Calabria

Wir haben die Stiefelspitze umrundet, sind durch die Straße von Messina gesegelt und inzwischen im Tyrrhenischen Meer Richtung Norden unterwegs. Sizilien und die äolischen Inseln haben wir schweren Herzens links liegen gelassen, um ein bisschen Zeit aufzuholen, die uns wegen bekannter technischer Probleme verloren gegangen ist.

Sizilien, Aetna

Aus seglerischer Sicht ist Kalabrien eher gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen wenig attraktiv. Ankerplätze gibt es kaum, die wenigen ausgewiesenen eignen sich allenfalls für einen kurzen Badestopp. Der Wind ist häufig schwach bis nicht vorhanden, so müssen wir zum Fortkommen öfter den Motor bemühen, als uns lieb ist. Die Häfen und Marinas sind allesamt völlig überteuert für den Service, den sie bieten, beziehungsweise nicht bieten. Unter 60 Euro die Nacht geht fast nichts. Das Wasser in den Häfen ist brackig, in Vibo Marina wimmelt es nur so von riesigen Wurzelmundquallen, auch Blumenkohlqualle genannt.

Unter optischen und atmosphärischen Gesichtspunkten haben die meisten Häfen wenig Reizvolles. Unsere Bewertungsskala reicht von „belanglos“ (Rocella Ionica) über „nicht schön“ (Vibo Marina) bis „einfach nur scheußlich“ (Porto di Cetraro). Rühmliche Ausnahme ist Tropea Marina, von hier hat man wenigstens einen wunderbaren Blick auf die malerische Stadt, die sich über den Felsen erhebt, mit gefühlten hunderten von kleinen Restaurants abends sehr quirlig – allerdings auch sehr touristisch. Bei Ein- und Ausfahrt kann man das türkisblaue Wasser genießen, die Strände sind vollgepackt mit Urlaubern an diesem herrlichen Fleckchen. Dafür muss man allerdings auch schon richtig tief in die Tasche greifen, 94 Euro kostet der Liegeplatz für unsere ITHAKA mit 42 Fuß Länge …

Ungewöhnlich und irgendwie besonders ist auch die Marina di Bolaro, wenige Kilometer unterhalb von Reggio di Calabria. Wir sind das einzige Boot am Steg und fühlen uns sehr wohl in dem winzig kleinen Becken mit glasklarem Wasser. Wir nutzen diesen Stopp, um im dazugehörigen Einkaufszentrum (im Besitz der Marina-Familie 😊) unsere Vorräte aufzubessern, und vor allem um in Reggio die berühmten Bronzen von Riace leibhaftig anzusehen.

Das Museo Nazionale di Magna Graecia ist pädagogisch hervorragend und sehr modern strukturiert: Fotos, Texte und Touchscreens ergänzen die Präsentation der Objekte, die minimalistisch vor reinweißem Hintergrund präsentiert ihre volle Wirkung entfalten können. Restaurierungen sind sparsam aber sehr effektvoll eingesetzt, ohne die Originalstücke zu übertönen. 

Anschließend erwandern wir uns die Stadt, die von Leben und Aktivität nur so brodelt. Am Corso Garibaldi sind zwar heute die meisten Geschäfte geschlossen, dennoch ist die kilometerlange Fußgängerzone, die oberhalb des Lungomare verläuft, recht belebt. Gleiches gilt für die Seepromenade, dort gibt es heute eine große Sportveranstaltung und die Straße ist für die Läufer abgesperrt.

So wird eine Kline aus Bronze mit Einsatz von Plexiglas, an welches die Klinenreste geheftet sind, wieder lebendig. Die Bronzen von Riace sind atemberaubend anzusehen. Zunächst aber muss man einige Minuten in einer Filterkammer verweilen, um den Umweltdreck, den man mitbringt, zu neutralisieren. Jeden ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt übrigens kostenfrei, das haben wir gut erwischt.

Viele Gebäude und Palazzi aus dem letzten Jahrhundert prägen den Charakter des Zentrums. Mimmo, unser Chauffeur an diesem Abend (ebenfalls ein Mitglied des Marina- Clans 😊) ist der Meinung, man könnte noch viel mehr für die Pflege und Erhaltung tun, aber zumindest ist das meiste in sehr ordentlichem Zustand.

Wir kaufen uns ein Eis in einer total angesagten Eisbude, Sibylle wühlt sich tapfer mit dem Scontrino bis vor an die leckere Auswahl.

Die Leute, denen wir begegnen, sind alle sehr nett und ausgesprochen hilfsbereit, zumindest solange man sie in der Landessprache anspricht. Unsere Padrone in Vibo Marina beschenkt uns sogar mit Thunfischsteaks aus seiner eigenen Tagesausbeute, 

die wir noch fangfrisch marinieren und in der Pfanne ein paar Sekunden anbraten – ein Gedicht. Wir kommen auch bei der Identifizierung von Problemen mit Steuerung und Autopilot ein gutes Stück weiter – wegen der Lenkung werden wir wohl nochmal aus dem Wasser gehen wollen, bevor die Atlantiküberquerung ansteht, auch wenn wir mit unserer Hydrovane (Windfahnen-Steuerung) natürlich im Notfall ein vollwertiges Ersatzruder zur Verfügung haben. Beim Autopiloten ist es wohl die Motorlagerung, die sich langsam aber sicher verabschiedet, da müssen wir mal Ersatzteile bestellen, wenn es zeitlich passt. Unseren Aufenthalt in Vibo Marina deswegen um fünf Tage zu verlängern – danach stand uns überhaupt nicht der Sinn

Mit unserem wundervollen Ankerstopp am Capo Palinuro haben wir Kalabrien bereits verlassen und segeln weiter die Küste Kampaniens hinauf.

Das heißt, im Moment ist das Segeln ziemlich eingeschränkt – denn auf dem Weg nach Acciaroli ist quasi kurz vor dem Einholen ein Stück Großsegel gerissen. Eine horizontale Naht hat sich aufgelöst vom Achterliek ausgehend, circa 2 Meter bis zur ersten vertikalen Segel-Latte.

Der Segelmacher in Salerno ist bereits beauftragt. Allerdings hat sich eine der Segellatten im Mast verklemmt, so dass das Segel sich nicht mehr ausrollen und abnehmen läßt. Zwei Experten und der Skipper arbeiten seit Stunden hart daran, das Problem zu lösen.

Wir sind zuversichtlich aber manchmal möchte man echt Verzweifeln ☹.  

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