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Martinique

So ganz anders als die Inseln südlich von ihr präsentiert sich Martinique. Sehr französisch, sehr europäisch. Im Unterschied zu den britisch geprägten Inseln fährt man hier wie gewohnt auf der rechten Seite. Die Straßen sind gut asphaltiert, es gibt sogar mehrspurige Schnellstraßen, jedenfalls rund um die Hauptstadt Fort de France. So leihen wir uns mehrfach einen kleinen Mietwagen, um gemeinsam mit Sabine und Harald Teile der Insel zu erkunden.

Unser erster Ausflug geht an die südliche Ostküste, wo es besonders schöne Strände geben soll. Was für eine Enttäuschung! Bedrückt schauen wir auf die stinkenden Berge von Sargassum-Braunalgen an den zumeist menschenleeren Stränden. Hier kann und möchte niemand mehr zum Baden herkommen. Lediglich Surfer und Kiter lassen sich nicht abhalten – aufgrund der Windsituation ist die Ostküste mit ihren weiten flachen Stränden für die Ausübung des Sports natürlich besonders attraktiv. Wir müssen uns die Nase zuhalten, der faulige Gestank erregt Übelkeit. Was soll nur aus den vielen Appartments und Hotelanlagen werden, die man hier errichtet hat. Was aus den Fischern, die sich mit ihren kleinen bunten Booten den Weg zum Hafen durch Braunalgenteppiche erkämpfen müssen. Meerestiere werden in den dichten Teppichen gefangen und verenden kläglich. Die Naturkatastrophe scheint immer größere Ausmaße anzunehmen, und sogar auf der Westseite der Insel schwimmen inzwischen schon einzelne Sargassum-Ableger.

Die Folgen sind verheerend, so ist es nicht überraschend, dass das Elend auch im diesjährigen Karneval in Sainte Anne mit einem Mottowagen thematisiert wird: Sargassum regiert die Welt. Harald hat noch ein paar Links zum Thema recherchiert, die wir hier gern teilen, so dass sich jeder selbst ein umfassendes Bild von der Katastrophe machen kann. Seit 2011 gibt es die Plage hier in der Karibik – doch vor unserer Atlantiküberquerung haben wir nie etwas davon gesehen oder gehört.

https://www.noonsite.com/General/Environment/caribbean-sargassum-coverage-significantly-higher-than-most-years-since-2011

https://newrepublic.com/article/150775/humans-created-new-natural-disaster

http://sargassummonitoring.com/

Beim kleinen Ort Le Francois beschließen wir die Ost-Küste zu verlassen und über eine als landschaftlich schön ausgewiesene Straße unseren Weg zurück Richtung Le Marin zu nehmen. Eine gute Entscheidung. 

Das Landesinnere ist auch hier im Süden wunderbar hügelig grün mit viel Landwirtschaft und Obstplantagen. Wir stoppen bei einem kreolischen Garten. Für sechs Euro pro Person erklärt uns hier Monique in dritter Generation die Anlage ihres Großvaters. Sie kennt jeden Baum, jeden Strauch und jeden noch so kleinen Bodendecker. Circa 200 verschiedene Arten der Flora von Martinique sind hier vertreten. Wir staunen über Mangobäume, Vanilleblüten, Strelizien, Soursop, eine kleine Ananas, unzählige Heilkräuter und Blütenpracht.

Der Rückweg nach Le Marin führt uns über den lebhaften Badeort Sainte Luce. Eigentlich hätten wir hier gern etwas gegessen, aber wie so oft schließen die einladenden Strandbuden und -restaurants ab späten Nachmittag, und machen – wenn überhaupt – erst ab 19:00 Uhr wieder auf. Doch tatsächlich gibt es von Le Marin eine gute Busverbindung und so holen wir, was uns an diesem Tag entgangen ist, zu einem späteren Zeitpunkt mit der Crew von der Ariranha ausgiebig nach ….

Martinique ist das Einkaufsparadies schlechthin – hier in der Gegend gibt es nichts Vergleichbares. Die französischen Hypermarchés sind riesig und das Sortiment lässt keine Wünsche offen.  So fahren fast alle Crews nach Martinique zum „Bunkern“, das heißt zur Bevorratung in großem Stil. Auch wir schlagen erstmal richtig zu und staunen über das reichhaltige Angebot. Bis auf eine Discounterkette ist jedoch alles recht hochpreisig. Die Marina in Le Marin ist die größte ihrer Art in der Karibik und bietet eine ausgezeichnete Infrastruktur mit Schiffsausrüstern, Werft, Waschsalon, Bäckerei, Restaurants und kleinen Läden. Unschlagbar ist der Angelshop AKWABA, auf 240 Quadratmetern locken Hunderte von bunten Ködern und sämtliches Fishingzubehör – die Versuchung ist groß, aber Sibylle begnügt sich mit dem Ersatz des kürzlich verlorenen Lieblingsköders und ein paar Haken.

Ab jetzt werden Sabine und Harald bei gemeinsamen Unternehmungen stets von der „Ariranha“ Crew abgeholt und wieder zurück an Bord gebracht – ein unglaublicher Service, den wir alle sehr genießen, denn zu viert ist es in unserem eigenen Dinghi doch recht eng und auch die Motorisierung etwas schwach.

In Sainte Anne „tobt“ überraschenderweise der Karneval – bis Karnevalsdienstag einschließlich gibt es fast jeden Tag einen kleinen Umzug, mit wechselnden Wagen und Tanzgruppen. 

Nach ein paar Tagen der Eingewöhnung verlassen wir mit unseren Gästen die Marina und gehen vor Anker um die Ecke in Sainte Anne. Für Harald beginnt nun eine neue Herausforderung: das sichere Ufer kann ab jetzt nur noch mit dem Dinghi erreicht werden – und ob er sich dem schaukeligen Gummischlauch anvertrauen möchte, weiß er noch nicht so genau. Doch die „Ariranha“ hat ein großes Beiboot mit richtiger Sitzbank und dank Michaels fürsorglicher Probefahrt ist nun auch das Dinghifahren für Harald gar kein Problem.

Nach dem obligatorischen „Elf-Ührken“ streifen wir ausgiebig durch die Souvenirläden, vertrödeln die Tage am langen Sand-Strand und genießen abends die Sundowner – mal an Bord der „Ithaka“, mal zu Gast bei „Ariranha“. Burkhard und Michael gönnen sich einen Besuch bei der ortsansässigen Osteopathin, die den beiden – zumindest vorübergehend – zu aufrechtem Gang verhilft.

*) Bedeutung: Bier um 11:00 Uhr. Sollte die Uhrzeit mal nicht passen, so wird sie passend gemacht: „irgendwo auf der Welt ist es jetzt auf jeden Fall 11:00 Uhr“ © Michael R.😉 

Doch leider gibt es auch ernste Themen. Zu unser aller Entsetzen wurden auf der anderen „Ithaka“ die beiden Außenbordmotoren am video-überwachten Werftsteg gestohlen, während Angela und Christof in Deutschland ohnehin gerade sehr schwere Zeiten durchmachen. Sie bitten uns, an Bord nach dem Rechten zu sehen – Gott sei Dank scheint sich der Übergriff auf die beiden Motoren beschränkt zu haben.

Wir vereinbaren einen Krantermin in der Carenantilles Werft, denn wir brauchen dringend einen neuen Antifouling Anstrich.

Außerdem überlegen wir immer wieder, was wir während der Hurrikan-Saison machen sollen. Der Weg nach Süden birgt Gefahren vor allem wegen möglicher Piraterie im Umkreis der Küste von Venezuela. Der Rückweg nach Norden in die Karibik, zum Beispiel von Kolumbien aus, ist beschwerlich und für die Fahrt unter Segeln gibt es nur wenige günstige Wetterfenster. Inzwischen hat der Wind hier im Revier spürbar nachgelassen und immer häufiger wird Sibylle von Mücken fast aufgefressen – keine schöne Perspektive für die heißen Sommermonate, die uns hier erwarten.

Nach einer Woche lichten wir den Anker und segeln am Diamond Rock vorbei hoch in die wunderschöne Bucht Grande Anse D`Arlet. Im Gegensatz zu Sainte Anne, wo außer uns noch mindestens 200 weitere Segelboote lagen, geht es hier deutlich beschaulicher zu. Die Tage verrinnen und bald heißt es Abschied nehmen für Sabine und Harald.

Wir reservieren kurzfristig einen Platz in der Marina Etang Z`abricot, in der Nähe des Flughafens in Fort de France. Von hier aus wollen wir die letzten beiden Tage nochmals Ausflüge mit dem Mietwagen machen. Daraus wird zunächst nichts, denn mal wieder gibt unsere fast neue Kühlschrankpumpe den Geist auf. Seewasser tritt in der Mitte der Pumpe aus und sie hat die Arbeit eingestellt – nach nicht einmal drei Monaten Laufzeit. Garantie gibt es natürlich nur dort, wo wir sie gekauft haben, aber nach St. Lucia wollen wir deswegen jetzt nicht unbedingt segeln. Wir setzen uns in den Mietwagen und fahren zum nächstgelegenen Chandler in Fort de France, hier beschränkt sich das Angebot jedoch auf Lacke und Batterien. Also auf nach Le Marin. 

Wir bedauern, dass Sabine und Harald an Bord bleiben wollten, denn dieser Inselausflug nimmt fast einen halben Tag in Anspruch. Tatsächlich finden wir eine passende Pumpe in Le Marin und sind schneller zurück als gedacht. Routiniert und in Windeseile wird die neue Pumpe eingebaut und so können wir wenigstens den Nachmittag noch für die Besichtigung von St. Pierre nutzen.

St. Pierre liegt 31 Kilometer nördlich der Inselhauptstadt Fort-de-France. Die ehemals blühende und wohlhabende Ansiedlung war über mehrere Jahrhunderte Hauptstadt und darüber hinaus Kolonisationskeim der ganzen Insel. Sie wurde 1902 durch eine Eruption des sieben Kilometer nordöstlich aufragenden Vulkans Montagne Pelée zerstört und hat sich nach dem Wiederaufbau zu einem beliebten touristischen Reiseziel entwickelt (Wikipedia).

Am Abreisetag schließlich besuchen wir noch gemeinsam den Jardin de Balata, den berühmten botanischen Garten von Martinique.

Der Garten liegt hoch oben an einem Berg und ist wunderschön angelegt. Die verschiedenen Gewächse sind nach Familien gruppiert: Bromelien, Palmen, Bambusgewächse. Dazwischen gibt es Teiche mit Seerosen und Fischen. Für den Weg über eine Hängebrücke, die durch die Baumwipfel oberhalb führt, müssten wir leider mehr als eine Stunde anstehen, so verzichten wir auf das Erlebnis.

Zurück an Bord gibt es noch einen Überraschungsbesuch von der Ariranha Crew, bevor wir Sabine und Harald an den Flughafen bringen. So schnell verging die Zeit und die beiden müssen zurück ins kalte Deutschland.

Den darauffolgenden Tag verbringen wir mit Auf- und Umräumen, Waschen und einem lange überfälligen Friseurbesuch für Sibylle. Dann brechen wir auf zurück Richtung Le Marin, denn am 19. Februar ist dort unser Krantermin. Beim Ausfahren aus dem Liegeplatz bemerkt Burkhard, dass – mal wieder – die Lenkung nicht funktioniert. Blitzschnell entscheidet er, vorwärts zurück in die Box zu fahren. Bei starkem Seitenwind ausschließlich mit Hilfe des Bugstrahlruders wieder anzulegen, ist kein leichtes Unterfangen, aber es gelingt. Ein Marinero lässt sich trotz aufgeregtem Funken nicht blicken, aber Gott sei Dank gibt uns ein benachbarter Skipper die Mooringleine an und vertäut die Festmacher. Ein Blick in die Steuersäule und unter die Achterkojen zeigt: wieder einmal ist die Kette aus der Führung und die Steuerseile vom Quadranten abgesprungen. Dabei hatten wir doch drei Tage zuvor noch ganz normal hier angelegt. Wie das passieren kann, ist uns bis heute ein Rätsel. Wir werden künftig die Position der Steuerseile regelmäßig kontrollieren müssen. Als wir mit der Reparatur fertig sind, ist es bereits Mittag und wir laufen als Zwischenstopp die Grande Anse D`Arlet an, um nicht im Dunkeln in Le Marin ankommen zu müssen.

Auch der Morgen des Krantermins verläuft nicht ganz reibungslos. Mit ausreichend zeitlichem Vorlauf geben wir früh in der Bucht von Le Marin den Anker auf, um rechtzeitig in der Werft Carenantilles einzulaufen. Dabei fangen wir uns eine alte Kette ein, die dort am Boden liegt. Die Kette ist so ungeschickt um unseren Anker gewickelt, dass wir aus eigener Kraft nicht freikommen. Gott sei Dank ist die „Ariranha“ nebenan und Michael kommt schnell mit dem Dinghi angebraust, um uns zu helfen.

Die Hilfskraft im Werft Office ist unsere nächste Herausforderung (Krantermin unbekannt …), doch das Auskranen klappt prima. Der Kranführer ist routiniert und versteht seinen Job. Wir haben den Hochdruckreiniger bestellt und nach einer guten Stunde ist das Unterwasserschiff vom tropischen Urwald befreit, der sich dort festgesetzt hatte. Es gibt aber noch jede Menge Muschelreste, die einzeln abgeschliffen werden müssen.

Drei Tage haben wir für die Arbeiten am Unterwasserschiff veranschlagt – ein sportliches Timing, aber wir kommen hin. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der regelmäßigen Pausen und Motivations-Bierchen gemeinsam mit „Ariranha“, die neben uns an Land steht. Zu viert macht die Arbeit doch einfach deutlich mehr Spaß, man schleift und streicht um die Wette und freut sich über den Fortschritt.

So bleibt am Schluß noch ausreichend Zeit, um nicht nur den Schiffen sondern auch den Skippern ein frisches Styling zu verpassen 😉. Dummerweise passiert beim Einkranen von „Ariranha“ ein kleines Malheur, so dass an einigen Stellen nochmal nachgearbeitet werden und der Launchtermin auf nächsten Tag verschoben werden muss.

Zwischendurch treffen wir François von der franzöischen Organisation „Atlantic Back Crusing (ABC)“ http://atlanticbackcruising.com/en/ und fällen endlich eine Entscheidung: am 12. Mai werden wir mit einer kleinen Flotte von Guadeloupe über die Azoren nach Europa zurücksegeln und unseren Traumtörn im Mittelmeer fortsetzen.

Wir freuen uns sehr aufs Mittelmeer, das im Vergleich zur Karibik doch deutlich mehr Abwechslung bietet – trotz aller unübersehbaren Reize, die wir in diesem exotischen Revier kennengelernt haben. Doch traurig verabschieden wir uns von Christof und der anderen „ITHAKA“, aus der gemeinsamen Weiterreise wird nun vorläufig nichts werden. 

Sollte uns in absehbarer Zeit das Fernweh wieder packen, dann müssen wir halt die Runde über den großen Teich erneut in Angriff nehmen – ausschließen würden wir das heute jedenfalls nicht.

Segeltaktik in den „Channels“

In den Meerengen zwischen den Inseln der Karibik pfeift der Wind oft richtig. Viel Wind – das ist uns aus der Ägais ja durchaus nicht fremd, doch hier im Atlantik kommt oft eine heftige Strömung hinzu, die in Richtung Süden das Schiff meist ordentlich voranschiebt, in nördlicher Richtung jedoch zum Teil ärgerlich weit ab vom Wunschkurs versetzt. Kräftig drückt die Atlantikwelle von Ost nach West im Freiwasser zwischen den Inseln. Nicht selten hat der stets böige kräftige Wind eine Nordkomponente. Will man also vom Süden der kleinen Antillen zurück in den Norden, segelt man daher meist hoch am Wind und muss so gut es geht „vorhalten“, das bedeutet, man fährt so hart am Wind gen Osten wie möglich, um den westlich versetzenden Strom auszugleichen.

Die Empfehlungen im Revierführer von Chris Doyle sind sehr hilfreich, um unvorhergesehene Stresssituationen bei Starkwind und hoher Welle zu vermeiden. Theoretisch 🙂

So „motorsegeln“ wir mit halb gesetztem Großsegel im Lee von St. Vincent bis zur Nordspitze, besonders die letzten Meilen verlangen dem Motor einiges ab gegen Welle und Strom, und trotz hoher Drehzahl kommen wir nur mäßig voran. Wir sind soeben frei vom Land, da scheppert mal wieder unsere Coladose an der Schleppangel und der Expander spannt sich fast bis zum Zerreißen. Im selben Moment ein schrilles Piepen – der Motor mahnt Überhitzung an. Burkhard schaltet ab und springt nach unten, um die Temperatur festzustellen. Sibylle bemüht sich, das Schiff ein wenig in Fahrt und auf Kurs zu halten – mit halbem Großsegel kein sehr erfolgreiches Unterfangen, aber wenigstens zeigt der Richtungspfeil auf dem Kartenplotter an, dass wir nicht auf die Nordspitze der Insel zurücktreiben. Gleichzeitig versucht sie Stück für Stück, die Angelleine über Hand auf die Spule zu wickeln, das Ganze dauert circa 20 Minuten, dann geht nichts mehr.

Wir wollen am selben Tag noch bis zur Rodney Bay hochfahren, eine Tagesetappe von knapp 80 Seemeilen. Unsere Ankunft wird ohne erst weit nach Anbruch der Nacht sein, insbesondere jetzt, wo uns der Motor mal wieder im Stich lässt.

Strömung und Wind versetzen uns zusehends weiter weg von der Insel, und schließlich fahren wir eine Wende, um wieder näher an Land zu kommen. Wir machen jedoch kaum Fahrt und erst recht keine Höhe, die Steuerfrau muss sich sehr konzentrieren, um zu vermeiden, dass wir wieder zurück in die Richtung fahren, aus der wir gerade gekommen sind. Nachdem wir uns dem Ufer einige Meilen genähert haben, geben wir das Unterfangen auf, wenden erneut und schalten den Motor wieder ein. Wir sind uns nicht sicher, was den Überhitzungsalarm ausgelöst hat. Die Seewasserpumpe und auch der Impeller sind völlig in Ordnung, das Seewasser wird in gewohnter Menge durch den Kreislauf gepumpt. Mit niedriger Drehzahl und ständiger Temperaturkontrolle bewegen wir uns langsam aber stetig auf unser Ziel zu. Näher unter Land wird der Winkel zum Wind günstiger, das Großsegel schiebt mit und auch die Strömung lässt nach. Gegen 22:00 Uhr laufen wir in die Rodney Bay ein und werden von „Ariranha“ begrüßt, die ebenfalls hier ankert. Beim Ankermanöver fängt es an, aus Kübeln zu schütten. Eigentlich haben wir heute Vollmond, aber der Himmel ist pechschwarz und in dem Regenvorhang kann man kaum die Hand vor Augen sehen. Kein schöner Empfang in St. Lucia!

Burkhard übernimmt auf Zuruf das Steuer, eigentlich müssen wir dringend das Vorsegel setzen, um ohne Maschine voranzukommen, doch der Fang geht jetzt erstmal vor. Hinter unserem Schiff an der mittlerweile recht kurzen Leine hängt ein riesiger Fisch. Sibylle spurtet nach unten, um das Gaff zu holen, auf Burkhards Hilfe muss diesmal verzichtet werden. Mit zitternden Händen (vor Angst, der Fisch könnte inzwischen vom Haken gehen), wird schnell das Gaff montiert. Die Angst war berechtigt, denn als der mehr als 15 Kilo schwere Fang endlich an Deck liegt, steckt der Köder nur noch im kurzen Schwert des Fisches fest, das Ködervorfach ist gerissen …. Das war in letzter Sekunde, puh! Doch jetzt müssen wir erstmal wieder vernünftig Fahrt aufnehmen, in Richtung St. Lucia. 

Später identifizieren wir unseren Fisch als Blauen Marlin, nach erneuter Recherche zwei Tage danach jedoch als sogenannten „Sailfish“ (deutsch: Fächerfisch). Beide Spezies gehören zur Familie der Speerfische. Der Sailfish zeichnet sich durch eine strahlendblaue große fächerartige Rückenflosse aus, die mit schwarzen Tupfen durchsetzt ist.

Leider haben wir es in der Aufregung um den Motor nicht hinbekommen, vernünftige Aufnahmen von unserem großen Fang zu machen. Daher verwenden wir hier zusätzlich eine Abbbildung von wissen.de (© RCS Libri & Grandi Opere SpA Milano/Il mondo degli animali).

Die riesigen Fischfilets schmecken herrlich, mariniert als Tartar oder Ceviche oder auch gebraten. Wir teilen unseren Fang mit Christine und Michael von der „Ariranha“, und verbringen kulinarisch wertvolle Abende an Bord unserer Schiffe.

Unser gemeinsam geplanter Entspannungs-Tag im Hotel „Sandals“ findet leider nicht statt. An der Rezeption erklärt man uns, dass man die Vergabe von Pässen für Tagesgäste ausgesetzt hat, solange das Hotel hundertprozentig ausgelastet ist. Schade.

Wir wandern am Strand entlang zurück und verbringen statt dessen einige nette Stunden and der Strandbar von „Landings“, nutzen hier die „Wasserliegen“ und die Süßwasserduschen. In einem lokalen Restaurant in Gros Islet essen wir anschließend gut und günstig, dann nehmen wir den Minibus zurück zur Marina.

Die Straßen brodeln heute im Vorfeld der Feierlichkeiten für den Nationalfeiertag , alle Autos sind mit der Landesflagge geschmückt. Auch in der Marina hat ein Künstler den Feiertag thematisiert, mit den Landesfarben und bunten Gesichtern auf runden Säulen.

Es ist ein seltsames Gefühl, wieder mal durch die Rodney Bay Marina zu laufen, die uns so viele Tage ein sicherer Hafen gewesen ist, an der Boardwalk Bar einen Drink zu schlürfen und bei Elena die ausgezeichnete italienische Pizza zu bestellen. Beim Chandler kaufen wir zwei Dosen Antifouling – wir müssen in der nächsten Zeit dringend mal unser Unterwasserschiff pflegen und neues Antifouling anstreichen.

Die Tage in St. Lucia gehen vorbei wie im Flug – eigentlich wollen wir längst auf Martinique sein, doch der Wind bläst in diesen Tagen recht kräftig und hat dazu eine ausgeprägte Nordkomponente. So verschieben wir die Überfahrt nach Martinique auf den letztmöglichen Termin, den Tag der Ankunft von Burkhards Bruder Harald und Schwägerin Sabine.

Wenn wir nicht gerade mit der Crew von der Ariranha unterwegs sind, treffen wir Vorbereitungen für den Besuch und erledigen einige Arbeiten am Boot. Die Sprayhood wird geflickt, die WC-Pumpe achtern ausgetauscht. Dank kräftigem Wind und Sonnenschein haben wir in diesen Tagen mit der Energieversorgung überhaupt kein Problem, insbesondere der Windgenerator produziert gut, auch und vor allem in der Nacht.

Am 26. Februar geht es durch den St. Lucia Channel endlich Richtung Martinique. Wieder „motorsegeln“ wir, bis wir gut frei von der Insel sind. Dann segeln wir so hoch am Wind, wie es nur geht. Wieder können wir nicht vermeiden, dass wir weiter nach Westen versetzt werden als gewünscht. Die Wellen sind gut 3-4 Meter hoch und häufig wird der Bug überspült. Wir wundern uns, dass die „Ariranha“ den Kurs erheblich besser hält – wie sich herausstellt, haben sie jedoch die gesamte Strecke den Motor mit eingesetzt.

Gut 7 Meilen vor der Südküste von Martinique erwischt uns ein Squall – der Wind geht auf knapp 35 Knoten hoch und wir haben Mühe, die Genua schnell genug einzurollen, die wir eben noch auf volle Stärke ausgerollt hatten. Auch die Windrichtung ist nun mehr als ungünstig, so packen wir das gesamte Tuch ein und motoren den Rest der Strecke gegen Wind und Welle bis Le Marin, wo wir für ein paar Tage einen Platz in der Marina gebucht haben, damit unser Besuch trockenen Fußes an Bord kommen kann.

Rum, Schokolade, Gewürze und Meer

Nie wieder trinken wir Rum … denken wir bei uns, während wir in die jahrhundertealten Bottiche mit stinkender, trüber Brühe schauen, aus der ein paar Arbeitsgänge später das hochprozentige Destillat gewonnen wird.

Wir besichtigen eine Rum-Fabrikation aus dem 18. Jahrhundert auf der Insel Grenada. Es ist faszinierend, an dem Herstellungsprozess wurde seit der Gründung im Jahr 1785 fast nichts verändert:

Ein Wasserrad, das während des Produktionsbetriebes aus einer natürlichen, gestauten Quelle gespeist wird, treibt den gewaltigen „Crusher“, welcher das Zuckerrohr zerkleinert und zerdrückt, so dass der Zuckerrohrsaft ausfließt.

Über Berge von getrockneten Zuckerrohrresten (Bagasse genannt), die zum Teil als Brennmaterial wiederverwendet werden, stapfen wir in die hölzerne Produktionshalle, wo der Saft aus dubiosem Rohrsystem von Bottich zu Bottich fließt, reduziert und schließlich vergoren wird. Verschiedene Bauern aus der Umgebung liefern ihr Zuckerrohr hier ein, gemessen und bezahlt werden sie nach der Menge der Saftproduktion, die wie vor 250 Jahren an einer Tafel in der Fermentierungshalle festgehalten wird.

Die nächste Station ist die Destillation, hier wird kräftig eingeheizt, um im Druckkessel das Rum-Destillat zu gewinnen, welches in einer Rohrschlange im Bachwasser abgekühlt und zur Abfüllstation geleitet wird. Sehenswert ist auch die sogenannte Qualitätskontrolle: hier wird der Alkoholgehalt festgestellt und je nach Ergebnis das Destillat in unterschiedliche Behälter geleitet. Die Abfüllung in Flaschen erfolgt von Hand.

Zwar werden bei „Rivers Rum Grenada“ nur kleine Mengen hergestellt – 600 Flaschen täglich – und für die weitere Reifung in Fässern ist die Nachfrage auf der Insel Grenada zu groß, man hat keine Zeit um braunen Rum zu produzieren, also bleibt es bei weißem, aber der hat es in sich.

Das Hauptaugenmerk der Produktion liegt auf der Herstellung von 75%tigem Alkohol, da im Flugzeug wegen der Brandgefahr aber nur die Mitnahme bis 70% gestattet ist, wird zusätzlich für die Touristen eine 69%tige Variante abgefüllt. Nach der Verkostung könnten wir als Feuerspeier auftreten, so sehr brennt das Zeug.

Berühmt ist Grenada auch für die Kakaobohnen- und Schokoladenproduktion. Und so besichtigen wir mit Jouvay Chocolate und Belmont Estate gleich zwei altehrwürdige Verarbeitungsstätten. In der Fermentierungshalle riecht es wie in einer Weinkelterei, das leicht säuerliche Fruchtfleisch der Kakaofrüchte wird hier in großen Holzkisten mit Bananenblättern abgedeckt vergoren. Der Vorgang dauert 6-7 Tage, währenddessen werden die Bohnen regelmäßig von einer Kiste zur anderen geschaufelt, um ein gleichmäßiges Ergebnis zu erreichen. Erst nach der Fermentation lassen die Kerne den typischen Schokoladengeschmack erkennen, der sich mit anschließender Trocknung und Röstung der Bohnen dann noch verstärkt.

Auch hier kommt beim Trocknen der fermentierten Bohnen noch alte „Technologie“ zum Einsatz: in riesigen Holzschubkästen auf mehreren Ebenen werden die Bohnen in der Sonne getrocknet. Auf Eisenschienen gelagert können die Schubkästen bei Bedarf unter eine regenfeste Abdeckung gefahren werden.

Ergebnis der Schokoladenproduktion sind zartschmelzende dunkle Schokoladen mit hohem Kakaoanteil, dann die sogenannten Cocoa-Balls, die man hierzulande für die Bereitung von „Chocolate Tea“ (bei uns: „heiße Schokolade“) verwendet, aber auch Kakaobutter, die hauptsächlich in Kosmetika Verwendung findet.

In der Markthalle von St. George wie beim Einkauf bei verschiedenen Gewürzhändlern lernen wir viel über die wichtigsten Gewürze der Insel, insbesondere über die Muskatnuss. Sämtliche Bestandteile der Frucht und des Kerns werden irgendwie verwendet: aus der dickfleischigen gelben Frucht, die die Muskatnuss umhüllt, gewinnt man Muskatsirup und -gelee. Der eigentliche Kern ist in frischem Zustand von einem knallroten Netz überzogen, dem sogenannten „Mace“: dies wird getrocknet ebenfalls als Muskat-Gewürz verwendet, ist jedoch feiner im Geschmack. Die Muskatnuss ist das Hauptexportprodukt Grenadas. 20% des Weltverbrauchs an Muskatnüssen stammen aus Grenada, das damit nach Indonesien der zweitgrößte Produzent von Muskatnüssen weltweit ist. 

Zusammen mit Zimt, Ingwer und Piment hat sich Grenada den Ruf der Gewürzinsel in der Karibik erworben.

Grenada hat auch sonst einiges zu bieten. Bei einer Taxirundfahrt erkunden wir den nördlichen Teil der Insel. Unser Fahrer Andrew zeigt uns neben den Rum- und Schokofabriken den Concord Wasserfall, den Schildkrötenstrand, zwei Süßwasserseen, den Regenwald, die Schwefelquellen und schließlich zum Abschluss der achtstündigen Rundfahrt noch den atemberaubenden Blick von der Festung auf St. George, die Bucht und den Hafen.

Peinlich nur, dass wir am Ende kaum noch das Geld zusammenkratzen können, um ihn für seine Mühen zu entlohnen – offensichtlich haben wir zu viel in Rum, Schokolade und Gewürze investiert😊. Dummerweise funktioniert an diesem Abend auch Burkhards Kreditkarte nicht, Sibylles Karte wurde von der Bank aus Sicherheitsgründen prophylaktisch gesperrt. So legen wir das wohlverdiente Trinkgeld schließlich in US-Dollar drauf, die hier neben der Landeswährung immer gern genommen werden.

Die Hauptstadt St. George ist geprägt von altenglischer Bausubstanz, vor der sich das bunte Leben der quirligen Stadt besonders abhebt. Wir besuchen den Gewürzmarkt und durchstöbern einige größere Supermärkte. Einkaufen in der Karibik geht immer nach der Devise: man kaufe, was man gerade bekommen kann, auch wenn man es nicht sofort braucht. Im nächsten Ort oder Supermarkt darf man nicht darauf hoffen, dasselbe Produkt nochmals zu ergattern.

Drei Tage lang liegen wir vor Anker in der Grand Mal Bucht bei St. George, vier weitere an einer Mooring im GYC – Grenada Yacht Club. Anders als in der gegenüberliegenden Port Louis Marina sind hier die Liegegebühren moderat und wir wollen auch schauen, ob der Liegeplatz eventuell als Sommerquartier während der Hurrikan-Saison taugt. Auch wenn der Yachtclub mit der zugehörigen Restaurantterrasse irgendwie sympathisch ist – monatelang hier zu verweilen, können wir uns dann doch nicht vorstellen. Wir fahren auch zur Besichtigung eines hurrikan-sicheren Landstellplatzes nach Clarks Bay. 

Hier möchte man erst recht nicht länger bleiben, abgesehen von der täglichen Kletterei, wenn das Schiff am Land steht, ist hier außer der Clarks Court Marina weit und breit nichts, zum nächsten Supermarkt kommt man nur mit dem Taxi. Außerdem ist der sehr gut gepflegte Platz für die kommende Saison bereits ausgebucht, wie wir erfahren. Wir lassen uns auf die Warteliste aufnehmen, doch Clarks Court wäre für uns nur dann eine Option, wenn wir während der vier Monate nicht auf dem Schiff bleiben würden.

Grenada ist vorläufig der südlichste Punkt unserer Karibik-Reise, nun orientieren wir uns wieder Richtung Norden, um in Martinique Burkhards Bruder und Schwägerin aufzunehmen.

Wir segeln zurück über Carriacou. Die Insel Carriacou gehört ebenfalls zum Staat Grenada und der Ankerplatz in der Tyrrel Bay wie auch der kleine Ort Hillsborough haben es uns ganz besonders angetan. Christine und Michael von der Ariranha haben sich in der Woche zuvor viel Zeit genommen, um uns ihre Lieblingsplätze zu zeigen. 

Die beiden lebenslustigen Deutschen segeln seit vielen Jahren in der Karibik und kennen sich bestens aus. Nun sind sie zum ersten Mal mit dem eigenen Schiff hier. Wir verbringen gemeinsam nette Stunden bei unzähligen Drinks und sehr guter lokaler Küche. Nachdem Burkhard sich abends beim Aufholen des Dinghi die Winschenkurbel ins Schienbein rammt, kümmern sie sich rührend, holen uns mit ihrem großen Dinghi ab, begleiten uns zum Arzt in Hillsborough, als sich die Wunde entzündet.

Hillsborough ist ein angenehmer, bunter Ort mit reichlich Einkaufsmöglichkeiten. Die Terrassen der einheimischen Bars am Strand bieten einen herrlichen Ausblick auf die türkisfarbene weite Bucht – das ist jetzt mal Karibikfeeling pur. Man kann stundenlang einfach nur so dasitzen und entspannen. Wir genießen in vollen Zügen ….

„Welcome to Paradise“

„Welcome to Paradise“ – so empfängt man uns in fast jeder Bucht, die wir anlaufen. Auch wenn die Auslegungen von Paradies durchaus unterschiedlich sein können, erscheint uns die Ansage doch meist nicht unberechtigt.

Der Anlegeplatz zwischen den Pitons von St. Lucia, unmittelbar vor dem Sugar Beach Resort, ist landschaftlich wirklich beeindruckend. Beschützt und eingerahmt vom kleinen und großen Piton liegen wir hier an einer Boje fast unmittelbar vor dem Strand, der von nur wenigen Gästen des Resorts derzeit genutzt wird. Der Preis, den die beiden Boatboys für ihre Anlegehilfe aufrufen möchten, ist völlig überzogen, doch Burkhard verhandelt erfolgreich – nett aber bestimmt.

Ausklariert haben wir bereits in Rodney Bay, aber für weitere 24 Stunden dürfen wir noch in St. Lucia bleiben. Einem fliegenden Händler – ziemlich `stoned` – kaufen wir eine Kette aus Ingwersamen ab. Dem nächsten eine große Avocado. Die Avocados sind hier fast so groß wie Football-Bälle, jedenfalls in der Saison, unglaublich. Circa fünf Euro (15 XCD) zahlt man für so ein Prachtstück, das köstlich schmeckt, sobald es reif ist.

Die Nacht bei den Pitons ist leider für uns ziemlich schlaflos. Gerade haben wir gelesen, dass laut Statistik St. Lucia in 2018 die meisten (klein-)kriminellen Übergriffe auf Segelboote in der Karibik zu verzeichnen hat, siehe auch https://www.blauwasser.de/tipps-zur-sicherheit-karibik. Wir müssen uns wohl erst noch an das Leben außerhalb der behüteten Marina gewöhnen …

 

Das Ablegemanöver misslingt zunächst. Wir haben uns dummerweise an der Boje mit zwei unterschiedlich starken Festmachern gesichert, die sich nun bei Morgengrauen umeinander gewickelt und völlig vertörnt haben. So kommen wir nicht los. Es gelingt uns, von Deck aus ein paar Törns zu entwirren, aber dann bleibt nichts als ins dunkle Wasser zu steigen und den Rest manuell zu entknoten. Sibylle findet das morgendliche Bad wenig erfreulich, vor allem, weil die Bucht heute voll von Saragossa-Gras ist, was eklig piekt bei Berührung. Nun denn, schließlich sind wir frei und können durchstarten. Fast 45 Minuten haben wir so verschenkt, hoffentlich erreichen wir unser Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit.

Die ersten beiden Stunden wird gemotort und dabei gefrühstückt, dann kommt ordentlich Wind auf, 18-25 Knoten, und wir setzen Segel, vom Großsegel geben wir nur Zweidrittel raus. Mit halbem Wind kommen wir super voran, bis uns im Lee von St. Vincent am Mittag der Wind verlässt. Die Insel ist wunderschön grün, die Buchten sehen toll aus. Schade, dass man hier nicht mehr einlaufen soll, nachdem man einigen Seglern übel mitgespielt hat.

Und wieder einmal wechselt Burkhard die Landes-Flagge und zieht die Farben von St. Vincent und den Grenadinen auf.

Nach knapp zwei Stunden kommen wir aus der Abdeckung von St Vincent und der Wind setzt wieder ein, leider ziemlich von vorn, so dass wir trotz Windstärke 6 (Bft) nur langsam vorankommen. Hier im Kanal zwischen den Inseln schwimmt auch wieder jede Menge Sargassum Gras, das den ganzen Tag über (außer hinter St. Vincent) immer wieder die Angel ausgeknockt hat. Kaum zeigen sich die ersten Büschel des ekligen braunen Zeugs, hängen sie auch schon wieder am Köder fest. Sibylle hat die Nase voll für heute und will die Angel einholen. Das geht ungewöhnlich schwer, da schleppen wir zwar ein sehr dickes Büschel Gemüse am Köder aber bei nur gut 4 Knoten Fahrt eigentlich kein Problem. Die Schnur läßt sich jedoch kaum einrollen. Da springt plötzlich ein Fisch mit dem Haken aus dem Wasser, blaugelb, ein Mahi Mahi. Die Freude ist groß und wir können ihn problemlos anlanden, denn er misst nur ca. 70 cm. Wir müssen uns allerdings noch schlau machen, ob man ihn trotz Ciguatera hier gefahrlos essen kann.

Das Flaggen kann hier in der Karibik schnell zum Dauersport werden, denn viele der kleinen Inseln sind selbstständige Staaten. Und jedes Mal muss man sich mit dem Schiff bei Zoll und Immigration vorschriftsmäßig abmelden (ausklarieren) und im nächsten Hoheitsgebiet wieder anmelden (einklarieren). Ganz schön aufwändig und auch jedes Mal mit Kosten verbunden, und auch die bunten Wimpel haben ihren Preis. Aber die Menschen in den häufig stickigen Amtsstuben sind durchwegs freundlich und hilfsbereit, wenn es um das Ausfüllen der Papiere geht.

Exkurs: Ciguatera

Ciguatera ist die Bezeichnung für eine Fischvergiftung, die vor allem in tropischen und subtropischen Ländern vorkommt. Die Vergiftung entsteht durch den Verzehr von an sich ungiftigen Fischen, die mit dem natürlichen Giftstoff „Ciguatoxin“ belastet sind. Dieses Gift stammt von einem Einzeller, der auf Meeresalgen lebt und so in die Nahrungskette gelangt. Als typische Auswirkung des Nervengifts zeigt sich beim Menschen eine Umkehr des Warm-Kalt-Empfindens. Die Ansteckung erfolgt über den Verzehr von Fischen, in deren Körper sich das Ciguatoxin angereichert hat. Das Gift wird nicht durch Erhitzen zerstört und beeinträchtigt weder das Aussehen noch den Geschmack der Fische. Am stärksten belastet sind größere Raubfische wie Barrakuda, Red Snapper, Makrele, Muräne und Zackenbarsch, die in der Nähe eines Korallenriffs leben (Textauszug aus https://tropeninstitut.de/krankheiten-a-z/ciguatera). Um das Risiko zu minimieren, wird u.a.empfohlen, keine Fische über 2,7 kg zu verzehren – na also, in diese Größenordnung passt unser Mahi Mahi gerade noch so rein.

In der Einfahrt der Admirality Bay (Insel Bequia) liegt ein großes TUI-Kreuzfahrtsschiff. Wir sind gespannt. Ein riesiges Bojen- und Ankerfeld tut sich auf, und schon braust Ernie mit seiner `Burning Flame` heran und will uns einen Platz anbieten. Wir möchten aber gern eine Boje von Pat Shack nehmen, so hat man uns geraten. Ok, auch das ist kein Problem. Ernie ist furchtbar nett und hilft beim Anlegen mit dem Standard-Spruch `welcome to paradise`. Wir sind begeistert, hier ist es irgendwie gemütlich und wir fühlen uns sofort wohl – auch wenn die Admirality Bay mal wieder nicht die typisch karibische Postkartenbucht ist.

Das Einklarieren verschieben wir auf den nächsten Tag. Der kleine Ort Port Elizabeth ist bunt und belebt, an der Uferstraße reihen sich Obststände, Bars und Restaurants, und jede Menge fliegende Händler. Es gibt einen Supermarkt und auch eine Cash-Maschine. Wir verweilen ein paar Tage bei dem sympathischen Ort, bevor wir in die 25 Meilen entfernte Salt Whistle Bay (Insel Mayreau) aufbrechen.

Dort haben wir bereits eine Reservierung bei Dorothy (Empfehlung von Katrin und Peter), die uns schon erwartet.

Und wieder heißt es: „welcome to paradise“ – ja hier fühlt man sich dem Paradies schon ein Stückchen näher. Türkisblaues Wasser, weißer Sandstrand, Palmen, bunte Bretterbuden – so wie sich das gehört 😉. Aber ganz schön voll ist die Bucht, mit vielen großen Charterbooten, meist Katamarane.

Das Essen in Dorothy`s blauer Bude ist ausgezeichnet, allerdings auch nicht preiswert, wie überall in den Grenadines. Am dritten Tag verlegen wir uns näher zum Strand hin, denn inzwischen steht ein unangenehmer Schwell in die Bucht.

Die karibischen Postkartenstrände schlechthin finden wir schließlich in den nur gut vier Seemeilen entfernten Tobago Cays. Das Wasser leuchtet in sämtlichen türkis- und Blautönen. Als wir vor Petit Bateau Island den Anker werfen, schwimmt vor uns eine große Schildkröte. Ein netter Mensch weist uns eine Stelle, wo wir den Anker platzieren sollen und begrüßt uns nach erfolgreichem Manöver mit „welcome to ….“ 😊 – ja tatsächlich, hier muss das irgendwo sein und definitiv werden wir einige Tage bleiben.

Aus kleinen bunten Booten werden T-Shirts, Brot, Bananenkuchen und Fisch angeboten. Von Sidney kaufen wir gut gelaunt zwei T-Shirts für Burkhard mit der Aufschrift „Grenadines“ und „Tobago Cays“. Eine nette Erinnerung, hoffentlich halten sie eine Weile. Es ist sehr windig aber unser Anker hält gut, ein kleines Inselchen vor unserem Bug schützt uns ein wenig vor Wind und Welle. Gegen Mittag besucht uns Romeo, auf dem Rückweg von seinem Einkauf in Union Island. Wir bestellen bei ihm zweimal Languste für das abendliche Barbecue am Strand (wieder ein Tipp von Katrin und Peter) und verabreden uns für 17:00 Uhr. Die Languste schmeckt umwerfend gut.

Für das Ankern im Tobago Cays Marine Park sind 10 XCD (3,30 Euro) pro Person und Tag fällig. Bei den Park Rangers, die das Geld entgegennehmen, buchen wir direkt mal für drei Tage. 

Am zweiten Tag machen wir nachmittags das Dinghi klar und fahren um die Ecke zum sogenannten Schildkröten Strand um zu Schnorcheln. Der Wind hat inzwischen noch weiter zugelegt und so sind wir schon völlig durchnässt, als wir nach der Fahrt gegen die Welle am Strand ankommen. Hier vor der Insel Baradal gibt ein weiteres, sehr großes Ankerfeld, und zu unserer großen Freude ist inzwischen am Mittag dort auch unsere Namensschwester, die `andere` ITHAKA eingetroffen.

Jetzt gibt es hoffentlich endlich mal ausreichend Gelegenheit zum Kennenlernen und Austausch, das haben wir seit Las Palmas nämlich bisher nicht vernünftig hingekriegt. Angela und Christoph freuen sich, als wir nach dem Schnorchel Gang bei ihnen vorbeifahren, zusammen mit Heinz, ihrem Urlaubs-Gast, wollten sie sich soeben auf die Suche nach uns machen. An Bord der wunderschönen Contest 50 bekommen wir einen leckeren Weißwein und ein gutes Bier aus Martinique, und wir verabreden uns für den nächsten Abend zum Barbecue. Daraus wird dann nichts, denn der Ankerplatz ist inzwischen sehr unruhig geworden und so folgen wir ihrem Vorschlag, uns gegen Mittag nach Clifton Bay auf Union Island zu verlegen.

Zusammen mit Angela, Christoph und Heinz verbringen wir einen wunderbaren Abend mit leckerem Rum-Punsch im trendigen „Snack Shack“ und anschließendem Abendessen im Restaurant „Barracuda“ – sehr empfehlenswert. Neben der Namensgleichheit unserer Schiffe gibt es auch sonst einige Gemeinsamkeiten und sofort entwickeln sich lebhafte Gespräche. Angela und Christoph pflegen ebenfalls einen sehr schönen Blog, hier ist der Link: https://sy-ithaka.blog/

Auch dieser Liegeplatz ist besonders: vor uns das große Riff, auf dem sich die Kite-Surfer tummeln, direkt neben uns ein Riff und in der Mitte der Bucht ein weiteres Riff. Eine gute Stelle zum Ankern zu finden ist gar nicht so leicht, denn auch hier sind wieder jede Mange Bojen ausgelegt. Am nächsten Morgen verlegen wir uns ein paar Meter weiter weg von den seitlichen Felsen, eine gute Entscheidung, denn kurze Zeit später dreht der Wind auf Süd und weht uns in Richtung der Untiefe.

Clifton Bay ist ein Straßendorf mit einigen, zum Teil sehr karibisch anmutenden 😉 Supermärkten, einem kleinen Obst- und Gemüsemarkt sowie vielen Bars und Restaurants. Auch ein Hotel und ein ATM ist vorhanden. Was will man mehr. Zum DinghiDock fährt man durch einen gemauerten kleinen Durchlass in ein geschütztes Becken. Wir kaufen jede Menge Obst und Gemüse zu astronomischen Preisen. Mittlerweile sind wir überzeugt, dass es an diesen Ständen unterschiedliche Preise gibt für Touristen und Einheimische, die sich sonst vermutlich nicht mal eine Kartoffel leisten könnten.

Wir leiden mit ihnen, als sich am nächsten Tag herausstellt, dass sie aus familiären Gründen relativ kurzfristig für ein paar Wochen nach Deutschland reisen müssen und hoffen wirklich sehr, dass wir die beiden mit ihrer ITHAKA Anfang März in Martinique wiedertreffen werden. Doch uns zieht es zunächst weiter Richtung Süden und so klarieren wir aus Richtung Grenada.

St. Lucia

Etwas mehr als 4 Wochen vergehen, bevor wir den sicheren Hafen in St. Lucia verlassen. Die Marina ist gut bewacht und hat einiges zu bieten: verschiedene, zum Teil sehr gute Restaurants, die Boardwalk-Bar, einen kleinen Süßwasser-Pool, einen großen Chandler, Segelmacher und vieles mehr. Ein idealer Ort, um sich an Land, Leute und Klima langsam zu gewöhnen. Viele Gelegenheitsarbeiter bieten in der Marina ihre Dienste an: überaus geschickt und mit vielen Tricks bewandert werden Boote auf Hochglanz poliert, das Unterwasserschiff gesäubert, selbst die Scheuerleiste aus Kupfer erhält ihre ursprüngliche Farbe und Glanz zurück. Es gibt Obstverkäufer und Hummer wird angeboten, was man sich wünscht, wird irgendwie besorgt. Die Gesichter der Menschen auf St. Lucia wirken oftmals ernst und etwas verschlossen, doch alle sind überaus bemüht und freundlich.

Kurz nach unserer Ankunft gibt es jedoch auch wieder mal einen größeren Diebstahl auf einem Segelboot vor Anker in der Marigot-Bay, während eines Schnorchel-Gangs blieb das Boot ungesichert und unbewacht, das haben sich die Diebe zunutze gemacht. Und immer wieder wird auch von Einheimischen davor gewarnt, sich nach Einbruch der Dunkelheit allein auf der Straße zu bewegen – das macht verunsichert zuweilen und engt leider die Bewegungsfreiheit mitunter stark ein.

Dennoch alles in allem irgendwie nicht verwunderlich: St. Lucia blickt auf eine bewegte Geschichte unter wechselnder französisch-liberaler Besatzung und britischer Herrschaft. Wie in vielen anderen Kolonien auch, brachten die Briten Menschen aus Afrika auf die Insel, die auf den Zuckerrohr­plantagen Sklavenarbeit verrichteten. Wichtigstes landwirtschaftliches Erzeugnis ist die Banane, bearbeitete Waren, Maschinen und viele Nahrungsmittel, darunter Fleisch, müssen größtenteils importiert werden, größter Wirtschaftszweig ist die Tourismusbranche. Die meisten Leute sind hier sehr arm und angesichts von Luxusresorts, Kreuzfahrtschiffen und teuren Yachten wird die Kluft zwischen arm und reich besonders evident.

Wir brauchen Zeit, um uns zu erholen und genießen die netten Runden mit unseren Freunden und Mitseglern von der ARC, die sich am 12. Januar auf den Weg Richtung Panama machen werden. Ein Christmas Dinner bei Marie`s Bar am Strand wird organisiert, mit dem Wassertaxi lassen wir uns dort hinbringen. Die Atmosphäre ist spektakulär, das Barbecue leider weniger, aber das tut der Veranstaltung keinen Abbruch, die visuellen Eindrücke von Marie`s Küche werden uns sicher noch länger im Gedächtnis bleiben. Anschließend wird weiter gefeiert an Bord von „BabSea“ …

Auch der Silvesterabend findet in größerer Runde statt. Unsere Sylvesterstimmung wird leider etwas getrübt durch die Tatsache, dass sich am Nachmittag mal wieder eine unserer Servicebatterien verabschiedet. Es stinkt und die Batterie glüht. Burkhard klemmt die kaputte Einheit ab und so müssen wir nun bereits weniger als zwei Jahre nach unserem letzten Tausch der Servicebatterien auf Rhodos wieder in einen Satz neue Batterien investieren. Es wird dennoch ein schöner Abend: Katrin hat für alle einen Kopfschmuck mitgebracht, ein Krönchen für die Damen, ein glitzerndes Hütchen für die Herren 😊. Diesmal lassen wir es uns richtig gut gehen und speisen ganz vorzüglich im Sushi-Restaurant in der Marina.

Der Wein ist in der Karibik leider recht teuer, und so greift auch Sibylle gern mal wieder zu einem Bier, hier in St. Lucia trinkt man das lokale Piton-Bier aus kleinen 0,275 Liter Fläschchen, die mit dem Wahrzeichen der Insel, den Piton-Hügeln etikettiert sind. 

Natürlich aber nicht zu vergessen der Rum-Punsch, für den jeder hier sein eigenes Rezept zu haben scheint – einfach genial und sehr verführerisch. Rum ist jedenfalls günstig zu bekommen, und so werden Rum-Mixgetränke in den nächsten Wochen auch immer häufiger auch an Bord unserer „Ithaka“ zubereitet 😊.

Den besten Rum-Punsch trinken wir auf der wöchentlichen Gros Islet Street Party. Hermann von der „BabSea“ hat den Stand ausfindig gemacht, die Zubereitung wird hier regelrecht zelebriert und der Rum hat es in sich! Strong! Die Gros Islet Street Party ist ein echtes Erlebnis und wahrer Gaumenschmaus. Unzählige kleine und größere Barbecue-Stände reihen sich entlang der Straße, der Duft von gegrilltem Spicy Chicken, Ribs, Fisch und Langusten mischt sich mit dem Rauch aus diversen Joints und Pfeifchen. Dazwischen Getränke-Stände und lokales Kunsthandwerk. Der Sonnenuntergang über der Bucht von Rodney Bay hat etwas Magisches.

Für unseren Inselausflug wählen wir leider ausgerechnet den Tag mit dem schlechtesten Wetter seit unserer Ankunft. Schauer gibt es zwar fast täglich und insbesondere auch nachts, aber an diesem 30. Dezember hört es fast überhaupt nicht auf zu schütten. An den meisten der Aussichtspunkte sieht man zum Teil die Hand vor Augen nicht, geschweige denn die Landschaft dahinter, die bei Sonnenschein und klarer Sicht eigentlich atemberaubende Fotomotive liefert. Zusammen mit Babsi, Helmut und Hermann („BabSea“) sowie Heike und Udo („Endo II“) geht es früh morgens nahe der Marina schon im Regen los. Unser Taxi-Fahrer ist heute John. John ist wohl ein Multitalent 😉, denn er hat auch schon unseren Bootsrumpf poliert.

Heute am Sonntag ist das Marktgeschehen reduziert, aber innen wie außen haben einige Stände geöffnet. An einem lokalen Grill-Imbiss wird etwas gefrühstückt: Teigtaschen mit Salty Fisch und Helmut und Babsi verkosten auch die Hühnchen-Schenkel zusammen mit einem Glas Spicy-Rum.

Mühsam erklimmt unser Taxi den steilen Berg oberhalb von Castries, der Ausblick auf die Bucht ist leider durch den Regen getrübt. Bei der Marigot-Bay haben wir Glück: die Sonne kommt raus und wir bekommen einige hübsche Fotos in den Kasten.

Das Fahrzeug ist ein uralter, klappriger Minibus – bei jeder Bodenwelle ächzen die kaum noch vorhandenen Stoßdämpfer und es schüttelt uns in den Sitzen. Helmut und Babsi müssen jedes Mal über eine riesige Kühlbox steigen, um ihren Platz in der hinteren Sitzbank einzunehmen. Zumindest ist die Kühlbox gut gefüllt, auch mit Piton-Bier. John erklärt, er habe am Morgen schon Wein mit Marihuana-Blatt gegen seine Magenverstimmung zu sich genommen … nun denn, Alkohol am Steuer ist hier in St. Lucia nicht verboten und angeblich passieren auch kaum Unfälle … Nach einem kurzen Stopp in der Rodney-Bay Mall halten wir im Zentrum der Inselhauptstadt Castries.

Doch oberhalb des Ortes Souffriere reißt der Nebel kurz auf für ein schnelles Foto von den Pitons im abziehenden Regen. In Souffriere angelangt machen wir Mittags-Rast in einem einheimischen Grill-Restaurant, Empfehlung von John. Das Hühnchen ist recht gut, der Fisch wohl eher weniger. Es schüttet aus Kübeln, als wir auf John warten, der uns vom Restaurant wieder abholt.

Auf der Fahrt gen Süden halten wir bei einer Tapioka-Bäckerei: die süß und salzig gefüllten Teigtaschen gefertigt aus dem Mehl der Maniok-Wurzel kommen noch heiß frisch aus dem Ofen. Sie sind sehr scharf gewürzt und irrsinnig mächtig. Weiter schlängelt sich die Straße durch die Berge, wir nähren uns den beiden Piton-Hügeln, die jedoch am gedachten Aussichtspunkt nicht einmal schemenhaft zu erkennen sind. John vertröstet uns auf die Rückfahrt, aber auch da können wir später im Nebel nichts erkennen.

Unser nächstes Ziel ist der botanische Garten mit dem Wasserfall. Der Garten ist wunderschön und als Lehrpfad beschriftet. Gern hätten wir uns länger du ausgiebig mit den fremden Pflanzen und Bäumen befasst, aber wir haben nur eine Stunde bis zur Schließung der Anlage und wieder regnet es, und zwar diesmal richtig. Diejenigen unter uns, die ihre Regenjacke im Bus vergessen haben, schälen sich anschließend aus ihren klitschnassen Oberteilen, um nun in die wenigstens trockene Regenjacke zu schlüpfen. Auf den letzten Stopp der Tour, die Schwefelquellen hat anschließend niemand mehr Lust und so wenden wir kurzerhand und treten die lange Rückfahrt an. Immer wieder hält John kurz an, um ein WC aufzusuchen – der Marihuanablatt-Wein hat offensichtlich seine Verdauungsprobleme nicht lösen können, oder doch?

Die Tage verfliegen. Tränenreich verabschieden wir die „Hector“ – mit Katrin und Peter. Mit neuen Chartergästen werden sie gen Norden ziehen, um den Katamaran am Ende der Saison auf den Bahamas abzugeben. Unsere kaputte Genua wird fachmännisch repariert von Kenny, dem Segelmacher. Ulrich Meixner von DSL-Yachting unterstützt uns bei der Beschaffung und dem Einbau neuer hochwertiger Servicebatterien. Mit dem Einbau warten wir, bis sein Elektriker-Fachmann wieder aus dem Urlaub zurück ist. Er soll nochmals die gesamte Elektronik systematisch überprüfen, aber auch er findet keinen gravierenden Fehler. Sibylle kümmert sich um die Decksarbeiten, wieder gibt es etliche Holzpfropfen im Teak zu ersetzen und der Umlenk-Block für die Raushol-Leine am Großsegel muss ausgetauscht werden. Aus dem alten Block hatte sich bei der Überfahrt die Mittelachse gelöst und die Scheibe hat Sibylle heftig am Arm erwischt. Gott sei Dank ist das Geschoss zuvor gegen einen Teakgriff geknallt und hat diesen zertrümmert. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Scheibe mit ungebremster Wucht einen von uns beiden getroffen hätte. Für den neuen Block müssen neue Löcher ins Deck gebohrt und die alten abgedichtet werden, nicht so ganz trivial, aber mit dem Ergebnis sind wir schließlich sehr zufrieden.

Wir freuen uns sehr, dass auch Jörg von Yachtfunk aus Deutschland eingeflogen kommt, um die SFB-Einrichtungen der World ARC Teilnehmer erneut zu kontrollieren. Seine Freistunden verbringt er bei uns an Bord und er hilft uns beim Check unserer VHF-Anlage. Tja und irgendwann heißt es dann endgültig Abschied nehmen. Wir laden alle nochmal zu einem Farewell-Sundowner bei uns an Bord ein: „BabSea“, „Endo“, „Nika“, „Aurora B“ und auch Jörg darf natürlich nicht fehlen.

Mit der Wiedereröffnung des ARC-Büros in der Marina zehn Tage vor dem Start der World ARC kehren auch bekannte Gesichter zurück. Wir verbringen nette Stunden mit Gemma und Ed von der „Aurora B“ – sie haben großes Interesse zu verstehen, wie wir unser Teakdeck instand halten und lassen sich alles genau zeigen, was Sibylle in den letzten Jahren gelernt und angewendet hat (nochmals ein herzliches Dankeschön an Hans von der „Rasant“, der Sibylle in die Kunst der Holzpfropfen-Technik eingewiesen hat!)

Dann bleibt uns nur noch zu winken, als anderthalb Tage später die World ARC Schiffe Richtung Kolumbien-Panama-Südsee aus dem Hafen fahren…

Atlantic Crossing

Die Erschöpfung ist groß, als wir nach 2869 Seemeilen und 19 Tagen und 10 Stunden auf See endlich gegen 20:00 Uhr Ortszeit die Ziellinie erreichen und in der Rodney Bay Marina festmachen. Die Einfahrt in die Marina Bay ist etwas tricky im Dunkeln, aber wir schaffen es problemlos. Am Funk ist nun Clare von der ARC-Organisation (wie schön, eine vertraute Stimme zu hören!), die uns einen Liegeplatz zuweist. Erst müssen wir aber Fender und Leinen klarmachen. Dann anlegen. Alles klappt super trotz Dunkelheit. Wir werden mit Rumpunsch und einem großen Obstkorb empfangen. Burkhard kann den Obstkorb kaum halten und muss sich erschöpft auf den Steg setzen.

Wir denken, es ist schlau, jetzt noch was essen zu gehen, denn Burkhard hatte früh nur ein Müsli. Auf dem Weg treffen wir Mark und Gina von der „Rum Truffle“, sie sind auch vor ein paar Stunden erst angekommen. Im Restaurant fällt Burkhard der Kopf auf die Tischplatte, er reagiert kaum noch und hat kalten Schweiß im Nacken. Das Personal holt die Ambulanz und Sibylle verständigt Clare.

Nach einer teuren Nacht im nahegelegenen Privatkrankenhaus, nach diversen Untersuchungen, die allesamt nicht wirklich eine ernsthafte Erkrankung erkennen lassen, entlassen wir uns schließlich gegen ärztliche Empfehlung selbst wieder aus dem Krankenhaus und fahren gemeinsam mit Peter und Carl (SY Orion) im Taxi zurück zur Marina. Bei Peter wurde der Daumen wieder angenäht, der kurz vor dem Anlegen in die Elektrowinsch geraten war. Man weiß noch nicht, ob der Finger wieder anwachsen wird. Dagegen erscheinen unsere Sorgen eher klein, die Schwäche scheint tatsächlich auf den allgemeinen Erschöpfungszustand und die Erleichterung über die Ankunft zurückzuführen.

Burkhard schläft den restlichen Tag, Sibylle erledigt die Formalitäten. Wir sind glücklich und unendlich dankbar, dass wir unbeschadet angekommen sind, aber so richtig glauben können wir es noch nicht. Es dauert fast 10 Tage, bis unsere Verfassung sich langsam wieder normalisiert, bis die Antriebslosigkeit neuem Tatendrang weicht.

Trotzdem freuen wir uns riesig, dass am Tag nach unserem Landfall Sibylles Schwester Juliane mit den Kindern ankommt. Sie haben eine Villa Richtung Pigeon Island gemietet – traumhaft schön, aber leider sehr einsam auf dem Berg gelegen. Wir verbringen gemeinsam zwei richtig schöne Abende mit gegrillten Langusten, am hauseigenen Swimming-Pool und auch beim ARC-Ausflug in Anse de la Raye.

Aus dem Raussegeln wird zwar nichts, aber immerhin ankern und schwimmen wir einen Tag lang zusammen in der Rodney Bucht. Mit vereinten Kräften wechseln wir dort auch das Vorsegel: unsere Genua hat auf der Überfahrt leider erheblich gelitten, das Unterliek und Teile des Achterlieks haben sich komplett aufgelöst.

Ohne uns zieht die Familie weiter nach Martinique, von dort treten sie am zweiten Weihnachtstag den Rückweg an. Wir brauchen noch ein paar Tage, um wieder zu Kräften zu kommen.

Unsere Überfahrt verläuft im Grunde völlig friedlich, ohne größere Pleiten oder Pannen, wenn man von den kleinen Schwierigkeiten beim Start mal absieht – denn fast wären wir in Las Palmas geblieben … Als wir beim Ablegen den Vorwärtsgang einlegen, rappelt und klopft es gewaltig. Unsere britischen Steg-Nachbarn von der Theodora sehen uns mitleidig an, murmeln etwas von „gearbox“ und legen dann mit vielen Wünschen für gutes Gelingen vor uns ab. Wir machen die Mooringleine wieder fest und blicken uns verzweifelt in die Augen: nach all der monatelangen Vorbereitung – nun das?! Aber nein, das lassen wir uns jetzt nicht gefallen. Sibylle ist der Meinung, im Motorraum rappelt es nicht sehr, das Geräusch kommt von draußen: wieder mal eine Leine im Propeller gefangen? Das Brackwasser in der Marina von Las Palmas ist widerlich, doch was nützt es jetzt, Sibylle setzt Brille und Schnorchel auf und taucht in die Brühe. Der Propeller dreht, jedoch nicht ganz regelmäßig. Von einer Leine jedoch keine Spur. Ein paar Mal noch legen wir den Gang ein, und bilden uns ein, es wird besser.  Also dann: wir fahren los, koste es, was es wolle. Wir sind schließlich ein Segelboot. Eine gute Entscheidung, denn noch bevor wir die Startlinie passieren, hat sich das Geräusch verflüchtigt – vielleicht nur ein wenig Bewuchs am Propeller….

In den ersten Tagen treibt uns die Sorge um die Bordelektronik um, nach dem Einbau des neuen Ladegerätes wird plötzlich keine Ladung mehr angezeigt, weder von Solar-, noch Wind-, noch Wasser-Generator und auch nicht die Ladung der Lichtmaschine. Zunächst nehmen wir an, dass die Batterien somit auch nicht mehr geladen werden, und bemühen erfolgreich unseren kleinen benzingetriebenen Generator, der 220V erzeugt, sich somit wie Landstrom verhält. Dummerweise haben wir bei weitem nicht genug Benzin an Bord, um so die Überfahrt zu bestreiten. Doch nach einiger Zeit wird klar, dass auch unsere 12V Stromerzeuger durchaus Energie produzieren, wie man an der Ladespannung erkennen kann – lediglich die Lade-Anzeige ist kaputt oder falsch angeschlossen, so sind wir im Blindflug unterwegs und müssen uns ganz auf die Voltanzeige verlassen.

Nach zwei Wochen mag dann der Bordkühlschrank nicht mehr. Eine mittlere Katastrophe, denn wir haben noch etliche Kilo Fischfilet einvakumiert und gekühlt von unserem großen Fischfang am 30. November. Außerdem haben wir in Las Palmas deutlich größere Proviantvorräte angelegt als für die Überquerung erforderlich, da hier in der Karibik alles viel teurer und vieles schlecht zu kriegen ist. Nach einigen Checks sind wir der Meinung, dass der Einlass der Seewasserpumpe verstopft sein muss, vielleicht zugewachsen. Da können wir jetzt nicht viel dran machen, das müssen wir nach Ankunft in der Bucht mal prüfen und säubern. Erst später stellt sich heraus, dass wohl die Seewasserpumpe mal wieder defekt ist und nach Austausch in St. Lucia läuft der Kühlschrank wieder. Bis dahin müssen wir, so gut es geht, das Kühlgut umverteilen – denn Gott sei Dank haben wir ja noch die große Dometic Kühlbox. Die ist zwar auch randvoll, aber da müssen halt einige Lebensmittel den Rest der Fahrt ohne Kühlung überstehen – oder eben nicht.

Was sich als wirklich kräftezehrend herausstellt, ist der Schwell. Es schaukelt und schüttelt uns fast die gesamte Zeit so dermaßen durch, dass an echtes Schlafen außerhalb der Wachzeiten nicht zu denken ist. Der angenehmste Schlafplatz ist im Salon, auf dem Fußboden polstern wir uns eine Schlafmöglichkeit aus, die wir im 3-5 stündigem Wechsel während der Nacht nutzen. Auch hier rollt man beständig hin und her, aber zumindest fällt man nicht aus der Koje. Analog sitzt der oder die Wachhabende die meiste Zeit auf dem Grating im Cockpit – andernfalls muss man schon sehr aufpassen, nicht von der Cockpitbank zu fallen, was nur durch sorgfältiges und beständiges Abstützen gewährleistet ist.

Erfahrene Atlantiküberquerer wie Heike und Udo von der „Endo II“ versichern uns bei der täglichen privaten Funkrunde, dass sie bei ihrer ersten Überfahrt längst nicht eine solch heftige Störwelle von der Seite verspürt haben. Es scheint, die seitliche Welle wird durch eine Wetterstörung nördlich von uns verursacht. An manchen Tagen ist es fast unmöglich zu kochen oder auch nur etwas aufzuwärmen, und aus den Schränken fliegt bei Unachtsamkeit alles heraus

Erst bei der Prizegiving Party realisieren wir, dass wir in diesem Jahr eine von insgesamt nur acht Zweier-Crews sind, die in 2018 bei der ARC mitmachen. Hierfür werden wir mit den anderen Double-handed Crews besonders geehrt, mit uns auch Helmut und Hermann von der „BabSea“ – tatsächlich ist die Fahrt zu zweit natürlich extra anstrengend. Auch wenn wir von weiteren Herausforderungen verschont geblieben sind – die Dreier-Crew von der „Endo II“ musste beispielsweise mehr als eine Woche abwechselnd von Hand steuern, weil der hydraulische Autopilot ausgefallen war.

Das hat die drei tapferen Segler jedoch nicht davon abgehalten, einen 70 Meilen Umweg in Kauf zu nehmen, um der „SY Garuda“ zur Hilfe zu eilen, die nach Mastbruch nicht ausreichend Dieselvorräte an Bord hatte, um unter Motor das Ziel zu erreichen. Zu Recht gewinnen sie den „Special Price of the Arc“!

Unsere Freunde aus Köln, Katrin & Peter von „Sail & Chill“ mit ihren 5 Chartergästen lassen es ruhig angehen – sie gewinnen den Preis für den besten nicht-englischen Blog, den Katrin täglich liebevoll pflegt.

Es ist nicht leicht zu sagen, was wir von der großen Überfahrt am meisten im Gedächtnis behalten werden. Ein bisschen enttäuscht waren wir, dass wir bis auf ein einziges Mal aus der Ferne, nicht einen Wal oder Delphin gesichtet haben. Und die Angel haben wir nach dem großen Fang natürlich weggepackt, dabei hätten wir so gern noch einen Thunfisch oder Mahi-Mahi geholt.

Wirklich beeindruckend sind neben den Sonnenuntergängen die Nächte. Mit Mond silberhell, ohne Mond pitchblack, aber mit Millionen von Sternen, die wir noch nie gesehen haben. Und das phosphorisierende Plankton in der Bugwelle ist atemberaubend. Schön sind die kleinen Starkwind und -regenzellen auf dem Radarbildschirm zu erkennen, das macht es leicht, auszuweichen und nur zweimal müssen wir wegen der Squalls reffen und werden von Wind und Regen erwischt.

Es freut uns sehr, dass wir fast ohne Downwind-Erfahrung mit dem Ausbaumen der Genua im Schmetterling ausgesprochen gut zurechtkommen. Und mit dem Einsatz von zusätzlichen Umlenkrollen sind dann auch die Schoten dauerhaft heile geblieben …

Wir waren zwar nicht die Schnellsten, aber wir freuen uns über den Preis für den größten Fischfang während der Fahrt: ein 12 kg Wahoo, den wir gemeinsam bei mehr als 7 Knoten Fahrt Hand über Hand über die große Spule und mit dem Gaff an Deck heben. Zwei Wochen essen wir an dem Fisch und den Rest teilen wir noch mit Juliane und den Kindern nach der Ankunft.

Merkwürdig und unangenehm sind die teilweise riesigen Braunalgenteppiche, die über hunderte, wenn nicht mehr als tausend, Meilen an uns vorbeischwimmen und sich immer wieder in großen Büscheln an der Windfahne festsetzen. Wenn man danach googelt, findet man beängstigende Berichte – vermutlich werden wir den Algenteppichen auch in der Karibik noch öfter begegnen … https://www.sueddeutsche.de/wissen/oekologie-angriff-der-braunalgen-in-der-karibik-1.4022192

Alles in allem ist es faszinierend, wie schnell die Tage und die Zeit auf See vergehen. Nicht darüber nachdenken sollte man über die vielen Kilometer Wassermassen, die unter dem Kiel liegen. Insbesondere auf der Hälfte der Strecke, blieb uns bei dem Gedanken schonmal die Luft weg. Wir feiern Bergfest mit ein paar Bierchen und sogar Wein zum Essen – ansonsten haben wir uns nur zu ganz wenigen, ausgewählten Sonnenuntergängen mal eine Dose Bier geteilt. Erst in der letzten Woche fangen wir an, Breitengrade, Tage und Meilen bis zur Ankunft zu zählen – irgendwann möchte man halt einfach nur noch ankommen.

Unser neu erworbenes Wingaker-Leichtwindsegel haben wir allerdings wegen der heftigen Schaukelei und auch kräftigem Wind (das Segel soll man nur bis 15 Knoten von achtern nutzen) tatsächlich nur ein einziges Mal draußen gehabt. Der Wind bläst zumeist mit 18-25 Knoten, so dass wir zum Teil richtig flott unterwegs sind. Nur zwei Mal gibt es eine kurze Flaute, da haben wir dann nach einigem Herumdümpeln schließlich für jeweils knapp vier Stunden den Motor mal angeschmissen. Ansonsten hat man das Gefühl man rauscht nur so dahin – fast wie in einem D-Zug oder ICE, ohne Stopp. Stolz sind wir auf einige hervorragende Etmale mit bis zu 170 Seemeilen in 24 Stunden.

Es ist tatsächlich eine große Beruhigung, die anderen Boote der ARC-Flotte da draußen zu wissen, auch wenn man sie fasst nie mit bloßem Auge sieht. Oft empfängt man jedoch AIS-Signale von anderen Schiffen und sieht zumindest auf dem Bildschirm, wer in erreichbarer Nähe ist. Einmal kommt uns ein Segelboot mit spanischer Flagge und englischem Skipper in der Nacht sehr nahe. Wir machen über Funk auf uns aufmerksam und Andrew scherzt noch, dass er uns knapp verpassen wird – dann wird ihm selbst mulmig und er schaltet die volle Decksbeleuchtung an, als er „überraschend“ wenige Meter an uns vorbeisaust. So was ist wirklich unnötig, und gern hätten wir mit ihm hier St. Lucia ein paar Worte über diese gefährliche Aktion gewechselt.

Bis auf die offizielle tägliche Seefunkrunde, in der jedoch lediglich Position und Windverhältnisse der Teilnehmer durchgegeben werden, gibt es auch leider wenig Kommunikation untereinander. Das haben wir uns etwas anders vorgestellt. Unseren VHF-Funk müssen wir allerdings auch nochmal überprüfen, teilweise sind wir außerhalb von Kanal 16 nicht zu hören. Mit ein paar Booten tauschen wir jedoch wenigstens mal Mails aus, und mit der Endo II sind wir auch täglich über Funk im Kontakt.

Bald müssen wir nun Abschied nehmen von den Freunden, die ab 12. Januar mit der World-ARC weiterfahren, dazu zählen die „Endo II“, „BabSea“ und auch unser Schwesterschiff „Aurora B“ (wie wir eine Hallberg Rassy 42F). Und wir müssen uns entscheiden, wo wir während der Hurrikan-Periode unterschlüpfen wollen, die auch versicherungsmäßig in diesem Breiten nicht abgedeckt ist. Gern würden wir jedenfalls eine Saison hierbleiben und dann im kommenden Jahr entweder zurück nach Europa oder weiter um die Welt segeln. Heute steigen wir in die Planungen ein.

Satelliten Tracking – ARC 2018

Die Zeit bis zur Abfahrt am Sonntag vergeht wie im Flug und immer noch gibt es viel zu tun: neue Segel anschlagen, die letzten Einkäufe, vorkochen für ein paar Tage und so viel mehr. Vorgestern haben wir uns riesig gefreut über den Besuch von Tom Logisch und seiner Tochter Josephine (tom logisch – exploring the world in a better way UG), die uns hier kurz vor dem Startschuss noch den Hydrogenerator von Watt&Sea angebaut haben. Der Generator wird maßgeblich dazu beitragen, dass wir auf der Atlantiküberquerung auch in Abwesenheit von Sonne und selbst bei wenig Wind allein durch die Fahrtströmung Strom erzeugen können. Und so werden wir hoffentlich nicht wieder in eine solch missliche Energienotlage geraten, wie kürzlich auf dem Weg nach Las Palmas.

Und natürlich gibt es jede Menge vorbereitendes Programm: die spektakuläre Hubschrauber-Rettungsübung liefert eindrucksvolle Bilder – da hofft wohl jeder Teilnehmer, dass man in eine solche Situation nie kommen wird, beziehungsweise im Falle eines echten Notfalls der Hubschrauber noch irgendwie in Reichweite ist oder gebracht werden kann. 

Die anschließende Demonstration der Seenotsignale wie auch das Auslösen der Rettungsinsel droht im wahrsten Sinne des Wortes fast ins Wasser zu fallen, denn der Tag ist kalt und grau und in unregelmäßigen Abständen regnet es heftig.

So nimmt es kein Wunder, dass der Repräsentant aus St. Lucia bei seiner Ansprache anläßlich der offiziellen Eröffnung der ARC 2018 den größten Beifall erntet, als er von dem warmen und sonnigen Wetter auf St. Lucia vorschwärmt.

Seit ein paar Tagen ist auch unser Satelliten-Tracking-Sender aktiv, so dass man uns ab jetzt und während der gesamten Fahrt über den großen Teich online verfolgen kann. Jedes Schiff, das wie wir an der Atlantic Rallye for Cruisers (ARC 2018) teilnimmt, wird für die Dauer der Überfahrt mit einem solchen Satellitensender ausgestattet. Der Sender ist am Heck unseres Schiffes befestigt. Alle vier Stunden werden die Positionsdaten aktualisiert und die Schiffs-Position auf der Karte angezeigt.

Und so geht`s: Über den Link https://www.worldcruising.com/arc/event.aspx  gelangt man zum Tracking. Ein Klick auf „where are the boats?“ und das Race „ARC 2018“ auswählen. Das ist wichtig, denn es gibt noch ein weiteres Segelschiff mit Namen ITHAKA, dieses Boot jedoch ist in einer anderen Rallye „ARC+ 2018“ gestartet, welche den Weg über die Kapverden in die Karibik nimmt.

Links im Menü befindet sich die alphabetische Liste der Boote. Ein Klick auf den Bootsnamen hebt das Schiff auf der Karte hervor. Fährt man mit der Maus über die Bootsgraphic, werden weitere Daten angezeigt, zum Beispiel der Name des Skippers. Natürlich kann man in die Karte bzw. das Satellitenbild auch hineinzoomen. Bei größter Auflösung werden die Bootsnamen auch direkt auf der Karte angezeigt. Noch einfacher geht das alles auf dem Smartphone über die App „YB-Tracker“, die man im App-Store herunterladen kann.

Noch bis spät in der vergangenen Nacht hatten wir die Elektriker an Bord, die über mehrere Tage versucht haben, uns ein neues Ladegerät mit Inverter einzubauen. Das ganze hätte schon vor fast zwei Wochen stattfinden sollen, aber immer wieder wurden wir vertröstet. Die Crash-Aktion in letzter Minute hat leider sehr an unseren Nerven gezehrt. Aber jetzt sind wir (fast) startbereit und freuen uns auf die kommenden – hoffentlich entspannten 😊- Tage auf hoher See.

Mit einigen Impressionen vom Start der ARC+ am 11.11.2018 verabschieden wir uns für die nächsten drei Wochen. Bilder von unserem Start heute werden mit Sicherheit wenige Stunden nach dem Start um 13:00 Uhr UTC auf der ARC-Facebook-Seite zu sehen sein https://www.facebook.com/arcrally/?ref=br_rs . Vielleicht schreiben wir auch ein paar Kommentare auf die Worldcruising-Website von den Erlebnissen unterwegs. In jedem Fall kann Sinn, dort ab und zu mal reinzuschauen und zu sehen, ob es etwas es Neues gibt…. https://www.worldcruising.com/arc/event.aspx

Wir denken, dass wir mindestens 21 Tage unterwegs sein werden, bis wir unser Ziel St. Lucia in der Karibik erreichen. Vielleicht auch länger – wie immer spielen Wind und Wetter dabei die Hauptrolle ….

Acht Tage bis Gran Canaria

Die nächsten Tage verlaufen ohne größere Zwischenfälle. Wir fühlen uns etwas einsam, aber nicht mehr hilflos. Täglich mehrfach holen wir den Streckenwetterbericht über SSB-Funk, das klappt hervorragend. Auch der E-Mail-Versand und -empfang via SailMail ist top, derzeit unser einziger – tröstlicher – Kontakt zur Welt außerhalb unseres Schiffes. Christoph gibt uns regelmäßig ein Update zur Großwetterlage, die leider für uns nicht rosig aussieht. Der Wind wird einschlafen, gegen uns drehen und erst nach mehreren Tagen wird endlich der erforderliche Nordwind einsetzen, der uns hoffentlich irgendwann ans Ziel weht.

Immer wieder haben wir kleine „blinde Passagiere“ an Bord. Eigentlich freuen wir uns über den Besuch der zutraulichen Tierchen, aber leider hinterlassen sie überall ihre Spuren …

Andere Schiffe sind hier kaum unterwegs. Die Yachten, mit denen wir zusammen am Freitag gestartet waren, sind längst aus unserem Empfangsbereich verschwunden und werden sicher weit vor uns das Ziel erreichen. Die Frachtschiffe, die uns auf der Strecke – zumeist im Abstand von mindestens zwanzig Meilen – passieren, kann man fast an einer Hand abzählen. Das ändert sich erst, als wir uns Gran Canaria nähern. So ist es auch kein Problem, dass wir nach wir vor die Navigationsgeräte nur sporadisch einschalten, und nachts leuchtet uns hell der Mond – jedenfalls, wenn sich keine Wolken davorschieben.

Wir erhalten nun Mails von vielen Seiten, alle sind sehr bemüht und hilfreich, auch ein Volvo-Ingenieur aus Gran Canaria schreibt uns Tipps zur Fehlerfindung bei überhitztem Motor, aber leider kennen wir ja die Ursache bereits. Als Sibylle eine Antwort senden möchte, lässt sich auf einmal die ICOM SSB-Anlage nicht mehr anschalten – jetzt wird uns wirklich mulmig. Verzweifelt suchen wir die Bedienungsanleitung, Burkhard findet tatsächlich am Gerät die Sicherung, die ist jedoch in Ordnung – woran liegt es denn dann? Ratlosigkeit. Da auf einmal funktioniert die Funke wieder, Gott sei Dank. 

Sofort bitten wir Christoph per Mail, uns bei der Aktivierung unseres Iridium Satelliten-Telefons zu helfen, damit wir wenigstens noch eine alternative Möglichkeit zur Kommunikation haben. Schon bald vermeldet Christoph Erfolg: das Iridium Go ist aktiviert. Sehr beruhigend, zusätzlich nun die Möglichkeit zum Telefonieren zu haben. Gleich am nächsten Tag testen wir das Gerät: der Anruf bei Christoph funktioniert tadellos, die Qualität der Verbindung könnte besser sein. Wir werden also vermutlich noch in eine externe Antenne investieren und auch die SMS- und Tracking-Funktion muss eingerichtet werden, sobald wir wieder Internetanschluss haben.

In der Nacht zum 23. Oktober verdichten sich die Schleierwolken der Südwindwetterlage zu undurchdringlichem Nebel und es ist plötzlich komplett windstill. Wir treiben mit genau 0,0 Knoten in der milchig-trüben Suppe, man hört nichts außer den wenigen Geräuschen an Bord: das Anspringen der Kühlschrank-Pumpe, das Surren der Frischwasserpumpe, ein Klappern der Pfanne bei der Zubereitung des nächtlichen Omelette. Echt gruselig! Fast erwarten wir, dass irgendwo eine Hand aus der wabernden Watte ragt und nach uns greift. Wer sagte da eigentlich: der Weg sei das Ziel? Dämlicher Spruch 😊 – irgendwann möchte man ja auch mal ankommen, zumal, wenn man wie Burkhard einen Flug von Gran Canaria nach Deutschland gebucht hat, der in wenigen Tagen abhebt. Dankenswerter Weise ist der Spuk nach ein paar Stunden vorbei und der erwartete Südwind bläst kräftig mit bis zu 17 Knoten – nicht ganz unsere Richtung, aber zumindest raus aus dem Nebel.

Am Morgen des 24. Oktober schließlich machen wir uns ernsthaft Hoffnungen, dass wir noch rechtzeitig zum Start des Fluges in Las Palmas eintreffen können. In der Nacht hat uns ein angenehmer Nordostwind ein gutes Stück vorangebracht. Wir rechnen, wenn wir in diesem Tempo weiter vorankommen, können wir bis zum Nachmittag die Rest-Strecke auf circa 300 Meilen verkürzen. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Ab mittags zieht sich der Himmel zu und der Wind lässt merklich nach, wir machen nur noch gut 3 Knoten, das ist viel zu langsam.

In einem Akt der Verzweiflung gibt sich Burkhard daran, die Seewasserpumpe auseinanderzubauen.

Leider kommt aus dem Auspuff immer noch kein Wasser und der Impellerdeckel scheint undicht – also Deckel wieder runter und Dichtung neu und einfetten. Dann ein erneuter Versuch, es wird schon bald dunkel. Tatsächlich wird nun wieder Seewasser durch das Kühlsystem transportiert – aber leider tropft es auch gewaltig im Motorraum: bei den Arbeiten ist wohl der Simmering kaputtgegangen und die Pumpe ist nun undicht. Wir sind tief enttäuscht, vor allem Burkhard, der sich den ganzen Tag abgemüht und einen phantastischen Job gemacht hat.

Wir wollen versuchen, die defekte Antriebs-Welle durch das alte Ersatzteil zu ersetzen, was wir im Juni in Crotone getauscht hatten und ebenso wie unser dortiger Mechaniker Salvatore (nomen est omen!) in seinem ersten erfolgreichen Reparaturversuch eine Distanzscheibe zusätzlich einsetzen. Auf diese Weise kann hoffentlich der ebenfalls defekte Mitnehmer wieder richtig greifen und so die Welle wieder drehen. Hierzu kontaktieren wir als erstes den Mechaniker in Crotone um zu verstehen, wo die Abstandscheibe zu platzieren ist und wie dick diese sein muss. Salvatore antwortet prompt: „Il distanziale lo deve inserire tra ultimo cuscinetto esterno (13) e albero (3)“. Na also! Wir sind begeistert und ziemlich zuversichtlich, dass dies die Lösung des Problems bringen wird. Am späten Nachmittag endlich ein erster Einbau-Versuch.

Ausnahmsweise teilen wir uns vier kleine Dosen Bier – danach geht es uns etwas besser. Dann essen wir lecker zu Abend und Burkhard legt sich aufs Ohr. Wieder übernimmt Sibylle eine sehr lange Wache.

25. Oktober: In der Nacht gibt es zunächst kaum Wind aus N-östlicher Richtung. Sibylle versucht durch manuelles Steuern, die Geschwindigkeit oberhalb der 3 Knoten zu halten, was auch meistens gelingt. Den Autopilot können wir nicht mehr einschalten, der verbraucht zu viel Strom, denn inzwischen haben wir ein massives Energieproblem, der Batterieladestand ist nur noch bei 45%, am Morgen dann runter auf 40%. Den Generator haben wir zwar inzwischen in Gang gebracht (es hat durchaus Vorteile, wenn man vor dem Anwerfen sicherstellt, dass sich ausreichend Kraftstoff im Tank befindet 😊). Jedoch schaltet sich der Generator sofort wegen Überlastung wieder ab – damit können wir die Batterien jedenfalls nicht wieder laden.

 

Ab 05:00 Uhr hocken wir dann gemeinsam im Cockpit. Der Wind hat aufgefrischt und ein paar Mal gedreht, jetzt fahren wir sehr hoch am Wind Kurs 240-250°, also westlich am Ziel vorbei, aber anders geht es im Moment nicht. Auf geradem Wege wären es gegen 10:00 Uhr noch 239 Seemeilen bis Las Palmas.

Immer noch denken wir, dass wir es rechtzeitig bis dorthin schaffen können. Gegen Mittag baut Burkhard die Seewasser-Pumpe wieder aus und bei ziemlicher Schräglage und Wellengang versuchen wir, uns gemeinsam dem Dichtungsproblem zu nähern. 

Bei genauerem Hinsehen scheint tatsächlich die eine der beiden Dichtungen an der Welle nicht mehr in Ordnung, sie steht etwas hervor und die Lippe ist ausgefranst. Die andere Dichtung sieht ok aus – was für ein Glück, denn unter unseren Altbeständen findet sich nur noch eine einzige halbwegs intakte Dichtung. Wir demontieren das defekte Teil und schieben die neue Dichtung auf, und zwar nachdem die Welle bereits wiedereingesetzt ist, so wie es in unserem inzwischen vielgenutzten Standardwerk beschrieben ist (Nick Calder, Boatsowner`s Mechanical and Electrical Manual – sehr zu empfehlen und unverzichtbar!).

Es ist kalt und wolkenverhangen, jetzt ein bisschen hinlegen und dösen, das wäre schön. Aber wir müssen erstmal reffen, denn der Wind geht in Böen wieder bis 18 Knoten hoch. Während wir Tuch reinrollen, scheppert die Coladose an der Schleppangel, die erst seit gestern wieder draußen hängt. Vorher war wirklich niemandem zum Fischen zumute, außerdem mit der drohenden Gefahr, den Bord-Kühlschrank wegen Energiemangel abschalten zu müssen, ist es ja eigentlich die reine Verschwendung, noch weitere Lebensmittel an Bord zu nehmen.

 

Sibylle fürchtet schon, sie ist zu spät und der Fisch bereits weg, als sie sich endlich dem Expander zuwendet und schnell anfängt, die dicke Nylonschnur auf die große Spule zu wickeln. Es zieht mächtig, das heißt, der Fisch hängt noch dran. Gut, dass wir den Anfang der Leine tags zuvor ins Cockpit verlegt haben, so kann man bei dem Sauwetter zumindest die Leine fast komplett vom Cockpit aus aufrollen. Burkhard bringt Rettungsweste und Gaff und Sibylle geht nach achtern. Der Fisch ist jetzt schon ganz nah, es scheint ein Thun oder so ähnlich und nicht ganz klein. 

Schnell entschlossen holt Sibylle kurzerhand den Fisch mit einem Schwung am Haken an Deck und stürzt sich auf ihn, damit er nicht wieder rausspringt. So ein schönes Tier. Ein echter Bonito wie wir später von Christoph erfahren. Knapp 3 Kilo schwer, das wird ein Festmahl (bzw. mehrere 😊).

Bei Einbruch der Dunkelheit schließlich gerät das Schiff auf einmal in den hohen Wellen mangels Wind vom Kurs ab und ist fast nicht mehr kontrollierbar. Wir sind es leid,  jetzt oder nie, wir werden versuchen, die fertig zusammengebaute Pumpe sofort nochmal einzusetzen und erneut einen Motorstart zu versuchen. Während Sibylle an Deck kämpft, dem Boot noch irgendeine sinnvolle Richtung zu geben, wir jedoch immer weiter nach Westen driften, bemüht sich Burkhard mal wieder im Motorraum. Schließlich ist es so weit. Der Start ….  und wieder kommt Wasser aus der Welle ☹. Sibylle prüft die Menge und stellt fest, es ist gar nicht so viel, das können wir zur Not auffangen. Dazu lässt sich eine Silikonvase hervorragend zweckentfremden. Als wir erneut starten, ist es fast Mitternacht. Sibylle wacht unten im Motorraum über Wassereinbruch und Temperatur, Burkhard kontrolliert oben das Geschehen. Unser Motor läuft wieder – juhu!

Eine enorme Hilfe ist das neu angeschaffte Infrarot-Thermometer, mit dem man jede einzelne Motoreinheit temperaturtechnisch kontrollieren kann. Der Wasserfluß aus dem Pumpenantrieb versiegt rasch, aber schnell ist auch klar, dass durch die zusätzliche Reibung des provisorisch eingesetzten metallenen Abstandsring, das Pumpengehäuse ziemlich heiß wird. Aber was bleibt uns anderes übrig, andernfalls wären wir die ganze Nacht Spielball der Wellen und es zieht auch noch Regen auf. Also fahren wir vorsichtig weiter unter Motor und holen dann erstmal das Abendessen nach. 

26. Oktober: Wir motoren bis kurz vor Mittag und legen schließlich eine Pause ein, nehmen das Großsegel raus, weit ausgebaumt, denn die Brise kommt jetzt von hinten. Zum Segeln ist diese allerdings viel zu schwach, insbesondere in Kombination mit der Welle, die quer zu unserer Fahrtrichtung läuft. Wir nutzen die Stunde zum Duschen und für Mails. Dann geht es weiter. Die Sonne scheint sehr warm, herrlich, man ist hier spürbar südlicher und wieder im Sommer angekommen. Sibylle filetiert den Bonito: wunderbare zarte, sehr große Filets, von denen wir eines zum Nachmittag als Sashimi verspeisen.

27. Oktober: Unglaublich – am frühen Morgen sehen wir vor uns in der Dunkelheit die Lichter von Las Palmas in der Ferne leuchten. Wir kalkulieren unsere Ankunft auf circa 13:00 Uhr Ortszeit, hoffentlich noch rechtzeitig vor Büroschluss des Marina Office am Samstagnachmittag – gern würden wir das Schiff noch gemeinsam an unseren Liegeplatz bringen. Denn morgen um 9:00 Uhr, wenn das Office wieder öffnet, sitzt Burkhard (hoffentlich) bereits in der Maschine nach Deutschland ….

Es dauert fast eine ganze Stunde, bis schließlich alle Formalitäten erledigt sind. Wir fahren noch zur Tankstelle wie empfohlen, beim Ausfahren ist es ungünstig noch zu Tanken. Schließlich machen wir fest in Muelle Deportivo K 26. Wir haben es geschafft!!!

Ein Hoch auf den weltbesten Skipper, der sogar die Wasserpumpe repariert hat!

Nachtrag: beim Auswechseln der Seewasserpumpe hier in Las Palmas sagt man uns, dass man unbedingt auch den Mitnehmer tauschen muss, wenn man die Antriebswelle erneuert. Das hat unser Retter in der Not (Salvatore) im Juni leider versäumt. Der Defekt ist übrigens ein bekanntes Designproblem, was Volvo kurze Zeit nach Produktion unseres Motors erkannt und geändert hat.

Steuerung: wir sind uns sicher, dass unser lieber Frank in Almerimar die Steuerseile nach Ausbau nicht wieder ganz korrekt angeschlossen hatte, was zum Abspringen der Seile geführt hat.

Wie dem auch sei – uns wurde geholfen und nachkarten gilt nicht. Wir haben wie immer viel dazu gelernt.

Hinaus auf den Atlantik

Gibraltar macht Spaß und Lust auf mehr, doch leider haben wir nur wenig Zeit. Nachdem am Ankunftstag die wichtigsten Dinge erledigt sind – mal wieder Waschen und der obligatorische Besuch beim Chandler, wollen wir am nächsten Tag die britische Enklave erkunden. Das Wetter ist regnerisch und kalt, bis zum Mittag schüttet es aus Kübeln, dann nutzen wir die erste Regenpause, um uns auf den Weg zu machen.

Den zahlreichen Empfehlungen folgend laufen wir die paar hundert Meter bis zur Grenze nach Britisch-Gibraltar, die wir mit vielen anderen Touristen überqueren. Kontrolliert wird hier nicht wirklich, aber man muss einen Ausweis an der Scheibe der Grenzpolizei vorbeitragen. Drüben nehmen wir das Angebot einer geführten Tour wahr:

Es gibt viel Verkehr und zeitweilig geht es nur im Schneckentempo voran – nicht schlimm, denn unser Guide und Fahrer hat jede Menge interessanter Informationen zur aktuellen und historischen Entwicklung in Gibraltar, die er während der Fahrt zum Besten gibt.

Zunächst halten wir kurz bei dem Denkmal der sogenannten Säulen des Herkules.  So bezeichnete man im Altertum die beiden Felsenberge, welche die Straße von Gibraltar beherrschen: den Felsen von Gibraltar am Südzipfel der Iberischen Halbinsel und den Berg Dschebel Musa in Marokko, westlich der spanischen Exklave Ceuta. Der Überlieferung nach brachte Herakles am Ausgang des Mittelmeeres die Inschrift „Non plus ultra“ (nicht mehr weiter) an, um das Ende der Welt zu markieren. Trotz des schlechten Wetters ist die Sicht über die Hafenbucht und hinüber bis zum 24 km entfernten Ceuta an der Marokkanischen Küste einzigartig.

Der Fahrer verteilt Eintrittskarten für die nächste Station und rasch geht es weiter: die im letzten Weltkrieg als Kriegs-Hospital vorbereitete Tropfsteinhöhle Höhle `St. Michaels Cave` entfaltet sich bis tief in den Felsen hinein und hat unzählige bizarre Stalaktit- und Stalagmiten Formen ausgebildet, die teilweise als Säule von oben und unten zusammengewachsen sind.

Mit einem Großraumtaxi geht es in zweieinhalb Stunden zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Straßen in Gibraltar sind sehr eng und winden sich den Kalksteinfelsen hinauf.

Gibraltar - St. Michaels Cave

Die Höhle ist die meistbesuchte von ca. 150 Höhlen in dem Kalksteinfelsen, der offenbar wie ein Schweizer Käse durchlöchert ist. Heute wird die beeindruckende Location für Konzerte genutzt. Vor der Höhle begegnen wir auch den ersten Affen, von denen circa 260 hier auf dem Felsen leben – die einzig freilebenden Affen Europas.

Von den Tieren umringt werden wir auf der Straße durch das Naturreservat, ein Dutzend weitere Touristentaxis fahren hier diszipliniert im Schritttempo hintereinander den Berg hinauf und stoppen, um die Fahrgäste aus- und weiter oben wieder einsteigen zu lassen.

Den Affen könnte man stundenlang zusehen, doch weiter geht es zu einem typisch britischen Highlight: die Schießscharten in `The Great Siege Tunnels` sind mit lebensgroßen historischen Figuren bevölkert, die Ruhmestaten der britischen Armee und Feldherrn illustrieren. Die Tunnelanlage stammt aus der Zeit der Belagerung Gibraltars durch die Spanier und Franzosen im 18. Jahrhundert und wurde angelegt, um ein Vordringen der Angreifer in einem toten Winkel von Land aus zu verhindern.

Abschließend bringt uns der Fahrer zur High Street, die mit reichlich Geschäften und Pubs lockt. In einer Apotheke erstehen wir Scopolaminpflaster gegen Seekrankheit (in Deutschland verschreibungspflichtig). Zwar sind wir bisher davon verschont geblieben, aber auf dem Atlantik kann es anders sein – hier hat es schon viele erwischt, die zuvor keine Seekrankheit kannten. 

Dann lassen wir uns ein paar halbe Pints in einem typischen englischen Pub schmecken, bevor wir mit einem original London-Red-Bus zurück zur Grenze und zu Fuß zurück nach La Linea del Concepción auf der spanischen Seite wandern.Wie anders ist hier das Straßenbild – die kulturellen Unterschiede sind sofort spürbar.

Auch für die kommenden Tage ist weiterhin Regen angesagt, die Windvorhersage zeigt jedoch günstige Bedingungen für eine Durchquerung der 60 Kilometer langen Meerenge am Folgetag, Freitag 19. Oktober.

Auch wenn im weiteren Verlauf der circa 6-tägigen Reise zu den kanarischen Inseln mit teilweise wenig Wind zu rechnen ist, bereiten wir alles zum Aufbruch vor. Mit der ablaufenden Mittagsflut wollen wir auslaufen, zuvor noch Tanken, denn der Diesel ist hier steuerfrei und daher günstig. Am Vormittag gibt es noch Beratung mit anderen Booten in der Marina, die wetterbedingt zum Teil schon seit zwei Wochen hier festliegen und nun endlich auch ablegen wollen Richtung Kanaren. Man diskutiert, ob nicht der Samstag wegen der aktuell im Starkregen sehr beeinträchtigten Sichtverhältnisse in der Straße von Gibraltar nicht doch der bessere Abreistag sei. Nach erneutem intensivem Studium sämtlicher Vorhersagen wollen wir dennoch aufbrechen, und die anderen ebenfalls.

Wir verbringen eine halbe Ewigkeit mit Warten vor der Tankstelle. Es gibt zwar mehrere Tankstellen in Gibraltar Marina Bay aber überall funktioniert nur eine einzige Tanksäule und der Andrang der auslaufenden Schiffe ist groß. Nach anderthalb Stunden schließlich haben auch wir getankt und können endlich los. Wir sind einigermaßen aufgeregt, jetzt wo es hinaus geht auf den Ozean. Sibylle verstaut Fender und zurrt sie an Deck fest, wo sie bei der mehrtägigen Überfahrt nicht im Weg sind. Es weht ein frischer Wind aus Ost und so rollen wir schon bald das Vorsegel aus. Mit dem kräftigen Wind im Rücken segeln wir durch die gesamte Straße von Gibraltar bis auf die Höhe von Tarifa.

Wer hätte das gedacht, schon wieder eine Meerenge unter Segeln genommen – dabei hatten wir uns doch auf eine Motorfahrt bereits eingestellt, vor allem auch wegen der starken Gegenströmung. Wie die anderen Segler auf dieser Strecke schaukeln wir zwar mächtig in dem von Strömungen gurgelnden Wasser, aber so simpel hatten wir uns diesen Streckenabschnitt tatsächlich nicht vorgestellt. Wir segeln in Vollzeug, sogar die Gummistiefel haben wir aus der Backskiste gekramt. Es ist grau in grau und zwischendurch kommt ein Schauer runter, doch der erwartete Starkregen bleibt aus. 

Es wird dunkel, nachdem wir Tarifa passiert haben.

Wir werden die Richtung beibehalten bis an das Ende des Verkehrstrennungsgebietes, erst dort wollen wir nach Süden abbiegen, um einen möglichst großen Abstand zur afrikanischen Küste zu halten, die für ihre zahlreichen Fischernetze berüchtigt ist, da möchten wir uns nichts einfangen. Nach einem deftigen, vorgekochten Gulasch übernimmt Sibylle die erste Wache. Kurz vor Mitternacht haben wir das Ende des Verkehrstrennungsgebiets erreicht und der Wind verbläst uns zudem zu weit nach Norden. Also ist eine Halse angesagt, um auf Kurs Richtung Süden zu kommen. Burkhard unterstützt das Manöver und legt sich anschließend wieder hin.

Samstag, 20. Oktober: Gegen 03:15 fallen Sibylle so langsam die Augen zu und sie weckt Burkhard. Während der Wach-Übergabe im Cockpit, sehen wir plötzlich lauter rätselhafte Funkellichter in einer Reihe an Steuerbord – hier mitten auf dem offenen Meer – was ist das denn nun? Ja klar, da gab es den ganzen Abend eine Securité-Funkmeldung über irgendeine Operation, womöglich befinden wir uns da genau nebenan, die Koordinaten und die Meldung waren stets so schnell und unverständlich genuschelt, dass wir trotz aller Bemühungen kaum etwas verstanden haben. Wir ändern sofort den Kurs und luven an, um nicht in die Funkelkette hinein zu fahren. Als Sibylle sich endlich schlafen legt, ist es 04:30 Uhr und Burkhard schmeißt den Motor an, da inzwischen der Wind leider eingeschlafen ist.

Um 08:15 Uhr ertönt ein lautes Piepen – Motoralarm, Motor zu heiß. Burkhard stellt sofort ab. Der Motorraum qualmt schon fast. Auf dem Kühlwasserbehälter ist sichtbar Flüssigkeit verdampft und Kühlflüssigkeit ist in der Bilge. Der Überlaufschlauch vom inneren Kühlkreislauf ist angeschmolzen. Das Infrarot-Thermometer zeigt 107° C etwa zehn Minuten nach dem Abschalten – die Anzeige im Cockpit dagegen hatte keine Temperatur-Veränderung angezeigt. Das darf doch jetzt alles nicht wahr sein. Was nun: zurück, weiter oder ausweichen nach Marokko? Wir versuchen schließlich, über SSB via SailMail (unser E-Mail Account auf See) das ARC-Team zu kontaktieren, um eine Einschätzung bezüglich technischer Unterstützung und Einschlepp-Möglichkeit in Las Palmas zu bekommen, damit wir eine sinnvolle Entscheidung treffen können. Noch ist es Zeit, den Kurs zu ändern. Der Wetterreport sagt zwar, dass wir es vermutlich unter Segeln bis zum Ziel schaffen, wenn auch mit mehr Zeit als veranschlagt – aber was tun in Las Palmas, um in den Hafen zu kommen? Dejà vu?! 😨

20. Oktober, 14:30 Uhr: unser Etmal ist 120 nautische Meilen, davon 93 unter Segeln. Dieses Verhältnis wird sich vermutlich ab jetzt zwangsläufig noch verbessern 😉 (Galgenhumor).

Wir sind in engem Austausch mit unserem Motorspezialisten Frank in Almerimar. Der nächste Test erweist, auch bei ausgebautem Impeller dreht die Welle nicht, ebenfalls nicht mit neu eingesetztem Ersatz-Impeller. Also ist tatsächlich schon wieder der Seewasserpumpen-Antrieb defekt, unglaublich. Die Antriebswelle der Pumpe können wir mit Bordmitteln nicht reparieren, das wissen wir bereits. Also segeln wir erstmal weiter.

Nach Abkühlung des Motors begeben wir uns an die Ursachenforschung. Wir lassen den Motor kurz an und tatsächlich kommt kein Wasser aus dem Auspuff. Dann macht Burkhard sich an die Arbeit. Impeller-Deckel auf, Motor an: Impeller dreht nicht – schlecht! Da haben wir vermutlich dasselbe Problem wie seinerzeit im Juni in Crotone. Das ARC Office meldet sich nicht (Wochenende – das hatten wir vergessen) und wir leiten die Mail weiter an Christoph. Der nimmt sofort telefonischen Kontakt mit dem ARC-Deutschland Office auf. Wilhelm Greiff gibt die klare Empfehlung weiter Richtung Las Palmas zu fahren, dort gibt es wohl Volvo-Spezialisten und Hilfe bei der Einfahrt bekommt man wohl auch. Na gut.

Am Abend flaut der Wind ab. Bei Einbruch der Dunkelheit versuchen wir, die Segelstellung mit dem aufgekommenen Südwest-Wind zu optimieren. Das gelingt nicht. Der Wind ist zu schwach und wir arbeiten uns ab, das Schiff irgendwie auf Kurs zu bringen. Eine Wende kriegen wir nicht mehr hin, trotz Backstellung des Vorsegels, sehr merkwürdig. Wir probieren es mehrfach, Sibylle ist schon total genervt – auf einmal verstehen wir langsam, dass unsere Lenkung gar nicht mehr funktioniert. 

Burkhard sieht nach – eine Katastrophe: die Lenkseile sind von der Führung auf den Ruderquadranten abgesprungen, eines der beiden Lenkseile, die nach oben zur Steuersäule führen, scheint gerissen. Wir fühlen uns gottserbärmlich und möchten beide nur noch heulen. Womit haben wir das jetzt verdient. Monatelang haben wir uns und vor allem das Boot vorbereitet, und jetzt auch noch das, zusätzlich zu dem Antriebsproblem. Ohne Motorantrieb und Lenkung wird es außerdem nun langsam echt gefährlich – Gott sei Dank ist im Moment kein Starkwind angesagt.

Wir holen die Notpinne und setzen sie auf. Das Ruder läßt sich auf diese Weise jedoch nur sehr eingeschränkt bewegen, stattdessen bewegt es sich laufend eigenständig. Der Autopilot rasselt und Burkhard klemmt ihn ab. Wir versuchen, mit dem Ruder der Windfahne zu steuern, das funktioniert jedoch nicht, solange wir das Hauptruder nicht festsetzen können, welches zurzeit ein Eigenleben führt. Wir sind hundemüde, was unseren Frustpegel nur weiter ansteigen lässt. So beschließen wir gegen Mitternacht ein wenig zu schlafen, der Wind bläst ohnehin gegen uns und ohne Motor kommen wir da nicht weit.

Sonntag, 21. Oktober, Mitternacht: Burkhard legt sich unter Deck in die Koje, Sibylle bleibt im Cockpit und wacht – mit dem Timer alle halbe Stunde eine Kontrolle. Jeder hängt seinen Gedanken nach – ist das das Ende unserer großen Reise? So richtig Lust hat in diesem Moment niemand mehr. Es ist bitterkalt und Sibylle friert trotz voller Bekleidung mit Segelzeug und zwei Decken erbärmlich. Burkhard ergeht es unten nicht viel besser, auch er friert und muss die halbe Nacht immer wieder die Pinne neben sich festhalten, damit das Ruder nicht bis zum Anschlag gegen den Quadranten haut.

Die ganze Nacht dümpeln wir auf dem offenen Meer dahin, beziehungsweise treiben bei gesetztem Großsegel mit 0,8-1,5 Knoten in nordwestlicher Richtung. Einmal kommt uns ein Fischer ziemlich nahe, aber sonst gibt es kaum Schiffsverkehr. Gegen Morgen versucht Sibylle erfolgreich eine Wende, mit Hilfe des eingeschränkten Ruders und der Windfahne. Weiter entfernt von Land sollten wir in dieser Situation nicht treiben, von hier sind es ungefähr 110 Meilen bis Rabat (Marokko), das könnten wir zur Not erreichen, solange der Wind so bleibt.

Kurz nach Tagesanbruch machen wir uns dann an die Arbeit. Wir haben jetzt folgende Optionen, die wir ausloten werden: Steuerseile wieder befestigen, es ist uns jedoch nicht so klar, ob und wie das geht. Oder die Steuerseile komplett lösen, dann funktioniert hoffentlich die Notpinne – die kann man aber nicht unbedingt im Dauerbetrieb einsetzen. Oder: gelöstes Ruder mit Notpinne irgendwie festsetzen und mit der Windfahne weiter steuern. Jetzt zahlt es sich aus, dass Burkhard in Almerimar beim Aus- und Einbau der Steuerseile im Zusammenhang mit dem Ruderlagerwechsel unserem Mechaniker Frank intensiv über die Schulter geschaut hat. Sibylle versucht, mit der Pinne das Ruder so ruhig wie möglich zu halten, damit Burkhard bei der Arbeit an den Lenkseilen nicht die Hände gequetscht werden. Kurz vor Mittag ist es tatsächlich geschafft: Burkhard hat die Lenkseile wieder befestigt und gespannt, das eine Seil war erfreulicherweise nicht gerissen sondern nur herausgezogen. Für uns sieht das jetzt erstmal gut aus. Wir machen einen Segeltest, ja die Lenkung funktioniert wieder! Hurra! Es gibt zwar kaum Wind und immer noch aus der falschen Richtung, aber die Stimmung hat sich erheblich verbessert.

  1. Oktober, 14:30 Uhr – unser Etmal ist mit 54,4 nm echt kläglich, kein Wunder bei der vergeudeten Nacht und der vorherrschenden Windsituation.

Unsere nächste Herausforderung ist die Stromversorgung – dies ist schon der zweite Tag mit erheblicher Bewölkung und auch Regen, der Batterieladestand nimmt ständig ab. So schalten wir zunächst mal alle Navigationsgeräte aus. Am Nachmittag nimmt sich Burkhard den Generator vor. Wir hatten ihn letztes Jahr im Herbst in Porto Heli überholen lassen, aber leider springt er nicht an. Das nächste Problem. Wir vertagen es bis zum nächsten Morgen und beschließen, auch in der Nacht die Navigeräte nur gelegentlich hochzufahren, und den Bordkühlschrank in stundenweisem Wechsel abzuschalten.

Während Sibylle kocht, dreht der Wind auf ONO und frischt auf, so dass wir ab jetzt mit 4,5-6,0 Knoten zur Abwechslung mal in der richtigen Richtung unterwegs sind. Wir essen Morcilla mit Cognac abgelöscht, dazu Kartoffelstampf und Apfelkompott (in Köln sagen wir dazu: `Himmel un Äd` – allerdings ohne Cognac 😊). Das macht zufrieden und stärkt für die Nacht.

Fortsetzung folgt ….

Hurra! Gibraltar!

Ein ganzer Monat später als geplant – aber jetzt sind wir endlich in Gibraltar. 

Die vergangenen Wochen haben wir vor allem dazu genutzt, um unser Schiff komplett auf Vordermann zu bringen, auf Ersatzteile zu warten, zu warten, zu warten und derweil auch kurz unsere Lieben in Deutschland zu besuchen – wir werden darüber berichten.

Nun aber ist es endgültig. Lange stehen die beiden am Kai von Almerimar und winken uns nach. So viele schöne Stunden haben wir gemeinsam verbracht, und oft haben sie uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Wir sind sehr traurig, dass wir sie zurücklassen müssen.

Wind gibt es keinen auf diesem Trip nach Gibraltar, der unter Motor gut 20 Stunden dauern wird. Nach dem heftigen Regen am frühen Morgen ist es ziemlich kühl, und wir reisen in langer Hose und dicken Jacken – aber zumindest bleibt es unterwegs trocken.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fangen wir einen kleinen Thun. Die Nachtwachen funktionieren diesmal prima, bei den bevorstehenden längeren Überfahrten werden wir es ab jetzt mit einem konsequenten 3-Stunden Wachwechsel versuchen. Sibylle hat die spannende Wache ab 04:00 Uhr, wo wir uns langsam Gibraltar nähern und der Schiffsverkehr deutlich zunimmt.

Bei Sonnenaufgang schließlich umrunden wir den Felsen. In der riesigen Hafenbucht liegen Dutzende von riesigen Frachtschiffen auf Reede, einige davon laufen soeben aus. Dazwischen tummeln sich gefühlte hunderte kleiner Fischer- und Sportboote, die zum morgendlichen Angeln ausgefahren sind. Die Fahrt in die Alcaidesa Marina bei La Linea wird so zum Hindernislauf.

Die Sanitäranlagen in der Marina sind ziemlich neu und es gibt gute Waschmaschinen, die wir sofort nutzen, um nach einem deftigen Frühstück mit `strammen Max` drei Maschinen laufen zu lassen. Die Wäsche trocknet schnell, es ist hier viel wärmer als gestern bei der Fahrt aus Almerimar und der frische Wind tut ein Übriges. Burkhard befreit das Boot vom Salz. Wir lernen Peter aus Köln kennen, der mit einem Kat und Chartercrew ebenfalls an der ARC teilnimmt. Er gibt uns gute Tips für den Aufenthalt in Gibralter. Am Nachmittag machen wir uns auf zum Chandler, der Laden liegt in Sichtweite aber leider muss man einmal das gesamte Hafenbecken umrunden, um dort hinzugelangen.

Und wieder gibt es einen Abschied von unseren lieben Freunden von der „Rasant“, Jos und Hans, die wir unverhofft in Almerimar wiedergetroffen haben, nachdem sie ihre Winterlagerpläne geändert hatten. Das heißt – verabschiedet haben wir uns in den vergangenen Tagen tatsächlich mehrfach, denn die Wettersituation im Zusammenhang mit dem Hurrikan Leslie hat unseren ursprünglichen Abreisetermin nochmals verzögert.

Der Motor schnurrt geräuschvoll aber gleichmäßig beruhigend – so gut hat sich das schon lange nicht angehört. Enttäuscht sind wir jedoch, dass sich trotz aller Bemühungen von Frank in Almerimar nach ca. acht Stunden Fahrt doch wieder eine erhebliche Menge an Öl in der Bilge darunter gesammelt hat. Wir müssen nachkippen, denn der Peilstab zeigt unter Minimum.

Nahe des Gibraltar Felsen wird es echt aufregend. Immer wieder muss man AIS- und Radar-Informationen über sich nähernde Schiffe genau beobachten, mehrfach ändert Sibylle den Kurs, um der Großschifffahrt auszuweichen, die das gleiche Ziel haben wie wir. Auch das Ankerfeld kurz vor dem Felsen mit Tankern und Frachtern passieren wir in gebührendem Abstand. Noch anderthalb Stunden bis zur Dämmerung (hier wird es erst um 08:30 Uhr hell!) – da wird Sibylle schließlich leicht panisch in dieser Masse von irritierenden Lichtern und weckt Burkhard, der den nahen Gibraltar-Felsen tatsächlich – noch schlaftrunken – für ein großes Schiff hält 🤣.

Zu früh sind wir nun – um bei Tageslicht einzulaufen, müssen wir noch eine halbe Stunde rumbummeln. 

Am Gastkai neben der Tankstelle müssen wir anhalten um im modernen Marinagebäude einzuchecken, dann geht es zum Liegeplatz (12.41). Hier liegt man längsseits an Fingerpontoons. Sofort fühlen wir uns sehr wohl, man hat von hier aus Sicht auf Palmen und den Felsen. Gleich nebenan ist der Flughafen, der liegt bereits hinter der britischen Grenze. Um nach Gibraltar Stadt zu gelangen, muss man den Flughafen überqueren, das heißt, die Landebahn wird mit einer Schranke kurz abgesperrt, wenn ein Flugzeug startet oder landet.

Es scheint, dass sich ab Freitagmittag ein Wetterfenster auftut, das uns erlaubt, den „Überstek“ („Rasant“-deutsche Wortschöpfung für: „Überfahrt“ 😉) nach Gran Canaria in Angriff zu nehmen.