Lido, inklusive Parkgebühr und Liegen werden Tagespreise zwischen 10 und 20 Euro ausgelobt. Je weiter wir uns unserem Ziel nähern, desto schicker werden die Facilities. Dann zweigt die Straße ab ins bewirtschaftete Hinterland, erstaunlich grün ist hier alles und die Landschaft gefällig.

Wir erreichen Paestum um die Mittagszeit. Das Museum ist diesmal schwer verdaulich, die Präsentation schlecht strukturiert. So konzentrieren wir uns auf den Star der Ausstellung: La Tomba del Tuffatore – das berühmte Grab des Tauchers. Viel Zeit lassen wir uns im archäologischen Park, wo um diese Zeit wenig andere Touristen verweilen.

Stumm und beeindruckt wandern wir von Ruine zu Ruine. Das Heraion und den sogenannten Poseidon-Tempel darf man sogar betreten und kann die Bauwerke von innen erfassen. Die gigantischen Säulen wirken zugleich beruhigend wie einschüchternd. Ein unvergesslicher Eindruck.

Anschließend besuchen wir das nahegelegene Eboli – größtenteils ausgestorben und dem Verfall preisgegeben, so zeigt sich die Altstadt. Spätfolgen des Erdbebens in der Irpinia im Jahre 1980. 

Trotz der Mittagshitze weht ein laues Lüftchen und unter schattenspendenden Eukalyptusbäumen ist es angenehm. Es herrscht eine erhabene Ruhe an diesem Ort, wo zwischen Gräsern und sparsamen Bewuchs die drei Tempel majestätisch thronen. 

Gern würden wir irgendwo einkehren und ein Getränk nehmen, doch nicht eine Bar ist hier mehr zu finden. Christus kam nur bis Eboli – der Buchtitel von Carlo Levi wird hier lebendig, an einer alten Mauer sieht man ein Porträt des weltberühmten Schriftstellers.

Am Rand der Neustadt gibt es einige größere Supermärkte, die wir für einen ausgiebigen Einkauf nutzen, denn am dem nächsten Tag kommt Burkhards Stiefsohn Jens aus Köln, der uns für gut zwei Wochen begleiten wird.

Als wir am Abend in die Marina zurückkehren, liegt das Segel bereits fertig an Bord. Der Segelmacher hat sehr schnell gearbeitet und auch die besprochene Änderung des Großsegels umgesetzt, zu der wir uns nach all dem Schlamassel entschlossen haben: wir trennen uns von den vertikalen Segel-Latten und fahren ab sofort mit kleinerem Großsegel (negatives Profil) hoffentlich deutlich entspannter. Die Segellatten haben uns in den letzten Jahren immer wieder Ärger bereitet, weil sie sich nicht nur einmal beim Ein- oder Ausrollen im Mast verklemmt haben, das wollen wir uns zukünftig ersparen. Ob das so gekürzte Segel die finale Lösung sein wird, müssen wir ausprobieren. 

Möglicherweise ist die Anschaffung eines neuen Großsegels, welches von Anfang an entsprechend zugeschnitten ist, noch in Erwägung zu ziehen. Angebote haben wir bereits online eingeholt.