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„Welcome to Paradise“

„Welcome to Paradise“ – so empfängt man uns in fast jeder Bucht, die wir anlaufen. Auch wenn die Auslegungen von Paradies durchaus unterschiedlich sein können, erscheint uns die Ansage doch meist nicht unberechtigt.

Der Anlegeplatz zwischen den Pitons von St. Lucia, unmittelbar vor dem Sugar Beach Resort, ist landschaftlich wirklich beeindruckend. Beschützt und eingerahmt vom kleinen und großen Piton liegen wir hier an einer Boje fast unmittelbar vor dem Strand, der von nur wenigen Gästen des Resorts derzeit genutzt wird. Der Preis, den die beiden Boatboys für ihre Anlegehilfe aufrufen möchten, ist völlig überzogen, doch Burkhard verhandelt erfolgreich – nett aber bestimmt.

Ausklariert haben wir bereits in Rodney Bay, aber für weitere 24 Stunden dürfen wir noch in St. Lucia bleiben. Einem fliegenden Händler – ziemlich `stoned` – kaufen wir eine Kette aus Ingwersamen ab. Dem nächsten eine große Avocado. Die Avocados sind hier fast so groß wie Football-Bälle, jedenfalls in der Saison, unglaublich. Circa fünf Euro (15 XCD) zahlt man für so ein Prachtstück, das köstlich schmeckt, sobald es reif ist.

Die Nacht bei den Pitons ist leider für uns ziemlich schlaflos. Gerade haben wir gelesen, dass laut Statistik St. Lucia in 2018 die meisten (klein-)kriminellen Übergriffe auf Segelboote in der Karibik zu verzeichnen hat, siehe auch https://www.blauwasser.de/tipps-zur-sicherheit-karibik. Wir müssen uns wohl erst noch an das Leben außerhalb der behüteten Marina gewöhnen …

 

Das Ablegemanöver misslingt zunächst. Wir haben uns dummerweise an der Boje mit zwei unterschiedlich starken Festmachern gesichert, die sich nun bei Morgengrauen umeinander gewickelt und völlig vertörnt haben. So kommen wir nicht los. Es gelingt uns, von Deck aus ein paar Törns zu entwirren, aber dann bleibt nichts als ins dunkle Wasser zu steigen und den Rest manuell zu entknoten. Sibylle findet das morgendliche Bad wenig erfreulich, vor allem, weil die Bucht heute voll von Saragossa-Gras ist, was eklig piekt bei Berührung. Nun denn, schließlich sind wir frei und können durchstarten. Fast 45 Minuten haben wir so verschenkt, hoffentlich erreichen wir unser Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit.

Die ersten beiden Stunden wird gemotort und dabei gefrühstückt, dann kommt ordentlich Wind auf, 18-25 Knoten, und wir setzen Segel, vom Großsegel geben wir nur Zweidrittel raus. Mit halbem Wind kommen wir super voran, bis uns im Lee von St. Vincent am Mittag der Wind verlässt. Die Insel ist wunderschön grün, die Buchten sehen toll aus. Schade, dass man hier nicht mehr einlaufen soll, nachdem man einigen Seglern übel mitgespielt hat.

Und wieder einmal wechselt Burkhard die Landes-Flagge und zieht die Farben von St. Vincent und den Grenadinen auf.

Nach knapp zwei Stunden kommen wir aus der Abdeckung von St Vincent und der Wind setzt wieder ein, leider ziemlich von vorn, so dass wir trotz Windstärke 6 (Bft) nur langsam vorankommen. Hier im Kanal zwischen den Inseln schwimmt auch wieder jede Menge Sargassum Gras, das den ganzen Tag über (außer hinter St. Vincent) immer wieder die Angel ausgeknockt hat. Kaum zeigen sich die ersten Büschel des ekligen braunen Zeugs, hängen sie auch schon wieder am Köder fest. Sibylle hat die Nase voll für heute und will die Angel einholen. Das geht ungewöhnlich schwer, da schleppen wir zwar ein sehr dickes Büschel Gemüse am Köder aber bei nur gut 4 Knoten Fahrt eigentlich kein Problem. Die Schnur läßt sich jedoch kaum einrollen. Da springt plötzlich ein Fisch mit dem Haken aus dem Wasser, blaugelb, ein Mahi Mahi. Die Freude ist groß und wir können ihn problemlos anlanden, denn er misst nur ca. 70 cm. Wir müssen uns allerdings noch schlau machen, ob man ihn trotz Ciguatera hier gefahrlos essen kann.

Das Flaggen kann hier in der Karibik schnell zum Dauersport werden, denn viele der kleinen Inseln sind selbstständige Staaten. Und jedes Mal muss man sich mit dem Schiff bei Zoll und Immigration vorschriftsmäßig abmelden (ausklarieren) und im nächsten Hoheitsgebiet wieder anmelden (einklarieren). Ganz schön aufwändig und auch jedes Mal mit Kosten verbunden, und auch die bunten Wimpel haben ihren Preis. Aber die Menschen in den häufig stickigen Amtsstuben sind durchwegs freundlich und hilfsbereit, wenn es um das Ausfüllen der Papiere geht.

Exkurs: Ciguatera

Ciguatera ist die Bezeichnung für eine Fischvergiftung, die vor allem in tropischen und subtropischen Ländern vorkommt. Die Vergiftung entsteht durch den Verzehr von an sich ungiftigen Fischen, die mit dem natürlichen Giftstoff „Ciguatoxin“ belastet sind. Dieses Gift stammt von einem Einzeller, der auf Meeresalgen lebt und so in die Nahrungskette gelangt. Als typische Auswirkung des Nervengifts zeigt sich beim Menschen eine Umkehr des Warm-Kalt-Empfindens. Die Ansteckung erfolgt über den Verzehr von Fischen, in deren Körper sich das Ciguatoxin angereichert hat. Das Gift wird nicht durch Erhitzen zerstört und beeinträchtigt weder das Aussehen noch den Geschmack der Fische. Am stärksten belastet sind größere Raubfische wie Barrakuda, Red Snapper, Makrele, Muräne und Zackenbarsch, die in der Nähe eines Korallenriffs leben (Textauszug aus https://tropeninstitut.de/krankheiten-a-z/ciguatera). Um das Risiko zu minimieren, wird u.a.empfohlen, keine Fische über 2,7 kg zu verzehren – na also, in diese Größenordnung passt unser Mahi Mahi gerade noch so rein.

In der Einfahrt der Admirality Bay (Insel Bequia) liegt ein großes TUI-Kreuzfahrtsschiff. Wir sind gespannt. Ein riesiges Bojen- und Ankerfeld tut sich auf, und schon braust Ernie mit seiner `Burning Flame` heran und will uns einen Platz anbieten. Wir möchten aber gern eine Boje von Pat Shack nehmen, so hat man uns geraten. Ok, auch das ist kein Problem. Ernie ist furchtbar nett und hilft beim Anlegen mit dem Standard-Spruch `welcome to paradise`. Wir sind begeistert, hier ist es irgendwie gemütlich und wir fühlen uns sofort wohl – auch wenn die Admirality Bay mal wieder nicht die typisch karibische Postkartenbucht ist.

Das Einklarieren verschieben wir auf den nächsten Tag. Der kleine Ort Port Elizabeth ist bunt und belebt, an der Uferstraße reihen sich Obststände, Bars und Restaurants, und jede Menge fliegende Händler. Es gibt einen Supermarkt und auch eine Cash-Maschine. Wir verweilen ein paar Tage bei dem sympathischen Ort, bevor wir in die 25 Meilen entfernte Salt Whistle Bay (Insel Mayreau) aufbrechen.

Dort haben wir bereits eine Reservierung bei Dorothy (Empfehlung von Katrin und Peter), die uns schon erwartet.

Und wieder heißt es: „welcome to paradise“ – ja hier fühlt man sich dem Paradies schon ein Stückchen näher. Türkisblaues Wasser, weißer Sandstrand, Palmen, bunte Bretterbuden – so wie sich das gehört 😉. Aber ganz schön voll ist die Bucht, mit vielen großen Charterbooten, meist Katamarane.

Das Essen in Dorothy`s blauer Bude ist ausgezeichnet, allerdings auch nicht preiswert, wie überall in den Grenadines. Am dritten Tag verlegen wir uns näher zum Strand hin, denn inzwischen steht ein unangenehmer Schwell in die Bucht.

Die karibischen Postkartenstrände schlechthin finden wir schließlich in den nur gut vier Seemeilen entfernten Tobago Cays. Das Wasser leuchtet in sämtlichen türkis- und Blautönen. Als wir vor Petit Bateau Island den Anker werfen, schwimmt vor uns eine große Schildkröte. Ein netter Mensch weist uns eine Stelle, wo wir den Anker platzieren sollen und begrüßt uns nach erfolgreichem Manöver mit „welcome to ….“ 😊 – ja tatsächlich, hier muss das irgendwo sein und definitiv werden wir einige Tage bleiben.

Aus kleinen bunten Booten werden T-Shirts, Brot, Bananenkuchen und Fisch angeboten. Von Sidney kaufen wir gut gelaunt zwei T-Shirts für Burkhard mit der Aufschrift „Grenadines“ und „Tobago Cays“. Eine nette Erinnerung, hoffentlich halten sie eine Weile. Es ist sehr windig aber unser Anker hält gut, ein kleines Inselchen vor unserem Bug schützt uns ein wenig vor Wind und Welle. Gegen Mittag besucht uns Romeo, auf dem Rückweg von seinem Einkauf in Union Island. Wir bestellen bei ihm zweimal Languste für das abendliche Barbecue am Strand (wieder ein Tipp von Katrin und Peter) und verabreden uns für 17:00 Uhr. Die Languste schmeckt umwerfend gut.

Für das Ankern im Tobago Cays Marine Park sind 10 XCD (3,30 Euro) pro Person und Tag fällig. Bei den Park Rangers, die das Geld entgegennehmen, buchen wir direkt mal für drei Tage. 

Am zweiten Tag machen wir nachmittags das Dinghi klar und fahren um die Ecke zum sogenannten Schildkröten Strand um zu Schnorcheln. Der Wind hat inzwischen noch weiter zugelegt und so sind wir schon völlig durchnässt, als wir nach der Fahrt gegen die Welle am Strand ankommen. Hier vor der Insel Baradal gibt ein weiteres, sehr großes Ankerfeld, und zu unserer großen Freude ist inzwischen am Mittag dort auch unsere Namensschwester, die `andere` ITHAKA eingetroffen.

Jetzt gibt es hoffentlich endlich mal ausreichend Gelegenheit zum Kennenlernen und Austausch, das haben wir seit Las Palmas nämlich bisher nicht vernünftig hingekriegt. Angela und Christoph freuen sich, als wir nach dem Schnorchel Gang bei ihnen vorbeifahren, zusammen mit Heinz, ihrem Urlaubs-Gast, wollten sie sich soeben auf die Suche nach uns machen. An Bord der wunderschönen Contest 50 bekommen wir einen leckeren Weißwein und ein gutes Bier aus Martinique, und wir verabreden uns für den nächsten Abend zum Barbecue. Daraus wird dann nichts, denn der Ankerplatz ist inzwischen sehr unruhig geworden und so folgen wir ihrem Vorschlag, uns gegen Mittag nach Clifton Bay auf Union Island zu verlegen.

Zusammen mit Angela, Christoph und Heinz verbringen wir einen wunderbaren Abend mit leckerem Rum-Punsch im trendigen „Snack Shack“ und anschließendem Abendessen im Restaurant „Barracuda“ – sehr empfehlenswert. Neben der Namensgleichheit unserer Schiffe gibt es auch sonst einige Gemeinsamkeiten und sofort entwickeln sich lebhafte Gespräche. Angela und Christoph pflegen ebenfalls einen sehr schönen Blog, hier ist der Link: https://sy-ithaka.blog/

Auch dieser Liegeplatz ist besonders: vor uns das große Riff, auf dem sich die Kite-Surfer tummeln, direkt neben uns ein Riff und in der Mitte der Bucht ein weiteres Riff. Eine gute Stelle zum Ankern zu finden ist gar nicht so leicht, denn auch hier sind wieder jede Mange Bojen ausgelegt. Am nächsten Morgen verlegen wir uns ein paar Meter weiter weg von den seitlichen Felsen, eine gute Entscheidung, denn kurze Zeit später dreht der Wind auf Süd und weht uns in Richtung der Untiefe.

Clifton Bay ist ein Straßendorf mit einigen, zum Teil sehr karibisch anmutenden 😉 Supermärkten, einem kleinen Obst- und Gemüsemarkt sowie vielen Bars und Restaurants. Auch ein Hotel und ein ATM ist vorhanden. Was will man mehr. Zum DinghiDock fährt man durch einen gemauerten kleinen Durchlass in ein geschütztes Becken. Wir kaufen jede Menge Obst und Gemüse zu astronomischen Preisen. Mittlerweile sind wir überzeugt, dass es an diesen Ständen unterschiedliche Preise gibt für Touristen und Einheimische, die sich sonst vermutlich nicht mal eine Kartoffel leisten könnten.

Wir leiden mit ihnen, als sich am nächsten Tag herausstellt, dass sie aus familiären Gründen relativ kurzfristig für ein paar Wochen nach Deutschland reisen müssen und hoffen wirklich sehr, dass wir die beiden mit ihrer ITHAKA Anfang März in Martinique wiedertreffen werden. Doch uns zieht es zunächst weiter Richtung Süden und so klarieren wir aus Richtung Grenada.

St. Lucia

Etwas mehr als 4 Wochen vergehen, bevor wir den sicheren Hafen in St. Lucia verlassen. Die Marina ist gut bewacht und hat einiges zu bieten: verschiedene, zum Teil sehr gute Restaurants, die Boardwalk-Bar, einen kleinen Süßwasser-Pool, einen großen Chandler, Segelmacher und vieles mehr. Ein idealer Ort, um sich an Land, Leute und Klima langsam zu gewöhnen. Viele Gelegenheitsarbeiter bieten in der Marina ihre Dienste an: überaus geschickt und mit vielen Tricks bewandert werden Boote auf Hochglanz poliert, das Unterwasserschiff gesäubert, selbst die Scheuerleiste aus Kupfer erhält ihre ursprüngliche Farbe und Glanz zurück. Es gibt Obstverkäufer und Hummer wird angeboten, was man sich wünscht, wird irgendwie besorgt. Die Gesichter der Menschen auf St. Lucia wirken oftmals ernst und etwas verschlossen, doch alle sind überaus bemüht und freundlich.

Kurz nach unserer Ankunft gibt es jedoch auch wieder mal einen größeren Diebstahl auf einem Segelboot vor Anker in der Marigot-Bay, während eines Schnorchel-Gangs blieb das Boot ungesichert und unbewacht, das haben sich die Diebe zunutze gemacht. Und immer wieder wird auch von Einheimischen davor gewarnt, sich nach Einbruch der Dunkelheit allein auf der Straße zu bewegen – das macht verunsichert zuweilen und engt leider die Bewegungsfreiheit mitunter stark ein.

Dennoch alles in allem irgendwie nicht verwunderlich: St. Lucia blickt auf eine bewegte Geschichte unter wechselnder französisch-liberaler Besatzung und britischer Herrschaft. Wie in vielen anderen Kolonien auch, brachten die Briten Menschen aus Afrika auf die Insel, die auf den Zuckerrohr­plantagen Sklavenarbeit verrichteten. Wichtigstes landwirtschaftliches Erzeugnis ist die Banane, bearbeitete Waren, Maschinen und viele Nahrungsmittel, darunter Fleisch, müssen größtenteils importiert werden, größter Wirtschaftszweig ist die Tourismusbranche. Die meisten Leute sind hier sehr arm und angesichts von Luxusresorts, Kreuzfahrtschiffen und teuren Yachten wird die Kluft zwischen arm und reich besonders evident.

Wir brauchen Zeit, um uns zu erholen und genießen die netten Runden mit unseren Freunden und Mitseglern von der ARC, die sich am 12. Januar auf den Weg Richtung Panama machen werden. Ein Christmas Dinner bei Marie`s Bar am Strand wird organisiert, mit dem Wassertaxi lassen wir uns dort hinbringen. Die Atmosphäre ist spektakulär, das Barbecue leider weniger, aber das tut der Veranstaltung keinen Abbruch, die visuellen Eindrücke von Marie`s Küche werden uns sicher noch länger im Gedächtnis bleiben. Anschließend wird weiter gefeiert an Bord von „BabSea“ …

Auch der Silvesterabend findet in größerer Runde statt. Unsere Sylvesterstimmung wird leider etwas getrübt durch die Tatsache, dass sich am Nachmittag mal wieder eine unserer Servicebatterien verabschiedet. Es stinkt und die Batterie glüht. Burkhard klemmt die kaputte Einheit ab und so müssen wir nun bereits weniger als zwei Jahre nach unserem letzten Tausch der Servicebatterien auf Rhodos wieder in einen Satz neue Batterien investieren. Es wird dennoch ein schöner Abend: Katrin hat für alle einen Kopfschmuck mitgebracht, ein Krönchen für die Damen, ein glitzerndes Hütchen für die Herren 😊. Diesmal lassen wir es uns richtig gut gehen und speisen ganz vorzüglich im Sushi-Restaurant in der Marina.

Der Wein ist in der Karibik leider recht teuer, und so greift auch Sibylle gern mal wieder zu einem Bier, hier in St. Lucia trinkt man das lokale Piton-Bier aus kleinen 0,275 Liter Fläschchen, die mit dem Wahrzeichen der Insel, den Piton-Hügeln etikettiert sind. 

Natürlich aber nicht zu vergessen der Rum-Punsch, für den jeder hier sein eigenes Rezept zu haben scheint – einfach genial und sehr verführerisch. Rum ist jedenfalls günstig zu bekommen, und so werden Rum-Mixgetränke in den nächsten Wochen auch immer häufiger auch an Bord unserer „Ithaka“ zubereitet 😊.

Den besten Rum-Punsch trinken wir auf der wöchentlichen Gros Islet Street Party. Hermann von der „BabSea“ hat den Stand ausfindig gemacht, die Zubereitung wird hier regelrecht zelebriert und der Rum hat es in sich! Strong! Die Gros Islet Street Party ist ein echtes Erlebnis und wahrer Gaumenschmaus. Unzählige kleine und größere Barbecue-Stände reihen sich entlang der Straße, der Duft von gegrilltem Spicy Chicken, Ribs, Fisch und Langusten mischt sich mit dem Rauch aus diversen Joints und Pfeifchen. Dazwischen Getränke-Stände und lokales Kunsthandwerk. Der Sonnenuntergang über der Bucht von Rodney Bay hat etwas Magisches.

Für unseren Inselausflug wählen wir leider ausgerechnet den Tag mit dem schlechtesten Wetter seit unserer Ankunft. Schauer gibt es zwar fast täglich und insbesondere auch nachts, aber an diesem 30. Dezember hört es fast überhaupt nicht auf zu schütten. An den meisten der Aussichtspunkte sieht man zum Teil die Hand vor Augen nicht, geschweige denn die Landschaft dahinter, die bei Sonnenschein und klarer Sicht eigentlich atemberaubende Fotomotive liefert. Zusammen mit Babsi, Helmut und Hermann („BabSea“) sowie Heike und Udo („Endo II“) geht es früh morgens nahe der Marina schon im Regen los. Unser Taxi-Fahrer ist heute John. John ist wohl ein Multitalent 😉, denn er hat auch schon unseren Bootsrumpf poliert.

Heute am Sonntag ist das Marktgeschehen reduziert, aber innen wie außen haben einige Stände geöffnet. An einem lokalen Grill-Imbiss wird etwas gefrühstückt: Teigtaschen mit Salty Fisch und Helmut und Babsi verkosten auch die Hühnchen-Schenkel zusammen mit einem Glas Spicy-Rum.

Mühsam erklimmt unser Taxi den steilen Berg oberhalb von Castries, der Ausblick auf die Bucht ist leider durch den Regen getrübt. Bei der Marigot-Bay haben wir Glück: die Sonne kommt raus und wir bekommen einige hübsche Fotos in den Kasten.

Das Fahrzeug ist ein uralter, klappriger Minibus – bei jeder Bodenwelle ächzen die kaum noch vorhandenen Stoßdämpfer und es schüttelt uns in den Sitzen. Helmut und Babsi müssen jedes Mal über eine riesige Kühlbox steigen, um ihren Platz in der hinteren Sitzbank einzunehmen. Zumindest ist die Kühlbox gut gefüllt, auch mit Piton-Bier. John erklärt, er habe am Morgen schon Wein mit Marihuana-Blatt gegen seine Magenverstimmung zu sich genommen … nun denn, Alkohol am Steuer ist hier in St. Lucia nicht verboten und angeblich passieren auch kaum Unfälle … Nach einem kurzen Stopp in der Rodney-Bay Mall halten wir im Zentrum der Inselhauptstadt Castries.

Doch oberhalb des Ortes Souffriere reißt der Nebel kurz auf für ein schnelles Foto von den Pitons im abziehenden Regen. In Souffriere angelangt machen wir Mittags-Rast in einem einheimischen Grill-Restaurant, Empfehlung von John. Das Hühnchen ist recht gut, der Fisch wohl eher weniger. Es schüttet aus Kübeln, als wir auf John warten, der uns vom Restaurant wieder abholt.

Auf der Fahrt gen Süden halten wir bei einer Tapioka-Bäckerei: die süß und salzig gefüllten Teigtaschen gefertigt aus dem Mehl der Maniok-Wurzel kommen noch heiß frisch aus dem Ofen. Sie sind sehr scharf gewürzt und irrsinnig mächtig. Weiter schlängelt sich die Straße durch die Berge, wir nähren uns den beiden Piton-Hügeln, die jedoch am gedachten Aussichtspunkt nicht einmal schemenhaft zu erkennen sind. John vertröstet uns auf die Rückfahrt, aber auch da können wir später im Nebel nichts erkennen.

Unser nächstes Ziel ist der botanische Garten mit dem Wasserfall. Der Garten ist wunderschön und als Lehrpfad beschriftet. Gern hätten wir uns länger du ausgiebig mit den fremden Pflanzen und Bäumen befasst, aber wir haben nur eine Stunde bis zur Schließung der Anlage und wieder regnet es, und zwar diesmal richtig. Diejenigen unter uns, die ihre Regenjacke im Bus vergessen haben, schälen sich anschließend aus ihren klitschnassen Oberteilen, um nun in die wenigstens trockene Regenjacke zu schlüpfen. Auf den letzten Stopp der Tour, die Schwefelquellen hat anschließend niemand mehr Lust und so wenden wir kurzerhand und treten die lange Rückfahrt an. Immer wieder hält John kurz an, um ein WC aufzusuchen – der Marihuanablatt-Wein hat offensichtlich seine Verdauungsprobleme nicht lösen können, oder doch?

Die Tage verfliegen. Tränenreich verabschieden wir die „Hector“ – mit Katrin und Peter. Mit neuen Chartergästen werden sie gen Norden ziehen, um den Katamaran am Ende der Saison auf den Bahamas abzugeben. Unsere kaputte Genua wird fachmännisch repariert von Kenny, dem Segelmacher. Ulrich Meixner von DSL-Yachting unterstützt uns bei der Beschaffung und dem Einbau neuer hochwertiger Servicebatterien. Mit dem Einbau warten wir, bis sein Elektriker-Fachmann wieder aus dem Urlaub zurück ist. Er soll nochmals die gesamte Elektronik systematisch überprüfen, aber auch er findet keinen gravierenden Fehler. Sibylle kümmert sich um die Decksarbeiten, wieder gibt es etliche Holzpfropfen im Teak zu ersetzen und der Umlenk-Block für die Raushol-Leine am Großsegel muss ausgetauscht werden. Aus dem alten Block hatte sich bei der Überfahrt die Mittelachse gelöst und die Scheibe hat Sibylle heftig am Arm erwischt. Gott sei Dank ist das Geschoss zuvor gegen einen Teakgriff geknallt und hat diesen zertrümmert. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Scheibe mit ungebremster Wucht einen von uns beiden getroffen hätte. Für den neuen Block müssen neue Löcher ins Deck gebohrt und die alten abgedichtet werden, nicht so ganz trivial, aber mit dem Ergebnis sind wir schließlich sehr zufrieden.

Wir freuen uns sehr, dass auch Jörg von Yachtfunk aus Deutschland eingeflogen kommt, um die SFB-Einrichtungen der World ARC Teilnehmer erneut zu kontrollieren. Seine Freistunden verbringt er bei uns an Bord und er hilft uns beim Check unserer VHF-Anlage. Tja und irgendwann heißt es dann endgültig Abschied nehmen. Wir laden alle nochmal zu einem Farewell-Sundowner bei uns an Bord ein: „BabSea“, „Endo“, „Nika“, „Aurora B“ und auch Jörg darf natürlich nicht fehlen.

Mit der Wiedereröffnung des ARC-Büros in der Marina zehn Tage vor dem Start der World ARC kehren auch bekannte Gesichter zurück. Wir verbringen nette Stunden mit Gemma und Ed von der „Aurora B“ – sie haben großes Interesse zu verstehen, wie wir unser Teakdeck instand halten und lassen sich alles genau zeigen, was Sibylle in den letzten Jahren gelernt und angewendet hat (nochmals ein herzliches Dankeschön an Hans von der „Rasant“, der Sibylle in die Kunst der Holzpfropfen-Technik eingewiesen hat!)

Dann bleibt uns nur noch zu winken, als anderthalb Tage später die World ARC Schiffe Richtung Kolumbien-Panama-Südsee aus dem Hafen fahren…

Atlantic Crossing

Die Erschöpfung ist groß, als wir nach 2869 Seemeilen und 19 Tagen und 10 Stunden auf See endlich gegen 20:00 Uhr Ortszeit die Ziellinie erreichen und in der Rodney Bay Marina festmachen. Die Einfahrt in die Marina Bay ist etwas tricky im Dunkeln, aber wir schaffen es problemlos. Am Funk ist nun Clare von der ARC-Organisation (wie schön, eine vertraute Stimme zu hören!), die uns einen Liegeplatz zuweist. Erst müssen wir aber Fender und Leinen klarmachen. Dann anlegen. Alles klappt super trotz Dunkelheit. Wir werden mit Rumpunsch und einem großen Obstkorb empfangen. Burkhard kann den Obstkorb kaum halten und muss sich erschöpft auf den Steg setzen.

Wir denken, es ist schlau, jetzt noch was essen zu gehen, denn Burkhard hatte früh nur ein Müsli. Auf dem Weg treffen wir Mark und Gina von der „Rum Truffle“, sie sind auch vor ein paar Stunden erst angekommen. Im Restaurant fällt Burkhard der Kopf auf die Tischplatte, er reagiert kaum noch und hat kalten Schweiß im Nacken. Das Personal holt die Ambulanz und Sibylle verständigt Clare.

Nach einer teuren Nacht im nahegelegenen Privatkrankenhaus, nach diversen Untersuchungen, die allesamt nicht wirklich eine ernsthafte Erkrankung erkennen lassen, entlassen wir uns schließlich gegen ärztliche Empfehlung selbst wieder aus dem Krankenhaus und fahren gemeinsam mit Peter und Carl (SY Orion) im Taxi zurück zur Marina. Bei Peter wurde der Daumen wieder angenäht, der kurz vor dem Anlegen in die Elektrowinsch geraten war. Man weiß noch nicht, ob der Finger wieder anwachsen wird. Dagegen erscheinen unsere Sorgen eher klein, die Schwäche scheint tatsächlich auf den allgemeinen Erschöpfungszustand und die Erleichterung über die Ankunft zurückzuführen.

Burkhard schläft den restlichen Tag, Sibylle erledigt die Formalitäten. Wir sind glücklich und unendlich dankbar, dass wir unbeschadet angekommen sind, aber so richtig glauben können wir es noch nicht. Es dauert fast 10 Tage, bis unsere Verfassung sich langsam wieder normalisiert, bis die Antriebslosigkeit neuem Tatendrang weicht.

Trotzdem freuen wir uns riesig, dass am Tag nach unserem Landfall Sibylles Schwester Juliane mit den Kindern ankommt. Sie haben eine Villa Richtung Pigeon Island gemietet – traumhaft schön, aber leider sehr einsam auf dem Berg gelegen. Wir verbringen gemeinsam zwei richtig schöne Abende mit gegrillten Langusten, am hauseigenen Swimming-Pool und auch beim ARC-Ausflug in Anse de la Raye.

Aus dem Raussegeln wird zwar nichts, aber immerhin ankern und schwimmen wir einen Tag lang zusammen in der Rodney Bucht. Mit vereinten Kräften wechseln wir dort auch das Vorsegel: unsere Genua hat auf der Überfahrt leider erheblich gelitten, das Unterliek und Teile des Achterlieks haben sich komplett aufgelöst.

Ohne uns zieht die Familie weiter nach Martinique, von dort treten sie am zweiten Weihnachtstag den Rückweg an. Wir brauchen noch ein paar Tage, um wieder zu Kräften zu kommen.

Unsere Überfahrt verläuft im Grunde völlig friedlich, ohne größere Pleiten oder Pannen, wenn man von den kleinen Schwierigkeiten beim Start mal absieht – denn fast wären wir in Las Palmas geblieben … Als wir beim Ablegen den Vorwärtsgang einlegen, rappelt und klopft es gewaltig. Unsere britischen Steg-Nachbarn von der Theodora sehen uns mitleidig an, murmeln etwas von „gearbox“ und legen dann mit vielen Wünschen für gutes Gelingen vor uns ab. Wir machen die Mooringleine wieder fest und blicken uns verzweifelt in die Augen: nach all der monatelangen Vorbereitung – nun das?! Aber nein, das lassen wir uns jetzt nicht gefallen. Sibylle ist der Meinung, im Motorraum rappelt es nicht sehr, das Geräusch kommt von draußen: wieder mal eine Leine im Propeller gefangen? Das Brackwasser in der Marina von Las Palmas ist widerlich, doch was nützt es jetzt, Sibylle setzt Brille und Schnorchel auf und taucht in die Brühe. Der Propeller dreht, jedoch nicht ganz regelmäßig. Von einer Leine jedoch keine Spur. Ein paar Mal noch legen wir den Gang ein, und bilden uns ein, es wird besser.  Also dann: wir fahren los, koste es, was es wolle. Wir sind schließlich ein Segelboot. Eine gute Entscheidung, denn noch bevor wir die Startlinie passieren, hat sich das Geräusch verflüchtigt – vielleicht nur ein wenig Bewuchs am Propeller….

In den ersten Tagen treibt uns die Sorge um die Bordelektronik um, nach dem Einbau des neuen Ladegerätes wird plötzlich keine Ladung mehr angezeigt, weder von Solar-, noch Wind-, noch Wasser-Generator und auch nicht die Ladung der Lichtmaschine. Zunächst nehmen wir an, dass die Batterien somit auch nicht mehr geladen werden, und bemühen erfolgreich unseren kleinen benzingetriebenen Generator, der 220V erzeugt, sich somit wie Landstrom verhält. Dummerweise haben wir bei weitem nicht genug Benzin an Bord, um so die Überfahrt zu bestreiten. Doch nach einiger Zeit wird klar, dass auch unsere 12V Stromerzeuger durchaus Energie produzieren, wie man an der Ladespannung erkennen kann – lediglich die Lade-Anzeige ist kaputt oder falsch angeschlossen, so sind wir im Blindflug unterwegs und müssen uns ganz auf die Voltanzeige verlassen.

Nach zwei Wochen mag dann der Bordkühlschrank nicht mehr. Eine mittlere Katastrophe, denn wir haben noch etliche Kilo Fischfilet einvakumiert und gekühlt von unserem großen Fischfang am 30. November. Außerdem haben wir in Las Palmas deutlich größere Proviantvorräte angelegt als für die Überquerung erforderlich, da hier in der Karibik alles viel teurer und vieles schlecht zu kriegen ist. Nach einigen Checks sind wir der Meinung, dass der Einlass der Seewasserpumpe verstopft sein muss, vielleicht zugewachsen. Da können wir jetzt nicht viel dran machen, das müssen wir nach Ankunft in der Bucht mal prüfen und säubern. Erst später stellt sich heraus, dass wohl die Seewasserpumpe mal wieder defekt ist und nach Austausch in St. Lucia läuft der Kühlschrank wieder. Bis dahin müssen wir, so gut es geht, das Kühlgut umverteilen – denn Gott sei Dank haben wir ja noch die große Dometic Kühlbox. Die ist zwar auch randvoll, aber da müssen halt einige Lebensmittel den Rest der Fahrt ohne Kühlung überstehen – oder eben nicht.

Was sich als wirklich kräftezehrend herausstellt, ist der Schwell. Es schaukelt und schüttelt uns fast die gesamte Zeit so dermaßen durch, dass an echtes Schlafen außerhalb der Wachzeiten nicht zu denken ist. Der angenehmste Schlafplatz ist im Salon, auf dem Fußboden polstern wir uns eine Schlafmöglichkeit aus, die wir im 3-5 stündigem Wechsel während der Nacht nutzen. Auch hier rollt man beständig hin und her, aber zumindest fällt man nicht aus der Koje. Analog sitzt der oder die Wachhabende die meiste Zeit auf dem Grating im Cockpit – andernfalls muss man schon sehr aufpassen, nicht von der Cockpitbank zu fallen, was nur durch sorgfältiges und beständiges Abstützen gewährleistet ist.

Erfahrene Atlantiküberquerer wie Heike und Udo von der „Endo II“ versichern uns bei der täglichen privaten Funkrunde, dass sie bei ihrer ersten Überfahrt längst nicht eine solch heftige Störwelle von der Seite verspürt haben. Es scheint, die seitliche Welle wird durch eine Wetterstörung nördlich von uns verursacht. An manchen Tagen ist es fast unmöglich zu kochen oder auch nur etwas aufzuwärmen, und aus den Schränken fliegt bei Unachtsamkeit alles heraus

Erst bei der Prizegiving Party realisieren wir, dass wir in diesem Jahr eine von insgesamt nur acht Zweier-Crews sind, die in 2018 bei der ARC mitmachen. Hierfür werden wir mit den anderen Double-handed Crews besonders geehrt, mit uns auch Helmut und Hermann von der „BabSea“ – tatsächlich ist die Fahrt zu zweit natürlich extra anstrengend. Auch wenn wir von weiteren Herausforderungen verschont geblieben sind – die Dreier-Crew von der „Endo II“ musste beispielsweise mehr als eine Woche abwechselnd von Hand steuern, weil der hydraulische Autopilot ausgefallen war.

Das hat die drei tapferen Segler jedoch nicht davon abgehalten, einen 70 Meilen Umweg in Kauf zu nehmen, um der „SY Garuda“ zur Hilfe zu eilen, die nach Mastbruch nicht ausreichend Dieselvorräte an Bord hatte, um unter Motor das Ziel zu erreichen. Zu Recht gewinnen sie den „Special Price of the Arc“!

Unsere Freunde aus Köln, Katrin & Peter von „Sail & Chill“ mit ihren 5 Chartergästen lassen es ruhig angehen – sie gewinnen den Preis für den besten nicht-englischen Blog, den Katrin täglich liebevoll pflegt.

Es ist nicht leicht zu sagen, was wir von der großen Überfahrt am meisten im Gedächtnis behalten werden. Ein bisschen enttäuscht waren wir, dass wir bis auf ein einziges Mal aus der Ferne, nicht einen Wal oder Delphin gesichtet haben. Und die Angel haben wir nach dem großen Fang natürlich weggepackt, dabei hätten wir so gern noch einen Thunfisch oder Mahi-Mahi geholt.

Wirklich beeindruckend sind neben den Sonnenuntergängen die Nächte. Mit Mond silberhell, ohne Mond pitchblack, aber mit Millionen von Sternen, die wir noch nie gesehen haben. Und das phosphorisierende Plankton in der Bugwelle ist atemberaubend. Schön sind die kleinen Starkwind und -regenzellen auf dem Radarbildschirm zu erkennen, das macht es leicht, auszuweichen und nur zweimal müssen wir wegen der Squalls reffen und werden von Wind und Regen erwischt.

Es freut uns sehr, dass wir fast ohne Downwind-Erfahrung mit dem Ausbaumen der Genua im Schmetterling ausgesprochen gut zurechtkommen. Und mit dem Einsatz von zusätzlichen Umlenkrollen sind dann auch die Schoten dauerhaft heile geblieben …

Wir waren zwar nicht die Schnellsten, aber wir freuen uns über den Preis für den größten Fischfang während der Fahrt: ein 12 kg Wahoo, den wir gemeinsam bei mehr als 7 Knoten Fahrt Hand über Hand über die große Spule und mit dem Gaff an Deck heben. Zwei Wochen essen wir an dem Fisch und den Rest teilen wir noch mit Juliane und den Kindern nach der Ankunft.

Merkwürdig und unangenehm sind die teilweise riesigen Braunalgenteppiche, die über hunderte, wenn nicht mehr als tausend, Meilen an uns vorbeischwimmen und sich immer wieder in großen Büscheln an der Windfahne festsetzen. Wenn man danach googelt, findet man beängstigende Berichte – vermutlich werden wir den Algenteppichen auch in der Karibik noch öfter begegnen … https://www.sueddeutsche.de/wissen/oekologie-angriff-der-braunalgen-in-der-karibik-1.4022192

Alles in allem ist es faszinierend, wie schnell die Tage und die Zeit auf See vergehen. Nicht darüber nachdenken sollte man über die vielen Kilometer Wassermassen, die unter dem Kiel liegen. Insbesondere auf der Hälfte der Strecke, blieb uns bei dem Gedanken schonmal die Luft weg. Wir feiern Bergfest mit ein paar Bierchen und sogar Wein zum Essen – ansonsten haben wir uns nur zu ganz wenigen, ausgewählten Sonnenuntergängen mal eine Dose Bier geteilt. Erst in der letzten Woche fangen wir an, Breitengrade, Tage und Meilen bis zur Ankunft zu zählen – irgendwann möchte man halt einfach nur noch ankommen.

Unser neu erworbenes Wingaker-Leichtwindsegel haben wir allerdings wegen der heftigen Schaukelei und auch kräftigem Wind (das Segel soll man nur bis 15 Knoten von achtern nutzen) tatsächlich nur ein einziges Mal draußen gehabt. Der Wind bläst zumeist mit 18-25 Knoten, so dass wir zum Teil richtig flott unterwegs sind. Nur zwei Mal gibt es eine kurze Flaute, da haben wir dann nach einigem Herumdümpeln schließlich für jeweils knapp vier Stunden den Motor mal angeschmissen. Ansonsten hat man das Gefühl man rauscht nur so dahin – fast wie in einem D-Zug oder ICE, ohne Stopp. Stolz sind wir auf einige hervorragende Etmale mit bis zu 170 Seemeilen in 24 Stunden.

Es ist tatsächlich eine große Beruhigung, die anderen Boote der ARC-Flotte da draußen zu wissen, auch wenn man sie fasst nie mit bloßem Auge sieht. Oft empfängt man jedoch AIS-Signale von anderen Schiffen und sieht zumindest auf dem Bildschirm, wer in erreichbarer Nähe ist. Einmal kommt uns ein Segelboot mit spanischer Flagge und englischem Skipper in der Nacht sehr nahe. Wir machen über Funk auf uns aufmerksam und Andrew scherzt noch, dass er uns knapp verpassen wird – dann wird ihm selbst mulmig und er schaltet die volle Decksbeleuchtung an, als er „überraschend“ wenige Meter an uns vorbeisaust. So was ist wirklich unnötig, und gern hätten wir mit ihm hier St. Lucia ein paar Worte über diese gefährliche Aktion gewechselt.

Bis auf die offizielle tägliche Seefunkrunde, in der jedoch lediglich Position und Windverhältnisse der Teilnehmer durchgegeben werden, gibt es auch leider wenig Kommunikation untereinander. Das haben wir uns etwas anders vorgestellt. Unseren VHF-Funk müssen wir allerdings auch nochmal überprüfen, teilweise sind wir außerhalb von Kanal 16 nicht zu hören. Mit ein paar Booten tauschen wir jedoch wenigstens mal Mails aus, und mit der Endo II sind wir auch täglich über Funk im Kontakt.

Bald müssen wir nun Abschied nehmen von den Freunden, die ab 12. Januar mit der World-ARC weiterfahren, dazu zählen die „Endo II“, „BabSea“ und auch unser Schwesterschiff „Aurora B“ (wie wir eine Hallberg Rassy 42F). Und wir müssen uns entscheiden, wo wir während der Hurrikan-Periode unterschlüpfen wollen, die auch versicherungsmäßig in diesem Breiten nicht abgedeckt ist. Gern würden wir jedenfalls eine Saison hierbleiben und dann im kommenden Jahr entweder zurück nach Europa oder weiter um die Welt segeln. Heute steigen wir in die Planungen ein.

Satelliten Tracking – ARC 2018

Die Zeit bis zur Abfahrt am Sonntag vergeht wie im Flug und immer noch gibt es viel zu tun: neue Segel anschlagen, die letzten Einkäufe, vorkochen für ein paar Tage und so viel mehr. Vorgestern haben wir uns riesig gefreut über den Besuch von Tom Logisch und seiner Tochter Josephine (tom logisch – exploring the world in a better way UG), die uns hier kurz vor dem Startschuss noch den Hydrogenerator von Watt&Sea angebaut haben. Der Generator wird maßgeblich dazu beitragen, dass wir auf der Atlantiküberquerung auch in Abwesenheit von Sonne und selbst bei wenig Wind allein durch die Fahrtströmung Strom erzeugen können. Und so werden wir hoffentlich nicht wieder in eine solch missliche Energienotlage geraten, wie kürzlich auf dem Weg nach Las Palmas.

Und natürlich gibt es jede Menge vorbereitendes Programm: die spektakuläre Hubschrauber-Rettungsübung liefert eindrucksvolle Bilder – da hofft wohl jeder Teilnehmer, dass man in eine solche Situation nie kommen wird, beziehungsweise im Falle eines echten Notfalls der Hubschrauber noch irgendwie in Reichweite ist oder gebracht werden kann. 

Die anschließende Demonstration der Seenotsignale wie auch das Auslösen der Rettungsinsel droht im wahrsten Sinne des Wortes fast ins Wasser zu fallen, denn der Tag ist kalt und grau und in unregelmäßigen Abständen regnet es heftig.

So nimmt es kein Wunder, dass der Repräsentant aus St. Lucia bei seiner Ansprache anläßlich der offiziellen Eröffnung der ARC 2018 den größten Beifall erntet, als er von dem warmen und sonnigen Wetter auf St. Lucia vorschwärmt.

Seit ein paar Tagen ist auch unser Satelliten-Tracking-Sender aktiv, so dass man uns ab jetzt und während der gesamten Fahrt über den großen Teich online verfolgen kann. Jedes Schiff, das wie wir an der Atlantic Rallye for Cruisers (ARC 2018) teilnimmt, wird für die Dauer der Überfahrt mit einem solchen Satellitensender ausgestattet. Der Sender ist am Heck unseres Schiffes befestigt. Alle vier Stunden werden die Positionsdaten aktualisiert und die Schiffs-Position auf der Karte angezeigt.

Und so geht`s: Über den Link https://www.worldcruising.com/arc/event.aspx  gelangt man zum Tracking. Ein Klick auf „where are the boats?“ und das Race „ARC 2018“ auswählen. Das ist wichtig, denn es gibt noch ein weiteres Segelschiff mit Namen ITHAKA, dieses Boot jedoch ist in einer anderen Rallye „ARC+ 2018“ gestartet, welche den Weg über die Kapverden in die Karibik nimmt.

Links im Menü befindet sich die alphabetische Liste der Boote. Ein Klick auf den Bootsnamen hebt das Schiff auf der Karte hervor. Fährt man mit der Maus über die Bootsgraphic, werden weitere Daten angezeigt, zum Beispiel der Name des Skippers. Natürlich kann man in die Karte bzw. das Satellitenbild auch hineinzoomen. Bei größter Auflösung werden die Bootsnamen auch direkt auf der Karte angezeigt. Noch einfacher geht das alles auf dem Smartphone über die App „YB-Tracker“, die man im App-Store herunterladen kann.

Noch bis spät in der vergangenen Nacht hatten wir die Elektriker an Bord, die über mehrere Tage versucht haben, uns ein neues Ladegerät mit Inverter einzubauen. Das ganze hätte schon vor fast zwei Wochen stattfinden sollen, aber immer wieder wurden wir vertröstet. Die Crash-Aktion in letzter Minute hat leider sehr an unseren Nerven gezehrt. Aber jetzt sind wir (fast) startbereit und freuen uns auf die kommenden – hoffentlich entspannten 😊- Tage auf hoher See.

Mit einigen Impressionen vom Start der ARC+ am 11.11.2018 verabschieden wir uns für die nächsten drei Wochen. Bilder von unserem Start heute werden mit Sicherheit wenige Stunden nach dem Start um 13:00 Uhr UTC auf der ARC-Facebook-Seite zu sehen sein https://www.facebook.com/arcrally/?ref=br_rs . Vielleicht schreiben wir auch ein paar Kommentare auf die Worldcruising-Website von den Erlebnissen unterwegs. In jedem Fall kann Sinn, dort ab und zu mal reinzuschauen und zu sehen, ob es etwas es Neues gibt…. https://www.worldcruising.com/arc/event.aspx

Wir denken, dass wir mindestens 21 Tage unterwegs sein werden, bis wir unser Ziel St. Lucia in der Karibik erreichen. Vielleicht auch länger – wie immer spielen Wind und Wetter dabei die Hauptrolle ….

Acht Tage bis Gran Canaria

Die nächsten Tage verlaufen ohne größere Zwischenfälle. Wir fühlen uns etwas einsam, aber nicht mehr hilflos. Täglich mehrfach holen wir den Streckenwetterbericht über SSB-Funk, das klappt hervorragend. Auch der E-Mail-Versand und -empfang via SailMail ist top, derzeit unser einziger – tröstlicher – Kontakt zur Welt außerhalb unseres Schiffes. Christoph gibt uns regelmäßig ein Update zur Großwetterlage, die leider für uns nicht rosig aussieht. Der Wind wird einschlafen, gegen uns drehen und erst nach mehreren Tagen wird endlich der erforderliche Nordwind einsetzen, der uns hoffentlich irgendwann ans Ziel weht.

Immer wieder haben wir kleine „blinde Passagiere“ an Bord. Eigentlich freuen wir uns über den Besuch der zutraulichen Tierchen, aber leider hinterlassen sie überall ihre Spuren …

Andere Schiffe sind hier kaum unterwegs. Die Yachten, mit denen wir zusammen am Freitag gestartet waren, sind längst aus unserem Empfangsbereich verschwunden und werden sicher weit vor uns das Ziel erreichen. Die Frachtschiffe, die uns auf der Strecke – zumeist im Abstand von mindestens zwanzig Meilen – passieren, kann man fast an einer Hand abzählen. Das ändert sich erst, als wir uns Gran Canaria nähern. So ist es auch kein Problem, dass wir nach wir vor die Navigationsgeräte nur sporadisch einschalten, und nachts leuchtet uns hell der Mond – jedenfalls, wenn sich keine Wolken davorschieben.

Wir erhalten nun Mails von vielen Seiten, alle sind sehr bemüht und hilfreich, auch ein Volvo-Ingenieur aus Gran Canaria schreibt uns Tipps zur Fehlerfindung bei überhitztem Motor, aber leider kennen wir ja die Ursache bereits. Als Sibylle eine Antwort senden möchte, lässt sich auf einmal die ICOM SSB-Anlage nicht mehr anschalten – jetzt wird uns wirklich mulmig. Verzweifelt suchen wir die Bedienungsanleitung, Burkhard findet tatsächlich am Gerät die Sicherung, die ist jedoch in Ordnung – woran liegt es denn dann? Ratlosigkeit. Da auf einmal funktioniert die Funke wieder, Gott sei Dank. 

Sofort bitten wir Christoph per Mail, uns bei der Aktivierung unseres Iridium Satelliten-Telefons zu helfen, damit wir wenigstens noch eine alternative Möglichkeit zur Kommunikation haben. Schon bald vermeldet Christoph Erfolg: das Iridium Go ist aktiviert. Sehr beruhigend, zusätzlich nun die Möglichkeit zum Telefonieren zu haben. Gleich am nächsten Tag testen wir das Gerät: der Anruf bei Christoph funktioniert tadellos, die Qualität der Verbindung könnte besser sein. Wir werden also vermutlich noch in eine externe Antenne investieren und auch die SMS- und Tracking-Funktion muss eingerichtet werden, sobald wir wieder Internetanschluss haben.

In der Nacht zum 23. Oktober verdichten sich die Schleierwolken der Südwindwetterlage zu undurchdringlichem Nebel und es ist plötzlich komplett windstill. Wir treiben mit genau 0,0 Knoten in der milchig-trüben Suppe, man hört nichts außer den wenigen Geräuschen an Bord: das Anspringen der Kühlschrank-Pumpe, das Surren der Frischwasserpumpe, ein Klappern der Pfanne bei der Zubereitung des nächtlichen Omelette. Echt gruselig! Fast erwarten wir, dass irgendwo eine Hand aus der wabernden Watte ragt und nach uns greift. Wer sagte da eigentlich: der Weg sei das Ziel? Dämlicher Spruch 😊 – irgendwann möchte man ja auch mal ankommen, zumal, wenn man wie Burkhard einen Flug von Gran Canaria nach Deutschland gebucht hat, der in wenigen Tagen abhebt. Dankenswerter Weise ist der Spuk nach ein paar Stunden vorbei und der erwartete Südwind bläst kräftig mit bis zu 17 Knoten – nicht ganz unsere Richtung, aber zumindest raus aus dem Nebel.

Am Morgen des 24. Oktober schließlich machen wir uns ernsthaft Hoffnungen, dass wir noch rechtzeitig zum Start des Fluges in Las Palmas eintreffen können. In der Nacht hat uns ein angenehmer Nordostwind ein gutes Stück vorangebracht. Wir rechnen, wenn wir in diesem Tempo weiter vorankommen, können wir bis zum Nachmittag die Rest-Strecke auf circa 300 Meilen verkürzen. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Ab mittags zieht sich der Himmel zu und der Wind lässt merklich nach, wir machen nur noch gut 3 Knoten, das ist viel zu langsam.

In einem Akt der Verzweiflung gibt sich Burkhard daran, die Seewasserpumpe auseinanderzubauen.

Leider kommt aus dem Auspuff immer noch kein Wasser und der Impellerdeckel scheint undicht – also Deckel wieder runter und Dichtung neu und einfetten. Dann ein erneuter Versuch, es wird schon bald dunkel. Tatsächlich wird nun wieder Seewasser durch das Kühlsystem transportiert – aber leider tropft es auch gewaltig im Motorraum: bei den Arbeiten ist wohl der Simmering kaputtgegangen und die Pumpe ist nun undicht. Wir sind tief enttäuscht, vor allem Burkhard, der sich den ganzen Tag abgemüht und einen phantastischen Job gemacht hat.

Wir wollen versuchen, die defekte Antriebs-Welle durch das alte Ersatzteil zu ersetzen, was wir im Juni in Crotone getauscht hatten und ebenso wie unser dortiger Mechaniker Salvatore (nomen est omen!) in seinem ersten erfolgreichen Reparaturversuch eine Distanzscheibe zusätzlich einsetzen. Auf diese Weise kann hoffentlich der ebenfalls defekte Mitnehmer wieder richtig greifen und so die Welle wieder drehen. Hierzu kontaktieren wir als erstes den Mechaniker in Crotone um zu verstehen, wo die Abstandscheibe zu platzieren ist und wie dick diese sein muss. Salvatore antwortet prompt: „Il distanziale lo deve inserire tra ultimo cuscinetto esterno (13) e albero (3)“. Na also! Wir sind begeistert und ziemlich zuversichtlich, dass dies die Lösung des Problems bringen wird. Am späten Nachmittag endlich ein erster Einbau-Versuch.

Ausnahmsweise teilen wir uns vier kleine Dosen Bier – danach geht es uns etwas besser. Dann essen wir lecker zu Abend und Burkhard legt sich aufs Ohr. Wieder übernimmt Sibylle eine sehr lange Wache.

25. Oktober: In der Nacht gibt es zunächst kaum Wind aus N-östlicher Richtung. Sibylle versucht durch manuelles Steuern, die Geschwindigkeit oberhalb der 3 Knoten zu halten, was auch meistens gelingt. Den Autopilot können wir nicht mehr einschalten, der verbraucht zu viel Strom, denn inzwischen haben wir ein massives Energieproblem, der Batterieladestand ist nur noch bei 45%, am Morgen dann runter auf 40%. Den Generator haben wir zwar inzwischen in Gang gebracht (es hat durchaus Vorteile, wenn man vor dem Anwerfen sicherstellt, dass sich ausreichend Kraftstoff im Tank befindet 😊). Jedoch schaltet sich der Generator sofort wegen Überlastung wieder ab – damit können wir die Batterien jedenfalls nicht wieder laden.

 

Ab 05:00 Uhr hocken wir dann gemeinsam im Cockpit. Der Wind hat aufgefrischt und ein paar Mal gedreht, jetzt fahren wir sehr hoch am Wind Kurs 240-250°, also westlich am Ziel vorbei, aber anders geht es im Moment nicht. Auf geradem Wege wären es gegen 10:00 Uhr noch 239 Seemeilen bis Las Palmas.

Immer noch denken wir, dass wir es rechtzeitig bis dorthin schaffen können. Gegen Mittag baut Burkhard die Seewasser-Pumpe wieder aus und bei ziemlicher Schräglage und Wellengang versuchen wir, uns gemeinsam dem Dichtungsproblem zu nähern. 

Bei genauerem Hinsehen scheint tatsächlich die eine der beiden Dichtungen an der Welle nicht mehr in Ordnung, sie steht etwas hervor und die Lippe ist ausgefranst. Die andere Dichtung sieht ok aus – was für ein Glück, denn unter unseren Altbeständen findet sich nur noch eine einzige halbwegs intakte Dichtung. Wir demontieren das defekte Teil und schieben die neue Dichtung auf, und zwar nachdem die Welle bereits wiedereingesetzt ist, so wie es in unserem inzwischen vielgenutzten Standardwerk beschrieben ist (Nick Calder, Boatsowner`s Mechanical and Electrical Manual – sehr zu empfehlen und unverzichtbar!).

Es ist kalt und wolkenverhangen, jetzt ein bisschen hinlegen und dösen, das wäre schön. Aber wir müssen erstmal reffen, denn der Wind geht in Böen wieder bis 18 Knoten hoch. Während wir Tuch reinrollen, scheppert die Coladose an der Schleppangel, die erst seit gestern wieder draußen hängt. Vorher war wirklich niemandem zum Fischen zumute, außerdem mit der drohenden Gefahr, den Bord-Kühlschrank wegen Energiemangel abschalten zu müssen, ist es ja eigentlich die reine Verschwendung, noch weitere Lebensmittel an Bord zu nehmen.

 

Sibylle fürchtet schon, sie ist zu spät und der Fisch bereits weg, als sie sich endlich dem Expander zuwendet und schnell anfängt, die dicke Nylonschnur auf die große Spule zu wickeln. Es zieht mächtig, das heißt, der Fisch hängt noch dran. Gut, dass wir den Anfang der Leine tags zuvor ins Cockpit verlegt haben, so kann man bei dem Sauwetter zumindest die Leine fast komplett vom Cockpit aus aufrollen. Burkhard bringt Rettungsweste und Gaff und Sibylle geht nach achtern. Der Fisch ist jetzt schon ganz nah, es scheint ein Thun oder so ähnlich und nicht ganz klein. 

Schnell entschlossen holt Sibylle kurzerhand den Fisch mit einem Schwung am Haken an Deck und stürzt sich auf ihn, damit er nicht wieder rausspringt. So ein schönes Tier. Ein echter Bonito wie wir später von Christoph erfahren. Knapp 3 Kilo schwer, das wird ein Festmahl (bzw. mehrere 😊).

Bei Einbruch der Dunkelheit schließlich gerät das Schiff auf einmal in den hohen Wellen mangels Wind vom Kurs ab und ist fast nicht mehr kontrollierbar. Wir sind es leid,  jetzt oder nie, wir werden versuchen, die fertig zusammengebaute Pumpe sofort nochmal einzusetzen und erneut einen Motorstart zu versuchen. Während Sibylle an Deck kämpft, dem Boot noch irgendeine sinnvolle Richtung zu geben, wir jedoch immer weiter nach Westen driften, bemüht sich Burkhard mal wieder im Motorraum. Schließlich ist es so weit. Der Start ….  und wieder kommt Wasser aus der Welle ☹. Sibylle prüft die Menge und stellt fest, es ist gar nicht so viel, das können wir zur Not auffangen. Dazu lässt sich eine Silikonvase hervorragend zweckentfremden. Als wir erneut starten, ist es fast Mitternacht. Sibylle wacht unten im Motorraum über Wassereinbruch und Temperatur, Burkhard kontrolliert oben das Geschehen. Unser Motor läuft wieder – juhu!

Eine enorme Hilfe ist das neu angeschaffte Infrarot-Thermometer, mit dem man jede einzelne Motoreinheit temperaturtechnisch kontrollieren kann. Der Wasserfluß aus dem Pumpenantrieb versiegt rasch, aber schnell ist auch klar, dass durch die zusätzliche Reibung des provisorisch eingesetzten metallenen Abstandsring, das Pumpengehäuse ziemlich heiß wird. Aber was bleibt uns anderes übrig, andernfalls wären wir die ganze Nacht Spielball der Wellen und es zieht auch noch Regen auf. Also fahren wir vorsichtig weiter unter Motor und holen dann erstmal das Abendessen nach. 

26. Oktober: Wir motoren bis kurz vor Mittag und legen schließlich eine Pause ein, nehmen das Großsegel raus, weit ausgebaumt, denn die Brise kommt jetzt von hinten. Zum Segeln ist diese allerdings viel zu schwach, insbesondere in Kombination mit der Welle, die quer zu unserer Fahrtrichtung läuft. Wir nutzen die Stunde zum Duschen und für Mails. Dann geht es weiter. Die Sonne scheint sehr warm, herrlich, man ist hier spürbar südlicher und wieder im Sommer angekommen. Sibylle filetiert den Bonito: wunderbare zarte, sehr große Filets, von denen wir eines zum Nachmittag als Sashimi verspeisen.

27. Oktober: Unglaublich – am frühen Morgen sehen wir vor uns in der Dunkelheit die Lichter von Las Palmas in der Ferne leuchten. Wir kalkulieren unsere Ankunft auf circa 13:00 Uhr Ortszeit, hoffentlich noch rechtzeitig vor Büroschluss des Marina Office am Samstagnachmittag – gern würden wir das Schiff noch gemeinsam an unseren Liegeplatz bringen. Denn morgen um 9:00 Uhr, wenn das Office wieder öffnet, sitzt Burkhard (hoffentlich) bereits in der Maschine nach Deutschland ….

Es dauert fast eine ganze Stunde, bis schließlich alle Formalitäten erledigt sind. Wir fahren noch zur Tankstelle wie empfohlen, beim Ausfahren ist es ungünstig noch zu Tanken. Schließlich machen wir fest in Muelle Deportivo K 26. Wir haben es geschafft!!!

Ein Hoch auf den weltbesten Skipper, der sogar die Wasserpumpe repariert hat!

Nachtrag: beim Auswechseln der Seewasserpumpe hier in Las Palmas sagt man uns, dass man unbedingt auch den Mitnehmer tauschen muss, wenn man die Antriebswelle erneuert. Das hat unser Retter in der Not (Salvatore) im Juni leider versäumt. Der Defekt ist übrigens ein bekanntes Designproblem, was Volvo kurze Zeit nach Produktion unseres Motors erkannt und geändert hat.

Steuerung: wir sind uns sicher, dass unser lieber Frank in Almerimar die Steuerseile nach Ausbau nicht wieder ganz korrekt angeschlossen hatte, was zum Abspringen der Seile geführt hat.

Wie dem auch sei – uns wurde geholfen und nachkarten gilt nicht. Wir haben wie immer viel dazu gelernt.

Hinaus auf den Atlantik

Gibraltar macht Spaß und Lust auf mehr, doch leider haben wir nur wenig Zeit. Nachdem am Ankunftstag die wichtigsten Dinge erledigt sind – mal wieder Waschen und der obligatorische Besuch beim Chandler, wollen wir am nächsten Tag die britische Enklave erkunden. Das Wetter ist regnerisch und kalt, bis zum Mittag schüttet es aus Kübeln, dann nutzen wir die erste Regenpause, um uns auf den Weg zu machen.

Den zahlreichen Empfehlungen folgend laufen wir die paar hundert Meter bis zur Grenze nach Britisch-Gibraltar, die wir mit vielen anderen Touristen überqueren. Kontrolliert wird hier nicht wirklich, aber man muss einen Ausweis an der Scheibe der Grenzpolizei vorbeitragen. Drüben nehmen wir das Angebot einer geführten Tour wahr:

Es gibt viel Verkehr und zeitweilig geht es nur im Schneckentempo voran – nicht schlimm, denn unser Guide und Fahrer hat jede Menge interessanter Informationen zur aktuellen und historischen Entwicklung in Gibraltar, die er während der Fahrt zum Besten gibt.

Zunächst halten wir kurz bei dem Denkmal der sogenannten Säulen des Herkules.  So bezeichnete man im Altertum die beiden Felsenberge, welche die Straße von Gibraltar beherrschen: den Felsen von Gibraltar am Südzipfel der Iberischen Halbinsel und den Berg Dschebel Musa in Marokko, westlich der spanischen Exklave Ceuta. Der Überlieferung nach brachte Herakles am Ausgang des Mittelmeeres die Inschrift „Non plus ultra“ (nicht mehr weiter) an, um das Ende der Welt zu markieren. Trotz des schlechten Wetters ist die Sicht über die Hafenbucht und hinüber bis zum 24 km entfernten Ceuta an der Marokkanischen Küste einzigartig.

Der Fahrer verteilt Eintrittskarten für die nächste Station und rasch geht es weiter: die im letzten Weltkrieg als Kriegs-Hospital vorbereitete Tropfsteinhöhle Höhle `St. Michaels Cave` entfaltet sich bis tief in den Felsen hinein und hat unzählige bizarre Stalaktit- und Stalagmiten Formen ausgebildet, die teilweise als Säule von oben und unten zusammengewachsen sind.

Mit einem Großraumtaxi geht es in zweieinhalb Stunden zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Straßen in Gibraltar sind sehr eng und winden sich den Kalksteinfelsen hinauf.

Gibraltar - St. Michaels Cave

Die Höhle ist die meistbesuchte von ca. 150 Höhlen in dem Kalksteinfelsen, der offenbar wie ein Schweizer Käse durchlöchert ist. Heute wird die beeindruckende Location für Konzerte genutzt. Vor der Höhle begegnen wir auch den ersten Affen, von denen circa 260 hier auf dem Felsen leben – die einzig freilebenden Affen Europas.

Von den Tieren umringt werden wir auf der Straße durch das Naturreservat, ein Dutzend weitere Touristentaxis fahren hier diszipliniert im Schritttempo hintereinander den Berg hinauf und stoppen, um die Fahrgäste aus- und weiter oben wieder einsteigen zu lassen.

Den Affen könnte man stundenlang zusehen, doch weiter geht es zu einem typisch britischen Highlight: die Schießscharten in `The Great Siege Tunnels` sind mit lebensgroßen historischen Figuren bevölkert, die Ruhmestaten der britischen Armee und Feldherrn illustrieren. Die Tunnelanlage stammt aus der Zeit der Belagerung Gibraltars durch die Spanier und Franzosen im 18. Jahrhundert und wurde angelegt, um ein Vordringen der Angreifer in einem toten Winkel von Land aus zu verhindern.

Abschließend bringt uns der Fahrer zur High Street, die mit reichlich Geschäften und Pubs lockt. In einer Apotheke erstehen wir Scopolaminpflaster gegen Seekrankheit (in Deutschland verschreibungspflichtig). Zwar sind wir bisher davon verschont geblieben, aber auf dem Atlantik kann es anders sein – hier hat es schon viele erwischt, die zuvor keine Seekrankheit kannten. 

Dann lassen wir uns ein paar halbe Pints in einem typischen englischen Pub schmecken, bevor wir mit einem original London-Red-Bus zurück zur Grenze und zu Fuß zurück nach La Linea del Concepción auf der spanischen Seite wandern.Wie anders ist hier das Straßenbild – die kulturellen Unterschiede sind sofort spürbar.

Auch für die kommenden Tage ist weiterhin Regen angesagt, die Windvorhersage zeigt jedoch günstige Bedingungen für eine Durchquerung der 60 Kilometer langen Meerenge am Folgetag, Freitag 19. Oktober.

Auch wenn im weiteren Verlauf der circa 6-tägigen Reise zu den kanarischen Inseln mit teilweise wenig Wind zu rechnen ist, bereiten wir alles zum Aufbruch vor. Mit der ablaufenden Mittagsflut wollen wir auslaufen, zuvor noch Tanken, denn der Diesel ist hier steuerfrei und daher günstig. Am Vormittag gibt es noch Beratung mit anderen Booten in der Marina, die wetterbedingt zum Teil schon seit zwei Wochen hier festliegen und nun endlich auch ablegen wollen Richtung Kanaren. Man diskutiert, ob nicht der Samstag wegen der aktuell im Starkregen sehr beeinträchtigten Sichtverhältnisse in der Straße von Gibraltar nicht doch der bessere Abreistag sei. Nach erneutem intensivem Studium sämtlicher Vorhersagen wollen wir dennoch aufbrechen, und die anderen ebenfalls.

Wir verbringen eine halbe Ewigkeit mit Warten vor der Tankstelle. Es gibt zwar mehrere Tankstellen in Gibraltar Marina Bay aber überall funktioniert nur eine einzige Tanksäule und der Andrang der auslaufenden Schiffe ist groß. Nach anderthalb Stunden schließlich haben auch wir getankt und können endlich los. Wir sind einigermaßen aufgeregt, jetzt wo es hinaus geht auf den Ozean. Sibylle verstaut Fender und zurrt sie an Deck fest, wo sie bei der mehrtägigen Überfahrt nicht im Weg sind. Es weht ein frischer Wind aus Ost und so rollen wir schon bald das Vorsegel aus. Mit dem kräftigen Wind im Rücken segeln wir durch die gesamte Straße von Gibraltar bis auf die Höhe von Tarifa.

Wer hätte das gedacht, schon wieder eine Meerenge unter Segeln genommen – dabei hatten wir uns doch auf eine Motorfahrt bereits eingestellt, vor allem auch wegen der starken Gegenströmung. Wie die anderen Segler auf dieser Strecke schaukeln wir zwar mächtig in dem von Strömungen gurgelnden Wasser, aber so simpel hatten wir uns diesen Streckenabschnitt tatsächlich nicht vorgestellt. Wir segeln in Vollzeug, sogar die Gummistiefel haben wir aus der Backskiste gekramt. Es ist grau in grau und zwischendurch kommt ein Schauer runter, doch der erwartete Starkregen bleibt aus. 

Es wird dunkel, nachdem wir Tarifa passiert haben.

Wir werden die Richtung beibehalten bis an das Ende des Verkehrstrennungsgebietes, erst dort wollen wir nach Süden abbiegen, um einen möglichst großen Abstand zur afrikanischen Küste zu halten, die für ihre zahlreichen Fischernetze berüchtigt ist, da möchten wir uns nichts einfangen. Nach einem deftigen, vorgekochten Gulasch übernimmt Sibylle die erste Wache. Kurz vor Mitternacht haben wir das Ende des Verkehrstrennungsgebiets erreicht und der Wind verbläst uns zudem zu weit nach Norden. Also ist eine Halse angesagt, um auf Kurs Richtung Süden zu kommen. Burkhard unterstützt das Manöver und legt sich anschließend wieder hin.

Samstag, 20. Oktober: Gegen 03:15 fallen Sibylle so langsam die Augen zu und sie weckt Burkhard. Während der Wach-Übergabe im Cockpit, sehen wir plötzlich lauter rätselhafte Funkellichter in einer Reihe an Steuerbord – hier mitten auf dem offenen Meer – was ist das denn nun? Ja klar, da gab es den ganzen Abend eine Securité-Funkmeldung über irgendeine Operation, womöglich befinden wir uns da genau nebenan, die Koordinaten und die Meldung waren stets so schnell und unverständlich genuschelt, dass wir trotz aller Bemühungen kaum etwas verstanden haben. Wir ändern sofort den Kurs und luven an, um nicht in die Funkelkette hinein zu fahren. Als Sibylle sich endlich schlafen legt, ist es 04:30 Uhr und Burkhard schmeißt den Motor an, da inzwischen der Wind leider eingeschlafen ist.

Um 08:15 Uhr ertönt ein lautes Piepen – Motoralarm, Motor zu heiß. Burkhard stellt sofort ab. Der Motorraum qualmt schon fast. Auf dem Kühlwasserbehälter ist sichtbar Flüssigkeit verdampft und Kühlflüssigkeit ist in der Bilge. Der Überlaufschlauch vom inneren Kühlkreislauf ist angeschmolzen. Das Infrarot-Thermometer zeigt 107° C etwa zehn Minuten nach dem Abschalten – die Anzeige im Cockpit dagegen hatte keine Temperatur-Veränderung angezeigt. Das darf doch jetzt alles nicht wahr sein. Was nun: zurück, weiter oder ausweichen nach Marokko? Wir versuchen schließlich, über SSB via SailMail (unser E-Mail Account auf See) das ARC-Team zu kontaktieren, um eine Einschätzung bezüglich technischer Unterstützung und Einschlepp-Möglichkeit in Las Palmas zu bekommen, damit wir eine sinnvolle Entscheidung treffen können. Noch ist es Zeit, den Kurs zu ändern. Der Wetterreport sagt zwar, dass wir es vermutlich unter Segeln bis zum Ziel schaffen, wenn auch mit mehr Zeit als veranschlagt – aber was tun in Las Palmas, um in den Hafen zu kommen? Dejà vu?! 😨

20. Oktober, 14:30 Uhr: unser Etmal ist 120 nautische Meilen, davon 93 unter Segeln. Dieses Verhältnis wird sich vermutlich ab jetzt zwangsläufig noch verbessern 😉 (Galgenhumor).

Wir sind in engem Austausch mit unserem Motorspezialisten Frank in Almerimar. Der nächste Test erweist, auch bei ausgebautem Impeller dreht die Welle nicht, ebenfalls nicht mit neu eingesetztem Ersatz-Impeller. Also ist tatsächlich schon wieder der Seewasserpumpen-Antrieb defekt, unglaublich. Die Antriebswelle der Pumpe können wir mit Bordmitteln nicht reparieren, das wissen wir bereits. Also segeln wir erstmal weiter.

Nach Abkühlung des Motors begeben wir uns an die Ursachenforschung. Wir lassen den Motor kurz an und tatsächlich kommt kein Wasser aus dem Auspuff. Dann macht Burkhard sich an die Arbeit. Impeller-Deckel auf, Motor an: Impeller dreht nicht – schlecht! Da haben wir vermutlich dasselbe Problem wie seinerzeit im Juni in Crotone. Das ARC Office meldet sich nicht (Wochenende – das hatten wir vergessen) und wir leiten die Mail weiter an Christoph. Der nimmt sofort telefonischen Kontakt mit dem ARC-Deutschland Office auf. Wilhelm Greiff gibt die klare Empfehlung weiter Richtung Las Palmas zu fahren, dort gibt es wohl Volvo-Spezialisten und Hilfe bei der Einfahrt bekommt man wohl auch. Na gut.

Am Abend flaut der Wind ab. Bei Einbruch der Dunkelheit versuchen wir, die Segelstellung mit dem aufgekommenen Südwest-Wind zu optimieren. Das gelingt nicht. Der Wind ist zu schwach und wir arbeiten uns ab, das Schiff irgendwie auf Kurs zu bringen. Eine Wende kriegen wir nicht mehr hin, trotz Backstellung des Vorsegels, sehr merkwürdig. Wir probieren es mehrfach, Sibylle ist schon total genervt – auf einmal verstehen wir langsam, dass unsere Lenkung gar nicht mehr funktioniert. 

Burkhard sieht nach – eine Katastrophe: die Lenkseile sind von der Führung auf den Ruderquadranten abgesprungen, eines der beiden Lenkseile, die nach oben zur Steuersäule führen, scheint gerissen. Wir fühlen uns gottserbärmlich und möchten beide nur noch heulen. Womit haben wir das jetzt verdient. Monatelang haben wir uns und vor allem das Boot vorbereitet, und jetzt auch noch das, zusätzlich zu dem Antriebsproblem. Ohne Motorantrieb und Lenkung wird es außerdem nun langsam echt gefährlich – Gott sei Dank ist im Moment kein Starkwind angesagt.

Wir holen die Notpinne und setzen sie auf. Das Ruder läßt sich auf diese Weise jedoch nur sehr eingeschränkt bewegen, stattdessen bewegt es sich laufend eigenständig. Der Autopilot rasselt und Burkhard klemmt ihn ab. Wir versuchen, mit dem Ruder der Windfahne zu steuern, das funktioniert jedoch nicht, solange wir das Hauptruder nicht festsetzen können, welches zurzeit ein Eigenleben führt. Wir sind hundemüde, was unseren Frustpegel nur weiter ansteigen lässt. So beschließen wir gegen Mitternacht ein wenig zu schlafen, der Wind bläst ohnehin gegen uns und ohne Motor kommen wir da nicht weit.

Sonntag, 21. Oktober, Mitternacht: Burkhard legt sich unter Deck in die Koje, Sibylle bleibt im Cockpit und wacht – mit dem Timer alle halbe Stunde eine Kontrolle. Jeder hängt seinen Gedanken nach – ist das das Ende unserer großen Reise? So richtig Lust hat in diesem Moment niemand mehr. Es ist bitterkalt und Sibylle friert trotz voller Bekleidung mit Segelzeug und zwei Decken erbärmlich. Burkhard ergeht es unten nicht viel besser, auch er friert und muss die halbe Nacht immer wieder die Pinne neben sich festhalten, damit das Ruder nicht bis zum Anschlag gegen den Quadranten haut.

Die ganze Nacht dümpeln wir auf dem offenen Meer dahin, beziehungsweise treiben bei gesetztem Großsegel mit 0,8-1,5 Knoten in nordwestlicher Richtung. Einmal kommt uns ein Fischer ziemlich nahe, aber sonst gibt es kaum Schiffsverkehr. Gegen Morgen versucht Sibylle erfolgreich eine Wende, mit Hilfe des eingeschränkten Ruders und der Windfahne. Weiter entfernt von Land sollten wir in dieser Situation nicht treiben, von hier sind es ungefähr 110 Meilen bis Rabat (Marokko), das könnten wir zur Not erreichen, solange der Wind so bleibt.

Kurz nach Tagesanbruch machen wir uns dann an die Arbeit. Wir haben jetzt folgende Optionen, die wir ausloten werden: Steuerseile wieder befestigen, es ist uns jedoch nicht so klar, ob und wie das geht. Oder die Steuerseile komplett lösen, dann funktioniert hoffentlich die Notpinne – die kann man aber nicht unbedingt im Dauerbetrieb einsetzen. Oder: gelöstes Ruder mit Notpinne irgendwie festsetzen und mit der Windfahne weiter steuern. Jetzt zahlt es sich aus, dass Burkhard in Almerimar beim Aus- und Einbau der Steuerseile im Zusammenhang mit dem Ruderlagerwechsel unserem Mechaniker Frank intensiv über die Schulter geschaut hat. Sibylle versucht, mit der Pinne das Ruder so ruhig wie möglich zu halten, damit Burkhard bei der Arbeit an den Lenkseilen nicht die Hände gequetscht werden. Kurz vor Mittag ist es tatsächlich geschafft: Burkhard hat die Lenkseile wieder befestigt und gespannt, das eine Seil war erfreulicherweise nicht gerissen sondern nur herausgezogen. Für uns sieht das jetzt erstmal gut aus. Wir machen einen Segeltest, ja die Lenkung funktioniert wieder! Hurra! Es gibt zwar kaum Wind und immer noch aus der falschen Richtung, aber die Stimmung hat sich erheblich verbessert.

  1. Oktober, 14:30 Uhr – unser Etmal ist mit 54,4 nm echt kläglich, kein Wunder bei der vergeudeten Nacht und der vorherrschenden Windsituation.

Unsere nächste Herausforderung ist die Stromversorgung – dies ist schon der zweite Tag mit erheblicher Bewölkung und auch Regen, der Batterieladestand nimmt ständig ab. So schalten wir zunächst mal alle Navigationsgeräte aus. Am Nachmittag nimmt sich Burkhard den Generator vor. Wir hatten ihn letztes Jahr im Herbst in Porto Heli überholen lassen, aber leider springt er nicht an. Das nächste Problem. Wir vertagen es bis zum nächsten Morgen und beschließen, auch in der Nacht die Navigeräte nur gelegentlich hochzufahren, und den Bordkühlschrank in stundenweisem Wechsel abzuschalten.

Während Sibylle kocht, dreht der Wind auf ONO und frischt auf, so dass wir ab jetzt mit 4,5-6,0 Knoten zur Abwechslung mal in der richtigen Richtung unterwegs sind. Wir essen Morcilla mit Cognac abgelöscht, dazu Kartoffelstampf und Apfelkompott (in Köln sagen wir dazu: `Himmel un Äd` – allerdings ohne Cognac 😊). Das macht zufrieden und stärkt für die Nacht.

Fortsetzung folgt ….

Hurra! Gibraltar!

Ein ganzer Monat später als geplant – aber jetzt sind wir endlich in Gibraltar. 

Die vergangenen Wochen haben wir vor allem dazu genutzt, um unser Schiff komplett auf Vordermann zu bringen, auf Ersatzteile zu warten, zu warten, zu warten und derweil auch kurz unsere Lieben in Deutschland zu besuchen – wir werden darüber berichten.

Nun aber ist es endgültig. Lange stehen die beiden am Kai von Almerimar und winken uns nach. So viele schöne Stunden haben wir gemeinsam verbracht, und oft haben sie uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Wir sind sehr traurig, dass wir sie zurücklassen müssen.

Wind gibt es keinen auf diesem Trip nach Gibraltar, der unter Motor gut 20 Stunden dauern wird. Nach dem heftigen Regen am frühen Morgen ist es ziemlich kühl, und wir reisen in langer Hose und dicken Jacken – aber zumindest bleibt es unterwegs trocken.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fangen wir einen kleinen Thun. Die Nachtwachen funktionieren diesmal prima, bei den bevorstehenden längeren Überfahrten werden wir es ab jetzt mit einem konsequenten 3-Stunden Wachwechsel versuchen. Sibylle hat die spannende Wache ab 04:00 Uhr, wo wir uns langsam Gibraltar nähern und der Schiffsverkehr deutlich zunimmt.

Bei Sonnenaufgang schließlich umrunden wir den Felsen. In der riesigen Hafenbucht liegen Dutzende von riesigen Frachtschiffen auf Reede, einige davon laufen soeben aus. Dazwischen tummeln sich gefühlte hunderte kleiner Fischer- und Sportboote, die zum morgendlichen Angeln ausgefahren sind. Die Fahrt in die Alcaidesa Marina bei La Linea wird so zum Hindernislauf.

Die Sanitäranlagen in der Marina sind ziemlich neu und es gibt gute Waschmaschinen, die wir sofort nutzen, um nach einem deftigen Frühstück mit `strammen Max` drei Maschinen laufen zu lassen. Die Wäsche trocknet schnell, es ist hier viel wärmer als gestern bei der Fahrt aus Almerimar und der frische Wind tut ein Übriges. Burkhard befreit das Boot vom Salz. Wir lernen Peter aus Köln kennen, der mit einem Kat und Chartercrew ebenfalls an der ARC teilnimmt. Er gibt uns gute Tips für den Aufenthalt in Gibralter. Am Nachmittag machen wir uns auf zum Chandler, der Laden liegt in Sichtweite aber leider muss man einmal das gesamte Hafenbecken umrunden, um dort hinzugelangen.

Und wieder gibt es einen Abschied von unseren lieben Freunden von der „Rasant“, Jos und Hans, die wir unverhofft in Almerimar wiedergetroffen haben, nachdem sie ihre Winterlagerpläne geändert hatten. Das heißt – verabschiedet haben wir uns in den vergangenen Tagen tatsächlich mehrfach, denn die Wettersituation im Zusammenhang mit dem Hurrikan Leslie hat unseren ursprünglichen Abreisetermin nochmals verzögert.

Der Motor schnurrt geräuschvoll aber gleichmäßig beruhigend – so gut hat sich das schon lange nicht angehört. Enttäuscht sind wir jedoch, dass sich trotz aller Bemühungen von Frank in Almerimar nach ca. acht Stunden Fahrt doch wieder eine erhebliche Menge an Öl in der Bilge darunter gesammelt hat. Wir müssen nachkippen, denn der Peilstab zeigt unter Minimum.

Nahe des Gibraltar Felsen wird es echt aufregend. Immer wieder muss man AIS- und Radar-Informationen über sich nähernde Schiffe genau beobachten, mehrfach ändert Sibylle den Kurs, um der Großschifffahrt auszuweichen, die das gleiche Ziel haben wie wir. Auch das Ankerfeld kurz vor dem Felsen mit Tankern und Frachtern passieren wir in gebührendem Abstand. Noch anderthalb Stunden bis zur Dämmerung (hier wird es erst um 08:30 Uhr hell!) – da wird Sibylle schließlich leicht panisch in dieser Masse von irritierenden Lichtern und weckt Burkhard, der den nahen Gibraltar-Felsen tatsächlich – noch schlaftrunken – für ein großes Schiff hält 🤣.

Zu früh sind wir nun – um bei Tageslicht einzulaufen, müssen wir noch eine halbe Stunde rumbummeln. 

Am Gastkai neben der Tankstelle müssen wir anhalten um im modernen Marinagebäude einzuchecken, dann geht es zum Liegeplatz (12.41). Hier liegt man längsseits an Fingerpontoons. Sofort fühlen wir uns sehr wohl, man hat von hier aus Sicht auf Palmen und den Felsen. Gleich nebenan ist der Flughafen, der liegt bereits hinter der britischen Grenze. Um nach Gibraltar Stadt zu gelangen, muss man den Flughafen überqueren, das heißt, die Landebahn wird mit einer Schranke kurz abgesperrt, wenn ein Flugzeug startet oder landet.

Es scheint, dass sich ab Freitagmittag ein Wetterfenster auftut, das uns erlaubt, den „Überstek“ („Rasant“-deutsche Wortschöpfung für: „Überfahrt“ 😉) nach Gran Canaria in Angriff zu nehmen.

Ein letzter Balearen-Stopp

Vorbei an der Ostküste von Ibiza segeln wir runter nach Formentera für einen letzten Badestopp auf den Balearen. In dem Ankerfeld von Espalmador haben wir eine Boje gebucht. Sehr spannend ist die Passage zwischen Ibiza und Formentera, wo man durch zwei Kardinaltonnen geleitet die kleinen versprengten Inseln mit ihren Untiefen umfahren muss. Wir fahren auch hier unter Segeln, ständig dampfen großen Motorboote und unzählige Fähren an uns vorbei beziehungsweise kommen an der engen Stelle entgegen.

Der Ankerplatz ist traumhaft schön, ein Vorgeschmack auf die Karibik. An der Boje nebenan gibt es heute eine Party: Junggesellinnen-Abschied, die spanischen Damen alle in rosa Badeanzug mit Aufschrift „Bride“. 

Nach einem Blick auf die Windsituation in den nächsten Tagen entschließen wir uns spontan zu bleiben und einen Tag später zu einer Nachtfahrt Richtung Cartagena aufzubrechen.

Die Wettervorhersage ist nicht wirklich anheimelnd, es gibt wieder Gewitter, vielleicht auch unterwegs, aber wir legen anderntags wie geplant gegen halb zehn von unserer Boje ab.

Bald setzen wir die Segel, volles Tuch. Der Wind schwächelt ab und zu aber wir halten tapfer durch, den Motor werden wir erst am nächsten Tag wieder anschmeißen müssen.

Nach gut drei Stunden wird der Wind stärker, und wir düsen richtig los mit 5-7 kn. Eine Delphinschule schwimt und springt um uns herum – bestimmt zehn Minuten lang.                 

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit verlässt uns der Wind und wir schalten den Motor an. Hoffentlich geht das nicht die ganze Nacht!                                                                           

Doch gut 20 Minuten später ist der Wind wieder da und wir können erneut segeln. Wir essen ein leckeres Omelett und Sibylle ist die erste, die bald danach die Augen zumacht. Der Wind wird immer stärker und wir kommen gut vorwärts mit 6-7 kn unter Großsegel. Leider peinigt uns die Welle schräg von hinten ziemlich heftig, und so fällt Sibylle im leichten Schlaf von der Bank im Cockpit, es gibt jedoch nur zwei dicke blaue Flecken, sonst ist nichts weiter passiert.                             

Kurz vor Mitternacht erreicht der Wind um die 30 Knoten und wir wollen reffen. Etwas mühsam, in den Wind zu gehen, aber schließlich klappt es. Auch das Reffen ist anstrengend, aber gelingt gut. Anschließend holen wir zur Stütze auch ein wenig Vorsegel heraus, damit liegen wir etwas ruhiger. Leider ist bei dieser Aktion mal wieder unsere Hydrovane Windfahnensteuerung buchstäblich „aus dem Ruder gelaufen“, wie bei der Überfahrt nach Sardinien hat sich die Steuereinheit mitsamt Ruder verdreht und ist somit für den Rest der Überfahrt unbrauchbar. Vielleicht hätten wir die Wind-Fahne während des Manövers festsetzen müssen, damit das nicht passiert, trotzdem wundern wir uns darüber und wollen Tom diesbezüglich kontaktieren.                                                                  

Über das Manöver wird es Mitternacht. Endlich segeln wir weiter, jetzt mit 5-7 Knoten. Abwechselnd gönnen wir uns ein bisschen Schlaf.                                                                      

Gegen 3 Uhr früh flaut der Wind ab, so dass wir Stück für Stück das Reff aus dem Vorsegel rauslassen. Danach wird der Wind zunehmend weniger, wir dümpeln dahin mit weniger als 4  Knoten. Schließlich reffen wir das Groß wieder aus, aber bereits kurz danach müssen wir den Motor anstellen. Der Wind bleibt weg für den Rest der Fahrt.                                                              

 

Am Morgen fangen wir drei kleine Thuns oder Bonitos, am Mittag dann nochmal drei. Zwei gehen uns vom Haken. Burkhard meint, das sei ja wie Karpfenangeln im Teich 😊. In hervorragender Teamarbeit holen wir die Fische mit dem Käscher an Bord. Insgesamt haben wir knapp drei Kilo Fisch für leckeres Tartar.             

Bei brütender Hitze legen wir nach knapp 30 Stunden in Cartagena im YPC an. Es gibt gutes Internet und Waschmaschinen, alles andere erkunden wir später.    

Mallorca

In der Vergangenheit haben wir Mallorca lediglich von Landseite her kennen und schätzen gelernt. In der Zeit, als wir noch jeden Sommer irgendwo im Mittelmeer eine Yacht gechartert haben, waren uns sowohl die fetten Chartergebühren wie auch die Aussicht auf grenzenlos überteuerte Marinas und Ankerplätze immer Abschreckung genug, die schöne Insel für einen Urlaubstörn in Betracht zu ziehen.

Wir machen Station der türkisblauen Bucht Cala Mondrago. Tagsüber gibt es hier wie überall jede Menge kleiner Motorboote und Schwimmer von den beiden nahen Stränden. Aber abends kehrt Ruhe ein, so wie wir es auch schon in Italien erlebt haben: die lärmenden Tagesgäste verschwinden, und falls man den Anker nur provisorisch gelegt hat, um dem Trubel zu entgehen, kann man nun in aller Ruhe einen freien Platz im Innern der Bucht suchen. Wir treffen Jos und Hans in einem Strandrestaurant zum Abendessen. Leider mündet hier ein Fluss, der im Moment kaum Wasser führt und daher in der Sommerhitze entsprechend unangenehm riecht. Je nachdem, wie der Wind steht, weht der Geruch manchmal bis zum Schiff herüber, aber wir lassen uns nicht davon abhalten, einen weiteren Badetag in der netten Bucht zu verbringen.

Die Skepsis ist groß, denn auch unterwegs lesen wir im Internet von Buchten, die gegen ankernde Segler abgesperrt werden und im Revierführer wird gewarnt, dass man das Einlaufen – zum Beispiel in den Hafen von Palma – ohne eine sehr rechtzeitige Reservierung gar nicht zu versuchen braucht, vor allem natürlich in der Hauptsaison bis Ende August. Die Liegegebühren erscheinen astronomisch – ab 150 Euro aufwärts.

Doch unsere holländischen Freunde von der „Rasant“ kennen das Revier bereits vom vergangenen Jahr und nehmen uns mit auf eine überraschende Reise entlang der Ostküste bis in die Bucht von Palma und Santa Ponsa.

Am nächsten Tag erwarten wir überraschend Tagesgäste: Anna, die Tochter unseres langjährigen Kollegen „Günni“ mit ihrer Freundin Larissa machen nebenan in der Cala D`Or eine Woche Urlaub und wollen mit dem Bus herüberkommen. Dummerweise geht es Burkhard morgens gar nicht gut und er verbringt den Tag mehr oder weniger in der Koje, nachdem er die Gäste vom Strand abgeholt hat – es sind wohl die Muscheln vom Vorabend, die sich zurückmelden …. 

Schade, denn gern wären wir mit den beiden Mädels draußen eine Runde segeln gegangen. Doch die Girls haben auch Spaß mit Schnorcheln und springen vom Boot ins Wasser. Für das SUP ist es leider zu windig. Am Nachmittag tischt Sibylle ein paar Snacks auf. Die Zeit vergeht wie im Flug und der letzte Bus fährt um 18:10 Uhr. Sibylle rudert die beiden zurück – über den Besuch haben wir uns sehr gefreut!

Eigentlich wollen wir am Folgetag mit der „Rasant“ nach Cala San Jordi, doch in der Früh` ruft Hans rüber, ob wir nicht weiter bis Palma gehen sollen, der Wind ist gut und laut Vorhersage gibt es anderntags eine Flaute. Burkhard ist noch etwas angeschlagen, aber wir hängen uns dran. Gut die Hälfte der Strecke können wir segeln, dann verlässt uns der Wind.

Auf die Frage nach dem geplanten Ankerplatz textet die „Rasant“ zurück: vor der Kathedrale von Palma. Also wie jetzt – wir wollen vor der Kathedrale ankern? In unserem Hafenführer gibt es diesen Ankerplatz natürlich nicht, aber in den Navionics-Charts ist ein Anker zu sehen und tatsächlich finden wir auch im Internet Empfehlungen für den Ort.

Eine echt spektakuläre Location und wir geniessen es, hier eines der wenigen Schiffe zu sein. Doch für den kommenden Tag fragen wir im Hafen von Palma an, da wir dort einiges erledigen wollen. Unter anderem benötigen wir eine neue WiFi Simcard und einen Hafenführer für die spanische Festlandküste. Wir bekommen kurzfristig einen bezahlbaren Platz in der Lonja Marina, die unter der Woche die freigewordenen Charterplätze unerwartet „günstig“ (77 Euro pro Tag) vermietet. Wir stellen fest, dass man im Hafen von Palma kaum besser liegen kann.

Möchte man die Stadt erkunden oder einkaufen, hat man von der Lonja Marina ganz kurze Wege bis in die Altstadt und zur Kathedrale. Auch die beiden Chandler sind ganz in der Nähe. Außerdem vermittelt die Marina sehr guten Service für Reparaturarbeiten jeder Art. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, um Batterien und Elektronik nochmals prüfen zu lassen, da uns immer wieder Volt-Leistung fehlt, auch bei geladener Batterie. Während Sibylle im Supermarkt im Basement des El Corte Ingles hervorragend Lebensmittel und Getränke einkauft, empfängt Burkhard den Elektriker auf dem Boot. Mit den Einkäufen hat sich Sibylle dann leider etwas übernommen, der Weg zurück zum Boot wird lang und beschwerlich ….

Dort angekommen, verabschiedet sich der Elektriker gerade. Ein sympathischer junger Mann, der Kompetenz ausstrahlt. Die Batterien sind vollgeladen und in Ordnung, so wie wir es vermutet haben. Nun sollen wir für zwei Stunden einen Test mit ein paar Verbrauchern machen – es ist jedoch wohl bereits klar, dass wir die gesamte Verkabelung von der Batterie her erneuern müssen. Leider hat Toni, der Elektriker, keine Zeit für diesen Job vor Anfang der Folgewoche. Wir machen einen Großeinkauf beim gut sortierten Chandler, auch das Küstenhandbuch bekommen wir. Sibylle ist schon unterwegs zum Vodafone Shop in die City, während Burkhard an Bord erneut auf Toni wartet.

Wir müssen uns nun überlegen, ob wir am Wochenende nochmals nach Palma zurückfahren, um montags von Toni die Kabel erneuern zu lassen. Die „Rasant“ macht uns die Entscheidung leicht – sie werden mitkommen.

Per Telefon verabreden wir, dass Sibylle ein Restaurant aussucht, und Burkhard dazu kommt. Ein Fehler. Sibylle findet ein hochgelobtes, kleines feines Restaurant in einer schmalen Gasse neben dem Plaza Rei Juan Carlos und schickt den Link per WhatsApp. Googlemaps führt Burkhard jedoch komplett woanders hin. Während Sibylle im Restaurant wartet und mitleidige Blicke auf sich zieht, ist Burkhard in einem anderen Restaurant mit ähnlichem Namen – leider 1,6 km entfernt. Nach circa 45 Minuten finden wir endlich wieder zusammen. Das Essen ist hervorragend, das Restaurant klimatisiert und wir haben trotz allem einen wundervollen Abend. Nach einem Eis auf dem Rückweg kehren wir noch in der Bar La Lonja ein – eine wunderschöne, typisch spanische Bar. Eigentlich wollen wir einen „Tunel“ trinken (diesen Absacker kennen wir noch aus Urlaubszeiten), doch der Gastwirt serviert uns den echten „Hierbas de Mallorca“, nicht das Touristengetränk, wie er sagt.

Die „Rasant“ treffen wir anderntags in Portals Vells wieder. Auch eine sehr, sehr schöne Bucht mit türkisfarbigen Wasser. Die Windvorsage treibt uns jedoch weiter nach Santa Ponsa, hier liegt man gut geschützt vor dem Ostwind, der bereits früh in die Bucht von Portals Vells steht. Kurz vor dem Anleger erwischt ein viel zu dicht vorbeifahrendes Motorboot unseren Köder an der Schleppangel, die Schnur wickelt sich in Windeseile ab und reißt, und „brennt“ zusätzlich noch in die Fahne der Windsteuerung ein Loch hinein. Sibylle ist zum Heulen zumute.

Nach einem schönen Segeltag laufen wir also am Nachmittag des 26. August gemeinsam wieder in Palma ein. Der Marinero hält gerade Siesta – so muss die „Rasant“ ohne Hilfe und wir mit Hilfe eines Mitarbeiters der Charterbasis anlegen. Nach dem Anleger gibt es bei uns einen Sekt an Bord, dann gehen wir in die Stadt. Jos findet schnell ein schönes Tapas-Restaurant in einem Kellergewölbe, das ihr gut gefällt. Die beiden wollen uns einladen – wir denken, das ist nicht richtig an unserem Hochzeitstag – aber sie setzen sich durch 😊. Danke!

Anderntags sind die Elektriker pünktlich zur Stelle, werden aber leider nicht fertig, weil Toni wegen eines Notfalls abgerufen wird. So bleiben wir eine weitere Nacht, am nächsten Tag sind wir mittags dann endlich startklar, so dass wir mit der „Rasant“ nach Ses Illetes auslaufen können, ein wundervoller Ankerplatz in der Bucht von Palma. Leider steht Schwell herein und die Nacht ist ziemlich unruhig, so brechen wir am Morgen auf in der Hoffnung, dass es in Portals Vells besser sein wird. Das ist nicht der Fall, insbesondere der Tag ist ziemlich nervenaufreibend wegen der vielen kleinen Motor-Boote in der Bucht, die beim Ankern ständig zu nahekommen. Aber immerhin sind es von hier ein paar Meilen weniger bis nach Ibiza – die letzte Station, die wir mit der „Rasant“ gemeinsam anlaufen wollen, bevor wir weiter Richtung Süden und Gibraltar segeln.

Unsere Voltleistung hat sich nach den Arbeiten von Toni merklich verbessert, der messbare Output an den 12V-Steckdosen um 0,5 Volt erhöht. Wir sind sehr zufrieden, müssen aber noch weitere Maßnahmen durchführen, bevor die Energieversorgung wirklich passt.

Am 30.08. um 06:30 in der ersten Morgendämmerung geben wir Anker auf und starten von Portals Vells Richtung Ibiza. Besonders deutlich fällt uns heute auf, wie sehr sich der Sonnenaufgang nach hinten verschoben hat, je weiter wir nach Westen kommen. Wir folgen der „Rasant“ im Abstand von einigen Minuten. Im Ausgang der Bucht holen wir die Segel raus und nehmen sie erst kurz vor der Einfahrt nach Portinatx wieder rein. Ein toller Segeltag mit achterlichem Wind!

Tags drauf heißt es nun Abschied nehmen von Hans und Jos. Das wollen wir würdig begehen und verabreden uns für ein gemeinsames Abendessen im Restaurant, oberhalb der Bucht mit Blick auf unsere Schiffe. 

Die beiden holen uns mit ihrem Dinghi ab – unseres verliert leider immer noch an unbekannter Stelle etwas Luft und es kommt auch Wasser rein. Burkhard ist sehr bemüht, konnte aber bisher die Ursache nicht finden – woran das wohl liegt …. (siehe Paparazzi-Fotos von Jos 😉 ).

Gemeinsam paddeln Hans und Burkhard. Im Restaurant sind wir um 18:00 Uhr die ersten Gäste. Leider ist der angepriesene Grouper nicht verfügbar (da wären wir besser aufgehoben bei Verena und Christoph, die haben in den Kykladen nämlich gerade mal wieder einen erlegt!), so bestellen wir zunächst jeder eine Vorspeise, dann nehmen wir aber doch alle noch einen zweiten Gang und auch den Nachtisch lassen wir diesmal nicht aus. Ein echt schöner Abschiedsabend, zu dem wir die beiden Freunde gern einladen. Nach einem Absacker auf der „Rasant“ umarmen wir uns mit vielen guten Wünschen für die weitere Reise und Hans paddelt uns rüber zur „Ithaka“. Als wir am nächsten Tag den Anker aufholen, hat er eine Haube von Seegras. Schweren Herzens winken wir rüber zur „Rasant“ – passt auf Euch auf, liebe Freunde, es war eine wunderbare Zeit mit Euch! Wie schnell sind die letzten drei Wochen vergangen.

Und wieder Gewitter …

Als wir am Morgen zusammen mit der „Rasant“ aus Polença aufbrechen, wissen wir noch nicht, dass unser Ankerplatz und Tagesziel quasi vor der Haustür liegt, wo alte Duisburger Freunde von Sibylles Eltern seit langen Jahren ein Haus besitzen. Und so verbringen wir nach einem schönen Badenachmittag im türkisblauen Wasser vor dem Port de Costa de los Pinos ganz unverhofft einen wundervollen Abend mit Christel, Dorothee und Christian in einem Restaurant in Son Severo, in das sie uns zum Essen einladen.

Gern wären wir noch länger geblieben, doch auch aus dieser schönen – leider sehr offenen – Bucht vertreiben uns abermals Wolken und die Unwettervorhersagen für die kommenden Tage. Inzwischen liegen wir in Portocolom an einer der Bojen des Club Nautico, die hier fast im gesamten Hafenbereich zum Schutz der Posidonia (Seegras) ausgebracht sind. 

Der Himmel ist schwarz, um uns herum donnert es und zuweilen regnet es dicke Tropfen. Da gibt es endlich Zeit, einige Erlebnisse aufzuarbeiten. Leider ist das Internet mal wieder ziemlich schlecht.

Der mittlerweile tägliche Blick auf die Blitzortung in Echtzeit zeigt, dass es fast im gesamten Mittelmeerraum heute blitzt und donnert. Irgendwie scheint das nicht aufzuhören.