183 Seemeilen bis nach Poros

Zum 01. Mai läuft unser Vertrag in der Marina Agios Nikolaos aus, also müssen wir uns beizeiten reisefertig machen. Unser Schweizer Stegnachbar Udo betreibt ein kleines Yachtservice-Business in der Marina. Dank seiner kompetenten Unterstützung erhalten wir wenige Tage zuvor den erneut instandgesetzten Achterstag-Spanner aus Athen zurück. Wieder war im Winter das Öl aus der Hydraulik ausgelaufen, wie auch schon auf Rhodos im vergangenen Jahr.

Im Verlauf des Frühjahrs haben wir bereits diverse Arbeiten am Boot erledigt: unter fachmännischer Anleitung von Horst hat Burkhard sämtliche Winschen gewartet. Die Starter-Batterien wurden ersetzt und der Motorservice erledigt, wie in jedem Jahr. Sibylle hat neue Polsterüberzüge fürs Cockpit genäht und das Bimini geflickt. Außerdem mehrfach das Chrom poliert, mit tatkräftiger Unterstützung von Freundin Heike und später von Schwägerin Sabine.

Schon seit einigen Wochen herrscht geschäftige Nervosität in der Marina, alle sind in Aufbruchstimmung, etliche gehen nochmal schnell zum Kranen, um Arbeiten am Unterwasserschiff zu erledigen, einige Boote sind tatsächlich auch schon früher aufgebrochen. Wir nutzen das sonntägliche Grillen, um uns von den noch verbliebenen Crews zu verabschieden. Unser Beitrag zum Grillbuffet ist dank Sibylle wie immer ausgefallen raffiniert: diesmal sind es Zucchiniblüten, die man in dieser Jahreszeit zu mehreren dutzend abgepackt im Gemüseregal der Supermärkte erstehen kann. In Köln haben wir früher die Zucchinipflanzen auf der Terrasse in Töpfen gezogen, um ein paar von den köstlichen Blüten zu ernten, die man dort leider nicht so einfach kaufen kann. Gefüllt mit Frischkäse, Schalotten, Parmesan und Ei – ein Gedicht.

Am Vormittag des 30. April können wir endlich des noch ausstehenden Päckchens habhaft werden, auf das wir dringend gewartet haben. Unsere liebe Freundin Bri hat uns aus Köln das ARC-Handbuch und die Flagge weitergeleitet, auf welche wir in Vorbereitung auf die Atlantiküberfahrt in keinem Fall verzichten können. Nun steht dem Ablegen nichts mehr im Wege. Für 15:00 Uhr bestellen wir den Tankwagen, um Diesel aufzufüllen, auch in die neu erworbenen Reservekanister. Die eilig in die Waschmaschine gestopfte Wäsche hängt noch auf der Leine, als wir zum Tanken am A-Pontoon aufbrechen, am Ende ist uns dann doch die Zeit davongerannt. Dabei hat man sich doch mental sechs lange Monate auf diesen Augenblick vorbereitet und gefreut….

Unser Tagesziel ist die Lagune von Spinalonga, von dort wollen wir am übernächsten Tag Richtung Norden starten, sofern die Windvorhersage stabil bleibt. Segeln können wir nicht dorthin, was uns beim Ankern erwartet wissen wir von vorherigen Aufenthalten, also erlauben wir uns zum allerersten Mal seit Beginn unserer Segelfahrten ein Bier unterwegs – davon geht allerdings ein großer Schluck an Poseidon, verbunden mit der Hoffnung auf eine gute Reise.

Im letzten Herbst und auch kürzlich Anfang April mit Burkhards Bruder Harald und Schwägerin Sabine waren wir die einzigen in der Bucht gegenüber von Elounda. Jetzt liegen dort zehn weitere Segelyachten, die wie auch wir auf geeigneten Wind für die Überfahrt von Kreta warten. 

Entspannt treffen wir am 01. Mai die letzten Vorbereitungen: lose Fracht an Deck vertäuen, Grab-Bag für den Notfall packen, Propeller unter Wasser von Muscheln und Bewuchs befreien, Logge frei schrubben.

Am nächsten Tag geht es früh raus, mit Sonnenaufgang stehen wir auf. Dennoch dauert es noch bis 07:25 Uhr, bis der Anker eingeholt und abgespült ist und wir endlich loskönnen. Es ist diesig, als wir aus der Lagune von Spinalonga ausfahren. An Segeln ist vorläufig nicht zu denken, also tuckern wir unter Motor geduldig unserem Ziel entgegen. Noch wissen wir nicht, ob wir es bis Poros in einem Schlag schaffen, oder wir vielleicht unterwegs auf halber Strecke in Milos Rast machen wollen.

Während wir unseren Gedanken nachhängen gibt es gut 6 Meilen vor der Küste Kretas plötzlich einen Schlag an der Schraube und sie dreht nicht mehr richtig. Deja-Vu?! Das fängt ja gut an. Mit der GoPro Kamera analysieren wir die Situation unter Wasser: wir haben eine Tüte oder ähnliches gefangen ☹. Also muss Sibylle runtertauchen, mit Brille, Flossen, Schnorchel und Messer bewaffnet, holt sie einmal tief Luft und entfernt mit einem Ruck das Plastik, was sich um die Schraube gewickelt hat. Dankenswerterweise kam kein Hai, um zuzuschauen 😊 haha.

Keine Tüte, sondern ein Stück einer sehr festen Plastikverpackung. Gut, dass wir vergangenes Jahr den fehlenden Sicherungsring am Propeller montiert haben …..

Alarmiert und mit etwas weichen Knien fahren wir weiter, allerdings gurgelt die Schraube immer noch merkwürdig, das müssen wir uns demnächst ansehen. So sind wir froh, als endlich der erwartete Wind einsetzt, und wir den Motor abschalten können. Die kommenden 28 Stunden bewegen wir uns fast ausschließlich mit Windkraft weiter.

Eigentlich wollen wir in Vorbereitung auf die Nacht etwas reffen, doch der Wind bleibt zunächst mäßig und Reisegeschwindigkeiten zwischen 3 und knapp 6 Knoten bei vollem Tuch sind jetzt nicht so üppig.

Erst nach 22:00 Uhr brist der Wind frisch auf und wir düsen mit 7 Knoten durch die Nacht. Laut Vorhersage soll noch mehr kommen, daher ist nun doch Reffen angesagt. Nicht so ganz leicht im Dunkeln, Sibylle leuchtet auf das Großsegel, damit es einigermaßen sauber reinläuft. Auch anschließend geht es flott weiter mit 4 bis 6 Knoten. Ab 23:00 Uhr leuchtet uns der noch fast volle Mond. Das ist hilfreich, denn es ist deutlich mehr Schiffsverkehr unterwegs als auf der Hinfahrt nach Kreta im letzten Herbst.

Bei Sonnenaufgang sind wir auf der Höhe von Milos und beschließen nach Einholen des Wetterberichts, weiterzufahren bis nach Poros. Die Nacht war anstrengend und kühl, aber insgesamt nicht unangenehm. Wir wärmen uns erst mit einem Becher Knorr Heiße Tasse und dann wird ein Kaffee gereicht. Nachts gab es einen Anbiss an der Angel, die Einruckschnur am Gummi ist gerissen, aber der Fisch ist weg. Sibylle montiert hoffnungsvoll den zweiten Gummi und hängt eine Dose als Alarm dran. Nach ca. 1 Stunde scheppert die Dose ins Meer – wieder ist der Fisch allerdings weg – sehr enttäuschend. 

Nach 24 Stunden notieren wir ein Etmal von 115 Meilen – nicht schlecht nach dem schleppenden Start. Am Vormittag lässt der Wind entgegen Vorhersage schwer nach und so nehmen wir das Reff raus. Wir hoffen nun sehr, dass wir es noch vor Anbruch der Dunkelheit bis Poros schaffen. Doch kaum geht es weiter, da gibt es immer wieder heftige Böen, zum Teil bis 22 kn. Gerade als wir wieder ans Reffen denken, beruhigt sich das Ganze etwas und wir rauschen mit 7-8 Knoten unserem Ziel entgegen. 

Gegen Mittag werden wir über mehrere Minuten von einer Herde Delfine begleitet – es sind richtig viele Tiere, die mal seitlich, mal vor dem Bug meist paarweise aus dem Wasser springen und wieder eintauchen.

Die letzten sechs Stunden bis Poros müssen wir leider wieder den Motor bemühen, der Wind ist nur noch sehr schwach und bläst uns zudem nun entgegen. Trotz abwechselnder, kurzer Schlafpausen sind wir beide todmüde, als wir kurz nach Sonnenuntergang nach 37 Stunden Fahrt am Nord-Kai in Poros festmachen. Nach einer kleinen Meze-Mahlzeit mit viel Raki fallen wir in die Kojen.  

ευχαριστούμε ποσειδών.

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