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Atlantic Crossing

Die Erschöpfung ist groß, als wir nach 2869 Seemeilen und 19 Tagen und 10 Stunden auf See endlich gegen 20:00 Uhr Ortszeit die Ziellinie erreichen und in der Rodney Bay Marina festmachen. Die Einfahrt in die Marina Bay ist etwas tricky im Dunkeln, aber wir schaffen es problemlos. Am Funk ist nun Clare von der ARC-Organisation (wie schön, eine vertraute Stimme zu hören!), die uns einen Liegeplatz zuweist. Erst müssen wir aber Fender und Leinen klarmachen. Dann anlegen. Alles klappt super trotz Dunkelheit. Wir werden mit Rumpunsch und einem großen Obstkorb empfangen. Burkhard kann den Obstkorb kaum halten und muss sich erschöpft auf den Steg setzen.

Wir denken, es ist schlau, jetzt noch was essen zu gehen, denn Burkhard hatte früh nur ein Müsli. Auf dem Weg treffen wir Mark und Gina von der „Rum Truffle“, sie sind auch vor ein paar Stunden erst angekommen. Im Restaurant fällt Burkhard der Kopf auf die Tischplatte, er reagiert kaum noch und hat kalten Schweiß im Nacken. Das Personal holt die Ambulanz und Sibylle verständigt Clare.

Nach einer teuren Nacht im nahegelegenen Privatkrankenhaus, nach diversen Untersuchungen, die allesamt nicht wirklich eine ernsthafte Erkrankung erkennen lassen, entlassen wir uns schließlich gegen ärztliche Empfehlung selbst wieder aus dem Krankenhaus und fahren gemeinsam mit Peter und Carl (SY Orion) im Taxi zurück zur Marina. Bei Peter wurde der Daumen wieder angenäht, der kurz vor dem Anlegen in die Elektrowinsch geraten war. Man weiß noch nicht, ob der Finger wieder anwachsen wird. Dagegen erscheinen unsere Sorgen eher klein, die Schwäche scheint tatsächlich auf den allgemeinen Erschöpfungszustand und die Erleichterung über die Ankunft zurückzuführen.

Burkhard schläft den restlichen Tag, Sibylle erledigt die Formalitäten. Wir sind glücklich und unendlich dankbar, dass wir unbeschadet angekommen sind, aber so richtig glauben können wir es noch nicht. Es dauert fast 10 Tage, bis unsere Verfassung sich langsam wieder normalisiert, bis die Antriebslosigkeit neuem Tatendrang weicht.

Trotzdem freuen wir uns riesig, dass am Tag nach unserem Landfall Sibylles Schwester Juliane mit den Kindern ankommt. Sie haben eine Villa Richtung Pigeon Island gemietet – traumhaft schön, aber leider sehr einsam auf dem Berg gelegen. Wir verbringen gemeinsam zwei richtig schöne Abende mit gegrillten Langusten, am hauseigenen Swimming-Pool und auch beim ARC-Ausflug in Anse de la Raye.

Aus dem Raussegeln wird zwar nichts, aber immerhin ankern und schwimmen wir einen Tag lang zusammen in der Rodney Bucht. Mit vereinten Kräften wechseln wir dort auch das Vorsegel: unsere Genua hat auf der Überfahrt leider erheblich gelitten, das Unterliek und Teile des Achterlieks haben sich komplett aufgelöst.

Ohne uns zieht die Familie weiter nach Martinique, von dort treten sie am zweiten Weihnachtstag den Rückweg an. Wir brauchen noch ein paar Tage, um wieder zu Kräften zu kommen.

Unsere Überfahrt verläuft im Grunde völlig friedlich, ohne größere Pleiten oder Pannen, wenn man von den kleinen Schwierigkeiten beim Start mal absieht – denn fast wären wir in Las Palmas geblieben … Als wir beim Ablegen den Vorwärtsgang einlegen, rappelt und klopft es gewaltig. Unsere britischen Steg-Nachbarn von der Theodora sehen uns mitleidig an, murmeln etwas von „gearbox“ und legen dann mit vielen Wünschen für gutes Gelingen vor uns ab. Wir machen die Mooringleine wieder fest und blicken uns verzweifelt in die Augen: nach all der monatelangen Vorbereitung – nun das?! Aber nein, das lassen wir uns jetzt nicht gefallen. Sibylle ist der Meinung, im Motorraum rappelt es nicht sehr, das Geräusch kommt von draußen: wieder mal eine Leine im Propeller gefangen? Das Brackwasser in der Marina von Las Palmas ist widerlich, doch was nützt es jetzt, Sibylle setzt Brille und Schnorchel auf und taucht in die Brühe. Der Propeller dreht, jedoch nicht ganz regelmäßig. Von einer Leine jedoch keine Spur. Ein paar Mal noch legen wir den Gang ein, und bilden uns ein, es wird besser.  Also dann: wir fahren los, koste es, was es wolle. Wir sind schließlich ein Segelboot. Eine gute Entscheidung, denn noch bevor wir die Startlinie passieren, hat sich das Geräusch verflüchtigt – vielleicht nur ein wenig Bewuchs am Propeller….

In den ersten Tagen treibt uns die Sorge um die Bordelektronik um, nach dem Einbau des neuen Ladegerätes wird plötzlich keine Ladung mehr angezeigt, weder von Solar-, noch Wind-, noch Wasser-Generator und auch nicht die Ladung der Lichtmaschine. Zunächst nehmen wir an, dass die Batterien somit auch nicht mehr geladen werden, und bemühen erfolgreich unseren kleinen benzingetriebenen Generator, der 220V erzeugt, sich somit wie Landstrom verhält. Dummerweise haben wir bei weitem nicht genug Benzin an Bord, um so die Überfahrt zu bestreiten. Doch nach einiger Zeit wird klar, dass auch unsere 12V Stromerzeuger durchaus Energie produzieren, wie man an der Ladespannung erkennen kann – lediglich die Lade-Anzeige ist kaputt oder falsch angeschlossen, so sind wir im Blindflug unterwegs und müssen uns ganz auf die Voltanzeige verlassen.

Nach zwei Wochen mag dann der Bordkühlschrank nicht mehr. Eine mittlere Katastrophe, denn wir haben noch etliche Kilo Fischfilet einvakumiert und gekühlt von unserem großen Fischfang am 30. November. Außerdem haben wir in Las Palmas deutlich größere Proviantvorräte angelegt als für die Überquerung erforderlich, da hier in der Karibik alles viel teurer und vieles schlecht zu kriegen ist. Nach einigen Checks sind wir der Meinung, dass der Einlass der Seewasserpumpe verstopft sein muss, vielleicht zugewachsen. Da können wir jetzt nicht viel dran machen, das müssen wir nach Ankunft in der Bucht mal prüfen und säubern. Erst später stellt sich heraus, dass wohl die Seewasserpumpe mal wieder defekt ist und nach Austausch in St. Lucia läuft der Kühlschrank wieder. Bis dahin müssen wir, so gut es geht, das Kühlgut umverteilen – denn Gott sei Dank haben wir ja noch die große Dometic Kühlbox. Die ist zwar auch randvoll, aber da müssen halt einige Lebensmittel den Rest der Fahrt ohne Kühlung überstehen – oder eben nicht.

Was sich als wirklich kräftezehrend herausstellt, ist der Schwell. Es schaukelt und schüttelt uns fast die gesamte Zeit so dermaßen durch, dass an echtes Schlafen außerhalb der Wachzeiten nicht zu denken ist. Der angenehmste Schlafplatz ist im Salon, auf dem Fußboden polstern wir uns eine Schlafmöglichkeit aus, die wir im 3-5 stündigem Wechsel während der Nacht nutzen. Auch hier rollt man beständig hin und her, aber zumindest fällt man nicht aus der Koje. Analog sitzt der oder die Wachhabende die meiste Zeit auf dem Grating im Cockpit – andernfalls muss man schon sehr aufpassen, nicht von der Cockpitbank zu fallen, was nur durch sorgfältiges und beständiges Abstützen gewährleistet ist.

Erfahrene Atlantiküberquerer wie Heike und Udo von der „Endo II“ versichern uns bei der täglichen privaten Funkrunde, dass sie bei ihrer ersten Überfahrt längst nicht eine solch heftige Störwelle von der Seite verspürt haben. Es scheint, die seitliche Welle wird durch eine Wetterstörung nördlich von uns verursacht. An manchen Tagen ist es fast unmöglich zu kochen oder auch nur etwas aufzuwärmen, und aus den Schränken fliegt bei Unachtsamkeit alles heraus

Erst bei der Prizegiving Party realisieren wir, dass wir in diesem Jahr eine von insgesamt nur acht Zweier-Crews sind, die in 2018 bei der ARC mitmachen. Hierfür werden wir mit den anderen Double-handed Crews besonders geehrt, mit uns auch Helmut und Hermann von der „BabSea“ – tatsächlich ist die Fahrt zu zweit natürlich extra anstrengend. Auch wenn wir von weiteren Herausforderungen verschont geblieben sind – die Dreier-Crew von der „Endo II“ musste beispielsweise mehr als eine Woche abwechselnd von Hand steuern, weil der hydraulische Autopilot ausgefallen war.

Das hat die drei tapferen Segler jedoch nicht davon abgehalten, einen 70 Meilen Umweg in Kauf zu nehmen, um der „SY Garuda“ zur Hilfe zu eilen, die nach Mastbruch nicht ausreichend Dieselvorräte an Bord hatte, um unter Motor das Ziel zu erreichen. Zu Recht gewinnen sie den „Special Price of the Arc“!

Unsere Freunde aus Köln, Katrin & Peter von „Sail & Chill“ mit ihren 5 Chartergästen lassen es ruhig angehen – sie gewinnen den Preis für den besten nicht-englischen Blog, den Katrin täglich liebevoll pflegt.

Es ist nicht leicht zu sagen, was wir von der großen Überfahrt am meisten im Gedächtnis behalten werden. Ein bisschen enttäuscht waren wir, dass wir bis auf ein einziges Mal aus der Ferne, nicht einen Wal oder Delphin gesichtet haben. Und die Angel haben wir nach dem großen Fang natürlich weggepackt, dabei hätten wir so gern noch einen Thunfisch oder Mahi-Mahi geholt.

Wirklich beeindruckend sind neben den Sonnenuntergängen die Nächte. Mit Mond silberhell, ohne Mond pitchblack, aber mit Millionen von Sternen, die wir noch nie gesehen haben. Und das phosphorisierende Plankton in der Bugwelle ist atemberaubend. Schön sind die kleinen Starkwind und -regenzellen auf dem Radarbildschirm zu erkennen, das macht es leicht, auszuweichen und nur zweimal müssen wir wegen der Squalls reffen und werden von Wind und Regen erwischt.

Es freut uns sehr, dass wir fast ohne Downwind-Erfahrung mit dem Ausbaumen der Genua im Schmetterling ausgesprochen gut zurechtkommen. Und mit dem Einsatz von zusätzlichen Umlenkrollen sind dann auch die Schoten dauerhaft heile geblieben …

Wir waren zwar nicht die Schnellsten, aber wir freuen uns über den Preis für den größten Fischfang während der Fahrt: ein 12 kg Wahoo, den wir gemeinsam bei mehr als 7 Knoten Fahrt Hand über Hand über die große Spule und mit dem Gaff an Deck heben. Zwei Wochen essen wir an dem Fisch und den Rest teilen wir noch mit Juliane und den Kindern nach der Ankunft.

Merkwürdig und unangenehm sind die teilweise riesigen Braunalgenteppiche, die über hunderte, wenn nicht mehr als tausend, Meilen an uns vorbeischwimmen und sich immer wieder in großen Büscheln an der Windfahne festsetzen. Wenn man danach googelt, findet man beängstigende Berichte – vermutlich werden wir den Algenteppichen auch in der Karibik noch öfter begegnen … https://www.sueddeutsche.de/wissen/oekologie-angriff-der-braunalgen-in-der-karibik-1.4022192

Alles in allem ist es faszinierend, wie schnell die Tage und die Zeit auf See vergehen. Nicht darüber nachdenken sollte man über die vielen Kilometer Wassermassen, die unter dem Kiel liegen. Insbesondere auf der Hälfte der Strecke, blieb uns bei dem Gedanken schonmal die Luft weg. Wir feiern Bergfest mit ein paar Bierchen und sogar Wein zum Essen – ansonsten haben wir uns nur zu ganz wenigen, ausgewählten Sonnenuntergängen mal eine Dose Bier geteilt. Erst in der letzten Woche fangen wir an, Breitengrade, Tage und Meilen bis zur Ankunft zu zählen – irgendwann möchte man halt einfach nur noch ankommen.

Unser neu erworbenes Wingaker-Leichtwindsegel haben wir allerdings wegen der heftigen Schaukelei und auch kräftigem Wind (das Segel soll man nur bis 15 Knoten von achtern nutzen) tatsächlich nur ein einziges Mal draußen gehabt. Der Wind bläst zumeist mit 18-25 Knoten, so dass wir zum Teil richtig flott unterwegs sind. Nur zwei Mal gibt es eine kurze Flaute, da haben wir dann nach einigem Herumdümpeln schließlich für jeweils knapp vier Stunden den Motor mal angeschmissen. Ansonsten hat man das Gefühl man rauscht nur so dahin – fast wie in einem D-Zug oder ICE, ohne Stopp. Stolz sind wir auf einige hervorragende Etmale mit bis zu 170 Seemeilen in 24 Stunden.

Es ist tatsächlich eine große Beruhigung, die anderen Boote der ARC-Flotte da draußen zu wissen, auch wenn man sie fasst nie mit bloßem Auge sieht. Oft empfängt man jedoch AIS-Signale von anderen Schiffen und sieht zumindest auf dem Bildschirm, wer in erreichbarer Nähe ist. Einmal kommt uns ein Segelboot mit spanischer Flagge und englischem Skipper in der Nacht sehr nahe. Wir machen über Funk auf uns aufmerksam und Andrew scherzt noch, dass er uns knapp verpassen wird – dann wird ihm selbst mulmig und er schaltet die volle Decksbeleuchtung an, als er „überraschend“ wenige Meter an uns vorbeisaust. So was ist wirklich unnötig, und gern hätten wir mit ihm hier St. Lucia ein paar Worte über diese gefährliche Aktion gewechselt.

Bis auf die offizielle tägliche Seefunkrunde, in der jedoch lediglich Position und Windverhältnisse der Teilnehmer durchgegeben werden, gibt es auch leider wenig Kommunikation untereinander. Das haben wir uns etwas anders vorgestellt. Unseren VHF-Funk müssen wir allerdings auch nochmal überprüfen, teilweise sind wir außerhalb von Kanal 16 nicht zu hören. Mit ein paar Booten tauschen wir jedoch wenigstens mal Mails aus, und mit der Endo II sind wir auch täglich über Funk im Kontakt.

Bald müssen wir nun Abschied nehmen von den Freunden, die ab 12. Januar mit der World-ARC weiterfahren, dazu zählen die „Endo II“, „BabSea“ und auch unser Schwesterschiff „Aurora B“ (wie wir eine Hallberg Rassy 42F). Und wir müssen uns entscheiden, wo wir während der Hurrikan-Periode unterschlüpfen wollen, die auch versicherungsmäßig in diesem Breiten nicht abgedeckt ist. Gern würden wir jedenfalls eine Saison hierbleiben und dann im kommenden Jahr entweder zurück nach Europa oder weiter um die Welt segeln. Heute steigen wir in die Planungen ein.