Unsere Baustelle

Kleine Tropfen perlen stetig an der Innenseite des Skeg (Erläuterung siehe unten) durch das GFK-Material in die Bilge (hier: link zum Video). Nicht übermäßig viel, vielleicht maximal ein halber Liter am Tag, jedoch nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte, an solch einer sensiblen Stelle. Unsere französischen Segelkollegen und Spezialisten hier vor Ort sehen das zunächst unkritisch, doch der Hersteller Hallberg Rassy wie auch die Versicherung empfehlen, auf gar keinen Fall die knapp 900 Meilen bis zum portugiesischen Festland ohne die erforderliche Reparaturmaßnahme anzugehen. Als wir am 11. Juni kurz in den Kran gehoben werden, bestätigen sich die ärgsten Befürchtungen: beim Klopfen mit dem Schraubenzieher tritt braunes Wasser durch einen kaum sichtbaren Riss an der Rückseite des Skeg aus (hier: link zum Video). Da gibt es also tatsächlich eine Undichtigkeit – das Wasser kommt von außen und ist nicht, wie bis zuletzt noch gehofft, über das Ruderlager eingetreten und hat sich von innen den Weg durchs Material gebahnt.

Der Skeg – oder auch Ruderleitflosse, ist der schlanke Auslauf des Unterwasserschiffes oder eine starre Flosse am Heck eines Bootes oder Schiffes in Längsrichtung. Bei älteren Konstruktionen ist an ihm das Ruder befestigt. Bei moderneren Booten dient es nur dem Schutz des Ruders und verbessert dessen Anströmung (aus Wikipedia, Skeg, 6. Januar 2019 um 05:43 Uhr). Bei unserem Schiff ist das so ein Mittelding, ein halber Skeg, der das darunter freistehende Ruder hält und lagert und somit zusätzlich schützt. Siehe Foto oben.

Wir haben also ein ernsthaftes strukturelles Problem. Ursache unbekannt. Eine Berührung halten wir nicht für ausgeschlossen, Wind und vor allem Welle verursachen auf der Überfahrt eine derartige Geräuschkulisse, dass man eine Kollision gar nicht unbedingt bemerken würde. Auch wird man regelmäßig hart gestoppt von einer Welle – oder ist es doch ein Wal gewesen? Die vorliegende sieben-seitige (!) Reparaturanleitung des Herstellers bringt unsere Versicherung zu der Vermutung, dass es sich um eine bekannte Konstruktionsschwäche in Verbindung mit Materialermüdung handelt. Zumal zunächst keine offensichtlichen Spuren eines Zusammenstoßes erkennbar sind.

Das ändert sich mit dem Gutachten, welches schließlich von der Versicherung in Autrag gegeben wird. Der Gutachter entdeckt einen Riss im Ruderblatt, den er, wie auch die Risse an der Skeg-Rückseite auf eine Berührung am unteren Ruderende zurückführt. Das Laminat im Skegbereich ist an den Seiten völlig intakt, von Verschleiß kann überhaupt keine Rede sein. Trotz allem wird der Schaden nicht als Versicherungsfall anerkannt – wiewohl die Versicherung sich letztendlich zur Zahlung einer Abschlagssumme bereit erklärt, die zumindest einen Teil der Kosten decken wird.

Dass hier auf den Azoren die Uhren anders ticken, und es nach der Identifizierung des Problems insgesamt fast 3 Wochen dauert, bis wir endlich am 25. Juni einen Stellplatz an Land bekommen, hat unsere Geduld gleich zu Anfang auf eine harte Probe gestellt.

Darüber hinaus ist es ein mühsamer und langwieriger Lernprozess für uns, bis wir schließlich verstanden haben, dass uns hier vor Ort augenscheinlich niemand helfen kann oder will. So eröffnet uns der empfohlene und beauftragte „Experte“ (Emanuel Oliveira, Firma Nautitec) schließlich am 03. Juli – das heißt ganze vier (!) Wochen nach der Erstbesichtigung des Schadens -, dass er sich die Reparatur entgegen seiner bisherigen großspurigen Aussagen gar nicht zutraut. Er habe noch nie mit Epoxy gearbeitet und verstehe auch die Reparaturanleitung von Hallberg Rassy nicht, die wir ihm gleich zu Beginn an die Hand gegeben haben. Deshalb haben wir trotz täglicher Nachfrage auch bis dahin von ihm weder einen Zeitplan noch einen Kostenvoranschlag für eine Reparatur erhalten. Unfassbar.

Die Vorarbeiten des Herrn Oliveira bis zum 03.07.2019.

Andere Handwerker, auch auf anderen Azoren-Inseln, sind bis zum Winter ausgebucht. Ob man ihnen überhaupt die Reparatur zutrauen kann, wissen wir nicht. Außerdem sind die erforderlichen Materialien hier nicht vorrätig und müssen vom Kontinent per Schiff transportiert werden (Gefahrgut geht normalerweise nicht im Flugzeug). Herr Oliveira hat trotz Auftrag das Material nicht bestellt und so sind die Wochen nutzlos verstrichen. Da stehen wir nun, das Ruder ist ausgebaut, mal eben zurück ins Wasser können wir also auch nicht.

In unserer Verzweiflung hilft uns mal wieder Tom Logisch (https://www.tomlogisch.com/). Mit seiner Unterstützung nehmen wir Kontakt zu spezialisierten Werften in Deutschland und Dänemark auf, die helfen wollen. Allerdings können wir niemanden einfliegen, bevor nicht das Material verfügbar ist. Außerdem ist inzwischen Urlaubszeit, und Mitarbeiter der Werften erst nach den Sommerferien wieder abkömmlich. Wir bemühen uns also zunächst mal um die Materialbestellung, was sich trotz Vermittlung unseres Freundes Michael von der Ariranha und sehr bemühter Mitarbeiterinnen bei der Firma Von Der Linden als äußerst zeitaufwändig herausstellt.

Um die Bestellung zu beschleunigen, ordern wir schließlich Luftfracht für Gefahrgut zu unvorstellbaren Kosten – gut das Doppelte des Materialwertes. Mit dem Erfolg, dass der gesamte Bestellprozess im Endeffekt genauso lange dauert, wie der Schiffstransport. Die Spedition Kühne & Nagel hat dabei keine rühmliche Rolle gespielt: von schleppender Angebotserstellung, über Zollpapiere, die gar nicht benötigt wurden bis hin zu der Tatsache, dass wir trotz immenser Frachtkosten das Material schließlich selbst am Flughafen in Ponta Delgada abholen müssen! So schreiben wir bereits den 16. August, als wir das Material endlich in Händen halten.

Die Werftmitarbeiter der zwischenzeitlich beauftragten Werft in Deutschland sind zwar nun aus dem Urlaub zurück, aber hier in Ponta Delgada ist Hochsaison und kein Hotelzimmer mehr zu bekommen, es sei denn im Mehrbettzimmer einer Art Jugendherberge. Und das Wetter im August ist so unbeständig, dass sich Zeitpunkt und Dauer des Aufenthalts nur sehr schwer bis gar nicht planen lassen. 

Da kommt uns völlig unerwartet Thomas Dargel von BoatSailService http://www.boatsailservice.com/, hier in Ponta Delgada ansässig, zur Hilfe. Für den gelernten Bootsbauer neigt sich die Hauptsaison inzwischen dem Ende zu und er hat nun doch Kapazität frei, um unsere Reparatur durchzuführen, mit fernmündlicher Unterstützung der Werft aus Deutschland, falls erforderlich. So starten die Arbeiten dann endlich am 19. August innen mit der Demontage von Teilen der Achterkajüte und des Auspuffrohrs, um überhaupt Zugang zu den zu laminierenden Flächen zu bekommen.

Thomas Dargel arbeitet sehr gut und gründlich, schnell hat er unser volles Vertrauen. Das Abschleifen des Laminats innen wird allerdings zum Alptraum für alle Beteiligten: zentimeterdick liegt der Feinstaub überall in der Kajüte und muss ständig mit Staubsauger und nassen Lappen entfernt werden. Trotz der Installation einer riesigen Absauganlage. Hiermit wird lediglich der aufgewirbelte Staub nach oben gesogen, der ansonsten die Sicht beim Arbeiten einschränken würde. 

Beim Putzen trägt auch Sibylle eine Atemschutzmaske, das Einatmen des Glasfaserstaubs ist äußerst gefährlich. Der Staub, der an Armen und Beinen hängen bleibt, piekt entsetzlich, auch nach dem Abduschen. Und trotz Verklebung der Tür zum Salon dringen auch hier immer wieder Staubpartikel bis zum Navi-Tisch vor.

Fortschritt der Arbeiten innen:

Insgesamt sind die Arbeiten sehr zeitintensiv. Innen wie außen muss abgeschliffen und neu auflaminiert werden. Der Skeg wird zunächst von außen bis zur stützenden Traversale von hinten ausgebohrt. Innen kommt der Bandschleifer zum Einsatz, den uns ABC-Teilnehmer Bernard von der Segelyacht „Hyperion“ am 20. August netterweise aus Frankreich mitbringt, denn hier ist so ein Werkzeug nicht zu kriegen. Dann wird innen der Skeg mit Epoxy aufgefüllt und innen wie auch außen herum weiter laminiert. Allein das Schneiden der Laminatstreifen nimmt Stunden in Anspruch. Burkhard hilft Thomas beim Schneiden und assistiert draußen mit kleinen Handreichungen. Innen hat selbst der schlanke Thomas kaum Platz zum Arbeiten – oft bereut er lautstark, den Auftrag angenommen zu haben.

Fortschritt der Arbeiten außen:

Das Laminieren mit Epoxy ist knifflig und zeitraubend bei der hohen Luftfeuchtigkeit hier, und so gab es am Freitag mal wieder einen herben Rückschlag: der Aufbau am Ruderblatt ist nicht vernünftig getrocknet und muss neu gemacht werden – das wirft uns mindestens wieder um einen Tag zurück. Trotzdem gehen wir davon aus, dass wir spätestens zum Ende der kommenden Woche wieder schwimmen können. 

Der Rückbau innen ist fast komplett, trotz erheblicher Schwierigkeiten, da einige Holzbauteile wegen des veränderten Bilgen-Niveaus neu zu- und ausgeschnitten werden mussten. Und außen können wir jetzt schon mit Primer und  Antifouling starten. Es sieht endlich so aus, als könnten wir bald wieder in See stechen. François von der ABC-Organistion bereitet derweilen schon das Wetter-Routing für uns vor ….

1000 Tage an Bord – Wir (er)zählen

Heute Freitag, 13. September 2019, sind es genau tausend Tage her, dass wir unser Domizil dauerhaft an Bord unseres Segelbootes aufgeschlagen haben. Nicht immer mit romantischem Sonnenuntergang, aber oft. Nicht durchgehend waren wir an Bord, aber meistens.

An 85 Tagen war mindestens eine(r) von uns unterwegs – in Köln oder anderswo. Ab und zu braucht man den Abstand, insbesondere wenn man wie hier in Ponta Delgada so lange an Land steht.

Im Juli haben wir uns einen richtig schönen Kurzausflug nach Lissabon gegönnt. In einer netten kleinen Wohnung mitten in Lissabons Altstadtviertel Alfama gewohnt, Kirchen, Festung und Klöster besichtigt, zu (fast) jedem Aussichtspunkt gelaufen, im Getümmel geschwelgt. Das hat mal gutgetan.  Eigentlich wollten wir dort ja mit dem Schiff anlanden, aber daraus wird zumindest in diesem Sommer nichts. 

Sibylle hat zuvor spontan noch ein paar Tage mit ihrer Schwester in Sant Feliu de Guíxols an der Costa Brava verbracht – einfach nur chillig, mediterranes Flair, erinnert ein bisschen an Toskana, einen solchen Ort würde man an dieser ansonsten leider sehr verbauten und verbrauchten Küste kaum vermuten.

ITHAKA auf dem Drydock in Ponta Delgada. Siehe auch Webcam mit Ansicht vom alten Hafen.

Insgesamt haben wir von den tausend Tagen 135 lange Tage an Land gestanden, das ist ganz schön viel. Nicht immer war es so unkomfortabel wie jetzt, oft sind Sanitäranlagen nach dem Herabklettern der Leiter in wenigen Schritten zu erreichen, und nicht wie hier mehrere hundert Meter entfernt – das ist schon extrem lästig. Und hier leiden wir seit Beginn der Arbeiten ja auch unter der zusätzlich eingeschränkten Bewegungsfreiheit an Bord. Unsere Schlafkajüte hinten mussten wir komplett ausräumen, die Schränke und Schapps sind alle mit Folie zugeklebt. Die Matratzen liegen seitdem auf dem Tisch im Salon, wir sind in die vordere Kabine umgezogen. Da geht fast nichts mehr.

Apropos – an 134 Tagen hatten wir mindestens einen, maximal zwei Gäste an Bord. Jedes Mal freuen wir uns riesig über die Gesellschaft, die gemeinsamen Unternehmungen, das Erlebnis zu teilen. Doch auch hier immer wieder nicht nur eine logistische Herausforderung, mit Vereinbarung eines passenden Treffpunktes sowie die erforderlichen Umräumarbeiten an Bord. Sondern auch die zusätzliche Verantwortung für das Wohl der Familie und Freunde, und das Management der atmosphärischen Schwankungen auf engem Raum … Das ist schon zu zweit zuweilen eine echte Prüfung – auch wenn wir hier ja eigentlich freiwillig Tag für Tag zusammenleben.

An mehr als der Hälfte der Tage, nämlich an 553, haben wir für längere Zeit im Hafen gelegen. Gezwungenermaßen natürlich im Winterquartier, für Reparaturarbeiten, oder auch aus gesundheitlichen Gründen wie im Sommer 2017 in Rhodos.

Nicht gezählt sind hierbei die Hafentage, wo wir den Anleger am Steg oder Kai nur als Zwischenstopp genutzt haben. Diese ergeben zusammen mit den Tagen „auf Reede“ (in der Bucht am Anker hängend) insgesamt 260 Tage.

Demgegenüber stehen 52 volle Tage auf See, also Tage, an denen wir 24 Stunden und länger unterwegs waren. Die meisten See-Tage haben wir naturgemäß auf den zwei Atlantiküberquerungen absolviert, im Mittelmeer waren es insgesamt nur drei Nachtfahrten.

Alles zusammengenommen sind wir in der Zeit bisher 10.869 nautische Meilen gesegelt, das entspricht 17.535 Kilometer, knapp 70% davon unter Segeln. Man bedenke, dass wir – wenn es richtig gut läuft – pro Stunde im Schnitt 6-7 Meilen (10-11 km) zurücklegen, in aller Regel sind es deutlich weniger.  Also mit dem Fahrrad ist man in jedem Fall schneller!

Wir haben inzwischen jeder drei Mal an Bord Geburtstag gefeiert (die Deko wird übrigens jedes Jahr wiederverwendet, auch bei Geburtstagen von Gästen, für Foto hier klicken 😉). Wir merken, dass wir beide älter werden, insbesondere der Augenarzt ist mal wieder fällig, bei nächster Gelegenheit, wenn wir in Deutschland sind. Aber noch sind unsere müden Knochen flexibel genug, um den Bordalltag auf engem Raum und den Herausforderungen des Segelns standzuhalten.

Gott sei Dank hat es nach den schwierigen Ereignissen im Jahr 2017, mit Burkhards Operationen an Rücken und Leiste in Athen, kaum gesundheitliche Probleme gegeben – toi-toi-toi!

Häufig ist es auch eher die Psyche, die uns einen Streich spielt. Zum Beispiel, wenn aus dem nichts die Panik aufkommt, vor einem längeren Törn, oder wenn wir ohne funktierenden Motor und Steuerung auf dem Atlantik treiben. Oder wenn ins Bewusstsein dringt, dass man sich gerade mal circa 2.500 km entfernt von jedwedem rettenden Ufer aufhält und mindestens 5 Kilometer Wassersäule sich unter dem Schiff befindet. Den Elementen Wasser und Wind ist nicht viel zu trotzen, man muss sie respektieren und mit ihnen, nicht gegen sie navigieren. Welche übermäßigen und unberechenbaren Kräfte die Elemente hervorbringen können, hat gerade wieder „Dorian“ auf traurige Weise gezeigt.

Nicht gezählt sind die vielen schönen Sonnentage, ebenso wenig die Regentage oder Tage, an denen mal wieder irgendwas nicht funktioniert hat oder kaputt gegangen ist und repariert werden musste.

Und dankenswerter Weise sind wir bislang nur ein einziges Mal bestohlen worden. Hoffen wir mal, dass das so bleibt. Vor einer Woche, hier auf dem Trockendock, hat uns jemand den kleinen Tretroller unter dem Boot weggeklaut, während wir oben im Cockpit gegessen haben. Schon ganz schön dreist. Mit Einbruch der Dämmerung haben wir den Scooter natürlich immer angekettet, aber tagsüber eher nicht. Den Gang zur Polizei hätten wir uns sparen können, die Videoanlage am Ausgang zum Yachtclub ist `überraschenderweise` außer Funktion, die Video-Bänder der Marina harren noch der Überprüfung. Nicht, dass wir glauben, die Untersuchung würde uns weiterhelfen. Aber wir spekulieren schon auf erhöhte Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte, die das Gelände kontrollieren sollen.

Selbstverständlich gezählt sind unsere richtig dicken Fische 😊! Da gab es insgesamt drei Fänge, die jeder 8-12 Kilo auf die Waage gebracht haben. Und mindestens drei weitere, mit deutlich mehr als 3 Kilo Gewicht. Und eine ganze Reihe kleinerer auch. Dafür, dass Sibylle als blutiger Laie in das Schlepp-Angeln eingestiegen ist, eine beachtliche Ausbeute. Aber natürlich haben wir dank der Versorgung durch Sibylles Bruder Christoph Zugriff auf ausgezeichnetes Material und Anleitung. Allerdings ist da noch ganz viel Luft nach oben:

Unsere Ausbeute von tausend Tagen erledigt der erfahrene Angler und Speerfischer mit ebenfalls versierter Ehefrau und Crew in einem Dreiwochen-Törn in den Kykladen (hier: Link zum Foto). Aber wir werden aufholen, sobald wir wieder flott und unterwegs sind!

„Ihr seid mutig“, das hören wir manchmal – und ehrlich gesagt: das finden wir auch! 😉 Nicht allein wegen des Segelns, dafür begeistern sich heutzutage außerordentlich viele Leute, auch gibt es erstaunlich viele Langfahrtsegler, so wie wir. Häufig sehr besondere Menschen. Ungezählt die schönen Momente und Begegnungen, wie auch die immerwährenden Abschiede.

„Mutig“ insbesondere auch wegen all dem, was wir vor 1000 Tagen aufgegeben und hinter uns gelassen haben. Aber wir würden es immer wieder genauso machen wollen. Auch wenn wir oftmals traurig sind, dass wir unsere Lieben in der Heimat so selten sehen. Mit Wehmut grüßen wir heute alle, die tapfer `zu Hause` seit tausend Tagen die Entfernung ertragen und unser Abenteuer unterstützen.

Dass der tausendste Tag an Bord auf einen „Freitag, den Dreizehnten“ fällt, werten wir als glückbringende Vorbedeutung für die nächsten tausend Tage – das werden wir heute Abend mit einem sehr, sehr großen Schluck für Poseidon begießen! Prost!

37° 44′ 31″ N, 25° 40′ 3″ W: Alcatraz …. – oder was?

Ponta Delgada, São Miguel, Azoren. Wenn man nicht freiwillig lange an einem Ort verweilt, ist zwangsläufig das objektive Empfinden für die Reize des Standortes getrübt und verfärbt durch den Wunsch, einfach nur dort wegzukommen. Da sitzen wir jetzt seit zwölf Wochen auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik fest, unvorstellbare 66 Tage stehen wir davon mit dem Schiff an Land. Unser persönliches Alcatraz. Womit haben wir das verdient? Während andere Segler gemäß dem oft zitierten Spruch ihre Boots-Reparaturen an den schönsten Orten der Welt durchführen, scheinen wir überproportional häufig an Orten festzuhängen, die man eigentlich doch eher zügig wieder verlassen möchte – so zum Beispiel auch unsere wochenlangen ungeplanten Aufenthalte in Almerimar und in der „malerischen“ Marina von Las Palmas im vergangenen Herbst.

Tatsächlich tut man Ponta Delgada und auch der Insel damit unrecht. Anfangs hadern wir jedoch sehr: nach der karibischen Wärme mit viel Sonnenschein drückt – zusätzlich zu unserem Problem mit dem Schiff – vor allem das Wetter auf unsere Stimmung. Während in Deutschland und Europa eine Hitzewelle die andere jagt, ist es hier im Juni und der ersten Juli-Hälfte kühl, grau und oft regnerisch.

(Polyglott on Tour: Reiseführer Azoren von Susanne Lipps-Breda)

Das Azorenhoch. Auch wir waren bisher in dem Irrglauben befangen, dass die nach den Inseln benannte Wetterlage natürlich nicht nur bei uns in Deutschland, sondern vor allem auch hier vor Ort für das bekannte strahlend schöne Wetter sorgt. Weit gefehlt. Tatsächlich könnte man meinen, hier sei das Aprilwetter erfunden worden.  Durch den Golfstrom geprägt, gibt es schnelle Wechsel von Warm- und Kaltfronten, äußerst sprunghaftes Wetter ist die Folge. Und so werden in Ponta Delgada mindestens 970 mm Niederschlag im Jahresmittel gemessen (wetter.de, es gibt andere Quellen die noch deutlich höhere Mengen verzeichnen), in Deutschland sind es im Jahresmittel nur 800 mm (umweltbundesamt.de), im besonders regenarmen letzten Jahr waren es lediglich 590 mm.

Was uns jedoch von Anfang an begeistert, ist die einfache und ehrliche portugiesische Küche. Nach den meist überteuerten – und häufig nur mäßig überzeugenden – karibischen Restauranterlebnissen eine echte Offenbarung. Wir schwelgen in Oktopus, Muscheln und Thunfisch. Lapas – gegrillte Napfschnecken mit viel Knoblauchbutter und Zitrone – ist eine regionale Meeresfrüchte-Spezialität und echt lecker mit einem Glas frischen Weißwein. Apropos Wein: welch unendliche Vielfalt, auch schon für ganz kleines Geld, selbst im Restaurant.  

Und was den Skipper besonders freut: ein wohlschmeckendes kühles Helles von den Azoren kostet weniger als ein Kölsch zuhause. Geschweige denn im Vergleich zur Karibik, wo man für eine kleine Dose oder Fläschchen Bier auch im Supermarkt bis zu 1,50 Euro hinblättern musste.

Auf den saftigen grünen Hügeln gedeihen hier auf den Azoren jede Menge Rindviecher: gemäß einer Zählung im Jahr 2011 sind es sogar gut zweitausend Tiere mehr als Einwohner. Daher kann man hier ausgezeichnetes Rindfleisch und sehr guten Käse genießen. Jede Azoreninsel hat ihre eigenen, ganz besonderen Käsesorten. Über das Inselarchipel hinaus berühmt ist der Queijo de Sao Jorge, von gleichnamiger Insel. Als Vorspeise isst man gern einen weißen Frischkäse mit Paprikamark.

Inzwischen ist auch auf Sao Miguel der Sommer angekommen. Und mit der Hochsaison massenhaft Touristen, von überall aus der Welt, aber vor allem auch azoreanische Auswanderer-Familien verbringen hier ihren traditionellen Augusturlaub. Man liest, dass allein zwischen 1970 und 1980 gut 60.000 Menschen von den Azoren nach USA und Kanada ausgewandert sind, das entspricht 20% der damaligen Bevölkerung (Susanne Lipps-Breda: DuMont Reise-Taschenbuch Reiseführer Azoren 2019). Kein Wunder also, dass die Rindviecher inzwischen in der Überzahl sind 😉

Die Bars und Restaurants sind rappelvoll, so dass wir trotz erschwerter Umstände inzwischen wieder häufiger an Bord kochen. Einkaufsmöglichkeiten sind fußläufig, einige kleinere Supermärkte, die auch in unmittelbarer Nähe zur Marina ganz normale Preise haben. Und dann gibt es einen bunten überdachten Bauernmarkt: Mercado da Graça. Hierher kommen wir oft, genießen einen frischgepressten Becher Orangensaft und decken den täglichen Bedarf an Obst und Gemüse. Unsere Kühlmöglichkeiten sind derzeit stark begrenzt, da unser Bordkühlschrank ja bekanntlich mit Seewasser gekühlt wird und daher an Land nicht betrieben werden kann. 

So gehen wir fast täglich zum Einkaufen, auch der gekühlten Getränke wegen.

Unter den Metzgerläden an der Seite der Markthalle haben wir inzwischen einen „Lieblingsmetzger“ gekürt. Neuerdings bekommen wir zu unserem Rindersteak immer noch eine leckere Zugabe: „Meat Cheese“. Hat mit unserem süddeutschen Fleischkäse allerdings nichts gemeinsam – hier werden gegrillte Fleischstückchen zu einer Art rundem Kuchen zusammengepresst und als Torte aufgeschnitten. Schmeckt köstlich als Snack zum kalten Bier.

(Bild oben: der Metzger unseres Vertrauens)

Damit wir nicht vereinsamen in unserer beschaulichen und verlassenen Ecke am Ende des Piers in der Marina Pero de Teive, stürzen wir uns auch gern mal ins Getümmel. In Ponta Delgada feiert man viel, an kirchlichen und anderen neu geschaffenen Feiertagen. Außerdem gibt es jede Menge Kultur, vor allem Musikkonzerte. Bei den Umzügen, zum Beispiel an Fronleichnam, spielen kunstvolle Blumen- und Blütenarrangements eine wichtige Rolle und sorgen für farbenprächtige Inszenierung.

Sehr besonders und mit viel Lokalkolorit kommt der Umzug anlässlich der vor 16 Jahren ins Leben gerufenen „Festas do Divino Espirito Santo“ daher. Ein schier endloser Tross von blumengeschmückten, entsetzlich quietschenden Ochsenkarren zieht die Promenaden-Straße entlang. Jede Gemeinde der Insel präsentiert sich mit Trachten, Tieren, landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Aus großen Körben wird süßes Brot an die Zuschauer verteilt. 

Ponta Delgada - „Festas do Divino Espirito Santo“
Ponta Delgada - „Festas do Divino Espirito Santo“
 „Festas do Divino Espirito Santo“ - Waschfrauen von S. Antonio
Ponta Delgada - „Festas do Divino Espirito Santo“

Am 03. August verwandelt sich Ponta Delgada (PDL) in einen `Traum in Weiß`. Anlass ist das Festival „PDL White Ocean“, das in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Auf mehr als zwanzig Musikbühnen über die Stadt verteilt wird die ganze Nacht Musk gespielt. Gassen und Plätze der Altstadt sind mit weißen Meeres-Lebewesen geschmückt: Quallen, Delfine, Wale. Weiße Läufer bedecken die alten Pflastersteine, darüber flaniert die Menschenmenge und feiert – weiß gekleidet. Getränke bekommt man gegen Bons an den erleuchteten Barstationen, die ebenfalls extra für diesen Zweck aufgebaut sind. Eine wunderbare Stimmung, vor allem am Hauptplatz bei den Stadttoren, wo wir fast bis Mitternacht auf den Start der Musik warten. Einen Sitzplatz zu ergattern ist fast unmöglich, wir sind schließlich dankbar für ein kleines Fleckchen auf der Kaimauer, halb verdeckt von einem Imbisswagen. Dort treffen wir auch eine Auswanderer-Familie, die aus Kanada zum Urlaub in der ehemaligen Heimat weilt.

Sie erzählen uns von den schrecklich geringen Verdienstmöglichkeiten auf der Insel, und dass es trotzdem keinen sichereren Ort gibt auf der Welt als Ponta Delgada. Lange hören wir auch an Bord noch bis früh in den Morgen die Musik von der Bühne gegenüber in der Marina.

Auch ohne die „White Ocean“-Dekoration ist Ponta Delgada ein netter Ort mit urbanem Flair. Wie man uns sagt, die einzig wirkliche Stadt auf den Azoren. Wir hätten es also schlimmer treffen können. Hier ist der Sitz der Provinzialregierung und der Hauptort der 1976 gegründeten Universität der Azoren.

Malerisch die beleuchtete Hauptkirche Igreja Matriz de São Sebastião am Abend. Viele kleine Restaurants in der Altstadt, die nicht nur von Seglern und anderen Touristen meist gut besucht sind. Gedrängel auf den schmalen Bürgersteigen der Hauptgeschäftsstraße, die ein paar Blocks oberhalb der Marina verläuft.

Für Atmosphäre sorgen auch die typisch portugiesischen Pflastersteine, die aus hellen und dunklen Quadern zu Mustern gelegt sind. Auch wenn das Laufen darauf nicht besonders angenehm ist – von jahrhundertelanger Benutzung gefährlich glatt geschliffen. Und unseren kleinen Tretroller kann man auf dem unebenen Untergrund schon gar nicht gebrauchen, einmal schon hat sich Sibylle vor der Kirche damit auf die Nase gelegt 😊.

 

Der Hafen von Ponta Delgada spielt durch die Insellage seit jeher eine zentrale Rolle und wurde seit der Stadtgründung wiederholt ausgebaut, vergrößert und befestigt. Es herrscht reger Frachtverkehr zwischen den Azoreninseln und dem Festland. Wenn gegenüber am Frachtterminal Zement abgeladen wird und der Wind ungünstig steht, kann man schon mal eine Nase davon abbekommen. Auch Kriegsschiffe sind regelmäßige Gastlieger. Also nicht unbedingt eine malerische Kulisse, die landseitig von etlichen modernen Hotelklötzen beherrscht wird. Mit dem jüngsten Ausbau des Hafens in 2008 wurde die Liegefläche vervierfacht und bietet nun Platz für 640 Yachten. Gleichzeitig entstand ein modernes Kreuzfahrtterminal. Problem der neuen Marina ist ein starker Schwell,  der sich bei südöstlichen Winden aufbaut und die Schiffe gefährlich tanzen lässt.

Wenig verlockend scheint uns auch das Bad im Marina-Becken, das mangels eines Strandes von den Einheimischen nicht nur an den Sonnentagen gern genutzt wird. Anders als auf den kanarischen Inseln sind Strände auf den Azoren eher die Ausnahme. Meist spielt sich das Badevergnügen von in den Felsen gegossenen Betonplattformen aus ab. Wegen der starken Strömung gibt es an ausgewiesenen Badestellen auch immer 1-2 Lifeguards, die ihren Job durchaus ernst nehmen. Wir haben wenig Lust auf die dunklen Fluten und nutzen dann lieber einige Male das unmittelbar oberhalb liegende Freibad. Das Haupt-Becken ist riesig groß und so ist angenehmes Schwimmen auch während der Schulferien möglich. Eine Liege kostet zwar fast so viel wie der Tageseintritt, aber wir gönnen uns die wenigen Male Entspannung mit Blick auf unser Schiff auf der Pier gegenüber.

Zur Ablenkung genehmigen auch wir uns, wie die meisten Touristen hier, eine Whale-Watching Ausfahrt – einer der wenigen Insel-Ausflüge bisher, denn die Organisation unserer Reparaturarbeiten lässt uns wochenlang kaum Luft für große Unternehmungen. Kein ganz preiswertes Vergnügen, doch der Veranstalter bietet eine kostenlose Zweitfahrt an, sollten sich doch gar keine der versprochenen Tiersichtungen materialisieren, zu denen allerdings nicht nur Wale, sondern auch Delphine zählen. Irgendwo haben wir gelesen, dass bei circa 65% solcher Ausfahrten hier Wale gesichtet werden – und wir haben Glück. Zwei Pottwale, vermutlich ein Weibchen und ein Jungtier, können wir über längere Zeit immer wieder auftauchen sehen. Dazu einige größere Delphinschwärme – eine richtig gelungene Abwechslung, denn auch das Wetter spielt ausnahmsweise mit.

Eigentlich hatten wir gehofft, dass wir spätestens Ende August wieder im Wasser wären, doch im Moment ist leider immer noch kein Ende der Reparatur-Arbeiten abzusehen. Immerhin haben wir vor kurzem überhaupt jemanden gefunden, der die Arbeiten hier kompetent durchführen kann. Zwischendurch hatten wir sogar geplant, einen Spezialisten von einer deutschen Werft eigens hierfür einzufliegen. Doch in der Hochsaison ist hier im näheren Umkreis tatsächlich kein einziges Hotelzimmer mehr zu bekommen. Und auch das launische Wetter mit den vielen Niederschlägen und der hohen Luftfeuchtigkeit macht die Planung einer solchen kostenintensiven Resource fast unmöglich, denn bei Regen muss die Arbeit ruhen, laminieren ist unmöglich, zumindest im Außenbereich. So haben wir uns mit der Werft aus Deutschland geeinigt, dass sie zunächst fernmündlich auf Stand-by bleiben. Vielleicht müssen wir aber dennoch für zusätzliche Unterstützung sorgen, denn das geht uns alles hier viel zu langsam.

Atlantic Crossing – die Zweite.

Unser Weg von West nach Ost bis nach Sao Miguel ist 2.482 Meilen lang, die wir in 18,3 Tagen zurücklegen. Häufige Flauten sorgen dafür, dass unser Durchschittstempo mit 5,65 Knoten (Meilen pro Stunde) einen halben Knoten unter dem des Hinwegs liegt, dennoch gibt es vor allem am Anfang und Ende der Strecke frischen Wind, wo wir mit 6-7 Knoten im Mittel richtig flott segeln können.

Anmerkung der Redaktion:

  • Einige technische Begriffe in diesem Beitrag sind zu einem kleinen Segellexikon für Nicht-Segler verlinkt, zum Aufrufen der Erläuterungen einfach mit der Maus auf die blau markierten Begriffe klicken. Zurück zur Seite: oben in der Leiste auf den Rückwärtspfeil klicken.
  • Bildtexte werden angezeigt, wenn man mit der Maus über das Bild fährt.
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Die Überfahrt von Guadeloupe zu den Azoren ist bis auf zwei kleinere Mahi Mahi zwar leider wenig fischreich, aber ansonsten können wir uns über mangelnde „Action“ tatsächlich nicht beklagen.

Tja und wie sollte es anders sein: an Tag 7 auf See hat der Bordkühlschrank mal wieder einen Aussetzer. Von den Herren der Schöpfung natürlich unbemerkt, um die Vorratshaltung und Verwaltung kümmert sich ausschließlich Sibylle. Diesmal ist das Relais kaputt. Das hatten wir schonmal ganz am Anfang kurz nach der Übernahme des Schiffes – deshalb haben wir auch drei Ersatzrelais an Bord, da sind wir uns ganz sicher. Aber irgendwie haben die Relais es blöderweise nicht auf unsere Inventarliste geschafft – so verläuft die Suche ergebnislos und wir finden die Teile erst zufällig nach Ankunft in Ponta Delgada wieder, nachdem wir bereits neue bestellt hatten. Gott sei Dank kann man einen solchen Fehler durch Überbrückung des Relais ganz leicht provisorisch beheben – vorausgesetzt man verwendet hierfür ein Kabel von ausreichender Stärke 😉.

Der Wassergenerator macht uns trotzdem unterwegs zunächst mal wieder wenig Freude – diesmal allerdings, weil der Propeller ständig voll mit Sargassum-Braunalgen behängt ist und er so keinen Strom erzeugen kann. Weshalb an Tag 11 trotz etlicher Motorstunden unser Energielevel ziemlich stark im Keller ist, denn auch eine der Solarpanele hat sich wegen Korrosion an der Steckverbindung verabschiedet.

Warum bereits am zweiten Tag auf See die Halterung der Hydrovane Windfahnen Steuerung locker ist und sich gefährlich bewegt, können wir uns nicht erklären. Jedenfalls keine schöne Sache, nicht nur ist so die Hydrovane unbrauchbar – auch der Wassergenerator hängt ja noch mit an der Konstruktion und es gilt zu vermeiden, dass die Teile durch weitere Bewegung immer lockerer werden, womöglich sogar ein Loch ins Heck reißen. Wir versuchen zu dritt, die losen Bolzen wieder anzuschrauben, nicht so ganz trivial, da sie von der Innenseite kaum zu erreichen sind. Endlich scheint es gelungen, Dieter schraubt mit dem Kopf nach unten hängend außen am Heck, während Burkhard innen gegenhält, Sibylle vermittelt die Kommunikation zwischen den beiden. Ein Test am Abend zeigt jedoch leider, dass die Reparatur dem Wasserdruck nicht gewachsen ist. Immerhin, wir vertrauen dem Ganzen soweit, dass wir auf die Demontage des Windfahnenruders und des Wassergenerators verzichten. Später in Ponta Delgada stellen wir fest, dass der eine Bolzen verbogen und gebrochen ist – hier bewahrheitet sich mal wieder der blöde Spruch: nach „fest“ kommt „ab“☹.

Der Versuch, den benzingetriebenen Generator anzuschmeißen (wir müssen Diesel sparen!) scheitert zunächst – sofort nach Anspringen schaltet sich das Gerät wegen Überlastung ab, obgleich wir an der Mastervolt die niedrigste Input-Einstellung gewählt haben. Wir vermuten, dass die Batterien schon soweit entladen sind, dass sie bei Einschalten trotz Herunterregelung der Ampereladung einfach zu viel absorbieren. So laden wir doch erst eine Weile mit dem Motor vor, als dann immer noch nichts geht, kommt Sibylle schließlich auf die kluge Idee😉, mal in den Sicherungskasten zu schauen … siehe da – die Klimaanlage ist eingeschaltet und schluckt bei Einschalten des Generators natürlich sofort sämtliche Energie.

Die Sargassum Braunalgen begleiten uns diesmal fast über die gesamte Strecke, das Aufkommen lässt erst wenige hundert Meilen vor den Azoren spürbar nach. Das ist überraschend, soweit nord-östlich haben wir die ausgedehnten Algenteppiche nicht erwartet. Und so macht es auch erst an Tag 13 einigermaßen Sinn, den Propellerantrieb von unserem Watt & Sea Hydrogenerator durch bewährtes Klopfen mit dem Gummihammer auf die Antriebswelle wieder gängig zu machen – ab da liefert der Generator dann störungsfrei richtig viel Energie, sehr erfreulich. Das Sargassum verleidet Sibylle auch schließlich die Angelei – es macht einfach keinen Spaß, alle paar Minuten die Angel von den ekelhaften Algen zu befreien, die sich an Vorfachwirbel und Köderhaken setzen und im Schneeballeffekt schnell an Größe gewinnen, so dass man die Angelschnur schon bei 6 Knoten Fahrt kaum noch über Hand einholen kann.

Die Plage scheint sich weiter auszudehnen. Forscher an der University of South Florida sprechen bereits vom „Großen Atlantischen Sargassum-Gürtel“. Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass solche Braunalgen-Blüten im Zentralatlantik zur neuen Norm werden könnten. 2015 und 2018 war der Teppich jeweils über 8850 Kilometer lang. Erst kürzlich wurde die Eskalation ausführlich in den Medien thematisiert (süddeutsche.detagesschau.de scinexx.denzz.ch), anlässlich einer Veröffentlichung der Wissenschaftler aus Florida. Demnach soll der veränderte Nährstoffgehalt des Meeres, vor allem auch im Bereich der Amazonasmündung, zur explosionsartigen Vermehrung der Algen beitragen.

Ein weiteres Naturphänomen begegnet uns, was uns nicht nur merkwürdig, sondern auch unheimlich vorkommt, und uns wieder einmal intensiv über die Ursachen und Auswirkungen der Klimaveränderungen nachdenken lässt. Über hunderte von Seemeilen treiben unzählige, wunderschön blauviolett schillernde `Portugiesische Galeeren` an uns vorbei – an einigen Tagen sind es mindestens zwanzig pro Minute an jeder Schiffsseite, die wir zählen. Das heißt, wir sind umgeben von Millionen dieser sehr gefährlichen Quallen. Wo treiben die alle hin?

Und unsere Mitsegler aus der ABC-Flotte, die sich zum Teil Hunderte von Meilen von uns entfernt aufhalten, berichten über mehrere Tage dasselbe. Ist das normal? Nach unserem Landfall machen wir uns schlau:

„Die bläulich schimmernde bis 30 cm messende sackförmige Gasblase (Pneumatophore) sorgt für den Auftrieb. … Bei Gefahr kann das Tier innerhalb von Sekunden abtauchen. Das kammähnliche Segel wird nur bei Wind aufgerichtet, sonst würde die Portugiesische Galeere austrocknen. Während der Drift schaukelt sie immer wieder rechts und links, um sich feucht zu halten. Durch Steuerung ihrer Fangarme kann sie gerade soviel manövrieren, dass ihre Großverbände von mehreren tausend Exemplaren zusammen bleiben. Die zahlreichen blauen, weißen oder rotvioletten Tentakel sind bis zu 50 Meter lang.“ (Wikipedia)

Während die Tiere zum Beispiel an der Nordküste Australiens häufig auftauchen, so ist in der Regel im Mittelmeer immer nur von einzelnen „Sichtungen“ der Tiere die Rede. Hunderte Exemplare wurden jedoch in diesem Jahr an einem Strand in Mallorca gefunden, genau in der Zeit, als wir inmitten der riesigen Population auf dem Atlantik segeln mdr.de/wissen/umwelt.

 

„Eigentlich lebt die Portugiesische Galeere in den tropischen und subtropischen Regionen des Pazifik, teilweise aber auch im Atlantik: Sie mag es gern warm. Eigene Fortbewegungsorgane hat sie keine, sie wird angetrieben von Seewinden, Strömung und Gezeiten: Dazu nutzt sie vor allem ihren aufgestellten Kamm, eine Blase über Wasser, die wie ein Segel wirkt. Die Portugiesische Galeere ernährt sich von kleinen Fischen, Krustentieren und Muscheln, die sie mit ihren Tentakeln umschlingt und aussaugt. Berührungen mit den Tentakeln, genauer gesagt ihren Nesselzellen, sind für Menschen nicht nur beim Erstkontakt im Wasser schmerzhaft. Sie wirken wie Peitschenhiebe und halten ungefähr eine Stunde lang an. Das Gift kann einen allergischen Schock hervorrufen, mit Atemstillstand und Herzversagen. Sogar wenn sie schon tot ist, wirkt die Berührung mit den Tentakeln immer noch toxisch. Bei Kontakt mit einem dieser Meeresbewohner sollte immer ein Arzt informiert werden.“ (MDR Wissen 14.05.2019)

Auf den Azoren gehört die Portugiesische Galeere zum Bade-Alltag. Wie auch in Australien gibt es an einigen Badestränden zweistufige Warnschilder, die zur Vorsicht auffordern oder sogar das Baden verbieten. Ob sich allerdings der Trend zu erhöhtem Aufkommen im Mittelmeer fortsetzt, bleibt abzuwarten. Wir sind jedenfalls heilfroh, dass wir keine Veranlassung hatten, unterwegs im Atlantik ins Wasser hinab zu müssen – ohne schützenden Neoprenanzug wäre das kein Spaß geworden.

Einige unserer Herausforderungen auf der Reise sind allerdings leider – wie schon öfter mal – selbst verschuldet.

Am achten Tag auf See früh um 07:20 Uhr Bordzeit gibt es einen Knall, die Genua ist unten am Hals abgerissen und flattert im Wind. Sibylle weckt Burkhard und Dieter zur Hilfe. Wir rollen das Segel zunächst ein Stück ein, dann auf Anraten von Dieter gehen wir mit dem Heck in den Wind, um das Vorsegel abzubauen. Dieter erwischt in der Hektik das falsche Fall und löst das Großfall anstelle der Genua. Dabei fädelt sich das Großsegel unten aus der Führung, wie wir später feststellen. Beim Zusammenfalten der Genua sehen wir, dass diese nicht korrekt in die Doppelschlaufe am Segelhals eingeschäkelt war, sondern lediglich in die äußere der beiden Schlaufen, die nun deshalb durchgescheuert ist. Die große Genua müssen wir an Deck verstauen, sie passt nicht mehr in den Segelsack und auch nicht durch die Luke. Wir setzen das Ersatzsegel. Die kleine Genua ist natürlich längst nicht so gut wie die große, aber wir zögern, die große Genua wieder aufzuhissen, aus Sorge, die zweite Schlaufe könnte ebenfalls brechen und Schlimmeres passieren.  Das gesamte Manöver, inklusive Großsegel neu einfädeln, kostet uns knapp 100 Minuten, währenddessen läuft der Motor und wir fahren in südwestlicher Richtung zurück.

Tag 12 auf See: Nach dem Frühstück legt sich Sibylle nochmal hin. Gerade ist sie selig weggeschlummert, da tut es erneut einen Knall. Wieder ein Problem an der Genua, diesmal ein größeres, denn nun ist das Segel oben am Fall abgerissen und liegt bereits an Backbord im Wasser. Zu dritt schaffen wir es jedoch, das Tuch schnell wieder an Bord zu ziehen, Gott sei Dank. Der Fall-Schäkel ist im Drehgelenk gebrochen, der Schlitten mit dem Fallende hängt oben im Masttopp. Wie kann das passieren? Dieter bietet sich an, in den Mast hochzugehen, obgleich er damit kaum Erfahrung hat, wie wir später erfahren. Es schaukelt entsetzlich, Dieter kann sich kaum halten. Burkhard kurbelt ihn hoch mit der Elektrowinsch. Sibylle führt die Sicherungsleine nach. Schließlich schafft es Dieter mit letzter Kraft den Schlitten runterzudrücken, der Rest geht von allein. Als Dieter wieder sicher an Deck steht, hat er mehrere Blutergüsse und Schürfwunden, aber es ist vollbracht. Ein Ersatzschäkel wird eingehängt und das Segel wieder hochgezogen. Nach gut zwei Stunden sind wir wieder auf Kurs. Fotos wollte in dieser Situation niemand machen.

Endlich haben wir auf der Tour mit Unterstützung durch Dieter nun auch mal unser fast neues Vorwindsegel (Wingaker) vernünftig eingesetzt. Ein wirklich tolles Segel, wenn man die Handhabung beherrscht.

Die Stimmung an Bord ist schlecht. Sibylle hat Dieter laut angegangen, als er das Großsegel anstelle des Vorsegels löst, das war nicht richtig. Er hat zurückgebrüllt, was ebenso wenig angemessen ist, denn schließlich ging es in dem Moment lediglich darum, ihn möglichst lautstark schnell auf seinen Fehler aufmerksam zu machen, und die Folgen des Irrtums gering zu halten.

Am Nachmittag aber bemühen wir uns dann jedoch mit wieder-vereinten Kräften, das große Vorsegel wieder einsatzbereit zu machen. Durch die vordere Luke zerren wir den Segelhals in den Salon und nähen einen Streifen Gurtband als Ersatz für die gebrochene Schlaufe an, teils mit der Nähmaschine und dann auch unter unendlicher Anstrengung (Dieter mit der Kombizange) per Hand. Die provisorische Reparatur soll und kann nur der zusätzlichen Sicherung dienen, falls die innere Schlaufe auch durchscheuert. In Ponta Delgada lassen wir die Schlaufen für 140 Euro komplett erneuern.

Wir sind alle Novizen, aber Dieter kennt sich zumindest mit Spinnaker Segeln aus. Ein bisschen Tricksen müssen wir zunächst mit der Anbringung des Doppelblocks für den Achterholer, den wir schließlich vorn am Anker befestigen, damit das Gehäuse der Furling keinen Schaden nimmt.

Leider auch hier wieder typische Anwenderfehler: das Spi-Fall muss zwingend vor dem Vorstag geführt und vor allem danach auch wieder außen herum zurückgeführt werden, ansonsten fixiert es die obere Befestigung am Kopf der Genua, was vermutlich zum Verbiegen und Bruch des Genua-Fallschäkels (siehe oben) geführt hat.

Außerdem lässt sich das Segel nur bei korrekter Führung des Falls bei Bedarf auf die andere Seite shiften. Und letztendlich scheuert das Spi-Fall durch die Reibung am Vorstag, wenn es nicht korrekt geführt ist. So passiert am letzten Nachmittag vor der Ankunft. Gott sei Dank ist das Fall noch nicht komplett durchgescheuert, als wir das Segel abnehmen, um die letzten 20 Meilen bis Ponta Delgada mit dem Motor zurückzulegen. So kann man es leicht um die schadhafte Stelle kürzen und weiterverwenden.

Ansonsten ist das Segeln mit dem Wingaker einfach herrlich und entspannt. Ohne das Segel hätten wir noch häufiger motoren müssen. Sogar in der Nacht bleibt das Segel einmal draußen – wir sind schlichtweg begeistert, die Investition hat sich gelohnt.

Circa 3-4 Tage vor Ankunft geht mehrfach die Bilgepumpe. Sibylle findet bei Überprüfung morgens reichlich Wasser in der abgetrennten Motorbilge – circa 15 Liter pumpen wir ab. Wie ist es da bloß hingekommen, es gibt keine direkte Verbindung zur Hauptbilge, es muss also irgendein Schlauch im Motorraum defekt und das Wasser bei Schräglage herausgeschwappt sein. Kurze Zeit später springt einer der Schläuche vom Wassermacher ab, noch während wir danebenstehen – na also. Nach Festschrauben sollte das Problem behoben sein, doch immer noch schlägt die Bilgepumpe sporadisch an. Das Wasser kommt eindeutig von achtern, wir befürchten, dass die neu eingesetzten Ruderdichtungen bereits wieder defekt sein könnten. Dass das Seewasser tatsächlich durchs GFK, also durch das Material hindurch eindringt (Horror!), stellen wir erst etliche Tage später im Hafen von Ponta Delgada fest. Dieses Problem wird sich zu unserem Alptraum des Sommers 2019 auswachsen – dazu an anderer Stelle mehr.

Doch sollte keinesfalls der Eindruck entstehen, dass diese zweite Atlantik-Überquerung auch nur im Entferntesten so anstrengend ist wie die Hinreise im vergangenen Winter. Im Gegenteil!

Die Gründe: Von der ABC-Organisation bekommen wir ein hervorragendes, in Verbindung mit dem Positions-Tracker ein teilwiese sehr individuelles Wetter-Routing mit täglichen Wegpunkten. Das macht die Teilnahme an dieser Veranstaltung absolut empfehlenswert! (http://atlanticbackcruising.com/en/ und https://www.facebook.com/Atlantic.Back.Cruising/)

Das präzise Routing ermöglicht uns nicht nur den Starkwind-Bereichen zu entgehen, sondern auch zielgerichtet und schnell aus den zahlreichen Flauten herauszufahren, beziehungsweise den vorherrschenden Wind bestmöglich auszunutzen. So lautet etwa der Marschbefehl am 22: Mai: „das Ziel ist es, solange wie möglich mit der Front und ihren SW-Winden zu segeln. Hierfür hält man sich südlich der Linie 35.00N – 37.30W / 31.00N – 44.00W / 29.00N – 48.00W.“ 

So müssen wir am Ende zwar mit dem Diesel haushalten, aber unter Einsatz unserer fünf Reservekanister haben wir dennoch noch ausreichend Kraftstoff, um den Ziel-Hafen unter Motor anlaufen zu können. Ein bisschen spannend ist das natürlich zwischenzeitlich schon, täglich rechnen wir, wie viele Motorstunden beziehungsweise Seemeilen unter Motor uns noch bleiben. Und in Anbetracht der häufigen Flauten wird die Einleitung des täglichen Wetterberichts mit „no risk of strong winds“ zum geflügelten Spruch des Törns. Die Bilanz zeigt, dass wir tatsächlich knapp ein Fünftel der Strecke unter Motor zurücklegen mussten.

Natürlich gleichen wir die ABC-Wetterempfehlungen mit den Vorhersagen ab, die uns sonst noch zur Verfügung stehen. Täglich fordern wir per Mail (via SSB oder Satellitentelefon versendet) Daten über die Großwetterlage auf dem Nordatlantik an. Mailadresse:  weather@mailasail.com. Betreff lautet: PYEA11.SMALL.TIF

 

Das binnen weniger Sekunden gelieferte File ist klein genug für den Empfang mit schmaler Bandbreite. Es zeigt jedoch die immens wichtige Übersicht über die Großwetterlage, die wir vor allem im Verlauf über die Tage intensiv in ihrer Veränderung beobachten. Die Grib-Files von `Wetterwelt` benötigen wir eigentlich diesmal nicht, dafür liefert ABC ausreichend Daten für den kurz- und mittelfristigen Planungshorizont.

Zweitens: Welle und Schwell. Wenig Wind, dann in der Regel weniger Welle – die unangenehme Seiten-Welle hat uns ja auf dem Hinweg am meisten belastet. Und wenn der Wind mal ordentlich bläst, dann liegen wir in der Regel schräg auf einer Seite, auf einem Bug. Darauf kann man sich einstellen. Und mit dem Wingaker segelt es sich auch bei Wind von achtern deutlich angenehmer als im Schmetterling – man liegt ruhiger, rollt viel weniger. Auf dem Weg in die Karibik war leider der Wind meist zu stark, um den für Leichtwind ausgelegten Wingaker einsetzen zu können.

Nicht zuletzt: bekommt man zu dritt erheblich mehr Schlaf und reist ausgeruhter als zu zweit. Unser Wachplan sieht einen 4-Stunden Wach-Wechsel vor, mit darauffolgend 4 Stunden Ruhe- plus 4 Stunden `Standby`-Phase. Im Normalfall hat der Freigänger also bis zu acht Stunden Schlaf am Stück. Das funktioniert hervorragend. Außerdem verteilen sich die Aufgaben nun auf drei, anstatt auf zwei Schultern. Dieter hat gerade vorher noch an einer Segel-Regatta in Kroatien teilgenommen und ist auf den Segeltrimm spezialisiert. Burkhard kümmert sich hauptamtlich um Wetter und Navigationsaufgaben, Wasser- und Energieversorgung, und Sibylle um Vorratshaltung und Kombüse, Notfallpläne, Logbuch.

Wunderbar ist auch der Empfang bei unserer Ankunft auf Sao Miguel. Zufällig erwischen wir den Abend der ABC-Stegparty für die bereits angekommenen Schiffe. Super Timing 😉. Als wir an der Hafenmole außen vorbeifahren, gibt es ein Feuerwerk. Auch zufällig, aber wir finden, das ist mehr als angemessen, auch wenn die Initiatoren nicht unbedingt uns im Visier haben. Um 22:40 Uhr Ortszeit am 30.05. 2019 machen wir am Steg in der Marina von Ponta Delgada fest. Burkhard steuert leider beim Einparken kurz gegen das Nachbarschiff und unsere Sonnenpanele an Backbord ist anschließend ziemlich hinüber. Shit happens. Die Crews der anderen ABC-Teilnehmer jubeln uns zu, es stehen Getränke bereit und Francois sowie Anne begrüßen uns auf herzlichste. Wir feiern die Ankunft, bis wir umfallen (was nicht lange auf sich warten läßt 😊).

Back to Europe

Auch wenn es sich jetzt wirklich sehr komisch anfühlt, aber die nachfolgenden Abschnitte bis zu unserer Abreise aus Guadeloupe am 12. Mai 2019 waren bereits fast fertiggestellt, so dass wir den Bericht über unsere letzten Wochen in der Karibik trotz erheblicher Zeitverzögerung nun doch veröffentlichen.  In Guadeloupe war vor der großen Fahrt wie üblich leider zu viel Vorbereitungs-Hektik und Aufregung in letzter Minute angesagt, da ist die Publikation auf der Strecke geblieben.

Seit unserem kurzen Deutschlandbesuch anlässlich der Hochzeit von Sibylles Bruder Christoph Anfang April läuft uns die Zeit einfach davon. In den ersten zwei Wochen nach der Rückkehr kämpft Sibylle zudem mit den Folgen eines Zeckenbiss, den sie sich überflüssigerweise beim Bärlauch Sammeln in Süddeutschland zugezogen hat. Das Antibiotikum, welches gegen eine mögliche Borreliose-Infektion verschrieben wurde, ist reines Gift und verursacht alle Arten von Nebenwirkungen, die Sibylle auf der schönen Insel Antigua schließlich völlig umschmeißen, und auch nach dem Absetzen des Medikaments erholt sie sich nur mühsam. 

Dabei hat Antigua das Zeug, zu unser erklärten Lieblingsinsel zu avancieren…..

Natürlich kennen wir bisher nur einen kleinen Ausschnitt des karibischen Reviers. Und leider mussten wir auf dem Weg nach Norden an Dominica vorbeisegeln, eine Insel, welche trotz der Hurrikan Schäden aus 2017 als echtes Highlight gilt. Dennoch – Antigua hat es uns besonders angetan. Auf den ehemals britischen Inseln geht alles irgendwie urtümlicher zu als auf den europäisch-französischen. Und der Charm der altehrwürdigen Gebäude und Anlagen von Nelson`s Dockyard in English Harbour ist einzigartig. Wundervoll sind auch die zahllosen weißen Strände mit Pudersand und türkisblauem flachen Wasser. Und im quirligen St. Johns brodelt das Inselleben, wobei sich hier – anders als weiter südlich – die Kriminalität sehr in Grenzen hält. Und auch das Ein- und Ausklarieren gestaltet sich, entgegen mancher haarsträubenden Seglerberichte, die man im Internet finden kann, völlig unproblematisch.

Zusammen mit „Ariranha“ ankern wir 10 Tage in Jolly Harbour, Antigua. Und ach ja – seit unserem Absprung aus Deshaies auf Guadeloupe haben wir einen Gast an Bord. Simon kommt aus Österreich und wird ebenfalls Anfang Mai von Tortola aus auf einem Segelschiff die Rückreise nach Europa antreten. Kurz entschlossen offerieren wir ihm die Passage nach Antigua, und auch den Aufenthalt an Bord, bis er einen Lift weiter in den Norden findet. Dazu kommt es dann nicht, zu den BVI`s muss er schließlich mit dem Flugzeug weiterreisen und wir verbringen herrliche Tage gemeinsam in der Bucht und an Land.

Simon hilft uns dabei, die Ladeleistung der Lichtmaschine durch den Austausch eines Kabels deutlich zu verbessern, er ersetzt den (wieder mal) defekten Stecker für die Fernbedienung der elektrischen Ankerwinsch und macht sich nützlich, wo er kann. Der Abschied fällt nicht leicht, so sehr ist uns der junge Elektroniker und – temporär auch Almbauer – ans Herz gewachsen.

Und auch die Trennung von der „Ariranha“-Crew wird eine lange werden – vielleicht sieht man sich noch kurz auf den Azoren wieder, aber anschließend wollen die beiden erstmal nach Deutschland zurück.

Noch einmal nähen wir gemeinsam und bessern vor der Überfahrt unsere Sprayhood aus, mit neuen Reißverschlüssen und Fenstern. Ein paar Wochen zuvor hatte Michael uns bereits bei der Anfertigung eines zusätzlichen Wind- und Regenschutzes für das Cockpit tatkräftig zur Seite gestanden. Sibylle macht es riesigen Spaß, dem gelernten technischen Konfektionär einiges abzuschauen. Unsere „Sailrite“ – die aus Sibylles Sicht weltbeste Nähmaschine für solche Canvas-Arbeiten an Bord – begleitet uns ja jetzt schon seit zwei Jahren und hat uns so manche Ausgabe erspart.

Am 03. Mai ist es dann so weit – wir geben Anker auf und fahren von Antigua zurück nach Guadeloupe. Zwei Tage gönnen wir uns noch in der schönen Bucht von Deshaies, bevor wir in die Marina nach Point à Pitre aufbrechen, um uns auf unsere zweite Atlantiküberquerung vorzubereiten. Die Fahnen der ABC Organisation wehen schon in der Marina und Direktor Francois hilft uns beim Anlegen. Alle 17 teilnehmenden Boote der ABC-Flotte liegen nebeneinander am Steg – ein buntes Bild mit all den Werbe-Flaggen, die wir neben zumeist flüssigen Geschenken (auch in Guadeloupe wird natürlich viel Rum produziert 😊) im Laufe der Woche von den Sponsor-Partnern der Organisation erhalten.

Leider sind wir die einzigen Deutschen, außer einem italienischen Boot sind alle Teilnehmer Franzosen. Unser Französisch ist eher rudimentär, zumindest was den aktiven Sprachschatz angeht, und das Englische ist für manche Franzosen durchaus problematisch. Das gilt jedoch nicht für die ABC-Organisation: hier ist man hundert Prozent zweisprachig, alle Briefings sowie Wetterberichte und Routings werden auch auf Englisch geliefert. Und mit dem Rest der Truppe arrangieren wir uns – man ist sehr bemüht uns zu integrieren, doch irgendwie bleiben wir eher Außenseiter.

Am Abend des 08. Mai trifft unser Freund Dieter ein. Er hat als waschechter Seemann viele tausend Meilen auf dem Buckel, aber gern möchte er nun endlich auch einmal unter Segeln den Atlantik überqueren. So wird er uns also auf unserem Rückweg nach Europa begleiten.

Die drei Tage bis zur Abfahrt sind vollgepackt: neben den täglichen Briefings und abendlichen Rum-Parties der ABC-Organisation, müssen wir noch frische Lebensmittel bunkern und vorkochen, das Dinghi muss eingepackt und das Vorsegel gewechselt werden. Da der erste Schreck: beim Herunternehmen fällt Sibylle auf, dass die Fock am Übergang zum Sonnenschutz kaputt ist, so ein Mist. Die große Genua ist zwar intakt und in St. Lucia erst repariert worden, hier hatte sich der Sonnenschutz auf der Atlantiküberquerung komplett aufgelöst. Aber ohne einen Vorsegel-Ersatz wollen wir in keinem Fall losfahren. Mit Unterstützung von Francois ereignet sich ein kleines Wunder: nach wenigen Stunden beim Segelmacher kann Dieter die geflickte Fock bereits am Nachmittag wieder abholen.

Doch dann gleich das nächste Drama: mal wieder läuft der Kühlschrank nicht mehr, genauer gesagt die berühmte Seewasserpumpe, die den Kompressor kühlt, scheint sich erneut verabschiedet zu haben. Hatten wir die nicht gerade noch auf Martinique getauscht und zuvor auf St. Lucia? Noch gut 36 Stunden bis zum Start, wir sind gereizt und fertig – Dieter entschärft die Situation und lädt uns in der Bar gegenüber zum Bierchen ein.

Am Samstag Vormittag gibt es dann neben dem lebenswichtigen Wetterbriefing genau eine Priorität: den Kühlschrank wieder ans Laufen bringen. Das Wetterbriefing ist ausgezeichnet, wir bekommen nicht nur detaillierte Hinweise für die Strecke der kommenden Tage, sondern erhalten auch ein allgemeines Verständnis für die Wetterbedingungen auf dem Nordatlantik.

Im Anschluss an den Wettervortrag, der per WebEx aus Frankreich übertragen wird, kümmert sich Burkhard beim Schiffsausrüster um eine neue Kühlschrankpumpe. Das wird eine größere Sache, denn eine Pumpe, die auf unsere Anschlüsse passt, ist natürlich nicht vorrätig.

Dieter und Sibylle warten währenddessen mit den anderen Teilnehmern auf den Fotografen für das Gruppenfoto, auf dem Burkhard nun leider fehlt. Als wir uns anschließend voller Verzweiflung erneut der defekten Kühlschrankpumpe widmen, fällt Dieter auf, dass der Zulauf zum Seewasserfilter abgesperrt ist, das hat gestern niemand bemerkt. Verursacher war offenbar der Mensch vom Volvo Motorservice, der in einem unbeobachteten Moment im Rahmen der Wartung am Vortag wohl sämtliche Ventile zugesperrt hatte, die er im Motorraum finden konnte …. AUA – sehr peinlich, aber als der Mechaniker von Schiffsausrüster zum Tausch der Kühlschrankpumpe erscheint, läuft die alte Pumpe bereits wieder 😉

Am 12. Mai 2019 fahren wir um 11:00 Uhr Ortszeit gemeinsam mit den anderen Teilnehmern über die Startlinie. Um von Guadeloupe wegzukommen, müssen wir zunächst südöstlich in Richtung der Insel Marie Galante aufkreuzen – mit dem Gegenwind zum Anfang hätte der Startpunkt kaum ungünstiger gewählt werden können. Schließlich schmeißen wir den Motor an, bis wir die Ostecke von Guadeloupe gerundet haben. Nach gut 40 Meilen können wir dann endlich durchstarten, Richtung Nordosten, Richtung Europa.

Martinique

So ganz anders als die Inseln südlich von ihr präsentiert sich Martinique. Sehr französisch, sehr europäisch. Im Unterschied zu den britisch geprägten Inseln fährt man hier wie gewohnt auf der rechten Seite. Die Straßen sind gut asphaltiert, es gibt sogar mehrspurige Schnellstraßen, jedenfalls rund um die Hauptstadt Fort de France. So leihen wir uns mehrfach einen kleinen Mietwagen, um gemeinsam mit Sabine und Harald Teile der Insel zu erkunden.

Unser erster Ausflug geht an die südliche Ostküste, wo es besonders schöne Strände geben soll. Was für eine Enttäuschung! Bedrückt schauen wir auf die stinkenden Berge von Sargassum-Braunalgen an den zumeist menschenleeren Stränden. Hier kann und möchte niemand mehr zum Baden herkommen. Lediglich Surfer und Kiter lassen sich nicht abhalten – aufgrund der Windsituation ist die Ostküste mit ihren weiten flachen Stränden für die Ausübung des Sports natürlich besonders attraktiv. Wir müssen uns die Nase zuhalten, der faulige Gestank erregt Übelkeit. Was soll nur aus den vielen Appartments und Hotelanlagen werden, die man hier errichtet hat. Was aus den Fischern, die sich mit ihren kleinen bunten Booten den Weg zum Hafen durch Braunalgenteppiche erkämpfen müssen. Meerestiere werden in den dichten Teppichen gefangen und verenden kläglich. Die Naturkatastrophe scheint immer größere Ausmaße anzunehmen, und sogar auf der Westseite der Insel schwimmen inzwischen schon einzelne Sargassum-Ableger.

Die Folgen sind verheerend, so ist es nicht überraschend, dass das Elend auch im diesjährigen Karneval in Sainte Anne mit einem Mottowagen thematisiert wird: Sargassum regiert die Welt. Harald hat noch ein paar Links zum Thema recherchiert, die wir hier gern teilen, so dass sich jeder selbst ein umfassendes Bild von der Katastrophe machen kann. Seit 2011 gibt es die Plage hier in der Karibik – doch vor unserer Atlantiküberquerung haben wir nie etwas davon gesehen oder gehört.

https://www.noonsite.com/General/Environment/caribbean-sargassum-coverage-significantly-higher-than-most-years-since-2011

https://newrepublic.com/article/150775/humans-created-new-natural-disaster

http://sargassummonitoring.com/

Beim kleinen Ort Le Francois beschließen wir die Ost-Küste zu verlassen und über eine als landschaftlich schön ausgewiesene Straße unseren Weg zurück Richtung Le Marin zu nehmen. Eine gute Entscheidung. 

Das Landesinnere ist auch hier im Süden wunderbar hügelig grün mit viel Landwirtschaft und Obstplantagen. Wir stoppen bei einem kreolischen Garten. Für sechs Euro pro Person erklärt uns hier Monique in dritter Generation die Anlage ihres Großvaters. Sie kennt jeden Baum, jeden Strauch und jeden noch so kleinen Bodendecker. Circa 200 verschiedene Arten der Flora von Martinique sind hier vertreten. Wir staunen über Mangobäume, Vanilleblüten, Strelizien, Soursop, eine kleine Ananas, unzählige Heilkräuter und Blütenpracht.

Der Rückweg nach Le Marin führt uns über den lebhaften Badeort Sainte Luce. Eigentlich hätten wir hier gern etwas gegessen, aber wie so oft schließen die einladenden Strandbuden und -restaurants ab späten Nachmittag, und machen – wenn überhaupt – erst ab 19:00 Uhr wieder auf. Doch tatsächlich gibt es von Le Marin eine gute Busverbindung und so holen wir, was uns an diesem Tag entgangen ist, zu einem späteren Zeitpunkt mit der Crew von der Ariranha ausgiebig nach ….

Martinique ist das Einkaufsparadies schlechthin – hier in der Gegend gibt es nichts Vergleichbares. Die französischen Hypermarchés sind riesig und das Sortiment lässt keine Wünsche offen.  So fahren fast alle Crews nach Martinique zum „Bunkern“, das heißt zur Bevorratung in großem Stil. Auch wir schlagen erstmal richtig zu und staunen über das reichhaltige Angebot. Bis auf eine Discounterkette ist jedoch alles recht hochpreisig. Die Marina in Le Marin ist die größte ihrer Art in der Karibik und bietet eine ausgezeichnete Infrastruktur mit Schiffsausrüstern, Werft, Waschsalon, Bäckerei, Restaurants und kleinen Läden. Unschlagbar ist der Angelshop AKWABA, auf 240 Quadratmetern locken Hunderte von bunten Ködern und sämtliches Fishingzubehör – die Versuchung ist groß, aber Sibylle begnügt sich mit dem Ersatz des kürzlich verlorenen Lieblingsköders und ein paar Haken.

Ab jetzt werden Sabine und Harald bei gemeinsamen Unternehmungen stets von der „Ariranha“ Crew abgeholt und wieder zurück an Bord gebracht – ein unglaublicher Service, den wir alle sehr genießen, denn zu viert ist es in unserem eigenen Dinghi doch recht eng und auch die Motorisierung etwas schwach.

In Sainte Anne „tobt“ überraschenderweise der Karneval – bis Karnevalsdienstag einschließlich gibt es fast jeden Tag einen kleinen Umzug, mit wechselnden Wagen und Tanzgruppen. 

Nach ein paar Tagen der Eingewöhnung verlassen wir mit unseren Gästen die Marina und gehen vor Anker um die Ecke in Sainte Anne. Für Harald beginnt nun eine neue Herausforderung: das sichere Ufer kann ab jetzt nur noch mit dem Dinghi erreicht werden – und ob er sich dem schaukeligen Gummischlauch anvertrauen möchte, weiß er noch nicht so genau. Doch die „Ariranha“ hat ein großes Beiboot mit richtiger Sitzbank und dank Michaels fürsorglicher Probefahrt ist nun auch das Dinghifahren für Harald gar kein Problem.

Nach dem obligatorischen „Elf-Ührken“ streifen wir ausgiebig durch die Souvenirläden, vertrödeln die Tage am langen Sand-Strand und genießen abends die Sundowner – mal an Bord der „Ithaka“, mal zu Gast bei „Ariranha“. Burkhard und Michael gönnen sich einen Besuch bei der ortsansässigen Osteopathin, die den beiden – zumindest vorübergehend – zu aufrechtem Gang verhilft.

*) Bedeutung: Bier um 11:00 Uhr. Sollte die Uhrzeit mal nicht passen, so wird sie passend gemacht: „irgendwo auf der Welt ist es jetzt auf jeden Fall 11:00 Uhr“ © Michael R.😉 

Doch leider gibt es auch ernste Themen. Zu unser aller Entsetzen wurden auf der anderen „Ithaka“ die beiden Außenbordmotoren am video-überwachten Werftsteg gestohlen, während Angela und Christof in Deutschland ohnehin gerade sehr schwere Zeiten durchmachen. Sie bitten uns, an Bord nach dem Rechten zu sehen – Gott sei Dank scheint sich der Übergriff auf die beiden Motoren beschränkt zu haben.

Wir vereinbaren einen Krantermin in der Carenantilles Werft, denn wir brauchen dringend einen neuen Antifouling Anstrich.

Außerdem überlegen wir immer wieder, was wir während der Hurrikan-Saison machen sollen. Der Weg nach Süden birgt Gefahren vor allem wegen möglicher Piraterie im Umkreis der Küste von Venezuela. Der Rückweg nach Norden in die Karibik, zum Beispiel von Kolumbien aus, ist beschwerlich und für die Fahrt unter Segeln gibt es nur wenige günstige Wetterfenster. Inzwischen hat der Wind hier im Revier spürbar nachgelassen und immer häufiger wird Sibylle von Mücken fast aufgefressen – keine schöne Perspektive für die heißen Sommermonate, die uns hier erwarten.

Nach einer Woche lichten wir den Anker und segeln am Diamond Rock vorbei hoch in die wunderschöne Bucht Grande Anse D`Arlet. Im Gegensatz zu Sainte Anne, wo außer uns noch mindestens 200 weitere Segelboote lagen, geht es hier deutlich beschaulicher zu. Die Tage verrinnen und bald heißt es Abschied nehmen für Sabine und Harald.

Wir reservieren kurzfristig einen Platz in der Marina Etang Z`abricot, in der Nähe des Flughafens in Fort de France. Von hier aus wollen wir die letzten beiden Tage nochmals Ausflüge mit dem Mietwagen machen. Daraus wird zunächst nichts, denn mal wieder gibt unsere fast neue Kühlschrankpumpe den Geist auf. Seewasser tritt in der Mitte der Pumpe aus und sie hat die Arbeit eingestellt – nach nicht einmal drei Monaten Laufzeit. Garantie gibt es natürlich nur dort, wo wir sie gekauft haben, aber nach St. Lucia wollen wir deswegen jetzt nicht unbedingt segeln. Wir setzen uns in den Mietwagen und fahren zum nächstgelegenen Chandler in Fort de France, hier beschränkt sich das Angebot jedoch auf Lacke und Batterien. Also auf nach Le Marin. 

Wir bedauern, dass Sabine und Harald an Bord bleiben wollten, denn dieser Inselausflug nimmt fast einen halben Tag in Anspruch. Tatsächlich finden wir eine passende Pumpe in Le Marin und sind schneller zurück als gedacht. Routiniert und in Windeseile wird die neue Pumpe eingebaut und so können wir wenigstens den Nachmittag noch für die Besichtigung von St. Pierre nutzen.

St. Pierre liegt 31 Kilometer nördlich der Inselhauptstadt Fort-de-France. Die ehemals blühende und wohlhabende Ansiedlung war über mehrere Jahrhunderte Hauptstadt und darüber hinaus Kolonisationskeim der ganzen Insel. Sie wurde 1902 durch eine Eruption des sieben Kilometer nordöstlich aufragenden Vulkans Montagne Pelée zerstört und hat sich nach dem Wiederaufbau zu einem beliebten touristischen Reiseziel entwickelt (Wikipedia).

Am Abreisetag schließlich besuchen wir noch gemeinsam den Jardin de Balata, den berühmten botanischen Garten von Martinique.

Der Garten liegt hoch oben an einem Berg und ist wunderschön angelegt. Die verschiedenen Gewächse sind nach Familien gruppiert: Bromelien, Palmen, Bambusgewächse. Dazwischen gibt es Teiche mit Seerosen und Fischen. Für den Weg über eine Hängebrücke, die durch die Baumwipfel oberhalb führt, müssten wir leider mehr als eine Stunde anstehen, so verzichten wir auf das Erlebnis.

Zurück an Bord gibt es noch einen Überraschungsbesuch von der Ariranha Crew, bevor wir Sabine und Harald an den Flughafen bringen. So schnell verging die Zeit und die beiden müssen zurück ins kalte Deutschland.

Den darauffolgenden Tag verbringen wir mit Auf- und Umräumen, Waschen und einem lange überfälligen Friseurbesuch für Sibylle. Dann brechen wir auf zurück Richtung Le Marin, denn am 19. Februar ist dort unser Krantermin. Beim Ausfahren aus dem Liegeplatz bemerkt Burkhard, dass – mal wieder – die Lenkung nicht funktioniert. Blitzschnell entscheidet er, vorwärts zurück in die Box zu fahren. Bei starkem Seitenwind ausschließlich mit Hilfe des Bugstrahlruders wieder anzulegen, ist kein leichtes Unterfangen, aber es gelingt. Ein Marinero lässt sich trotz aufgeregtem Funken nicht blicken, aber Gott sei Dank gibt uns ein benachbarter Skipper die Mooringleine an und vertäut die Festmacher. Ein Blick in die Steuersäule und unter die Achterkojen zeigt: wieder einmal ist die Kette aus der Führung und die Steuerseile vom Quadranten abgesprungen. Dabei hatten wir doch drei Tage zuvor noch ganz normal hier angelegt. Wie das passieren kann, ist uns bis heute ein Rätsel. Wir werden künftig die Position der Steuerseile regelmäßig kontrollieren müssen. Als wir mit der Reparatur fertig sind, ist es bereits Mittag und wir laufen als Zwischenstopp die Grande Anse D`Arlet an, um nicht im Dunkeln in Le Marin ankommen zu müssen.

Auch der Morgen des Krantermins verläuft nicht ganz reibungslos. Mit ausreichend zeitlichem Vorlauf geben wir früh in der Bucht von Le Marin den Anker auf, um rechtzeitig in der Werft Carenantilles einzulaufen. Dabei fangen wir uns eine alte Kette ein, die dort am Boden liegt. Die Kette ist so ungeschickt um unseren Anker gewickelt, dass wir aus eigener Kraft nicht freikommen. Gott sei Dank ist die „Ariranha“ nebenan und Michael kommt schnell mit dem Dinghi angebraust, um uns zu helfen.

Die Hilfskraft im Werft Office ist unsere nächste Herausforderung (Krantermin unbekannt …), doch das Auskranen klappt prima. Der Kranführer ist routiniert und versteht seinen Job. Wir haben den Hochdruckreiniger bestellt und nach einer guten Stunde ist das Unterwasserschiff vom tropischen Urwald befreit, der sich dort festgesetzt hatte. Es gibt aber noch jede Menge Muschelreste, die einzeln abgeschliffen werden müssen.

Drei Tage haben wir für die Arbeiten am Unterwasserschiff veranschlagt – ein sportliches Timing, aber wir kommen hin. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der regelmäßigen Pausen und Motivations-Bierchen gemeinsam mit „Ariranha“, die neben uns an Land steht. Zu viert macht die Arbeit doch einfach deutlich mehr Spaß, man schleift und streicht um die Wette und freut sich über den Fortschritt.

So bleibt am Schluß noch ausreichend Zeit, um nicht nur den Schiffen sondern auch den Skippern ein frisches Styling zu verpassen 😉. Dummerweise passiert beim Einkranen von „Ariranha“ ein kleines Malheur, so dass an einigen Stellen nochmal nachgearbeitet werden und der Launchtermin auf nächsten Tag verschoben werden muss.

Zwischendurch treffen wir François von der franzöischen Organisation „Atlantic Back Crusing (ABC)“ http://atlanticbackcruising.com/en/ und fällen endlich eine Entscheidung: am 12. Mai werden wir mit einer kleinen Flotte von Guadeloupe über die Azoren nach Europa zurücksegeln und unseren Traumtörn im Mittelmeer fortsetzen.

Wir freuen uns sehr aufs Mittelmeer, das im Vergleich zur Karibik doch deutlich mehr Abwechslung bietet – trotz aller unübersehbaren Reize, die wir in diesem exotischen Revier kennengelernt haben. Doch traurig verabschieden wir uns von Christof und der anderen „ITHAKA“, aus der gemeinsamen Weiterreise wird nun vorläufig nichts werden. 

Sollte uns in absehbarer Zeit das Fernweh wieder packen, dann müssen wir halt die Runde über den großen Teich erneut in Angriff nehmen – ausschließen würden wir das heute jedenfalls nicht.

Segeltaktik in den „Channels“

In den Meerengen zwischen den Inseln der Karibik pfeift der Wind oft richtig. Viel Wind – das ist uns aus der Ägais ja durchaus nicht fremd, doch hier im Atlantik kommt oft eine heftige Strömung hinzu, die in Richtung Süden das Schiff meist ordentlich voranschiebt, in nördlicher Richtung jedoch zum Teil ärgerlich weit ab vom Wunschkurs versetzt. Kräftig drückt die Atlantikwelle von Ost nach West im Freiwasser zwischen den Inseln. Nicht selten hat der stets böige kräftige Wind eine Nordkomponente. Will man also vom Süden der kleinen Antillen zurück in den Norden, segelt man daher meist hoch am Wind und muss so gut es geht „vorhalten“, das bedeutet, man fährt so hart am Wind gen Osten wie möglich, um den westlich versetzenden Strom auszugleichen.

Die Empfehlungen im Revierführer von Chris Doyle sind sehr hilfreich, um unvorhergesehene Stresssituationen bei Starkwind und hoher Welle zu vermeiden. Theoretisch 🙂

So „motorsegeln“ wir mit halb gesetztem Großsegel im Lee von St. Vincent bis zur Nordspitze, besonders die letzten Meilen verlangen dem Motor einiges ab gegen Welle und Strom, und trotz hoher Drehzahl kommen wir nur mäßig voran. Wir sind soeben frei vom Land, da scheppert mal wieder unsere Coladose an der Schleppangel und der Expander spannt sich fast bis zum Zerreißen. Im selben Moment ein schrilles Piepen – der Motor mahnt Überhitzung an. Burkhard schaltet ab und springt nach unten, um die Temperatur festzustellen. Sibylle bemüht sich, das Schiff ein wenig in Fahrt und auf Kurs zu halten – mit halbem Großsegel kein sehr erfolgreiches Unterfangen, aber wenigstens zeigt der Richtungspfeil auf dem Kartenplotter an, dass wir nicht auf die Nordspitze der Insel zurücktreiben. Gleichzeitig versucht sie Stück für Stück, die Angelleine über Hand auf die Spule zu wickeln, das Ganze dauert circa 20 Minuten, dann geht nichts mehr.

Wir wollen am selben Tag noch bis zur Rodney Bay hochfahren, eine Tagesetappe von knapp 80 Seemeilen. Unsere Ankunft wird ohne erst weit nach Anbruch der Nacht sein, insbesondere jetzt, wo uns der Motor mal wieder im Stich lässt.

Strömung und Wind versetzen uns zusehends weiter weg von der Insel, und schließlich fahren wir eine Wende, um wieder näher an Land zu kommen. Wir machen jedoch kaum Fahrt und erst recht keine Höhe, die Steuerfrau muss sich sehr konzentrieren, um zu vermeiden, dass wir wieder zurück in die Richtung fahren, aus der wir gerade gekommen sind. Nachdem wir uns dem Ufer einige Meilen genähert haben, geben wir das Unterfangen auf, wenden erneut und schalten den Motor wieder ein. Wir sind uns nicht sicher, was den Überhitzungsalarm ausgelöst hat. Die Seewasserpumpe und auch der Impeller sind völlig in Ordnung, das Seewasser wird in gewohnter Menge durch den Kreislauf gepumpt. Mit niedriger Drehzahl und ständiger Temperaturkontrolle bewegen wir uns langsam aber stetig auf unser Ziel zu. Näher unter Land wird der Winkel zum Wind günstiger, das Großsegel schiebt mit und auch die Strömung lässt nach. Gegen 22:00 Uhr laufen wir in die Rodney Bay ein und werden von „Ariranha“ begrüßt, die ebenfalls hier ankert. Beim Ankermanöver fängt es an, aus Kübeln zu schütten. Eigentlich haben wir heute Vollmond, aber der Himmel ist pechschwarz und in dem Regenvorhang kann man kaum die Hand vor Augen sehen. Kein schöner Empfang in St. Lucia!

Burkhard übernimmt auf Zuruf das Steuer, eigentlich müssen wir dringend das Vorsegel setzen, um ohne Maschine voranzukommen, doch der Fang geht jetzt erstmal vor. Hinter unserem Schiff an der mittlerweile recht kurzen Leine hängt ein riesiger Fisch. Sibylle spurtet nach unten, um das Gaff zu holen, auf Burkhards Hilfe muss diesmal verzichtet werden. Mit zitternden Händen (vor Angst, der Fisch könnte inzwischen vom Haken gehen), wird schnell das Gaff montiert. Die Angst war berechtigt, denn als der mehr als 15 Kilo schwere Fang endlich an Deck liegt, steckt der Köder nur noch im kurzen Schwert des Fisches fest, das Ködervorfach ist gerissen …. Das war in letzter Sekunde, puh! Doch jetzt müssen wir erstmal wieder vernünftig Fahrt aufnehmen, in Richtung St. Lucia. 

Später identifizieren wir unseren Fisch als Blauen Marlin, nach erneuter Recherche zwei Tage danach jedoch als sogenannten „Sailfish“ (deutsch: Fächerfisch). Beide Spezies gehören zur Familie der Speerfische. Der Sailfish zeichnet sich durch eine strahlendblaue große fächerartige Rückenflosse aus, die mit schwarzen Tupfen durchsetzt ist.

Leider haben wir es in der Aufregung um den Motor nicht hinbekommen, vernünftige Aufnahmen von unserem großen Fang zu machen. Daher verwenden wir hier zusätzlich eine Abbbildung von wissen.de (© RCS Libri & Grandi Opere SpA Milano/Il mondo degli animali).

Die riesigen Fischfilets schmecken herrlich, mariniert als Tartar oder Ceviche oder auch gebraten. Wir teilen unseren Fang mit Christine und Michael von der „Ariranha“, und verbringen kulinarisch wertvolle Abende an Bord unserer Schiffe.

Unser gemeinsam geplanter Entspannungs-Tag im Hotel „Sandals“ findet leider nicht statt. An der Rezeption erklärt man uns, dass man die Vergabe von Pässen für Tagesgäste ausgesetzt hat, solange das Hotel hundertprozentig ausgelastet ist. Schade.

Wir wandern am Strand entlang zurück und verbringen statt dessen einige nette Stunden and der Strandbar von „Landings“, nutzen hier die „Wasserliegen“ und die Süßwasserduschen. In einem lokalen Restaurant in Gros Islet essen wir anschließend gut und günstig, dann nehmen wir den Minibus zurück zur Marina.

Die Straßen brodeln heute im Vorfeld der Feierlichkeiten für den Nationalfeiertag , alle Autos sind mit der Landesflagge geschmückt. Auch in der Marina hat ein Künstler den Feiertag thematisiert, mit den Landesfarben und bunten Gesichtern auf runden Säulen.

Es ist ein seltsames Gefühl, wieder mal durch die Rodney Bay Marina zu laufen, die uns so viele Tage ein sicherer Hafen gewesen ist, an der Boardwalk Bar einen Drink zu schlürfen und bei Elena die ausgezeichnete italienische Pizza zu bestellen. Beim Chandler kaufen wir zwei Dosen Antifouling – wir müssen in der nächsten Zeit dringend mal unser Unterwasserschiff pflegen und neues Antifouling anstreichen.

Die Tage in St. Lucia gehen vorbei wie im Flug – eigentlich wollen wir längst auf Martinique sein, doch der Wind bläst in diesen Tagen recht kräftig und hat dazu eine ausgeprägte Nordkomponente. So verschieben wir die Überfahrt nach Martinique auf den letztmöglichen Termin, den Tag der Ankunft von Burkhards Bruder Harald und Schwägerin Sabine.

Wenn wir nicht gerade mit der Crew von der Ariranha unterwegs sind, treffen wir Vorbereitungen für den Besuch und erledigen einige Arbeiten am Boot. Die Sprayhood wird geflickt, die WC-Pumpe achtern ausgetauscht. Dank kräftigem Wind und Sonnenschein haben wir in diesen Tagen mit der Energieversorgung überhaupt kein Problem, insbesondere der Windgenerator produziert gut, auch und vor allem in der Nacht.

Am 26. Februar geht es durch den St. Lucia Channel endlich Richtung Martinique. Wieder „motorsegeln“ wir, bis wir gut frei von der Insel sind. Dann segeln wir so hoch am Wind, wie es nur geht. Wieder können wir nicht vermeiden, dass wir weiter nach Westen versetzt werden als gewünscht. Die Wellen sind gut 3-4 Meter hoch und häufig wird der Bug überspült. Wir wundern uns, dass die „Ariranha“ den Kurs erheblich besser hält – wie sich herausstellt, haben sie jedoch die gesamte Strecke den Motor mit eingesetzt.

Gut 7 Meilen vor der Südküste von Martinique erwischt uns ein Squall – der Wind geht auf knapp 35 Knoten hoch und wir haben Mühe, die Genua schnell genug einzurollen, die wir eben noch auf volle Stärke ausgerollt hatten. Auch die Windrichtung ist nun mehr als ungünstig, so packen wir das gesamte Tuch ein und motoren den Rest der Strecke gegen Wind und Welle bis Le Marin, wo wir für ein paar Tage einen Platz in der Marina gebucht haben, damit unser Besuch trockenen Fußes an Bord kommen kann.

Rum, Schokolade, Gewürze und Meer

Nie wieder trinken wir Rum … denken wir bei uns, während wir in die jahrhundertealten Bottiche mit stinkender, trüber Brühe schauen, aus der ein paar Arbeitsgänge später das hochprozentige Destillat gewonnen wird.

Wir besichtigen eine Rum-Fabrikation aus dem 18. Jahrhundert auf der Insel Grenada. Es ist faszinierend, an dem Herstellungsprozess wurde seit der Gründung im Jahr 1785 fast nichts verändert:

Ein Wasserrad, das während des Produktionsbetriebes aus einer natürlichen, gestauten Quelle gespeist wird, treibt den gewaltigen „Crusher“, welcher das Zuckerrohr zerkleinert und zerdrückt, so dass der Zuckerrohrsaft ausfließt.

Über Berge von getrockneten Zuckerrohrresten (Bagasse genannt), die zum Teil als Brennmaterial wiederverwendet werden, stapfen wir in die hölzerne Produktionshalle, wo der Saft aus dubiosem Rohrsystem von Bottich zu Bottich fließt, reduziert und schließlich vergoren wird. Verschiedene Bauern aus der Umgebung liefern ihr Zuckerrohr hier ein, gemessen und bezahlt werden sie nach der Menge der Saftproduktion, die wie vor 250 Jahren an einer Tafel in der Fermentierungshalle festgehalten wird.

Die nächste Station ist die Destillation, hier wird kräftig eingeheizt, um im Druckkessel das Rum-Destillat zu gewinnen, welches in einer Rohrschlange im Bachwasser abgekühlt und zur Abfüllstation geleitet wird. Sehenswert ist auch die sogenannte Qualitätskontrolle: hier wird der Alkoholgehalt festgestellt und je nach Ergebnis das Destillat in unterschiedliche Behälter geleitet. Die Abfüllung in Flaschen erfolgt von Hand.

Zwar werden bei „Rivers Rum Grenada“ nur kleine Mengen hergestellt – 600 Flaschen täglich – und für die weitere Reifung in Fässern ist die Nachfrage auf der Insel Grenada zu groß, man hat keine Zeit um braunen Rum zu produzieren, also bleibt es bei weißem, aber der hat es in sich.

Das Hauptaugenmerk der Produktion liegt auf der Herstellung von 75%tigem Alkohol, da im Flugzeug wegen der Brandgefahr aber nur die Mitnahme bis 70% gestattet ist, wird zusätzlich für die Touristen eine 69%tige Variante abgefüllt. Nach der Verkostung könnten wir als Feuerspeier auftreten, so sehr brennt das Zeug.

Berühmt ist Grenada auch für die Kakaobohnen- und Schokoladenproduktion. Und so besichtigen wir mit Jouvay Chocolate und Belmont Estate gleich zwei altehrwürdige Verarbeitungsstätten. In der Fermentierungshalle riecht es wie in einer Weinkelterei, das leicht säuerliche Fruchtfleisch der Kakaofrüchte wird hier in großen Holzkisten mit Bananenblättern abgedeckt vergoren. Der Vorgang dauert 6-7 Tage, währenddessen werden die Bohnen regelmäßig von einer Kiste zur anderen geschaufelt, um ein gleichmäßiges Ergebnis zu erreichen. Erst nach der Fermentation lassen die Kerne den typischen Schokoladengeschmack erkennen, der sich mit anschließender Trocknung und Röstung der Bohnen dann noch verstärkt.

Auch hier kommt beim Trocknen der fermentierten Bohnen noch alte „Technologie“ zum Einsatz: in riesigen Holzschubkästen auf mehreren Ebenen werden die Bohnen in der Sonne getrocknet. Auf Eisenschienen gelagert können die Schubkästen bei Bedarf unter eine regenfeste Abdeckung gefahren werden.

Ergebnis der Schokoladenproduktion sind zartschmelzende dunkle Schokoladen mit hohem Kakaoanteil, dann die sogenannten Cocoa-Balls, die man hierzulande für die Bereitung von „Chocolate Tea“ (bei uns: „heiße Schokolade“) verwendet, aber auch Kakaobutter, die hauptsächlich in Kosmetika Verwendung findet.

In der Markthalle von St. George wie beim Einkauf bei verschiedenen Gewürzhändlern lernen wir viel über die wichtigsten Gewürze der Insel, insbesondere über die Muskatnuss. Sämtliche Bestandteile der Frucht und des Kerns werden irgendwie verwendet: aus der dickfleischigen gelben Frucht, die die Muskatnuss umhüllt, gewinnt man Muskatsirup und -gelee. Der eigentliche Kern ist in frischem Zustand von einem knallroten Netz überzogen, dem sogenannten „Mace“: dies wird getrocknet ebenfalls als Muskat-Gewürz verwendet, ist jedoch feiner im Geschmack. Die Muskatnuss ist das Hauptexportprodukt Grenadas. 20% des Weltverbrauchs an Muskatnüssen stammen aus Grenada, das damit nach Indonesien der zweitgrößte Produzent von Muskatnüssen weltweit ist. 

Zusammen mit Zimt, Ingwer und Piment hat sich Grenada den Ruf der Gewürzinsel in der Karibik erworben.

Grenada hat auch sonst einiges zu bieten. Bei einer Taxirundfahrt erkunden wir den nördlichen Teil der Insel. Unser Fahrer Andrew zeigt uns neben den Rum- und Schokofabriken den Concord Wasserfall, den Schildkrötenstrand, zwei Süßwasserseen, den Regenwald, die Schwefelquellen und schließlich zum Abschluss der achtstündigen Rundfahrt noch den atemberaubenden Blick von der Festung auf St. George, die Bucht und den Hafen.

Peinlich nur, dass wir am Ende kaum noch das Geld zusammenkratzen können, um ihn für seine Mühen zu entlohnen – offensichtlich haben wir zu viel in Rum, Schokolade und Gewürze investiert😊. Dummerweise funktioniert an diesem Abend auch Burkhards Kreditkarte nicht, Sibylles Karte wurde von der Bank aus Sicherheitsgründen prophylaktisch gesperrt. So legen wir das wohlverdiente Trinkgeld schließlich in US-Dollar drauf, die hier neben der Landeswährung immer gern genommen werden.

Die Hauptstadt St. George ist geprägt von altenglischer Bausubstanz, vor der sich das bunte Leben der quirligen Stadt besonders abhebt. Wir besuchen den Gewürzmarkt und durchstöbern einige größere Supermärkte. Einkaufen in der Karibik geht immer nach der Devise: man kaufe, was man gerade bekommen kann, auch wenn man es nicht sofort braucht. Im nächsten Ort oder Supermarkt darf man nicht darauf hoffen, dasselbe Produkt nochmals zu ergattern.

Drei Tage lang liegen wir vor Anker in der Grand Mal Bucht bei St. George, vier weitere an einer Mooring im GYC – Grenada Yacht Club. Anders als in der gegenüberliegenden Port Louis Marina sind hier die Liegegebühren moderat und wir wollen auch schauen, ob der Liegeplatz eventuell als Sommerquartier während der Hurrikan-Saison taugt. Auch wenn der Yachtclub mit der zugehörigen Restaurantterrasse irgendwie sympathisch ist – monatelang hier zu verweilen, können wir uns dann doch nicht vorstellen. Wir fahren auch zur Besichtigung eines hurrikan-sicheren Landstellplatzes nach Clarks Bay. 

Hier möchte man erst recht nicht länger bleiben, abgesehen von der täglichen Kletterei, wenn das Schiff am Land steht, ist hier außer der Clarks Court Marina weit und breit nichts, zum nächsten Supermarkt kommt man nur mit dem Taxi. Außerdem ist der sehr gut gepflegte Platz für die kommende Saison bereits ausgebucht, wie wir erfahren. Wir lassen uns auf die Warteliste aufnehmen, doch Clarks Court wäre für uns nur dann eine Option, wenn wir während der vier Monate nicht auf dem Schiff bleiben würden.

Grenada ist vorläufig der südlichste Punkt unserer Karibik-Reise, nun orientieren wir uns wieder Richtung Norden, um in Martinique Burkhards Bruder und Schwägerin aufzunehmen.

Wir segeln zurück über Carriacou. Die Insel Carriacou gehört ebenfalls zum Staat Grenada und der Ankerplatz in der Tyrrel Bay wie auch der kleine Ort Hillsborough haben es uns ganz besonders angetan. Christine und Michael von der Ariranha haben sich in der Woche zuvor viel Zeit genommen, um uns ihre Lieblingsplätze zu zeigen. 

Die beiden lebenslustigen Deutschen segeln seit vielen Jahren in der Karibik und kennen sich bestens aus. Nun sind sie zum ersten Mal mit dem eigenen Schiff hier. Wir verbringen gemeinsam nette Stunden bei unzähligen Drinks und sehr guter lokaler Küche. Nachdem Burkhard sich abends beim Aufholen des Dinghi die Winschenkurbel ins Schienbein rammt, kümmern sie sich rührend, holen uns mit ihrem großen Dinghi ab, begleiten uns zum Arzt in Hillsborough, als sich die Wunde entzündet.

Hillsborough ist ein angenehmer, bunter Ort mit reichlich Einkaufsmöglichkeiten. Die Terrassen der einheimischen Bars am Strand bieten einen herrlichen Ausblick auf die türkisfarbene weite Bucht – das ist jetzt mal Karibikfeeling pur. Man kann stundenlang einfach nur so dasitzen und entspannen. Wir genießen in vollen Zügen ….

„Welcome to Paradise“

„Welcome to Paradise“ – so empfängt man uns in fast jeder Bucht, die wir anlaufen. Auch wenn die Auslegungen von Paradies durchaus unterschiedlich sein können, erscheint uns die Ansage doch meist nicht unberechtigt.

Der Anlegeplatz zwischen den Pitons von St. Lucia, unmittelbar vor dem Sugar Beach Resort, ist landschaftlich wirklich beeindruckend. Beschützt und eingerahmt vom kleinen und großen Piton liegen wir hier an einer Boje fast unmittelbar vor dem Strand, der von nur wenigen Gästen des Resorts derzeit genutzt wird. Der Preis, den die beiden Boatboys für ihre Anlegehilfe aufrufen möchten, ist völlig überzogen, doch Burkhard verhandelt erfolgreich – nett aber bestimmt.

Ausklariert haben wir bereits in Rodney Bay, aber für weitere 24 Stunden dürfen wir noch in St. Lucia bleiben. Einem fliegenden Händler – ziemlich `stoned` – kaufen wir eine Kette aus Ingwersamen ab. Dem nächsten eine große Avocado. Die Avocados sind hier fast so groß wie Football-Bälle, jedenfalls in der Saison, unglaublich. Circa fünf Euro (15 XCD) zahlt man für so ein Prachtstück, das köstlich schmeckt, sobald es reif ist.

Die Nacht bei den Pitons ist leider für uns ziemlich schlaflos. Gerade haben wir gelesen, dass laut Statistik St. Lucia in 2018 die meisten (klein-)kriminellen Übergriffe auf Segelboote in der Karibik zu verzeichnen hat, siehe auch https://www.blauwasser.de/tipps-zur-sicherheit-karibik. Wir müssen uns wohl erst noch an das Leben außerhalb der behüteten Marina gewöhnen …

 

Das Ablegemanöver misslingt zunächst. Wir haben uns dummerweise an der Boje mit zwei unterschiedlich starken Festmachern gesichert, die sich nun bei Morgengrauen umeinander gewickelt und völlig vertörnt haben. So kommen wir nicht los. Es gelingt uns, von Deck aus ein paar Törns zu entwirren, aber dann bleibt nichts als ins dunkle Wasser zu steigen und den Rest manuell zu entknoten. Sibylle findet das morgendliche Bad wenig erfreulich, vor allem, weil die Bucht heute voll von Saragossa-Gras ist, was eklig piekt bei Berührung. Nun denn, schließlich sind wir frei und können durchstarten. Fast 45 Minuten haben wir so verschenkt, hoffentlich erreichen wir unser Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit.

Die ersten beiden Stunden wird gemotort und dabei gefrühstückt, dann kommt ordentlich Wind auf, 18-25 Knoten, und wir setzen Segel, vom Großsegel geben wir nur Zweidrittel raus. Mit halbem Wind kommen wir super voran, bis uns im Lee von St. Vincent am Mittag der Wind verlässt. Die Insel ist wunderschön grün, die Buchten sehen toll aus. Schade, dass man hier nicht mehr einlaufen soll, nachdem man einigen Seglern übel mitgespielt hat.

Und wieder einmal wechselt Burkhard die Landes-Flagge und zieht die Farben von St. Vincent und den Grenadinen auf.

Nach knapp zwei Stunden kommen wir aus der Abdeckung von St Vincent und der Wind setzt wieder ein, leider ziemlich von vorn, so dass wir trotz Windstärke 6 (Bft) nur langsam vorankommen. Hier im Kanal zwischen den Inseln schwimmt auch wieder jede Menge Sargassum Gras, das den ganzen Tag über (außer hinter St. Vincent) immer wieder die Angel ausgeknockt hat. Kaum zeigen sich die ersten Büschel des ekligen braunen Zeugs, hängen sie auch schon wieder am Köder fest. Sibylle hat die Nase voll für heute und will die Angel einholen. Das geht ungewöhnlich schwer, da schleppen wir zwar ein sehr dickes Büschel Gemüse am Köder aber bei nur gut 4 Knoten Fahrt eigentlich kein Problem. Die Schnur läßt sich jedoch kaum einrollen. Da springt plötzlich ein Fisch mit dem Haken aus dem Wasser, blaugelb, ein Mahi Mahi. Die Freude ist groß und wir können ihn problemlos anlanden, denn er misst nur ca. 70 cm. Wir müssen uns allerdings noch schlau machen, ob man ihn trotz Ciguatera hier gefahrlos essen kann.

Das Flaggen kann hier in der Karibik schnell zum Dauersport werden, denn viele der kleinen Inseln sind selbstständige Staaten. Und jedes Mal muss man sich mit dem Schiff bei Zoll und Immigration vorschriftsmäßig abmelden (ausklarieren) und im nächsten Hoheitsgebiet wieder anmelden (einklarieren). Ganz schön aufwändig und auch jedes Mal mit Kosten verbunden, und auch die bunten Wimpel haben ihren Preis. Aber die Menschen in den häufig stickigen Amtsstuben sind durchwegs freundlich und hilfsbereit, wenn es um das Ausfüllen der Papiere geht.

Exkurs: Ciguatera

Ciguatera ist die Bezeichnung für eine Fischvergiftung, die vor allem in tropischen und subtropischen Ländern vorkommt. Die Vergiftung entsteht durch den Verzehr von an sich ungiftigen Fischen, die mit dem natürlichen Giftstoff „Ciguatoxin“ belastet sind. Dieses Gift stammt von einem Einzeller, der auf Meeresalgen lebt und so in die Nahrungskette gelangt. Als typische Auswirkung des Nervengifts zeigt sich beim Menschen eine Umkehr des Warm-Kalt-Empfindens. Die Ansteckung erfolgt über den Verzehr von Fischen, in deren Körper sich das Ciguatoxin angereichert hat. Das Gift wird nicht durch Erhitzen zerstört und beeinträchtigt weder das Aussehen noch den Geschmack der Fische. Am stärksten belastet sind größere Raubfische wie Barrakuda, Red Snapper, Makrele, Muräne und Zackenbarsch, die in der Nähe eines Korallenriffs leben (Textauszug aus https://tropeninstitut.de/krankheiten-a-z/ciguatera). Um das Risiko zu minimieren, wird u.a.empfohlen, keine Fische über 2,7 kg zu verzehren – na also, in diese Größenordnung passt unser Mahi Mahi gerade noch so rein.

In der Einfahrt der Admirality Bay (Insel Bequia) liegt ein großes TUI-Kreuzfahrtsschiff. Wir sind gespannt. Ein riesiges Bojen- und Ankerfeld tut sich auf, und schon braust Ernie mit seiner `Burning Flame` heran und will uns einen Platz anbieten. Wir möchten aber gern eine Boje von Pat Shack nehmen, so hat man uns geraten. Ok, auch das ist kein Problem. Ernie ist furchtbar nett und hilft beim Anlegen mit dem Standard-Spruch `welcome to paradise`. Wir sind begeistert, hier ist es irgendwie gemütlich und wir fühlen uns sofort wohl – auch wenn die Admirality Bay mal wieder nicht die typisch karibische Postkartenbucht ist.

Das Einklarieren verschieben wir auf den nächsten Tag. Der kleine Ort Port Elizabeth ist bunt und belebt, an der Uferstraße reihen sich Obststände, Bars und Restaurants, und jede Menge fliegende Händler. Es gibt einen Supermarkt und auch eine Cash-Maschine. Wir verweilen ein paar Tage bei dem sympathischen Ort, bevor wir in die 25 Meilen entfernte Salt Whistle Bay (Insel Mayreau) aufbrechen.

Dort haben wir bereits eine Reservierung bei Dorothy (Empfehlung von Katrin und Peter), die uns schon erwartet.

Und wieder heißt es: „welcome to paradise“ – ja hier fühlt man sich dem Paradies schon ein Stückchen näher. Türkisblaues Wasser, weißer Sandstrand, Palmen, bunte Bretterbuden – so wie sich das gehört 😉. Aber ganz schön voll ist die Bucht, mit vielen großen Charterbooten, meist Katamarane.

Das Essen in Dorothy`s blauer Bude ist ausgezeichnet, allerdings auch nicht preiswert, wie überall in den Grenadines. Am dritten Tag verlegen wir uns näher zum Strand hin, denn inzwischen steht ein unangenehmer Schwell in die Bucht.

Die karibischen Postkartenstrände schlechthin finden wir schließlich in den nur gut vier Seemeilen entfernten Tobago Cays. Das Wasser leuchtet in sämtlichen türkis- und Blautönen. Als wir vor Petit Bateau Island den Anker werfen, schwimmt vor uns eine große Schildkröte. Ein netter Mensch weist uns eine Stelle, wo wir den Anker platzieren sollen und begrüßt uns nach erfolgreichem Manöver mit „welcome to ….“ 😊 – ja tatsächlich, hier muss das irgendwo sein und definitiv werden wir einige Tage bleiben.

Aus kleinen bunten Booten werden T-Shirts, Brot, Bananenkuchen und Fisch angeboten. Von Sidney kaufen wir gut gelaunt zwei T-Shirts für Burkhard mit der Aufschrift „Grenadines“ und „Tobago Cays“. Eine nette Erinnerung, hoffentlich halten sie eine Weile. Es ist sehr windig aber unser Anker hält gut, ein kleines Inselchen vor unserem Bug schützt uns ein wenig vor Wind und Welle. Gegen Mittag besucht uns Romeo, auf dem Rückweg von seinem Einkauf in Union Island. Wir bestellen bei ihm zweimal Languste für das abendliche Barbecue am Strand (wieder ein Tipp von Katrin und Peter) und verabreden uns für 17:00 Uhr. Die Languste schmeckt umwerfend gut.

Für das Ankern im Tobago Cays Marine Park sind 10 XCD (3,30 Euro) pro Person und Tag fällig. Bei den Park Rangers, die das Geld entgegennehmen, buchen wir direkt mal für drei Tage. 

Am zweiten Tag machen wir nachmittags das Dinghi klar und fahren um die Ecke zum sogenannten Schildkröten Strand um zu Schnorcheln. Der Wind hat inzwischen noch weiter zugelegt und so sind wir schon völlig durchnässt, als wir nach der Fahrt gegen die Welle am Strand ankommen. Hier vor der Insel Baradal gibt ein weiteres, sehr großes Ankerfeld, und zu unserer großen Freude ist inzwischen am Mittag dort auch unsere Namensschwester, die `andere` ITHAKA eingetroffen.

Jetzt gibt es hoffentlich endlich mal ausreichend Gelegenheit zum Kennenlernen und Austausch, das haben wir seit Las Palmas nämlich bisher nicht vernünftig hingekriegt. Angela und Christoph freuen sich, als wir nach dem Schnorchel Gang bei ihnen vorbeifahren, zusammen mit Heinz, ihrem Urlaubs-Gast, wollten sie sich soeben auf die Suche nach uns machen. An Bord der wunderschönen Contest 50 bekommen wir einen leckeren Weißwein und ein gutes Bier aus Martinique, und wir verabreden uns für den nächsten Abend zum Barbecue. Daraus wird dann nichts, denn der Ankerplatz ist inzwischen sehr unruhig geworden und so folgen wir ihrem Vorschlag, uns gegen Mittag nach Clifton Bay auf Union Island zu verlegen.

Zusammen mit Angela, Christoph und Heinz verbringen wir einen wunderbaren Abend mit leckerem Rum-Punsch im trendigen „Snack Shack“ und anschließendem Abendessen im Restaurant „Barracuda“ – sehr empfehlenswert. Neben der Namensgleichheit unserer Schiffe gibt es auch sonst einige Gemeinsamkeiten und sofort entwickeln sich lebhafte Gespräche. Angela und Christoph pflegen ebenfalls einen sehr schönen Blog, hier ist der Link: https://sy-ithaka.blog/

Auch dieser Liegeplatz ist besonders: vor uns das große Riff, auf dem sich die Kite-Surfer tummeln, direkt neben uns ein Riff und in der Mitte der Bucht ein weiteres Riff. Eine gute Stelle zum Ankern zu finden ist gar nicht so leicht, denn auch hier sind wieder jede Mange Bojen ausgelegt. Am nächsten Morgen verlegen wir uns ein paar Meter weiter weg von den seitlichen Felsen, eine gute Entscheidung, denn kurze Zeit später dreht der Wind auf Süd und weht uns in Richtung der Untiefe.

Clifton Bay ist ein Straßendorf mit einigen, zum Teil sehr karibisch anmutenden 😉 Supermärkten, einem kleinen Obst- und Gemüsemarkt sowie vielen Bars und Restaurants. Auch ein Hotel und ein ATM ist vorhanden. Was will man mehr. Zum DinghiDock fährt man durch einen gemauerten kleinen Durchlass in ein geschütztes Becken. Wir kaufen jede Menge Obst und Gemüse zu astronomischen Preisen. Mittlerweile sind wir überzeugt, dass es an diesen Ständen unterschiedliche Preise gibt für Touristen und Einheimische, die sich sonst vermutlich nicht mal eine Kartoffel leisten könnten.

Wir leiden mit ihnen, als sich am nächsten Tag herausstellt, dass sie aus familiären Gründen relativ kurzfristig für ein paar Wochen nach Deutschland reisen müssen und hoffen wirklich sehr, dass wir die beiden mit ihrer ITHAKA Anfang März in Martinique wiedertreffen werden. Doch uns zieht es zunächst weiter Richtung Süden und so klarieren wir aus Richtung Grenada.

St. Lucia

Etwas mehr als 4 Wochen vergehen, bevor wir den sicheren Hafen in St. Lucia verlassen. Die Marina ist gut bewacht und hat einiges zu bieten: verschiedene, zum Teil sehr gute Restaurants, die Boardwalk-Bar, einen kleinen Süßwasser-Pool, einen großen Chandler, Segelmacher und vieles mehr. Ein idealer Ort, um sich an Land, Leute und Klima langsam zu gewöhnen. Viele Gelegenheitsarbeiter bieten in der Marina ihre Dienste an: überaus geschickt und mit vielen Tricks bewandert werden Boote auf Hochglanz poliert, das Unterwasserschiff gesäubert, selbst die Scheuerleiste aus Kupfer erhält ihre ursprüngliche Farbe und Glanz zurück. Es gibt Obstverkäufer und Hummer wird angeboten, was man sich wünscht, wird irgendwie besorgt. Die Gesichter der Menschen auf St. Lucia wirken oftmals ernst und etwas verschlossen, doch alle sind überaus bemüht und freundlich.

Kurz nach unserer Ankunft gibt es jedoch auch wieder mal einen größeren Diebstahl auf einem Segelboot vor Anker in der Marigot-Bay, während eines Schnorchel-Gangs blieb das Boot ungesichert und unbewacht, das haben sich die Diebe zunutze gemacht. Und immer wieder wird auch von Einheimischen davor gewarnt, sich nach Einbruch der Dunkelheit allein auf der Straße zu bewegen – das macht verunsichert zuweilen und engt leider die Bewegungsfreiheit mitunter stark ein.

Dennoch alles in allem irgendwie nicht verwunderlich: St. Lucia blickt auf eine bewegte Geschichte unter wechselnder französisch-liberaler Besatzung und britischer Herrschaft. Wie in vielen anderen Kolonien auch, brachten die Briten Menschen aus Afrika auf die Insel, die auf den Zuckerrohr­plantagen Sklavenarbeit verrichteten. Wichtigstes landwirtschaftliches Erzeugnis ist die Banane, bearbeitete Waren, Maschinen und viele Nahrungsmittel, darunter Fleisch, müssen größtenteils importiert werden, größter Wirtschaftszweig ist die Tourismusbranche. Die meisten Leute sind hier sehr arm und angesichts von Luxusresorts, Kreuzfahrtschiffen und teuren Yachten wird die Kluft zwischen arm und reich besonders evident.

Wir brauchen Zeit, um uns zu erholen und genießen die netten Runden mit unseren Freunden und Mitseglern von der ARC, die sich am 12. Januar auf den Weg Richtung Panama machen werden. Ein Christmas Dinner bei Marie`s Bar am Strand wird organisiert, mit dem Wassertaxi lassen wir uns dort hinbringen. Die Atmosphäre ist spektakulär, das Barbecue leider weniger, aber das tut der Veranstaltung keinen Abbruch, die visuellen Eindrücke von Marie`s Küche werden uns sicher noch länger im Gedächtnis bleiben. Anschließend wird weiter gefeiert an Bord von „BabSea“ …

Auch der Silvesterabend findet in größerer Runde statt. Unsere Sylvesterstimmung wird leider etwas getrübt durch die Tatsache, dass sich am Nachmittag mal wieder eine unserer Servicebatterien verabschiedet. Es stinkt und die Batterie glüht. Burkhard klemmt die kaputte Einheit ab und so müssen wir nun bereits weniger als zwei Jahre nach unserem letzten Tausch der Servicebatterien auf Rhodos wieder in einen Satz neue Batterien investieren. Es wird dennoch ein schöner Abend: Katrin hat für alle einen Kopfschmuck mitgebracht, ein Krönchen für die Damen, ein glitzerndes Hütchen für die Herren 😊. Diesmal lassen wir es uns richtig gut gehen und speisen ganz vorzüglich im Sushi-Restaurant in der Marina.

Der Wein ist in der Karibik leider recht teuer, und so greift auch Sibylle gern mal wieder zu einem Bier, hier in St. Lucia trinkt man das lokale Piton-Bier aus kleinen 0,275 Liter Fläschchen, die mit dem Wahrzeichen der Insel, den Piton-Hügeln etikettiert sind. 

Natürlich aber nicht zu vergessen der Rum-Punsch, für den jeder hier sein eigenes Rezept zu haben scheint – einfach genial und sehr verführerisch. Rum ist jedenfalls günstig zu bekommen, und so werden Rum-Mixgetränke in den nächsten Wochen auch immer häufiger auch an Bord unserer „Ithaka“ zubereitet 😊.

Den besten Rum-Punsch trinken wir auf der wöchentlichen Gros Islet Street Party. Hermann von der „BabSea“ hat den Stand ausfindig gemacht, die Zubereitung wird hier regelrecht zelebriert und der Rum hat es in sich! Strong! Die Gros Islet Street Party ist ein echtes Erlebnis und wahrer Gaumenschmaus. Unzählige kleine und größere Barbecue-Stände reihen sich entlang der Straße, der Duft von gegrilltem Spicy Chicken, Ribs, Fisch und Langusten mischt sich mit dem Rauch aus diversen Joints und Pfeifchen. Dazwischen Getränke-Stände und lokales Kunsthandwerk. Der Sonnenuntergang über der Bucht von Rodney Bay hat etwas Magisches.

Für unseren Inselausflug wählen wir leider ausgerechnet den Tag mit dem schlechtesten Wetter seit unserer Ankunft. Schauer gibt es zwar fast täglich und insbesondere auch nachts, aber an diesem 30. Dezember hört es fast überhaupt nicht auf zu schütten. An den meisten der Aussichtspunkte sieht man zum Teil die Hand vor Augen nicht, geschweige denn die Landschaft dahinter, die bei Sonnenschein und klarer Sicht eigentlich atemberaubende Fotomotive liefert. Zusammen mit Babsi, Helmut und Hermann („BabSea“) sowie Heike und Udo („Endo II“) geht es früh morgens nahe der Marina schon im Regen los. Unser Taxi-Fahrer ist heute John. John ist wohl ein Multitalent 😉, denn er hat auch schon unseren Bootsrumpf poliert.

Heute am Sonntag ist das Marktgeschehen reduziert, aber innen wie außen haben einige Stände geöffnet. An einem lokalen Grill-Imbiss wird etwas gefrühstückt: Teigtaschen mit Salty Fisch und Helmut und Babsi verkosten auch die Hühnchen-Schenkel zusammen mit einem Glas Spicy-Rum.

Mühsam erklimmt unser Taxi den steilen Berg oberhalb von Castries, der Ausblick auf die Bucht ist leider durch den Regen getrübt. Bei der Marigot-Bay haben wir Glück: die Sonne kommt raus und wir bekommen einige hübsche Fotos in den Kasten.

Das Fahrzeug ist ein uralter, klappriger Minibus – bei jeder Bodenwelle ächzen die kaum noch vorhandenen Stoßdämpfer und es schüttelt uns in den Sitzen. Helmut und Babsi müssen jedes Mal über eine riesige Kühlbox steigen, um ihren Platz in der hinteren Sitzbank einzunehmen. Zumindest ist die Kühlbox gut gefüllt, auch mit Piton-Bier. John erklärt, er habe am Morgen schon Wein mit Marihuana-Blatt gegen seine Magenverstimmung zu sich genommen … nun denn, Alkohol am Steuer ist hier in St. Lucia nicht verboten und angeblich passieren auch kaum Unfälle … Nach einem kurzen Stopp in der Rodney-Bay Mall halten wir im Zentrum der Inselhauptstadt Castries.

Doch oberhalb des Ortes Souffriere reißt der Nebel kurz auf für ein schnelles Foto von den Pitons im abziehenden Regen. In Souffriere angelangt machen wir Mittags-Rast in einem einheimischen Grill-Restaurant, Empfehlung von John. Das Hühnchen ist recht gut, der Fisch wohl eher weniger. Es schüttet aus Kübeln, als wir auf John warten, der uns vom Restaurant wieder abholt.

Auf der Fahrt gen Süden halten wir bei einer Tapioka-Bäckerei: die süß und salzig gefüllten Teigtaschen gefertigt aus dem Mehl der Maniok-Wurzel kommen noch heiß frisch aus dem Ofen. Sie sind sehr scharf gewürzt und irrsinnig mächtig. Weiter schlängelt sich die Straße durch die Berge, wir nähren uns den beiden Piton-Hügeln, die jedoch am gedachten Aussichtspunkt nicht einmal schemenhaft zu erkennen sind. John vertröstet uns auf die Rückfahrt, aber auch da können wir später im Nebel nichts erkennen.

Unser nächstes Ziel ist der botanische Garten mit dem Wasserfall. Der Garten ist wunderschön und als Lehrpfad beschriftet. Gern hätten wir uns länger du ausgiebig mit den fremden Pflanzen und Bäumen befasst, aber wir haben nur eine Stunde bis zur Schließung der Anlage und wieder regnet es, und zwar diesmal richtig. Diejenigen unter uns, die ihre Regenjacke im Bus vergessen haben, schälen sich anschließend aus ihren klitschnassen Oberteilen, um nun in die wenigstens trockene Regenjacke zu schlüpfen. Auf den letzten Stopp der Tour, die Schwefelquellen hat anschließend niemand mehr Lust und so wenden wir kurzerhand und treten die lange Rückfahrt an. Immer wieder hält John kurz an, um ein WC aufzusuchen – der Marihuanablatt-Wein hat offensichtlich seine Verdauungsprobleme nicht lösen können, oder doch?

Die Tage verfliegen. Tränenreich verabschieden wir die „Hector“ – mit Katrin und Peter. Mit neuen Chartergästen werden sie gen Norden ziehen, um den Katamaran am Ende der Saison auf den Bahamas abzugeben. Unsere kaputte Genua wird fachmännisch repariert von Kenny, dem Segelmacher. Ulrich Meixner von DSL-Yachting unterstützt uns bei der Beschaffung und dem Einbau neuer hochwertiger Servicebatterien. Mit dem Einbau warten wir, bis sein Elektriker-Fachmann wieder aus dem Urlaub zurück ist. Er soll nochmals die gesamte Elektronik systematisch überprüfen, aber auch er findet keinen gravierenden Fehler. Sibylle kümmert sich um die Decksarbeiten, wieder gibt es etliche Holzpfropfen im Teak zu ersetzen und der Umlenk-Block für die Raushol-Leine am Großsegel muss ausgetauscht werden. Aus dem alten Block hatte sich bei der Überfahrt die Mittelachse gelöst und die Scheibe hat Sibylle heftig am Arm erwischt. Gott sei Dank ist das Geschoss zuvor gegen einen Teakgriff geknallt und hat diesen zertrümmert. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Scheibe mit ungebremster Wucht einen von uns beiden getroffen hätte. Für den neuen Block müssen neue Löcher ins Deck gebohrt und die alten abgedichtet werden, nicht so ganz trivial, aber mit dem Ergebnis sind wir schließlich sehr zufrieden.

Wir freuen uns sehr, dass auch Jörg von Yachtfunk aus Deutschland eingeflogen kommt, um die SFB-Einrichtungen der World ARC Teilnehmer erneut zu kontrollieren. Seine Freistunden verbringt er bei uns an Bord und er hilft uns beim Check unserer VHF-Anlage. Tja und irgendwann heißt es dann endgültig Abschied nehmen. Wir laden alle nochmal zu einem Farewell-Sundowner bei uns an Bord ein: „BabSea“, „Endo“, „Nika“, „Aurora B“ und auch Jörg darf natürlich nicht fehlen.

Mit der Wiedereröffnung des ARC-Büros in der Marina zehn Tage vor dem Start der World ARC kehren auch bekannte Gesichter zurück. Wir verbringen nette Stunden mit Gemma und Ed von der „Aurora B“ – sie haben großes Interesse zu verstehen, wie wir unser Teakdeck instand halten und lassen sich alles genau zeigen, was Sibylle in den letzten Jahren gelernt und angewendet hat (nochmals ein herzliches Dankeschön an Hans von der „Rasant“, der Sibylle in die Kunst der Holzpfropfen-Technik eingewiesen hat!)

Dann bleibt uns nur noch zu winken, als anderthalb Tage später die World ARC Schiffe Richtung Kolumbien-Panama-Südsee aus dem Hafen fahren…