Segeltaktik in den „Channels“

In den Meerengen zwischen den Inseln der Karibik pfeift der Wind oft richtig. Viel Wind – das ist uns aus der Ägais ja durchaus nicht fremd, doch hier im Atlantik kommt oft eine heftige Strömung hinzu, die in Richtung Süden das Schiff meist ordentlich voranschiebt, in nördlicher Richtung jedoch zum Teil ärgerlich weit ab vom Wunschkurs versetzt. Kräftig drückt die Atlantikwelle von Ost nach West im Freiwasser zwischen den Inseln. Nicht selten hat der stets böige kräftige Wind eine Nordkomponente. Will man also vom Süden der kleinen Antillen zurück in den Norden, segelt man daher meist hoch am Wind und muss so gut es geht „vorhalten“, das bedeutet, man fährt so hart am Wind gen Osten wie möglich, um den westlich versetzenden Strom auszugleichen.

Die Empfehlungen im Revierführer von Chris Doyle sind sehr hilfreich, um unvorhergesehene Stresssituationen bei Starkwind und hoher Welle zu vermeiden. Theoretisch 🙂

So „motorsegeln“ wir mit halb gesetztem Großsegel im Lee von St. Vincent bis zur Nordspitze, besonders die letzten Meilen verlangen dem Motor einiges ab gegen Welle und Strom, und trotz hoher Drehzahl kommen wir nur mäßig voran. Wir sind soeben frei vom Land, da scheppert mal wieder unsere Coladose an der Schleppangel und der Expander spannt sich fast bis zum Zerreißen. Im selben Moment ein schrilles Piepen – der Motor mahnt Überhitzung an. Burkhard schaltet ab und springt nach unten, um die Temperatur festzustellen. Sibylle bemüht sich, das Schiff ein wenig in Fahrt und auf Kurs zu halten – mit halbem Großsegel kein sehr erfolgreiches Unterfangen, aber wenigstens zeigt der Richtungspfeil auf dem Kartenplotter an, dass wir nicht auf die Nordspitze der Insel zurücktreiben. Gleichzeitig versucht sie Stück für Stück, die Angelleine über Hand auf die Spule zu wickeln, das Ganze dauert circa 20 Minuten, dann geht nichts mehr.

Wir wollen am selben Tag noch bis zur Rodney Bay hochfahren, eine Tagesetappe von knapp 80 Seemeilen. Unsere Ankunft wird ohne erst weit nach Anbruch der Nacht sein, insbesondere jetzt, wo uns der Motor mal wieder im Stich lässt.

Strömung und Wind versetzen uns zusehends weiter weg von der Insel, und schließlich fahren wir eine Wende, um wieder näher an Land zu kommen. Wir machen jedoch kaum Fahrt und erst recht keine Höhe, die Steuerfrau muss sich sehr konzentrieren, um zu vermeiden, dass wir wieder zurück in die Richtung fahren, aus der wir gerade gekommen sind. Nachdem wir uns dem Ufer einige Meilen genähert haben, geben wir das Unterfangen auf, wenden erneut und schalten den Motor wieder ein. Wir sind uns nicht sicher, was den Überhitzungsalarm ausgelöst hat. Die Seewasserpumpe und auch der Impeller sind völlig in Ordnung, das Seewasser wird in gewohnter Menge durch den Kreislauf gepumpt. Mit niedriger Drehzahl und ständiger Temperaturkontrolle bewegen wir uns langsam aber stetig auf unser Ziel zu. Näher unter Land wird der Winkel zum Wind günstiger, das Großsegel schiebt mit und auch die Strömung lässt nach. Gegen 22:00 Uhr laufen wir in die Rodney Bay ein und werden von „Ariranha“ begrüßt, die ebenfalls hier ankert. Beim Ankermanöver fängt es an, aus Kübeln zu schütten. Eigentlich haben wir heute Vollmond, aber der Himmel ist pechschwarz und in dem Regenvorhang kann man kaum die Hand vor Augen sehen. Kein schöner Empfang in St. Lucia!

Burkhard übernimmt auf Zuruf das Steuer, eigentlich müssen wir dringend das Vorsegel setzen, um ohne Maschine voranzukommen, doch der Fang geht jetzt erstmal vor. Hinter unserem Schiff an der mittlerweile recht kurzen Leine hängt ein riesiger Fisch. Sibylle spurtet nach unten, um das Gaff zu holen, auf Burkhards Hilfe muss diesmal verzichtet werden. Mit zitternden Händen (vor Angst, der Fisch könnte inzwischen vom Haken gehen), wird schnell das Gaff montiert. Die Angst war berechtigt, denn als der mehr als 15 Kilo schwere Fang endlich an Deck liegt, steckt der Köder nur noch im kurzen Schwert des Fisches fest, das Ködervorfach ist gerissen …. Das war in letzter Sekunde, puh! Doch jetzt müssen wir erstmal wieder vernünftig Fahrt aufnehmen, in Richtung St. Lucia. 

Später identifizieren wir unseren Fisch als Blauen Marlin, nach erneuter Recherche zwei Tage danach jedoch als sogenannten „Sailfish“ (deutsch: Fächerfisch). Beide Spezies gehören zur Familie der Speerfische. Der Sailfish zeichnet sich durch eine strahlendblaue große fächerartige Rückenflosse aus, die mit schwarzen Tupfen durchsetzt ist.

Leider haben wir es in der Aufregung um den Motor nicht hinbekommen, vernünftige Aufnahmen von unserem großen Fang zu machen. Daher verwenden wir hier zusätzlich eine Abbbildung von wissen.de (© RCS Libri & Grandi Opere SpA Milano/Il mondo degli animali).

Die riesigen Fischfilets schmecken herrlich, mariniert als Tartar oder Ceviche oder auch gebraten. Wir teilen unseren Fang mit Christine und Michael von der „Ariranha“, und verbringen kulinarisch wertvolle Abende an Bord unserer Schiffe.

Unser gemeinsam geplanter Entspannungs-Tag im Hotel „Sandals“ findet leider nicht statt. An der Rezeption erklärt man uns, dass man die Vergabe von Pässen für Tagesgäste ausgesetzt hat, solange das Hotel hundertprozentig ausgelastet ist. Schade.

Wir wandern am Strand entlang zurück und verbringen statt dessen einige nette Stunden and der Strandbar von „Landings“, nutzen hier die „Wasserliegen“ und die Süßwasserduschen. In einem lokalen Restaurant in Gros Islet essen wir anschließend gut und günstig, dann nehmen wir den Minibus zurück zur Marina.

Die Straßen brodeln heute im Vorfeld der Feierlichkeiten für den Nationalfeiertag , alle Autos sind mit der Landesflagge geschmückt. Auch in der Marina hat ein Künstler den Feiertag thematisiert, mit den Landesfarben und bunten Gesichtern auf runden Säulen.

Es ist ein seltsames Gefühl, wieder mal durch die Rodney Bay Marina zu laufen, die uns so viele Tage ein sicherer Hafen gewesen ist, an der Boardwalk Bar einen Drink zu schlürfen und bei Elena die ausgezeichnete italienische Pizza zu bestellen. Beim Chandler kaufen wir zwei Dosen Antifouling – wir müssen in der nächsten Zeit dringend mal unser Unterwasserschiff pflegen und neues Antifouling anstreichen.

Die Tage in St. Lucia gehen vorbei wie im Flug – eigentlich wollen wir längst auf Martinique sein, doch der Wind bläst in diesen Tagen recht kräftig und hat dazu eine ausgeprägte Nordkomponente. So verschieben wir die Überfahrt nach Martinique auf den letztmöglichen Termin, den Tag der Ankunft von Burkhards Bruder Harald und Schwägerin Sabine.

Wenn wir nicht gerade mit der Crew von der Ariranha unterwegs sind, treffen wir Vorbereitungen für den Besuch und erledigen einige Arbeiten am Boot. Die Sprayhood wird geflickt, die WC-Pumpe achtern ausgetauscht. Dank kräftigem Wind und Sonnenschein haben wir in diesen Tagen mit der Energieversorgung überhaupt kein Problem, insbesondere der Windgenerator produziert gut, auch und vor allem in der Nacht.

Am 26. Februar geht es durch den St. Lucia Channel endlich Richtung Martinique. Wieder „motorsegeln“ wir, bis wir gut frei von der Insel sind. Dann segeln wir so hoch am Wind, wie es nur geht. Wieder können wir nicht vermeiden, dass wir weiter nach Westen versetzt werden als gewünscht. Die Wellen sind gut 3-4 Meter hoch und häufig wird der Bug überspült. Wir wundern uns, dass die „Ariranha“ den Kurs erheblich besser hält – wie sich herausstellt, haben sie jedoch die gesamte Strecke den Motor mit eingesetzt.

Gut 7 Meilen vor der Südküste von Martinique erwischt uns ein Squall – der Wind geht auf knapp 35 Knoten hoch und wir haben Mühe, die Genua schnell genug einzurollen, die wir eben noch auf volle Stärke ausgerollt hatten. Auch die Windrichtung ist nun mehr als ungünstig, so packen wir das gesamte Tuch ein und motoren den Rest der Strecke gegen Wind und Welle bis Le Marin, wo wir für ein paar Tage einen Platz in der Marina gebucht haben, damit unser Besuch trockenen Fußes an Bord kommen kann.

One thought on “Segeltaktik in den „Channels“

  1. Angela Baldus

    Ihr Lieben, was für eine perfekte Beschreibung der Verhältnisse in diesem Seegebiet! Genauso haben wir es auch erlebt, nur leider immer ohne Fisch ☹. Wenn wir wieder auf unserer Ithaka sind, brauchen wir dringend Nachhilfe! Herzlichen Dank für all eure Unterstützung vor Ort während unserer Abwesenheit. Hoffentlich können wir bald wieder gemeinsam den Piraten der Karibik trotzen. Herzliche Grüße, Angela von der anderen Ithaka

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