Author Archives: ithaka

St. Lucia

Etwas mehr als 4 Wochen vergehen, bevor wir den sicheren Hafen in St. Lucia verlassen. Die Marina ist gut bewacht und hat einiges zu bieten: verschiedene, zum Teil sehr gute Restaurants, die Boardwalk-Bar, einen kleinen Süßwasser-Pool, einen großen Chandler, Segelmacher und vieles mehr. Ein idealer Ort, um sich an Land, Leute und Klima langsam zu gewöhnen. Viele Gelegenheitsarbeiter bieten in der Marina ihre Dienste an: überaus geschickt und mit vielen Tricks bewandert werden Boote auf Hochglanz poliert, das Unterwasserschiff gesäubert, selbst die Scheuerleiste aus Kupfer erhält ihre ursprüngliche Farbe und Glanz zurück. Es gibt Obstverkäufer und Hummer wird angeboten, was man sich wünscht, wird irgendwie besorgt. Die Gesichter der Menschen auf St. Lucia wirken oftmals ernst und etwas verschlossen, doch alle sind überaus bemüht und freundlich.

Kurz nach unserer Ankunft gibt es jedoch auch wieder mal einen größeren Diebstahl auf einem Segelboot vor Anker in der Marigot-Bay, während eines Schnorchel-Gangs blieb das Boot ungesichert und unbewacht, das haben sich die Diebe zunutze gemacht. Und immer wieder wird auch von Einheimischen davor gewarnt, sich nach Einbruch der Dunkelheit allein auf der Straße zu bewegen – das macht verunsichert zuweilen und engt leider die Bewegungsfreiheit mitunter stark ein.

Dennoch alles in allem irgendwie nicht verwunderlich: St. Lucia blickt auf eine bewegte Geschichte unter wechselnder französisch-liberaler Besatzung und britischer Herrschaft. Wie in vielen anderen Kolonien auch, brachten die Briten Menschen aus Afrika auf die Insel, die auf den Zuckerrohr­plantagen Sklavenarbeit verrichteten. Wichtigstes landwirtschaftliches Erzeugnis ist die Banane, bearbeitete Waren, Maschinen und viele Nahrungsmittel, darunter Fleisch, müssen größtenteils importiert werden, größter Wirtschaftszweig ist die Tourismusbranche. Die meisten Leute sind hier sehr arm und angesichts von Luxusresorts, Kreuzfahrtschiffen und teuren Yachten wird die Kluft zwischen arm und reich besonders evident.

Wir brauchen Zeit, um uns zu erholen und genießen die netten Runden mit unseren Freunden und Mitseglern von der ARC, die sich am 12. Januar auf den Weg Richtung Panama machen werden. Ein Christmas Dinner bei Marie`s Bar am Strand wird organisiert, mit dem Wassertaxi lassen wir uns dort hinbringen. Die Atmosphäre ist spektakulär, das Barbecue leider weniger, aber das tut der Veranstaltung keinen Abbruch, die visuellen Eindrücke von Marie`s Küche werden uns sicher noch länger im Gedächtnis bleiben. Anschließend wird weiter gefeiert an Bord von „BabSea“ …

Auch der Silvesterabend findet in größerer Runde statt. Unsere Sylvesterstimmung wird leider etwas getrübt durch die Tatsache, dass sich am Nachmittag mal wieder eine unserer Servicebatterien verabschiedet. Es stinkt und die Batterie glüht. Burkhard klemmt die kaputte Einheit ab und so müssen wir nun bereits weniger als zwei Jahre nach unserem letzten Tausch der Servicebatterien auf Rhodos wieder in einen Satz neue Batterien investieren. Es wird dennoch ein schöner Abend: Katrin hat für alle einen Kopfschmuck mitgebracht, ein Krönchen für die Damen, ein glitzerndes Hütchen für die Herren 😊. Diesmal lassen wir es uns richtig gut gehen und speisen ganz vorzüglich im Sushi-Restaurant in der Marina.

Der Wein ist in der Karibik leider recht teuer, und so greift auch Sibylle gern mal wieder zu einem Bier, hier in St. Lucia trinkt man das lokale Piton-Bier aus kleinen 0,275 Liter Fläschchen, die mit dem Wahrzeichen der Insel, den Piton-Hügeln etikettiert sind. 

Natürlich aber nicht zu vergessen der Rum-Punsch, für den jeder hier sein eigenes Rezept zu haben scheint – einfach genial und sehr verführerisch. Rum ist jedenfalls günstig zu bekommen, und so werden Rum-Mixgetränke in den nächsten Wochen auch immer häufiger auch an Bord unserer „Ithaka“ zubereitet 😊.

Den besten Rum-Punsch trinken wir auf der wöchentlichen Gros Islet Street Party. Hermann von der „BabSea“ hat den Stand ausfindig gemacht, die Zubereitung wird hier regelrecht zelebriert und der Rum hat es in sich! Strong! Die Gros Islet Street Party ist ein echtes Erlebnis und wahrer Gaumenschmaus. Unzählige kleine und größere Barbecue-Stände reihen sich entlang der Straße, der Duft von gegrilltem Spicy Chicken, Ribs, Fisch und Langusten mischt sich mit dem Rauch aus diversen Joints und Pfeifchen. Dazwischen Getränke-Stände und lokales Kunsthandwerk. Der Sonnenuntergang über der Bucht von Rodney Bay hat etwas Magisches.

Für unseren Inselausflug wählen wir leider ausgerechnet den Tag mit dem schlechtesten Wetter seit unserer Ankunft. Schauer gibt es zwar fast täglich und insbesondere auch nachts, aber an diesem 30. Dezember hört es fast überhaupt nicht auf zu schütten. An den meisten der Aussichtspunkte sieht man zum Teil die Hand vor Augen nicht, geschweige denn die Landschaft dahinter, die bei Sonnenschein und klarer Sicht eigentlich atemberaubende Fotomotive liefert. Zusammen mit Babsi, Helmut und Hermann („BabSea“) sowie Heike und Udo („Endo II“) geht es früh morgens nahe der Marina schon im Regen los. Unser Taxi-Fahrer ist heute John. John ist wohl ein Multitalent 😉, denn er hat auch schon unseren Bootsrumpf poliert.

Heute am Sonntag ist das Marktgeschehen reduziert, aber innen wie außen haben einige Stände geöffnet. An einem lokalen Grill-Imbiss wird etwas gefrühstückt: Teigtaschen mit Salty Fisch und Helmut und Babsi verkosten auch die Hühnchen-Schenkel zusammen mit einem Glas Spicy-Rum.

Mühsam erklimmt unser Taxi den steilen Berg oberhalb von Castries, der Ausblick auf die Bucht ist leider durch den Regen getrübt. Bei der Marigot-Bay haben wir Glück: die Sonne kommt raus und wir bekommen einige hübsche Fotos in den Kasten.

Das Fahrzeug ist ein uralter, klappriger Minibus – bei jeder Bodenwelle ächzen die kaum noch vorhandenen Stoßdämpfer und es schüttelt uns in den Sitzen. Helmut und Babsi müssen jedes Mal über eine riesige Kühlbox steigen, um ihren Platz in der hinteren Sitzbank einzunehmen. Zumindest ist die Kühlbox gut gefüllt, auch mit Piton-Bier. John erklärt, er habe am Morgen schon Wein mit Marihuana-Blatt gegen seine Magenverstimmung zu sich genommen … nun denn, Alkohol am Steuer ist hier in St. Lucia nicht verboten und angeblich passieren auch kaum Unfälle … Nach einem kurzen Stopp in der Rodney-Bay Mall halten wir im Zentrum der Inselhauptstadt Castries.

Doch oberhalb des Ortes Souffriere reißt der Nebel kurz auf für ein schnelles Foto von den Pitons im abziehenden Regen. In Souffriere angelangt machen wir Mittags-Rast in einem einheimischen Grill-Restaurant, Empfehlung von John. Das Hühnchen ist recht gut, der Fisch wohl eher weniger. Es schüttet aus Kübeln, als wir auf John warten, der uns vom Restaurant wieder abholt.

Auf der Fahrt gen Süden halten wir bei einer Tapioka-Bäckerei: die süß und salzig gefüllten Teigtaschen gefertigt aus dem Mehl der Maniok-Wurzel kommen noch heiß frisch aus dem Ofen. Sie sind sehr scharf gewürzt und irrsinnig mächtig. Weiter schlängelt sich die Straße durch die Berge, wir nähren uns den beiden Piton-Hügeln, die jedoch am gedachten Aussichtspunkt nicht einmal schemenhaft zu erkennen sind. John vertröstet uns auf die Rückfahrt, aber auch da können wir später im Nebel nichts erkennen.

Unser nächstes Ziel ist der botanische Garten mit dem Wasserfall. Der Garten ist wunderschön und als Lehrpfad beschriftet. Gern hätten wir uns länger du ausgiebig mit den fremden Pflanzen und Bäumen befasst, aber wir haben nur eine Stunde bis zur Schließung der Anlage und wieder regnet es, und zwar diesmal richtig. Diejenigen unter uns, die ihre Regenjacke im Bus vergessen haben, schälen sich anschließend aus ihren klitschnassen Oberteilen, um nun in die wenigstens trockene Regenjacke zu schlüpfen. Auf den letzten Stopp der Tour, die Schwefelquellen hat anschließend niemand mehr Lust und so wenden wir kurzerhand und treten die lange Rückfahrt an. Immer wieder hält John kurz an, um ein WC aufzusuchen – der Marihuanablatt-Wein hat offensichtlich seine Verdauungsprobleme nicht lösen können, oder doch?

Die Tage verfliegen. Tränenreich verabschieden wir die „Hector“ – mit Katrin und Peter. Mit neuen Chartergästen werden sie gen Norden ziehen, um den Katamaran am Ende der Saison auf den Bahamas abzugeben. Unsere kaputte Genua wird fachmännisch repariert von Kenny, dem Segelmacher. Ulrich Meixner von DSL-Yachting unterstützt uns bei der Beschaffung und dem Einbau neuer hochwertiger Servicebatterien. Mit dem Einbau warten wir, bis sein Elektriker-Fachmann wieder aus dem Urlaub zurück ist. Er soll nochmals die gesamte Elektronik systematisch überprüfen, aber auch er findet keinen gravierenden Fehler. Sibylle kümmert sich um die Decksarbeiten, wieder gibt es etliche Holzpfropfen im Teak zu ersetzen und der Umlenk-Block für die Raushol-Leine am Großsegel muss ausgetauscht werden. Aus dem alten Block hatte sich bei der Überfahrt die Mittelachse gelöst und die Scheibe hat Sibylle heftig am Arm erwischt. Gott sei Dank ist das Geschoss zuvor gegen einen Teakgriff geknallt und hat diesen zertrümmert. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Scheibe mit ungebremster Wucht einen von uns beiden getroffen hätte. Für den neuen Block müssen neue Löcher ins Deck gebohrt und die alten abgedichtet werden, nicht so ganz trivial, aber mit dem Ergebnis sind wir schließlich sehr zufrieden.

Wir freuen uns sehr, dass auch Jörg von Yachtfunk aus Deutschland eingeflogen kommt, um die SFB-Einrichtungen der World ARC Teilnehmer erneut zu kontrollieren. Seine Freistunden verbringt er bei uns an Bord und er hilft uns beim Check unserer VHF-Anlage. Tja und irgendwann heißt es dann endgültig Abschied nehmen. Wir laden alle nochmal zu einem Farewell-Sundowner bei uns an Bord ein: „BabSea“, „Endo“, „Nika“, „Aurora B“ und auch Jörg darf natürlich nicht fehlen.

Mit der Wiedereröffnung des ARC-Büros in der Marina zehn Tage vor dem Start der World ARC kehren auch bekannte Gesichter zurück. Wir verbringen nette Stunden mit Gemma und Ed von der „Aurora B“ – sie haben großes Interesse zu verstehen, wie wir unser Teakdeck instand halten und lassen sich alles genau zeigen, was Sibylle in den letzten Jahren gelernt und angewendet hat (nochmals ein herzliches Dankeschön an Hans von der „Rasant“, der Sibylle in die Kunst der Holzpfropfen-Technik eingewiesen hat!)

Dann bleibt uns nur noch zu winken, als anderthalb Tage später die World ARC Schiffe Richtung Kolumbien-Panama-Südsee aus dem Hafen fahren…

Atlantic Crossing

Die Erschöpfung ist groß, als wir nach 2869 Seemeilen und 19 Tagen und 10 Stunden auf See endlich gegen 20:00 Uhr Ortszeit die Ziellinie erreichen und in der Rodney Bay Marina festmachen. Die Einfahrt in die Marina Bay ist etwas tricky im Dunkeln, aber wir schaffen es problemlos. Am Funk ist nun Clare von der ARC-Organisation (wie schön, eine vertraute Stimme zu hören!), die uns einen Liegeplatz zuweist. Erst müssen wir aber Fender und Leinen klarmachen. Dann anlegen. Alles klappt super trotz Dunkelheit. Wir werden mit Rumpunsch und einem großen Obstkorb empfangen. Burkhard kann den Obstkorb kaum halten und muss sich erschöpft auf den Steg setzen.

Wir denken, es ist schlau, jetzt noch was essen zu gehen, denn Burkhard hatte früh nur ein Müsli. Auf dem Weg treffen wir Mark und Gina von der „Rum Truffle“, sie sind auch vor ein paar Stunden erst angekommen. Im Restaurant fällt Burkhard der Kopf auf die Tischplatte, er reagiert kaum noch und hat kalten Schweiß im Nacken. Das Personal holt die Ambulanz und Sibylle verständigt Clare.

Nach einer teuren Nacht im nahegelegenen Privatkrankenhaus, nach diversen Untersuchungen, die allesamt nicht wirklich eine ernsthafte Erkrankung erkennen lassen, entlassen wir uns schließlich gegen ärztliche Empfehlung selbst wieder aus dem Krankenhaus und fahren gemeinsam mit Peter und Carl (SY Orion) im Taxi zurück zur Marina. Bei Peter wurde der Daumen wieder angenäht, der kurz vor dem Anlegen in die Elektrowinsch geraten war. Man weiß noch nicht, ob der Finger wieder anwachsen wird. Dagegen erscheinen unsere Sorgen eher klein, die Schwäche scheint tatsächlich auf den allgemeinen Erschöpfungszustand und die Erleichterung über die Ankunft zurückzuführen.

Burkhard schläft den restlichen Tag, Sibylle erledigt die Formalitäten. Wir sind glücklich und unendlich dankbar, dass wir unbeschadet angekommen sind, aber so richtig glauben können wir es noch nicht. Es dauert fast 10 Tage, bis unsere Verfassung sich langsam wieder normalisiert, bis die Antriebslosigkeit neuem Tatendrang weicht.

Trotzdem freuen wir uns riesig, dass am Tag nach unserem Landfall Sibylles Schwester Juliane mit den Kindern ankommt. Sie haben eine Villa Richtung Pigeon Island gemietet – traumhaft schön, aber leider sehr einsam auf dem Berg gelegen. Wir verbringen gemeinsam zwei richtig schöne Abende mit gegrillten Langusten, am hauseigenen Swimming-Pool und auch beim ARC-Ausflug in Anse de la Raye.

Aus dem Raussegeln wird zwar nichts, aber immerhin ankern und schwimmen wir einen Tag lang zusammen in der Rodney Bucht. Mit vereinten Kräften wechseln wir dort auch das Vorsegel: unsere Genua hat auf der Überfahrt leider erheblich gelitten, das Unterliek und Teile des Achterlieks haben sich komplett aufgelöst.

Ohne uns zieht die Familie weiter nach Martinique, von dort treten sie am zweiten Weihnachtstag den Rückweg an. Wir brauchen noch ein paar Tage, um wieder zu Kräften zu kommen.

Unsere Überfahrt verläuft im Grunde völlig friedlich, ohne größere Pleiten oder Pannen, wenn man von den kleinen Schwierigkeiten beim Start mal absieht – denn fast wären wir in Las Palmas geblieben … Als wir beim Ablegen den Vorwärtsgang einlegen, rappelt und klopft es gewaltig. Unsere britischen Steg-Nachbarn von der Theodora sehen uns mitleidig an, murmeln etwas von „gearbox“ und legen dann mit vielen Wünschen für gutes Gelingen vor uns ab. Wir machen die Mooringleine wieder fest und blicken uns verzweifelt in die Augen: nach all der monatelangen Vorbereitung – nun das?! Aber nein, das lassen wir uns jetzt nicht gefallen. Sibylle ist der Meinung, im Motorraum rappelt es nicht sehr, das Geräusch kommt von draußen: wieder mal eine Leine im Propeller gefangen? Das Brackwasser in der Marina von Las Palmas ist widerlich, doch was nützt es jetzt, Sibylle setzt Brille und Schnorchel auf und taucht in die Brühe. Der Propeller dreht, jedoch nicht ganz regelmäßig. Von einer Leine jedoch keine Spur. Ein paar Mal noch legen wir den Gang ein, und bilden uns ein, es wird besser.  Also dann: wir fahren los, koste es, was es wolle. Wir sind schließlich ein Segelboot. Eine gute Entscheidung, denn noch bevor wir die Startlinie passieren, hat sich das Geräusch verflüchtigt – vielleicht nur ein wenig Bewuchs am Propeller….

In den ersten Tagen treibt uns die Sorge um die Bordelektronik um, nach dem Einbau des neuen Ladegerätes wird plötzlich keine Ladung mehr angezeigt, weder von Solar-, noch Wind-, noch Wasser-Generator und auch nicht die Ladung der Lichtmaschine. Zunächst nehmen wir an, dass die Batterien somit auch nicht mehr geladen werden, und bemühen erfolgreich unseren kleinen benzingetriebenen Generator, der 220V erzeugt, sich somit wie Landstrom verhält. Dummerweise haben wir bei weitem nicht genug Benzin an Bord, um so die Überfahrt zu bestreiten. Doch nach einiger Zeit wird klar, dass auch unsere 12V Stromerzeuger durchaus Energie produzieren, wie man an der Ladespannung erkennen kann – lediglich die Lade-Anzeige ist kaputt oder falsch angeschlossen, so sind wir im Blindflug unterwegs und müssen uns ganz auf die Voltanzeige verlassen.

Nach zwei Wochen mag dann der Bordkühlschrank nicht mehr. Eine mittlere Katastrophe, denn wir haben noch etliche Kilo Fischfilet einvakumiert und gekühlt von unserem großen Fischfang am 30. November. Außerdem haben wir in Las Palmas deutlich größere Proviantvorräte angelegt als für die Überquerung erforderlich, da hier in der Karibik alles viel teurer und vieles schlecht zu kriegen ist. Nach einigen Checks sind wir der Meinung, dass der Einlass der Seewasserpumpe verstopft sein muss, vielleicht zugewachsen. Da können wir jetzt nicht viel dran machen, das müssen wir nach Ankunft in der Bucht mal prüfen und säubern. Erst später stellt sich heraus, dass wohl die Seewasserpumpe mal wieder defekt ist und nach Austausch in St. Lucia läuft der Kühlschrank wieder. Bis dahin müssen wir, so gut es geht, das Kühlgut umverteilen – denn Gott sei Dank haben wir ja noch die große Dometic Kühlbox. Die ist zwar auch randvoll, aber da müssen halt einige Lebensmittel den Rest der Fahrt ohne Kühlung überstehen – oder eben nicht.

Was sich als wirklich kräftezehrend herausstellt, ist der Schwell. Es schaukelt und schüttelt uns fast die gesamte Zeit so dermaßen durch, dass an echtes Schlafen außerhalb der Wachzeiten nicht zu denken ist. Der angenehmste Schlafplatz ist im Salon, auf dem Fußboden polstern wir uns eine Schlafmöglichkeit aus, die wir im 3-5 stündigem Wechsel während der Nacht nutzen. Auch hier rollt man beständig hin und her, aber zumindest fällt man nicht aus der Koje. Analog sitzt der oder die Wachhabende die meiste Zeit auf dem Grating im Cockpit – andernfalls muss man schon sehr aufpassen, nicht von der Cockpitbank zu fallen, was nur durch sorgfältiges und beständiges Abstützen gewährleistet ist.

Erfahrene Atlantiküberquerer wie Heike und Udo von der „Endo II“ versichern uns bei der täglichen privaten Funkrunde, dass sie bei ihrer ersten Überfahrt längst nicht eine solch heftige Störwelle von der Seite verspürt haben. Es scheint, die seitliche Welle wird durch eine Wetterstörung nördlich von uns verursacht. An manchen Tagen ist es fast unmöglich zu kochen oder auch nur etwas aufzuwärmen, und aus den Schränken fliegt bei Unachtsamkeit alles heraus

Erst bei der Prizegiving Party realisieren wir, dass wir in diesem Jahr eine von insgesamt nur acht Zweier-Crews sind, die in 2018 bei der ARC mitmachen. Hierfür werden wir mit den anderen Double-handed Crews besonders geehrt, mit uns auch Helmut und Hermann von der „BabSea“ – tatsächlich ist die Fahrt zu zweit natürlich extra anstrengend. Auch wenn wir von weiteren Herausforderungen verschont geblieben sind – die Dreier-Crew von der „Endo II“ musste beispielsweise mehr als eine Woche abwechselnd von Hand steuern, weil der hydraulische Autopilot ausgefallen war.

Das hat die drei tapferen Segler jedoch nicht davon abgehalten, einen 70 Meilen Umweg in Kauf zu nehmen, um der „SY Garuda“ zur Hilfe zu eilen, die nach Mastbruch nicht ausreichend Dieselvorräte an Bord hatte, um unter Motor das Ziel zu erreichen. Zu Recht gewinnen sie den „Special Price of the Arc“!

Unsere Freunde aus Köln, Katrin & Peter von „Sail & Chill“ mit ihren 5 Chartergästen lassen es ruhig angehen – sie gewinnen den Preis für den besten nicht-englischen Blog, den Katrin täglich liebevoll pflegt.

Es ist nicht leicht zu sagen, was wir von der großen Überfahrt am meisten im Gedächtnis behalten werden. Ein bisschen enttäuscht waren wir, dass wir bis auf ein einziges Mal aus der Ferne, nicht einen Wal oder Delphin gesichtet haben. Und die Angel haben wir nach dem großen Fang natürlich weggepackt, dabei hätten wir so gern noch einen Thunfisch oder Mahi-Mahi geholt.

Wirklich beeindruckend sind neben den Sonnenuntergängen die Nächte. Mit Mond silberhell, ohne Mond pitchblack, aber mit Millionen von Sternen, die wir noch nie gesehen haben. Und das phosphorisierende Plankton in der Bugwelle ist atemberaubend. Schön sind die kleinen Starkwind und -regenzellen auf dem Radarbildschirm zu erkennen, das macht es leicht, auszuweichen und nur zweimal müssen wir wegen der Squalls reffen und werden von Wind und Regen erwischt.

Es freut uns sehr, dass wir fast ohne Downwind-Erfahrung mit dem Ausbaumen der Genua im Schmetterling ausgesprochen gut zurechtkommen. Und mit dem Einsatz von zusätzlichen Umlenkrollen sind dann auch die Schoten dauerhaft heile geblieben …

Wir waren zwar nicht die Schnellsten, aber wir freuen uns über den Preis für den größten Fischfang während der Fahrt: ein 12 kg Wahoo, den wir gemeinsam bei mehr als 7 Knoten Fahrt Hand über Hand über die große Spule und mit dem Gaff an Deck heben. Zwei Wochen essen wir an dem Fisch und den Rest teilen wir noch mit Juliane und den Kindern nach der Ankunft.

Merkwürdig und unangenehm sind die teilweise riesigen Braunalgenteppiche, die über hunderte, wenn nicht mehr als tausend, Meilen an uns vorbeischwimmen und sich immer wieder in großen Büscheln an der Windfahne festsetzen. Wenn man danach googelt, findet man beängstigende Berichte – vermutlich werden wir den Algenteppichen auch in der Karibik noch öfter begegnen … https://www.sueddeutsche.de/wissen/oekologie-angriff-der-braunalgen-in-der-karibik-1.4022192

Alles in allem ist es faszinierend, wie schnell die Tage und die Zeit auf See vergehen. Nicht darüber nachdenken sollte man über die vielen Kilometer Wassermassen, die unter dem Kiel liegen. Insbesondere auf der Hälfte der Strecke, blieb uns bei dem Gedanken schonmal die Luft weg. Wir feiern Bergfest mit ein paar Bierchen und sogar Wein zum Essen – ansonsten haben wir uns nur zu ganz wenigen, ausgewählten Sonnenuntergängen mal eine Dose Bier geteilt. Erst in der letzten Woche fangen wir an, Breitengrade, Tage und Meilen bis zur Ankunft zu zählen – irgendwann möchte man halt einfach nur noch ankommen.

Unser neu erworbenes Wingaker-Leichtwindsegel haben wir allerdings wegen der heftigen Schaukelei und auch kräftigem Wind (das Segel soll man nur bis 15 Knoten von achtern nutzen) tatsächlich nur ein einziges Mal draußen gehabt. Der Wind bläst zumeist mit 18-25 Knoten, so dass wir zum Teil richtig flott unterwegs sind. Nur zwei Mal gibt es eine kurze Flaute, da haben wir dann nach einigem Herumdümpeln schließlich für jeweils knapp vier Stunden den Motor mal angeschmissen. Ansonsten hat man das Gefühl man rauscht nur so dahin – fast wie in einem D-Zug oder ICE, ohne Stopp. Stolz sind wir auf einige hervorragende Etmale mit bis zu 170 Seemeilen in 24 Stunden.

Es ist tatsächlich eine große Beruhigung, die anderen Boote der ARC-Flotte da draußen zu wissen, auch wenn man sie fasst nie mit bloßem Auge sieht. Oft empfängt man jedoch AIS-Signale von anderen Schiffen und sieht zumindest auf dem Bildschirm, wer in erreichbarer Nähe ist. Einmal kommt uns ein Segelboot mit spanischer Flagge und englischem Skipper in der Nacht sehr nahe. Wir machen über Funk auf uns aufmerksam und Andrew scherzt noch, dass er uns knapp verpassen wird – dann wird ihm selbst mulmig und er schaltet die volle Decksbeleuchtung an, als er „überraschend“ wenige Meter an uns vorbeisaust. So was ist wirklich unnötig, und gern hätten wir mit ihm hier St. Lucia ein paar Worte über diese gefährliche Aktion gewechselt.

Bis auf die offizielle tägliche Seefunkrunde, in der jedoch lediglich Position und Windverhältnisse der Teilnehmer durchgegeben werden, gibt es auch leider wenig Kommunikation untereinander. Das haben wir uns etwas anders vorgestellt. Unseren VHF-Funk müssen wir allerdings auch nochmal überprüfen, teilweise sind wir außerhalb von Kanal 16 nicht zu hören. Mit ein paar Booten tauschen wir jedoch wenigstens mal Mails aus, und mit der Endo II sind wir auch täglich über Funk im Kontakt.

Bald müssen wir nun Abschied nehmen von den Freunden, die ab 12. Januar mit der World-ARC weiterfahren, dazu zählen die „Endo II“, „BabSea“ und auch unser Schwesterschiff „Aurora B“ (wie wir eine Hallberg Rassy 42F). Und wir müssen uns entscheiden, wo wir während der Hurrikan-Periode unterschlüpfen wollen, die auch versicherungsmäßig in diesem Breiten nicht abgedeckt ist. Gern würden wir jedenfalls eine Saison hierbleiben und dann im kommenden Jahr entweder zurück nach Europa oder weiter um die Welt segeln. Heute steigen wir in die Planungen ein.

Satelliten Tracking – ARC 2018

Die Zeit bis zur Abfahrt am Sonntag vergeht wie im Flug und immer noch gibt es viel zu tun: neue Segel anschlagen, die letzten Einkäufe, vorkochen für ein paar Tage und so viel mehr. Vorgestern haben wir uns riesig gefreut über den Besuch von Tom Logisch und seiner Tochter Josephine (tom logisch – exploring the world in a better way UG), die uns hier kurz vor dem Startschuss noch den Hydrogenerator von Watt&Sea angebaut haben. Der Generator wird maßgeblich dazu beitragen, dass wir auf der Atlantiküberquerung auch in Abwesenheit von Sonne und selbst bei wenig Wind allein durch die Fahrtströmung Strom erzeugen können. Und so werden wir hoffentlich nicht wieder in eine solch missliche Energienotlage geraten, wie kürzlich auf dem Weg nach Las Palmas.

Und natürlich gibt es jede Menge vorbereitendes Programm: die spektakuläre Hubschrauber-Rettungsübung liefert eindrucksvolle Bilder – da hofft wohl jeder Teilnehmer, dass man in eine solche Situation nie kommen wird, beziehungsweise im Falle eines echten Notfalls der Hubschrauber noch irgendwie in Reichweite ist oder gebracht werden kann. 

Die anschließende Demonstration der Seenotsignale wie auch das Auslösen der Rettungsinsel droht im wahrsten Sinne des Wortes fast ins Wasser zu fallen, denn der Tag ist kalt und grau und in unregelmäßigen Abständen regnet es heftig.

So nimmt es kein Wunder, dass der Repräsentant aus St. Lucia bei seiner Ansprache anläßlich der offiziellen Eröffnung der ARC 2018 den größten Beifall erntet, als er von dem warmen und sonnigen Wetter auf St. Lucia vorschwärmt.

Seit ein paar Tagen ist auch unser Satelliten-Tracking-Sender aktiv, so dass man uns ab jetzt und während der gesamten Fahrt über den großen Teich online verfolgen kann. Jedes Schiff, das wie wir an der Atlantic Rallye for Cruisers (ARC 2018) teilnimmt, wird für die Dauer der Überfahrt mit einem solchen Satellitensender ausgestattet. Der Sender ist am Heck unseres Schiffes befestigt. Alle vier Stunden werden die Positionsdaten aktualisiert und die Schiffs-Position auf der Karte angezeigt.

Und so geht`s: Über den Link https://www.worldcruising.com/arc/event.aspx  gelangt man zum Tracking. Ein Klick auf „where are the boats?“ und das Race „ARC 2018“ auswählen. Das ist wichtig, denn es gibt noch ein weiteres Segelschiff mit Namen ITHAKA, dieses Boot jedoch ist in einer anderen Rallye „ARC+ 2018“ gestartet, welche den Weg über die Kapverden in die Karibik nimmt.

Links im Menü befindet sich die alphabetische Liste der Boote. Ein Klick auf den Bootsnamen hebt das Schiff auf der Karte hervor. Fährt man mit der Maus über die Bootsgraphic, werden weitere Daten angezeigt, zum Beispiel der Name des Skippers. Natürlich kann man in die Karte bzw. das Satellitenbild auch hineinzoomen. Bei größter Auflösung werden die Bootsnamen auch direkt auf der Karte angezeigt. Noch einfacher geht das alles auf dem Smartphone über die App „YB-Tracker“, die man im App-Store herunterladen kann.

Noch bis spät in der vergangenen Nacht hatten wir die Elektriker an Bord, die über mehrere Tage versucht haben, uns ein neues Ladegerät mit Inverter einzubauen. Das ganze hätte schon vor fast zwei Wochen stattfinden sollen, aber immer wieder wurden wir vertröstet. Die Crash-Aktion in letzter Minute hat leider sehr an unseren Nerven gezehrt. Aber jetzt sind wir (fast) startbereit und freuen uns auf die kommenden – hoffentlich entspannten 😊- Tage auf hoher See.

Mit einigen Impressionen vom Start der ARC+ am 11.11.2018 verabschieden wir uns für die nächsten drei Wochen. Bilder von unserem Start heute werden mit Sicherheit wenige Stunden nach dem Start um 13:00 Uhr UTC auf der ARC-Facebook-Seite zu sehen sein https://www.facebook.com/arcrally/?ref=br_rs . Vielleicht schreiben wir auch ein paar Kommentare auf die Worldcruising-Website von den Erlebnissen unterwegs. In jedem Fall kann Sinn, dort ab und zu mal reinzuschauen und zu sehen, ob es etwas es Neues gibt…. https://www.worldcruising.com/arc/event.aspx

Wir denken, dass wir mindestens 21 Tage unterwegs sein werden, bis wir unser Ziel St. Lucia in der Karibik erreichen. Vielleicht auch länger – wie immer spielen Wind und Wetter dabei die Hauptrolle ….

Acht Tage bis Gran Canaria

Die nächsten Tage verlaufen ohne größere Zwischenfälle. Wir fühlen uns etwas einsam, aber nicht mehr hilflos. Täglich mehrfach holen wir den Streckenwetterbericht über SSB-Funk, das klappt hervorragend. Auch der E-Mail-Versand und -empfang via SailMail ist top, derzeit unser einziger – tröstlicher – Kontakt zur Welt außerhalb unseres Schiffes. Christoph gibt uns regelmäßig ein Update zur Großwetterlage, die leider für uns nicht rosig aussieht. Der Wind wird einschlafen, gegen uns drehen und erst nach mehreren Tagen wird endlich der erforderliche Nordwind einsetzen, der uns hoffentlich irgendwann ans Ziel weht.

Immer wieder haben wir kleine „blinde Passagiere“ an Bord. Eigentlich freuen wir uns über den Besuch der zutraulichen Tierchen, aber leider hinterlassen sie überall ihre Spuren …

Andere Schiffe sind hier kaum unterwegs. Die Yachten, mit denen wir zusammen am Freitag gestartet waren, sind längst aus unserem Empfangsbereich verschwunden und werden sicher weit vor uns das Ziel erreichen. Die Frachtschiffe, die uns auf der Strecke – zumeist im Abstand von mindestens zwanzig Meilen – passieren, kann man fast an einer Hand abzählen. Das ändert sich erst, als wir uns Gran Canaria nähern. So ist es auch kein Problem, dass wir nach wir vor die Navigationsgeräte nur sporadisch einschalten, und nachts leuchtet uns hell der Mond – jedenfalls, wenn sich keine Wolken davorschieben.

Wir erhalten nun Mails von vielen Seiten, alle sind sehr bemüht und hilfreich, auch ein Volvo-Ingenieur aus Gran Canaria schreibt uns Tipps zur Fehlerfindung bei überhitztem Motor, aber leider kennen wir ja die Ursache bereits. Als Sibylle eine Antwort senden möchte, lässt sich auf einmal die ICOM SSB-Anlage nicht mehr anschalten – jetzt wird uns wirklich mulmig. Verzweifelt suchen wir die Bedienungsanleitung, Burkhard findet tatsächlich am Gerät die Sicherung, die ist jedoch in Ordnung – woran liegt es denn dann? Ratlosigkeit. Da auf einmal funktioniert die Funke wieder, Gott sei Dank. 

Sofort bitten wir Christoph per Mail, uns bei der Aktivierung unseres Iridium Satelliten-Telefons zu helfen, damit wir wenigstens noch eine alternative Möglichkeit zur Kommunikation haben. Schon bald vermeldet Christoph Erfolg: das Iridium Go ist aktiviert. Sehr beruhigend, zusätzlich nun die Möglichkeit zum Telefonieren zu haben. Gleich am nächsten Tag testen wir das Gerät: der Anruf bei Christoph funktioniert tadellos, die Qualität der Verbindung könnte besser sein. Wir werden also vermutlich noch in eine externe Antenne investieren und auch die SMS- und Tracking-Funktion muss eingerichtet werden, sobald wir wieder Internetanschluss haben.

In der Nacht zum 23. Oktober verdichten sich die Schleierwolken der Südwindwetterlage zu undurchdringlichem Nebel und es ist plötzlich komplett windstill. Wir treiben mit genau 0,0 Knoten in der milchig-trüben Suppe, man hört nichts außer den wenigen Geräuschen an Bord: das Anspringen der Kühlschrank-Pumpe, das Surren der Frischwasserpumpe, ein Klappern der Pfanne bei der Zubereitung des nächtlichen Omelette. Echt gruselig! Fast erwarten wir, dass irgendwo eine Hand aus der wabernden Watte ragt und nach uns greift. Wer sagte da eigentlich: der Weg sei das Ziel? Dämlicher Spruch 😊 – irgendwann möchte man ja auch mal ankommen, zumal, wenn man wie Burkhard einen Flug von Gran Canaria nach Deutschland gebucht hat, der in wenigen Tagen abhebt. Dankenswerter Weise ist der Spuk nach ein paar Stunden vorbei und der erwartete Südwind bläst kräftig mit bis zu 17 Knoten – nicht ganz unsere Richtung, aber zumindest raus aus dem Nebel.

Am Morgen des 24. Oktober schließlich machen wir uns ernsthaft Hoffnungen, dass wir noch rechtzeitig zum Start des Fluges in Las Palmas eintreffen können. In der Nacht hat uns ein angenehmer Nordostwind ein gutes Stück vorangebracht. Wir rechnen, wenn wir in diesem Tempo weiter vorankommen, können wir bis zum Nachmittag die Rest-Strecke auf circa 300 Meilen verkürzen. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Ab mittags zieht sich der Himmel zu und der Wind lässt merklich nach, wir machen nur noch gut 3 Knoten, das ist viel zu langsam.

In einem Akt der Verzweiflung gibt sich Burkhard daran, die Seewasserpumpe auseinanderzubauen.

Leider kommt aus dem Auspuff immer noch kein Wasser und der Impellerdeckel scheint undicht – also Deckel wieder runter und Dichtung neu und einfetten. Dann ein erneuter Versuch, es wird schon bald dunkel. Tatsächlich wird nun wieder Seewasser durch das Kühlsystem transportiert – aber leider tropft es auch gewaltig im Motorraum: bei den Arbeiten ist wohl der Simmering kaputtgegangen und die Pumpe ist nun undicht. Wir sind tief enttäuscht, vor allem Burkhard, der sich den ganzen Tag abgemüht und einen phantastischen Job gemacht hat.

Wir wollen versuchen, die defekte Antriebs-Welle durch das alte Ersatzteil zu ersetzen, was wir im Juni in Crotone getauscht hatten und ebenso wie unser dortiger Mechaniker Salvatore (nomen est omen!) in seinem ersten erfolgreichen Reparaturversuch eine Distanzscheibe zusätzlich einsetzen. Auf diese Weise kann hoffentlich der ebenfalls defekte Mitnehmer wieder richtig greifen und so die Welle wieder drehen. Hierzu kontaktieren wir als erstes den Mechaniker in Crotone um zu verstehen, wo die Abstandscheibe zu platzieren ist und wie dick diese sein muss. Salvatore antwortet prompt: „Il distanziale lo deve inserire tra ultimo cuscinetto esterno (13) e albero (3)“. Na also! Wir sind begeistert und ziemlich zuversichtlich, dass dies die Lösung des Problems bringen wird. Am späten Nachmittag endlich ein erster Einbau-Versuch.

Ausnahmsweise teilen wir uns vier kleine Dosen Bier – danach geht es uns etwas besser. Dann essen wir lecker zu Abend und Burkhard legt sich aufs Ohr. Wieder übernimmt Sibylle eine sehr lange Wache.

25. Oktober: In der Nacht gibt es zunächst kaum Wind aus N-östlicher Richtung. Sibylle versucht durch manuelles Steuern, die Geschwindigkeit oberhalb der 3 Knoten zu halten, was auch meistens gelingt. Den Autopilot können wir nicht mehr einschalten, der verbraucht zu viel Strom, denn inzwischen haben wir ein massives Energieproblem, der Batterieladestand ist nur noch bei 45%, am Morgen dann runter auf 40%. Den Generator haben wir zwar inzwischen in Gang gebracht (es hat durchaus Vorteile, wenn man vor dem Anwerfen sicherstellt, dass sich ausreichend Kraftstoff im Tank befindet 😊). Jedoch schaltet sich der Generator sofort wegen Überlastung wieder ab – damit können wir die Batterien jedenfalls nicht wieder laden.

 

Ab 05:00 Uhr hocken wir dann gemeinsam im Cockpit. Der Wind hat aufgefrischt und ein paar Mal gedreht, jetzt fahren wir sehr hoch am Wind Kurs 240-250°, also westlich am Ziel vorbei, aber anders geht es im Moment nicht. Auf geradem Wege wären es gegen 10:00 Uhr noch 239 Seemeilen bis Las Palmas.

Immer noch denken wir, dass wir es rechtzeitig bis dorthin schaffen können. Gegen Mittag baut Burkhard die Seewasser-Pumpe wieder aus und bei ziemlicher Schräglage und Wellengang versuchen wir, uns gemeinsam dem Dichtungsproblem zu nähern. 

Bei genauerem Hinsehen scheint tatsächlich die eine der beiden Dichtungen an der Welle nicht mehr in Ordnung, sie steht etwas hervor und die Lippe ist ausgefranst. Die andere Dichtung sieht ok aus – was für ein Glück, denn unter unseren Altbeständen findet sich nur noch eine einzige halbwegs intakte Dichtung. Wir demontieren das defekte Teil und schieben die neue Dichtung auf, und zwar nachdem die Welle bereits wiedereingesetzt ist, so wie es in unserem inzwischen vielgenutzten Standardwerk beschrieben ist (Nick Calder, Boatsowner`s Mechanical and Electrical Manual – sehr zu empfehlen und unverzichtbar!).

Es ist kalt und wolkenverhangen, jetzt ein bisschen hinlegen und dösen, das wäre schön. Aber wir müssen erstmal reffen, denn der Wind geht in Böen wieder bis 18 Knoten hoch. Während wir Tuch reinrollen, scheppert die Coladose an der Schleppangel, die erst seit gestern wieder draußen hängt. Vorher war wirklich niemandem zum Fischen zumute, außerdem mit der drohenden Gefahr, den Bord-Kühlschrank wegen Energiemangel abschalten zu müssen, ist es ja eigentlich die reine Verschwendung, noch weitere Lebensmittel an Bord zu nehmen.

 

Sibylle fürchtet schon, sie ist zu spät und der Fisch bereits weg, als sie sich endlich dem Expander zuwendet und schnell anfängt, die dicke Nylonschnur auf die große Spule zu wickeln. Es zieht mächtig, das heißt, der Fisch hängt noch dran. Gut, dass wir den Anfang der Leine tags zuvor ins Cockpit verlegt haben, so kann man bei dem Sauwetter zumindest die Leine fast komplett vom Cockpit aus aufrollen. Burkhard bringt Rettungsweste und Gaff und Sibylle geht nach achtern. Der Fisch ist jetzt schon ganz nah, es scheint ein Thun oder so ähnlich und nicht ganz klein. 

Schnell entschlossen holt Sibylle kurzerhand den Fisch mit einem Schwung am Haken an Deck und stürzt sich auf ihn, damit er nicht wieder rausspringt. So ein schönes Tier. Ein echter Bonito wie wir später von Christoph erfahren. Knapp 3 Kilo schwer, das wird ein Festmahl (bzw. mehrere 😊).

Bei Einbruch der Dunkelheit schließlich gerät das Schiff auf einmal in den hohen Wellen mangels Wind vom Kurs ab und ist fast nicht mehr kontrollierbar. Wir sind es leid,  jetzt oder nie, wir werden versuchen, die fertig zusammengebaute Pumpe sofort nochmal einzusetzen und erneut einen Motorstart zu versuchen. Während Sibylle an Deck kämpft, dem Boot noch irgendeine sinnvolle Richtung zu geben, wir jedoch immer weiter nach Westen driften, bemüht sich Burkhard mal wieder im Motorraum. Schließlich ist es so weit. Der Start ….  und wieder kommt Wasser aus der Welle ☹. Sibylle prüft die Menge und stellt fest, es ist gar nicht so viel, das können wir zur Not auffangen. Dazu lässt sich eine Silikonvase hervorragend zweckentfremden. Als wir erneut starten, ist es fast Mitternacht. Sibylle wacht unten im Motorraum über Wassereinbruch und Temperatur, Burkhard kontrolliert oben das Geschehen. Unser Motor läuft wieder – juhu!

Eine enorme Hilfe ist das neu angeschaffte Infrarot-Thermometer, mit dem man jede einzelne Motoreinheit temperaturtechnisch kontrollieren kann. Der Wasserfluß aus dem Pumpenantrieb versiegt rasch, aber schnell ist auch klar, dass durch die zusätzliche Reibung des provisorisch eingesetzten metallenen Abstandsring, das Pumpengehäuse ziemlich heiß wird. Aber was bleibt uns anderes übrig, andernfalls wären wir die ganze Nacht Spielball der Wellen und es zieht auch noch Regen auf. Also fahren wir vorsichtig weiter unter Motor und holen dann erstmal das Abendessen nach. 

26. Oktober: Wir motoren bis kurz vor Mittag und legen schließlich eine Pause ein, nehmen das Großsegel raus, weit ausgebaumt, denn die Brise kommt jetzt von hinten. Zum Segeln ist diese allerdings viel zu schwach, insbesondere in Kombination mit der Welle, die quer zu unserer Fahrtrichtung läuft. Wir nutzen die Stunde zum Duschen und für Mails. Dann geht es weiter. Die Sonne scheint sehr warm, herrlich, man ist hier spürbar südlicher und wieder im Sommer angekommen. Sibylle filetiert den Bonito: wunderbare zarte, sehr große Filets, von denen wir eines zum Nachmittag als Sashimi verspeisen.

27. Oktober: Unglaublich – am frühen Morgen sehen wir vor uns in der Dunkelheit die Lichter von Las Palmas in der Ferne leuchten. Wir kalkulieren unsere Ankunft auf circa 13:00 Uhr Ortszeit, hoffentlich noch rechtzeitig vor Büroschluss des Marina Office am Samstagnachmittag – gern würden wir das Schiff noch gemeinsam an unseren Liegeplatz bringen. Denn morgen um 9:00 Uhr, wenn das Office wieder öffnet, sitzt Burkhard (hoffentlich) bereits in der Maschine nach Deutschland ….

Es dauert fast eine ganze Stunde, bis schließlich alle Formalitäten erledigt sind. Wir fahren noch zur Tankstelle wie empfohlen, beim Ausfahren ist es ungünstig noch zu Tanken. Schließlich machen wir fest in Muelle Deportivo K 26. Wir haben es geschafft!!!

Ein Hoch auf den weltbesten Skipper, der sogar die Wasserpumpe repariert hat!

Nachtrag: beim Auswechseln der Seewasserpumpe hier in Las Palmas sagt man uns, dass man unbedingt auch den Mitnehmer tauschen muss, wenn man die Antriebswelle erneuert. Das hat unser Retter in der Not (Salvatore) im Juni leider versäumt. Der Defekt ist übrigens ein bekanntes Designproblem, was Volvo kurze Zeit nach Produktion unseres Motors erkannt und geändert hat.

Steuerung: wir sind uns sicher, dass unser lieber Frank in Almerimar die Steuerseile nach Ausbau nicht wieder ganz korrekt angeschlossen hatte, was zum Abspringen der Seile geführt hat.

Wie dem auch sei – uns wurde geholfen und nachkarten gilt nicht. Wir haben wie immer viel dazu gelernt.

Hinaus auf den Atlantik

Gibraltar macht Spaß und Lust auf mehr, doch leider haben wir nur wenig Zeit. Nachdem am Ankunftstag die wichtigsten Dinge erledigt sind – mal wieder Waschen und der obligatorische Besuch beim Chandler, wollen wir am nächsten Tag die britische Enklave erkunden. Das Wetter ist regnerisch und kalt, bis zum Mittag schüttet es aus Kübeln, dann nutzen wir die erste Regenpause, um uns auf den Weg zu machen.

Den zahlreichen Empfehlungen folgend laufen wir die paar hundert Meter bis zur Grenze nach Britisch-Gibraltar, die wir mit vielen anderen Touristen überqueren. Kontrolliert wird hier nicht wirklich, aber man muss einen Ausweis an der Scheibe der Grenzpolizei vorbeitragen. Drüben nehmen wir das Angebot einer geführten Tour wahr:

Es gibt viel Verkehr und zeitweilig geht es nur im Schneckentempo voran – nicht schlimm, denn unser Guide und Fahrer hat jede Menge interessanter Informationen zur aktuellen und historischen Entwicklung in Gibraltar, die er während der Fahrt zum Besten gibt.

Zunächst halten wir kurz bei dem Denkmal der sogenannten Säulen des Herkules.  So bezeichnete man im Altertum die beiden Felsenberge, welche die Straße von Gibraltar beherrschen: den Felsen von Gibraltar am Südzipfel der Iberischen Halbinsel und den Berg Dschebel Musa in Marokko, westlich der spanischen Exklave Ceuta. Der Überlieferung nach brachte Herakles am Ausgang des Mittelmeeres die Inschrift „Non plus ultra“ (nicht mehr weiter) an, um das Ende der Welt zu markieren. Trotz des schlechten Wetters ist die Sicht über die Hafenbucht und hinüber bis zum 24 km entfernten Ceuta an der Marokkanischen Küste einzigartig.

Der Fahrer verteilt Eintrittskarten für die nächste Station und rasch geht es weiter: die im letzten Weltkrieg als Kriegs-Hospital vorbereitete Tropfsteinhöhle Höhle `St. Michaels Cave` entfaltet sich bis tief in den Felsen hinein und hat unzählige bizarre Stalaktit- und Stalagmiten Formen ausgebildet, die teilweise als Säule von oben und unten zusammengewachsen sind.

Mit einem Großraumtaxi geht es in zweieinhalb Stunden zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Straßen in Gibraltar sind sehr eng und winden sich den Kalksteinfelsen hinauf.

Gibraltar - St. Michaels Cave

Die Höhle ist die meistbesuchte von ca. 150 Höhlen in dem Kalksteinfelsen, der offenbar wie ein Schweizer Käse durchlöchert ist. Heute wird die beeindruckende Location für Konzerte genutzt. Vor der Höhle begegnen wir auch den ersten Affen, von denen circa 260 hier auf dem Felsen leben – die einzig freilebenden Affen Europas.

Von den Tieren umringt werden wir auf der Straße durch das Naturreservat, ein Dutzend weitere Touristentaxis fahren hier diszipliniert im Schritttempo hintereinander den Berg hinauf und stoppen, um die Fahrgäste aus- und weiter oben wieder einsteigen zu lassen.

Den Affen könnte man stundenlang zusehen, doch weiter geht es zu einem typisch britischen Highlight: die Schießscharten in `The Great Siege Tunnels` sind mit lebensgroßen historischen Figuren bevölkert, die Ruhmestaten der britischen Armee und Feldherrn illustrieren. Die Tunnelanlage stammt aus der Zeit der Belagerung Gibraltars durch die Spanier und Franzosen im 18. Jahrhundert und wurde angelegt, um ein Vordringen der Angreifer in einem toten Winkel von Land aus zu verhindern.

Abschließend bringt uns der Fahrer zur High Street, die mit reichlich Geschäften und Pubs lockt. In einer Apotheke erstehen wir Scopolaminpflaster gegen Seekrankheit (in Deutschland verschreibungspflichtig). Zwar sind wir bisher davon verschont geblieben, aber auf dem Atlantik kann es anders sein – hier hat es schon viele erwischt, die zuvor keine Seekrankheit kannten. 

Dann lassen wir uns ein paar halbe Pints in einem typischen englischen Pub schmecken, bevor wir mit einem original London-Red-Bus zurück zur Grenze und zu Fuß zurück nach La Linea del Concepción auf der spanischen Seite wandern.Wie anders ist hier das Straßenbild – die kulturellen Unterschiede sind sofort spürbar.

Auch für die kommenden Tage ist weiterhin Regen angesagt, die Windvorhersage zeigt jedoch günstige Bedingungen für eine Durchquerung der 60 Kilometer langen Meerenge am Folgetag, Freitag 19. Oktober.

Auch wenn im weiteren Verlauf der circa 6-tägigen Reise zu den kanarischen Inseln mit teilweise wenig Wind zu rechnen ist, bereiten wir alles zum Aufbruch vor. Mit der ablaufenden Mittagsflut wollen wir auslaufen, zuvor noch Tanken, denn der Diesel ist hier steuerfrei und daher günstig. Am Vormittag gibt es noch Beratung mit anderen Booten in der Marina, die wetterbedingt zum Teil schon seit zwei Wochen hier festliegen und nun endlich auch ablegen wollen Richtung Kanaren. Man diskutiert, ob nicht der Samstag wegen der aktuell im Starkregen sehr beeinträchtigten Sichtverhältnisse in der Straße von Gibraltar nicht doch der bessere Abreistag sei. Nach erneutem intensivem Studium sämtlicher Vorhersagen wollen wir dennoch aufbrechen, und die anderen ebenfalls.

Wir verbringen eine halbe Ewigkeit mit Warten vor der Tankstelle. Es gibt zwar mehrere Tankstellen in Gibraltar Marina Bay aber überall funktioniert nur eine einzige Tanksäule und der Andrang der auslaufenden Schiffe ist groß. Nach anderthalb Stunden schließlich haben auch wir getankt und können endlich los. Wir sind einigermaßen aufgeregt, jetzt wo es hinaus geht auf den Ozean. Sibylle verstaut Fender und zurrt sie an Deck fest, wo sie bei der mehrtägigen Überfahrt nicht im Weg sind. Es weht ein frischer Wind aus Ost und so rollen wir schon bald das Vorsegel aus. Mit dem kräftigen Wind im Rücken segeln wir durch die gesamte Straße von Gibraltar bis auf die Höhe von Tarifa.

Wer hätte das gedacht, schon wieder eine Meerenge unter Segeln genommen – dabei hatten wir uns doch auf eine Motorfahrt bereits eingestellt, vor allem auch wegen der starken Gegenströmung. Wie die anderen Segler auf dieser Strecke schaukeln wir zwar mächtig in dem von Strömungen gurgelnden Wasser, aber so simpel hatten wir uns diesen Streckenabschnitt tatsächlich nicht vorgestellt. Wir segeln in Vollzeug, sogar die Gummistiefel haben wir aus der Backskiste gekramt. Es ist grau in grau und zwischendurch kommt ein Schauer runter, doch der erwartete Starkregen bleibt aus. 

Es wird dunkel, nachdem wir Tarifa passiert haben.

Wir werden die Richtung beibehalten bis an das Ende des Verkehrstrennungsgebietes, erst dort wollen wir nach Süden abbiegen, um einen möglichst großen Abstand zur afrikanischen Küste zu halten, die für ihre zahlreichen Fischernetze berüchtigt ist, da möchten wir uns nichts einfangen. Nach einem deftigen, vorgekochten Gulasch übernimmt Sibylle die erste Wache. Kurz vor Mitternacht haben wir das Ende des Verkehrstrennungsgebiets erreicht und der Wind verbläst uns zudem zu weit nach Norden. Also ist eine Halse angesagt, um auf Kurs Richtung Süden zu kommen. Burkhard unterstützt das Manöver und legt sich anschließend wieder hin.

Samstag, 20. Oktober: Gegen 03:15 fallen Sibylle so langsam die Augen zu und sie weckt Burkhard. Während der Wach-Übergabe im Cockpit, sehen wir plötzlich lauter rätselhafte Funkellichter in einer Reihe an Steuerbord – hier mitten auf dem offenen Meer – was ist das denn nun? Ja klar, da gab es den ganzen Abend eine Securité-Funkmeldung über irgendeine Operation, womöglich befinden wir uns da genau nebenan, die Koordinaten und die Meldung waren stets so schnell und unverständlich genuschelt, dass wir trotz aller Bemühungen kaum etwas verstanden haben. Wir ändern sofort den Kurs und luven an, um nicht in die Funkelkette hinein zu fahren. Als Sibylle sich endlich schlafen legt, ist es 04:30 Uhr und Burkhard schmeißt den Motor an, da inzwischen der Wind leider eingeschlafen ist.

Um 08:15 Uhr ertönt ein lautes Piepen – Motoralarm, Motor zu heiß. Burkhard stellt sofort ab. Der Motorraum qualmt schon fast. Auf dem Kühlwasserbehälter ist sichtbar Flüssigkeit verdampft und Kühlflüssigkeit ist in der Bilge. Der Überlaufschlauch vom inneren Kühlkreislauf ist angeschmolzen. Das Infrarot-Thermometer zeigt 107° C etwa zehn Minuten nach dem Abschalten – die Anzeige im Cockpit dagegen hatte keine Temperatur-Veränderung angezeigt. Das darf doch jetzt alles nicht wahr sein. Was nun: zurück, weiter oder ausweichen nach Marokko? Wir versuchen schließlich, über SSB via SailMail (unser E-Mail Account auf See) das ARC-Team zu kontaktieren, um eine Einschätzung bezüglich technischer Unterstützung und Einschlepp-Möglichkeit in Las Palmas zu bekommen, damit wir eine sinnvolle Entscheidung treffen können. Noch ist es Zeit, den Kurs zu ändern. Der Wetterreport sagt zwar, dass wir es vermutlich unter Segeln bis zum Ziel schaffen, wenn auch mit mehr Zeit als veranschlagt – aber was tun in Las Palmas, um in den Hafen zu kommen? Dejà vu?! 😨

20. Oktober, 14:30 Uhr: unser Etmal ist 120 nautische Meilen, davon 93 unter Segeln. Dieses Verhältnis wird sich vermutlich ab jetzt zwangsläufig noch verbessern 😉 (Galgenhumor).

Wir sind in engem Austausch mit unserem Motorspezialisten Frank in Almerimar. Der nächste Test erweist, auch bei ausgebautem Impeller dreht die Welle nicht, ebenfalls nicht mit neu eingesetztem Ersatz-Impeller. Also ist tatsächlich schon wieder der Seewasserpumpen-Antrieb defekt, unglaublich. Die Antriebswelle der Pumpe können wir mit Bordmitteln nicht reparieren, das wissen wir bereits. Also segeln wir erstmal weiter.

Nach Abkühlung des Motors begeben wir uns an die Ursachenforschung. Wir lassen den Motor kurz an und tatsächlich kommt kein Wasser aus dem Auspuff. Dann macht Burkhard sich an die Arbeit. Impeller-Deckel auf, Motor an: Impeller dreht nicht – schlecht! Da haben wir vermutlich dasselbe Problem wie seinerzeit im Juni in Crotone. Das ARC Office meldet sich nicht (Wochenende – das hatten wir vergessen) und wir leiten die Mail weiter an Christoph. Der nimmt sofort telefonischen Kontakt mit dem ARC-Deutschland Office auf. Wilhelm Greiff gibt die klare Empfehlung weiter Richtung Las Palmas zu fahren, dort gibt es wohl Volvo-Spezialisten und Hilfe bei der Einfahrt bekommt man wohl auch. Na gut.

Am Abend flaut der Wind ab. Bei Einbruch der Dunkelheit versuchen wir, die Segelstellung mit dem aufgekommenen Südwest-Wind zu optimieren. Das gelingt nicht. Der Wind ist zu schwach und wir arbeiten uns ab, das Schiff irgendwie auf Kurs zu bringen. Eine Wende kriegen wir nicht mehr hin, trotz Backstellung des Vorsegels, sehr merkwürdig. Wir probieren es mehrfach, Sibylle ist schon total genervt – auf einmal verstehen wir langsam, dass unsere Lenkung gar nicht mehr funktioniert. 

Burkhard sieht nach – eine Katastrophe: die Lenkseile sind von der Führung auf den Ruderquadranten abgesprungen, eines der beiden Lenkseile, die nach oben zur Steuersäule führen, scheint gerissen. Wir fühlen uns gottserbärmlich und möchten beide nur noch heulen. Womit haben wir das jetzt verdient. Monatelang haben wir uns und vor allem das Boot vorbereitet, und jetzt auch noch das, zusätzlich zu dem Antriebsproblem. Ohne Motorantrieb und Lenkung wird es außerdem nun langsam echt gefährlich – Gott sei Dank ist im Moment kein Starkwind angesagt.

Wir holen die Notpinne und setzen sie auf. Das Ruder läßt sich auf diese Weise jedoch nur sehr eingeschränkt bewegen, stattdessen bewegt es sich laufend eigenständig. Der Autopilot rasselt und Burkhard klemmt ihn ab. Wir versuchen, mit dem Ruder der Windfahne zu steuern, das funktioniert jedoch nicht, solange wir das Hauptruder nicht festsetzen können, welches zurzeit ein Eigenleben führt. Wir sind hundemüde, was unseren Frustpegel nur weiter ansteigen lässt. So beschließen wir gegen Mitternacht ein wenig zu schlafen, der Wind bläst ohnehin gegen uns und ohne Motor kommen wir da nicht weit.

Sonntag, 21. Oktober, Mitternacht: Burkhard legt sich unter Deck in die Koje, Sibylle bleibt im Cockpit und wacht – mit dem Timer alle halbe Stunde eine Kontrolle. Jeder hängt seinen Gedanken nach – ist das das Ende unserer großen Reise? So richtig Lust hat in diesem Moment niemand mehr. Es ist bitterkalt und Sibylle friert trotz voller Bekleidung mit Segelzeug und zwei Decken erbärmlich. Burkhard ergeht es unten nicht viel besser, auch er friert und muss die halbe Nacht immer wieder die Pinne neben sich festhalten, damit das Ruder nicht bis zum Anschlag gegen den Quadranten haut.

Die ganze Nacht dümpeln wir auf dem offenen Meer dahin, beziehungsweise treiben bei gesetztem Großsegel mit 0,8-1,5 Knoten in nordwestlicher Richtung. Einmal kommt uns ein Fischer ziemlich nahe, aber sonst gibt es kaum Schiffsverkehr. Gegen Morgen versucht Sibylle erfolgreich eine Wende, mit Hilfe des eingeschränkten Ruders und der Windfahne. Weiter entfernt von Land sollten wir in dieser Situation nicht treiben, von hier sind es ungefähr 110 Meilen bis Rabat (Marokko), das könnten wir zur Not erreichen, solange der Wind so bleibt.

Kurz nach Tagesanbruch machen wir uns dann an die Arbeit. Wir haben jetzt folgende Optionen, die wir ausloten werden: Steuerseile wieder befestigen, es ist uns jedoch nicht so klar, ob und wie das geht. Oder die Steuerseile komplett lösen, dann funktioniert hoffentlich die Notpinne – die kann man aber nicht unbedingt im Dauerbetrieb einsetzen. Oder: gelöstes Ruder mit Notpinne irgendwie festsetzen und mit der Windfahne weiter steuern. Jetzt zahlt es sich aus, dass Burkhard in Almerimar beim Aus- und Einbau der Steuerseile im Zusammenhang mit dem Ruderlagerwechsel unserem Mechaniker Frank intensiv über die Schulter geschaut hat. Sibylle versucht, mit der Pinne das Ruder so ruhig wie möglich zu halten, damit Burkhard bei der Arbeit an den Lenkseilen nicht die Hände gequetscht werden. Kurz vor Mittag ist es tatsächlich geschafft: Burkhard hat die Lenkseile wieder befestigt und gespannt, das eine Seil war erfreulicherweise nicht gerissen sondern nur herausgezogen. Für uns sieht das jetzt erstmal gut aus. Wir machen einen Segeltest, ja die Lenkung funktioniert wieder! Hurra! Es gibt zwar kaum Wind und immer noch aus der falschen Richtung, aber die Stimmung hat sich erheblich verbessert.

  1. Oktober, 14:30 Uhr – unser Etmal ist mit 54,4 nm echt kläglich, kein Wunder bei der vergeudeten Nacht und der vorherrschenden Windsituation.

Unsere nächste Herausforderung ist die Stromversorgung – dies ist schon der zweite Tag mit erheblicher Bewölkung und auch Regen, der Batterieladestand nimmt ständig ab. So schalten wir zunächst mal alle Navigationsgeräte aus. Am Nachmittag nimmt sich Burkhard den Generator vor. Wir hatten ihn letztes Jahr im Herbst in Porto Heli überholen lassen, aber leider springt er nicht an. Das nächste Problem. Wir vertagen es bis zum nächsten Morgen und beschließen, auch in der Nacht die Navigeräte nur gelegentlich hochzufahren, und den Bordkühlschrank in stundenweisem Wechsel abzuschalten.

Während Sibylle kocht, dreht der Wind auf ONO und frischt auf, so dass wir ab jetzt mit 4,5-6,0 Knoten zur Abwechslung mal in der richtigen Richtung unterwegs sind. Wir essen Morcilla mit Cognac abgelöscht, dazu Kartoffelstampf und Apfelkompott (in Köln sagen wir dazu: `Himmel un Äd` – allerdings ohne Cognac 😊). Das macht zufrieden und stärkt für die Nacht.

Fortsetzung folgt ….