1000 Tage an Bord – Wir (er)zählen

Heute Freitag, 13. September 2019, sind es genau tausend Tage her, dass wir unser Domizil dauerhaft an Bord unseres Segelbootes aufgeschlagen haben. Nicht immer mit romantischem Sonnenuntergang, aber oft. Nicht durchgehend waren wir an Bord, aber meistens.

An 85 Tagen war mindestens eine(r) von uns unterwegs – in Köln oder anderswo. Ab und zu braucht man den Abstand, insbesondere wenn man wie hier in Ponta Delgada so lange an Land steht.

Im Juli haben wir uns einen richtig schönen Kurzausflug nach Lissabon gegönnt. In einer netten kleinen Wohnung mitten in Lissabons Altstadtviertel Alfama gewohnt, Kirchen, Festung und Klöster besichtigt, zu (fast) jedem Aussichtspunkt gelaufen, im Getümmel geschwelgt. Das hat mal gutgetan.  Eigentlich wollten wir dort ja mit dem Schiff anlanden, aber daraus wird zumindest in diesem Sommer nichts. 

Sibylle hat zuvor spontan noch ein paar Tage mit ihrer Schwester in Sant Feliu de Guíxols an der Costa Brava verbracht – einfach nur chillig, mediterranes Flair, erinnert ein bisschen an Toskana, einen solchen Ort würde man an dieser ansonsten leider sehr verbauten und verbrauchten Küste kaum vermuten.

ITHAKA auf dem Drydock in Ponta Delgada. Siehe auch Webcam mit Ansicht vom alten Hafen.

Insgesamt haben wir von den tausend Tagen 135 lange Tage an Land gestanden, das ist ganz schön viel. Nicht immer war es so unkomfortabel wie jetzt, oft sind Sanitäranlagen nach dem Herabklettern der Leiter in wenigen Schritten zu erreichen, und nicht wie hier mehrere hundert Meter entfernt – das ist schon extrem lästig. Und hier leiden wir seit Beginn der Arbeiten ja auch unter der zusätzlich eingeschränkten Bewegungsfreiheit an Bord. Unsere Schlafkajüte hinten mussten wir komplett ausräumen, die Schränke und Schapps sind alle mit Folie zugeklebt. Die Matratzen liegen seitdem auf dem Tisch im Salon, wir sind in die vordere Kabine umgezogen. Da geht fast nichts mehr.

Apropos – an 134 Tagen hatten wir mindestens einen, maximal zwei Gäste an Bord. Jedes Mal freuen wir uns riesig über die Gesellschaft, die gemeinsamen Unternehmungen, das Erlebnis zu teilen. Doch auch hier immer wieder nicht nur eine logistische Herausforderung, mit Vereinbarung eines passenden Treffpunktes sowie die erforderlichen Umräumarbeiten an Bord. Sondern auch die zusätzliche Verantwortung für das Wohl der Familie und Freunde, und das Management der atmosphärischen Schwankungen auf engem Raum … Das ist schon zu zweit zuweilen eine echte Prüfung – auch wenn wir hier ja eigentlich freiwillig Tag für Tag zusammenleben.

An mehr als der Hälfte der Tage, nämlich an 553, haben wir für längere Zeit im Hafen gelegen. Gezwungenermaßen natürlich im Winterquartier, für Reparaturarbeiten, oder auch aus gesundheitlichen Gründen wie im Sommer 2017 in Rhodos.

Nicht gezählt sind hierbei die Hafentage, wo wir den Anleger am Steg oder Kai nur als Zwischenstopp genutzt haben. Diese ergeben zusammen mit den Tagen „auf Reede“ (in der Bucht am Anker hängend) insgesamt 260 Tage.

Demgegenüber stehen 52 volle Tage auf See, also Tage, an denen wir 24 Stunden und länger unterwegs waren. Die meisten See-Tage haben wir naturgemäß auf den zwei Atlantiküberquerungen absolviert, im Mittelmeer waren es insgesamt nur drei Nachtfahrten.

Alles zusammengenommen sind wir in der Zeit bisher 10.869 nautische Meilen gesegelt, das entspricht 17.535 Kilometer, knapp 70% davon unter Segeln. Man bedenke, dass wir – wenn es richtig gut läuft – pro Stunde im Schnitt 6-7 Meilen (10-11 km) zurücklegen, in aller Regel sind es deutlich weniger.  Also mit dem Fahrrad ist man in jedem Fall schneller!

Wir haben inzwischen jeder drei Mal an Bord Geburtstag gefeiert (die Deko wird übrigens jedes Jahr wiederverwendet, auch bei Geburtstagen von Gästen, für Foto hier klicken 😉). Wir merken, dass wir beide älter werden, insbesondere der Augenarzt ist mal wieder fällig, bei nächster Gelegenheit, wenn wir in Deutschland sind. Aber noch sind unsere müden Knochen flexibel genug, um den Bordalltag auf engem Raum und den Herausforderungen des Segelns standzuhalten.

Gott sei Dank hat es nach den schwierigen Ereignissen im Jahr 2017, mit Burkhards Operationen an Rücken und Leiste in Athen, kaum gesundheitliche Probleme gegeben – toi-toi-toi!

Häufig ist es auch eher die Psyche, die uns einen Streich spielt. Zum Beispiel, wenn aus dem nichts die Panik aufkommt, vor einem längeren Törn, oder wenn wir ohne funktierenden Motor und Steuerung auf dem Atlantik treiben. Oder wenn ins Bewusstsein dringt, dass man sich gerade mal circa 2.500 km entfernt von jedwedem rettenden Ufer aufhält und mindestens 5 Kilometer Wassersäule sich unter dem Schiff befindet. Den Elementen Wasser und Wind ist nicht viel zu trotzen, man muss sie respektieren und mit ihnen, nicht gegen sie navigieren. Welche übermäßigen und unberechenbaren Kräfte die Elemente hervorbringen können, hat gerade wieder „Dorian“ auf traurige Weise gezeigt.

Nicht gezählt sind die vielen schönen Sonnentage, ebenso wenig die Regentage oder Tage, an denen mal wieder irgendwas nicht funktioniert hat oder kaputt gegangen ist und repariert werden musste.

Und dankenswerter Weise sind wir bislang nur ein einziges Mal bestohlen worden. Hoffen wir mal, dass das so bleibt. Vor einer Woche, hier auf dem Trockendock, hat uns jemand den kleinen Tretroller unter dem Boot weggeklaut, während wir oben im Cockpit gegessen haben. Schon ganz schön dreist. Mit Einbruch der Dämmerung haben wir den Scooter natürlich immer angekettet, aber tagsüber eher nicht. Den Gang zur Polizei hätten wir uns sparen können, die Videoanlage am Ausgang zum Yachtclub ist `überraschenderweise` außer Funktion, die Video-Bänder der Marina harren noch der Überprüfung. Nicht, dass wir glauben, die Untersuchung würde uns weiterhelfen. Aber wir spekulieren schon auf erhöhte Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte, die das Gelände kontrollieren sollen.

Selbstverständlich gezählt sind unsere richtig dicken Fische 😊! Da gab es insgesamt drei Fänge, die jeder 8-12 Kilo auf die Waage gebracht haben. Und mindestens drei weitere, mit deutlich mehr als 3 Kilo Gewicht. Und eine ganze Reihe kleinerer auch. Dafür, dass Sibylle als blutiger Laie in das Schlepp-Angeln eingestiegen ist, eine beachtliche Ausbeute. Aber natürlich haben wir dank der Versorgung durch Sibylles Bruder Christoph Zugriff auf ausgezeichnetes Material und Anleitung. Allerdings ist da noch ganz viel Luft nach oben:

Unsere Ausbeute von tausend Tagen erledigt der erfahrene Angler und Speerfischer mit ebenfalls versierter Ehefrau und Crew in einem Dreiwochen-Törn in den Kykladen (hier: Link zum Foto). Aber wir werden aufholen, sobald wir wieder flott und unterwegs sind!

„Ihr seid mutig“, das hören wir manchmal – und ehrlich gesagt: das finden wir auch! 😉 Nicht allein wegen des Segelns, dafür begeistern sich heutzutage außerordentlich viele Leute, auch gibt es erstaunlich viele Langfahrtsegler, so wie wir. Häufig sehr besondere Menschen. Ungezählt die schönen Momente und Begegnungen, wie auch die immerwährenden Abschiede.

„Mutig“ insbesondere auch wegen all dem, was wir vor 1000 Tagen aufgegeben und hinter uns gelassen haben. Aber wir würden es immer wieder genauso machen wollen. Auch wenn wir oftmals traurig sind, dass wir unsere Lieben in der Heimat so selten sehen. Mit Wehmut grüßen wir heute alle, die tapfer `zu Hause` seit tausend Tagen die Entfernung ertragen und unser Abenteuer unterstützen.

Dass der tausendste Tag an Bord auf einen „Freitag, den Dreizehnten“ fällt, werten wir als glückbringende Vorbedeutung für die nächsten tausend Tage – das werden wir heute Abend mit einem sehr, sehr großen Schluck für Poseidon begießen! Prost!

One thought on “1000 Tage an Bord – Wir (er)zählen

  1. Annemarie Weber-Holthuis

    …1000 Tage und mehr
    * vermissen wir Euch
    * freuen wir uns sehr, dass es Euch -neben einigen unvorhergesehenen Ereignissen- grundsätzlich gut geht
    * sagen wir großen Dank für die spannenden Reiseberichte nebst stets wunderschönen Fotos
    * wünschen wir Euch weiterhin eine gesunde und spannende Fortsetzung Eurer Reise….

    Liebe Grüße,
    Anne

    Reply

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