Author Archives: ithaka

Finde den Fehler!

Auf dem Suchbild oben lässt sich unschwer erkennen, dass unser „kurzer Abstecher“ nach Palma sich leider zu einer Reparatur ungeahnten Ausmaßes ausgewachsen hat.

Erst vor vier Jahren haben wir im Hinblick auf unsere geplante Atlantiküberquerung in Marmaris (Türkei) die Stagen*, Wanten* und Mast-Verbindungen unseres Riggs erneuern lassen. Und die Arbeiten wurden dort nicht von irgendeiner Hinterhof-Werkstatt, sondern von einem Seldén**-Vertragspartner ausgeführt. Mit dem Erfolg, dass nun der Rigger hier in Palma zu unserem Entsetzen feststellt, das Rigg sähe aus wie nach zwanzig Jahren, nicht wie nach vier …. Ein eingehender Check zeigt, neben dem von uns kürzlich entdeckten Defekt ist eine weitere Want in Auflösung begriffen und mehrere Mastverbindungen (auch Terminals oder Fittings genannt) weisen Haarrisse auf, die über kurz oder lang zum Bruch der stählernen Verbindungsstücke führen.

Mögliche Erklärungen: elektrische Ströme haben zu frühzeitiger Korrosion des Riggs geführt, oder aber die mit der Marke „Bluewave“ gebrandeten Terminals sind billige Plagiate, die Drahtseile China-Schrott. Wie auch immer, es hilft nichts, das Rigg muss runter, alle Drähte und Verbindungen neu. Das müssen wir erstmal verdauen.

Auf Empfehlung des Riggers wird erstmal ein Elektriker bestellt, der alles durchmisst. Es gibt keine Ströme, die eine solche Korrosion verursacht haben können. Also fragen wir bei der Versicherung um Rechtsschutzbeistand an, sollte sich bewahrheiten, dass minderwertiges Material verwendet wurde. Eine Antwort erwarten wir in der kommenden Woche.

Zu unserem Trost eilt die GLEC herbei. Sie hatten Pech mit ihrem Wassermacher, wo im laufenden Betrieb ein Schlauch geplatzt und die Bilgen mit Salzwasser gefüllt hat. Auch nicht schön. Wir verbringen zwei Abende gemeinsam, doch dann sind sie auch schon wieder weg. Wehmütig stellen wir fest, nun sind wir wieder die einzigen mit solch einem winzigen Schiff in diesem Shipyard, wo zu Wasser und an Land fast ausschließlich Super- und Megayachten liegen, ab sechzig Fuß aufwärts. Unglaublich, wie verloren und klein unser Bötchen wirkt inmitten der riesigen Masten. Und auch die Kaimauer ist eigentlich viel zu hoch für unsere Schiffsgröße, die Festmacher-Poller völlig überdimensioniert.

Dennoch fühlen wir uns nicht unwohl hier. Alles ist super durchorganisiert, die Handwerker pünktlich und zuverlässig, die Marineros entspannt und freundlich. Seit einigen Jahren gibt es sogar eine Agentur vor Ort, die sich um Sicherheit und Qualitätsabläufe der Großprojekte hier in der Werft kümmert.

Und so hat Burkhard montags früh tatsächlich das erste offizielle „Meeting“, seit er seinen Büro-Job an den Nagel gehängt hat. Die Dame der Agentur AdSum ist bestimmt, aber hält die Besprechung kurz: schließlich sind wir ja nur ein kleines Schiff, nur zwei Firmen sind beauftragt, Rigger und Elektriker (die haben übrigens bei dem Meeting ebenfalls Anwesenheitspflicht) und Burkhard vereint alles in einer einzigen Person: Captain, Skipper, Projekt-Koordinator … 😊. So bleibt uns Gott sei Dank auch das Ausfüllen endloser Listen mit Schiffs- und Lieferanten-Details erspart.

Es ist bewölkt und regnet, als die Rigger kurz nach Sonnenaufgang kommen, um das Rigg zu demontieren. Bereits am Nachmittag zuvor haben wir uns in einen der Krankänale verlegt, um das Kranen von Mast und Baum zu ermöglichen. Dabei haben wir auch noch Glück: in dem Moment, wo der Mast eben auf den Rollstützen aufliegt, auf denen er später zu seinem Lagerplatz am anderen Ende der Werft geschoben wird, beginnt es zu stürmen – mit Mast im Kran wahrlich kein Spaß.

Nun sind wir seit vier Tagen „oben ohne“ – auf jeden Fall fühlt man sich ziemlich nackig ohne Rigg. Bis zu zwei Wochen müssen wir noch einplanen, bis alle Teile gecheckt, gesäubert, überholt und erneuert sind. Mit Dimitriy unserem Rigger haben wir besprochen, dass wir so viel wie möglich selbst beitragen werden, zumindest bei Säuberungs- und Polierarbeiten, um die Rechnung nicht unnötig aufzublähen. Aber mit 10 großen Scheinen sind wir Minimum dabei … ☹

 

*) Stagen nennt man die Drahtseile, die den Mast nach vorn und hinten fixieren, die Wanten fixieren den Mast seitlich, der bei unserem Schiff lediglich auf dem Deck aufgestellt ist.

**) Seldén ist ein renommierter Hersteller von Masten, Bäumen und vielerlei anderer Hardware für Segelboote.

Endlich wieder unterwegs

Mit Aussicht auf das Ende des Lockdowns am 22. Juni macht sich unter den Seglern in Almerimar emsige Geschäftigkeit breit. Die Schockstarre des Hausarrests noch in den Knochen, fängt man nun auf den Schiffen an zu werkeln, was das Zeug hält. Sämtliche aufgeschobenen Projekte werden in Windeseile in Angriff genommen, denn jeder möchte reisefertig sein, wenn es denn endlich wieder möglich ist. Die Crew von der GLEC ist oft tagelang abgetaucht in der Installation von Windgenerator, Wassermacher, Windfahnensteuerung und anderer `Kleinigkeiten`. Und dort wie auch auf der ARTE entwickelt sich das Thema „Bruno“ zum Dauerbrenner. Bruno, der hiesige Mann für Canvas-Arbeiten, hat es in den vergangenen 7 Monaten bisher nicht geschafft, die lange beauftragten Gewerke anzufertigen. Immer wieder wird neu vermessen und angepasst, dazwischen ist der Mann oft mehrere Tage einfach nicht erreichbar.

Da sind wir doch froh, dass wir uns diesmal dank Sibylles Nähkünsten nicht auch noch in die Reihe der ewig Wartenden anstellen müssen. Bereits im Januar hat sie in der Werkstatt von Planenmacher.de in Voerde unter Aufsicht von Jolanthe und Michael unser Bimini neu nach Muster genäht. Zunächst widerwillig lassen wir uns überreden, statt edlem Tuch nun edlen Kunststoff (Stamoid) zu wählen. Aber tatsächlich sieht man den Unterschied kaum, und die Vorteile liegen klar auf der Hand: undurchlässig gegen Regen, sehr strapazierfähig und einfach zu reinigen. Ein Nachteil: nächtliche Feuchtigkeit schlägt sich auch auf der Unterseite des Sonnenschutzes nieder und tropft morgens beim Aussteigen in den Nacken. Nun denn, man kann halt nicht alles haben. Dafür konnten wir nun sehr einfach einen D-Ring zur Befestigung für unsere Fatboy-Bolleke Hängelampe ankleben.

Über mangelnde Arbeit können wir uns dennoch nicht beklagen. Wir erneuern die fälligen Teakpfropfen am Deck und streichen das unansehnlich gewordene Holz mit Boracol ein – mit sehr gutem Erfolg wie sich inzwischen zeigt. Außerdem tauschen wir die Dreifarbenlaterne im Masttopp inklusive des dazugehörigen Kabels.

Wie sich bei der Demontage herausstellt, hätten wir die neue Laterne wohl gar nicht benötigt, denn der eigentliche Übeltäter ist das korrodierte Kabel. Also nehmen wir die alte Laterne auf die Liste unserer Ersatzteile. Bei Decks- und Dampferlicht werden die Leuchtmittel getauscht. Außerdem ziehen wir eine neue Dirk sowie eine neue Rein-/Rausholleine für das Großsegel ein. Wir sind mächtig stolz, was wir inzwischen alles selbst zuwege bringen – noch vor ein paar Jahren hätten wir hierfür Handwerker beauftragen und … warten müssen.

Zwischendurch trifft man sich zum Austausch mit ARTE und GLEC auf einer Terrasse der inzwischen wiedereröffneten Bars und Restaurants. Es ist so traurig, dass unsere lieben Holländer Jos und Hans, die Crew von der „Rasant“ nicht mehr mit dabei sind. Wegen Rückenproblemen bei Hans sind die beiden leider Mitte Mai nach Holland abgereist. Wir vermissen sie sehr.

Unsere TO-Stützpunktleiterin und Chefin des „Lava-Centro“ Alex organisiert eine kleine Abschiedsrunde für die deutschen Schiffe im „Stumble Inn“.

Sibylle hat an diesem Tag heftige Schmerzen im Kiefer – Zahn oder Zahnfleisch ist die Frage. Mit Ibuprofen bekämpft sie den Schmerz erfolgreich übers Wochenende. Am Montag nach Besuch der Zahnklinik dann kullern die Tränen vor Enttäuschung. Eine Wurzelbehandlung ist erforderlich, und die Behandlung wird erst nach einer Antibiotikatherapie Anfang Juli erfolgen können. Das war es also vorerst mit unserer Abreise.

Die ARTE prescht vor und legt schließlich als erste ab. Windtechnisch ist der Tag nicht eben günstig gewählt – und dann fällt auch noch der Motor aus. Mit kleiner Drehzahl machen sich Patricia und Gerhard auf den Rückweg, der Motor verläßt sie, als sie gerade so eben den Warte-Kai von Almerimar erreicht haben. Die Beiden sind fix und fertig. Am nächsten Tag werden sie ins Hafenbecken geschleppt und „Schrauber-Frank“ macht sich sofort an die Arbeit. Leider eine größere Sache, Ersatzteile müssen aus Schweden bestellt werden.

Schnell geben wir noch unsere Rettungsinsel zur Wartung – wir hatten völlig vergessen, dass in diesem Frühjahr der dreijährliche Service fällig ist. Hätte man ja sonst längst mal machen lassen können. Gott sei Dank arbeitet der autorisierte Viking-Servicepunkt sehr schnell und bringt die Liferaft pünktlich vor unserem geplanten Abreisedatum zurück.

Am 2. Juli ist es dann endlich soweit: nach vielen ungeplanten Tagen in Almerimar, davon 99 Tage im Corona-Lockdown, sind wir endlich wieder unterwegs. Doch auch uns lässt der Ort so schnell nicht los: nach einer Stunde Fahrt schlägt der Motor Alarm: Temperatur. Das kennen wir ja nun schon von zwei Vorfällen im vergangenen Frühjahr, das Thermometer zeigt 88°C. Wir lassen den Motor ein bisschen abkühlen und fahren dann mit erhöhter Drehzahl unverdrossen weiter. Nach weiteren vier Stunden, wir sind kurz vor Cabo de Gata, meldet sich der Alarm erneut. Außerdem Öldruckalarm. Mit dem Infrarotthermometer messen wir 105° C auf dem Wärmetauscher. Nix gut. Telefonat mit Frank, dem Mechaniker, er will sich am Wochenende Zeit für uns nehmen, sobald er die ARTE verarztet hat. Nun denn, wir kehren um. Gegen Wind und Welle – den Wind hatten wir eigentlich vormittags erwartet, er hätte uns zum Cabo pusten sollen, nun kämpfen wir gegen an. Übrigens ohne weitere Alarmmeldungen der Maschine.

Frank kommt am Samstag, die Vermutung ist schließlich, das Thermostat, das die Wasserzufuhr zum inneren Kühlkreislauf regelt, sei kaputt. Das Teil wird bestellt aus Barcelona, sollte schnell kommen. Leider widmet er sich einer genauen Untersuchung des Wärmetauschers erst am folgenden Dienstag, so dass wir wertvolle Zeit verlieren, denn tatsächlich scheint die eigentliche Ursache für die Überhitzung bedingt durch lose Gummiteile im inneren Kühlkreislauf, die offenbar immer mal wieder den Durchfluss verstopfen. 

Eine Gummimanschette hat sich aufgelöst, auf der der Wärmetauscher lagert. Vorsichtig werden mit einer sehr langen Pinzette aus dem Küchenutensilienbestand so viele der Gummibrösel wie möglich herausgefischt. Die Manschette muss neu, ebenso zwei Hauben, und alles muss bei Volvo in Schweden bestellt werden. Erst am 13. Juli treffen die Teile ein und während Frank unten arbeitet, wird Almerimar in Nebel gehüllt – es dampft wie in einer Waschküche am helllichten Nachmittag.

Gleich am nächsten Morgen legen wir erneut ab.  Der Wind ist nicht günstig aber in den nächsten Tagen werden die Startbedingungen noch schlechter bis unmöglich. Am Cabo de Gata müssen wir echt kämpfen, für die Rundung unter Motor mit Stützsegel brauchen wir gut 1,5 Stunden. Danach geht es wieder. Nachts an Cartagena vorbei, dann ab frühen Morgen können wir endlich mal segeln und entschließen uns, Alicante anzusteuern. Und juhu, es beißt mal wieder ein Fisch – ein „Little Tunny“ – alles, aber klein ist der nun wirklich nicht, bringt knapp zehn Kilo auf die Waage.

Den kurzen Aufenthalt in Alicante nutzen wir ausschließlich zum Tanken und zum Entsalzen des Schiffs. Die schöne Stadt kennen wir schon von unserem Besuch im letzten Jahr zusammen mit Sibylles Nichte Emily und ihrem Freund Ben Ole. Und jetzt, wo überall die COVID-19 Infektionen wieder ansteigen, ist uns gar nicht danach, sich unbedingt unter unbekannte Menschen zu mischen.

Und so wird ab jetzt geankert. Mit reichlich Vorräten inklusive des großen Fangs sind wir autark für die nächsten Wochen. Von der hübschen Bucht bei Moraira kurz unterhalb von Denia gelegen, springen wir am nächsten Morgen ab rüber Richtung Formentera. Bei spiegelglatter See sind wir auch ohne Wind bereits am Nachmittag drüben im Ankerfeld von Es Trucadors, in unmittelbarer Nähe der Durchfahrt zwischen Ibiza und Formentera gelegen.

Und wir genießen das Ankerleben in vollen Zügen. Drei Tage hier, dann vier Tage in der Bucht von Tarida auf Ibiza. Dort betreten wir zum ersten Mal wieder festen Boden, allerdings auch nur, um unseren Müll zu entsorgen, denn das Menschengewimmel an dem allerdings sehr schönen Strand ist uns dann doch zu unheimlich.

Ein Traum ist die Bucht Cala Blanca, ebenfalls an der Westküste von Ibiza gelegen. Nicht viele Boote finden den Weg hierhin, vermutlich weil es hier weder ein Restaurant noch Internetempfang gibt. Gut für uns, denn seit einigen Tagen spürt man nun doch, dass mit Beginn der Urlaubssaison die Buchten sich zusehends füllen. Charterboote sind allerdings kaum unterwegs, außer ein paar wenigen mit meist spanischer Crew sind bei den Seglern nur Eigner zu anzutreffen. Wir paddeln auf dem SUP Board, schnorcheln und genießen das türkisblaue Wasser – schwimmend und in der Hängematte schaukelnd.

Und wir geben uns redlich Mühe, den Kühlschrank zu leeren …

Richtig viel Lust haben wir auch nach vier weiteren Tagen eigentlich gar nicht, um rüber nach Mallorca zu segeln, aber irgendwann wollen wir ja auch mal ein Stück weiter. Und in der weitläufigen Bucht von Santa Ponça im Südwesten von Mallorca gefällt es uns diesmal sogar überraschend gut, auch wenn diese mit der unverbauten Idylle unserer letzten Ankerbucht nichts gemein hat. Hier stocken wir nun auch endlich mal wieder Vorräte und Getränke auf, da der Skipper inzwischen in Ermangelung von Bierreserven dazu übergehen musste, Sibylle den Wein wegzutrinken 😉.

Auch den Münz-Waschsalon besuchen wir und belohnen uns für die Strapazen in der sehr gepflegten Strandbar mit Drinks und Tapas. Es fühlt sich komisch an, wieder unter Menschen zu sein. Die Abstandsregeln zwischen den Tischen und Gästen werden zumindest in dieser Bar gerade so eingehalten und das Personal trägt Maske wie vorgeschrieben. Auf den Balearen herrscht – wie inzwischen fast wieder überall im Land – verschärfte Maskenpflicht, das heißt, Maske tragen immer und überall, außer am Strand und beim Sport. Eine echte Herausforderung bei der Glut-Hitze hier im Hochsommer.

In Santa Ponça treffen wir schließlich auch Claudia und Gordon wieder, die Crew von der GLEC, die uns an Gordons Geburtstag an Bord mit leckerer Pasta bewirtet.

Für einen kurzen Stopp wollten wir ohnehin in die schöne Hauptstadt Palma rüberfahren, einen echten Anlass haben wir allerdings, als Sibylle aus der Hängemattenposition am Vorschiff ein defektes Unterwant entdeckt. Eine Kardele hat sich bereits herausgelöst. Für unglaublich günstige 35 Euro pro Tag reservieren wir einen Liegeplatz am STP-Shipyard, nur zehn Minuten von Altstadt und Kathedrale entfernt. Und gleich mehrere Rigger sind dort vor Ort. Also tuckern wir am 5. August die 16 Meilen hinüber in den Hafen von Palma ….

Ausgangsregeln – Tag 48

Nachdem seit Anfang dieser Woche Kinder bis 14 Jahre in Begleitung Erwachsener endlich wieder draußen spazieren gehen dürfen, hat man nun  – fast sieben Wochen nach Start des Ausnahmezustands – auch die Ausgangsregeln für alle anderen Altersgruppen festgelegt. Frische Luft und Bewegung gibt es jedoch zukünftig zunächst nach Alter getrennt.

In der freudigen Aufregung beim Studium der einschlägigen Nachrichtenportale am Vormittag denken wir zunächst, wir hätten bereits unseren ersten kostbaren Slot verpasst – aber die neue Regelung gilt erst ab 02. Mai. Also heißt es ab morgen: Wecker stellen. Denn Burkhard schläft schon gern mal länger, und Sibylle holt derzeit häufiger schlaflose Stunden aus der Nacht in der Früh nach. 

Auch das abendliche Zeitfenster ist nicht ohne Herausforderungen, so heißt es nun, nach dem Essen anstatt Fern zu sehen sich zum Spaziergang aufzuraffen, was sich jedoch hoffentlich positiv auf die in den vergangenen Wochen angefressenen Pfunde auswirken wird😉. Die neuen Ausgangsbestimmungen sind nur ein Teil der schrittweisen Rückkehr zu einer „neuen Normalität“ (Unwort des Jahres 2020?), die für Spanien in dieser Woche beschlossen wurden.

Die vier Phasen werden nach Provinzen (!) getrennt umgesetzt und dauern im günstigsten Fall jeweils 2 Wochen, beginnend mit Montag, 04. Mai. Bei einer Verschlechterung der Pandemiesituation in einer Provinz muss das betroffene Gebiet die Lockerungsphase verlängern oder gar zum Ausgangspunkt zurückkehren. Wohlgemerkt – es gibt insgesamt 50 Provinzen in Spanien als mittelgroße Verwaltungseinheiten unterhalb der 17 sogenannten „autonomen Gemeinschaften“ oder Regionen (diese wiederum sind entfernt vergleichbar unseren Bundesländern). Die Provinzen untergliedern sich ihrerseits in Gemeinden. In unserem Fall befinden wir uns in der Provinz Almeria, in der übergeordneten Region Andalusien, als Teil der Gemeinde El Ejido. Inländisches Reisen zwischen den Provinzen ist frühestens mit Abschluss von Phase 3 ab dem 22. Juni möglich, und das auch nur bei identischem Deeskalationsstatus der jeweiligen Provinzen. Ob wir dann auch wieder segeln können? Innerhalb der bisher veröffentlichten Regelungen sind auch Sportboote berücksichtigt, aber so richtig verstehen wir noch nicht, was das für uns bedeutet. Jedenfalls werden wir vorerst unseren Marinavertrag um weitere vier Wochen bis 09. Juni verlängern. 

​Aus budgetären Gründen können wir froh sein, Valencia frühzeitig verlassen zu haben. Denn in Almerimar sind die Liegeplätze deutlich günstiger, selbst wenn ab Juni mit Start der Hauptsaison auch hier die Preise um satte 130% steigen.

Bemerkung: Interessanterweise können wir feststellen, dass Almerimar – offenbar im Gegensatz zu vielen anderen Häfen -, immer mal wieder einzelne Boote aufnimmt. Erst kürzlich legte ein Katamaran aus Kroatien hier an – ohne Marinazugang und Zwischenstopp auf der gesamten Strecke. So wird Almerimar auch möglicherweise zur Option für Segler aus Westen, für Karibik-Rückkehrer.

In der vorbereitenden Phase 0 haben bereits am kommenden Montag Friseure, Optiker und Physiotherapeuten wieder geöffnet. Glücklich unsere Freunde Martina und Peter mit ihrer Segelyacht „Bummler“, die seit Wochen auf La Graciosa (Kanaren) ankern. Einige Inseln dürfen die Vorbereitungsphase überspringen und starten gleich mit Phase 1. Ab 11. Mai dürfen auch wir uns dann in Phase 1 auf eine eingeschränkte Öffnung der Außengastronomie freuen – und endlich können wir wohl auch wieder Freunde treffen! Die genauen Regeln für soziale Kontakte werden noch bekannt gegeben – wir sind gespannt. Vielleicht auch hier eine zeitliche Begrenzung nach Altersgruppen 😊??? Phase 2 und 3 sieht dann eine schrittweise Öffnung der Innengastronomie bis maximal 50% der Kapazität vor.

Für Mitte Mai haben wir probehalber einen Mietwagen optioniert, vielleicht kann man sich tatsächlich innerhalb der Provinz Almeria ein wenig bewegen, zumindest zum Einkauf. Ansonsten müssen wir das Gefährt halt wieder stornieren, so wie zuletzt am 15. März.

Inzwischen sind wir hier sehr fleißig und kreativ. Sibylle wüsste kaum, was sie ohne ihre wunderbare „Sailrite“ Nähmaschine anfangen sollte. Aus alten Segeln (Danke, Horst!) und Planenmaterial entstehen verschiedene Taschen.

Endlich gibt es auch Zeit für lang aufgeschobene Projekte wie die Abdeckung unserer Windfahnensteuerung, gefertigt aus Material, was uns unser Vorbesitzer überlassen hatte (Danke, Wolf!). Die Abdeckung ist in zwei Teilen zu verwenden, mit oder ohne aufgesteckte Windfahne. Als nächstes bekommt auch der Außenborder einen neuen Sonnenschutz. Noch in Valencia wurden die Fenster der Kuchenbude gewechselt und ein Rucksack gefertigt. 

Die „Sailrite“ ist nicht gerade ein Schnäppchen, aber langsam beginnt sich die Anschaffung zu amortisieren – nicht nur im materiellen Sinn. Burkhard verbringt Stunden im Motorraum, wechselt unter anderem den defekten Temperatursensor, der uns im Februar fast die Abfahrt aus Valencia verhagelt hätte. Der akustische Alarm, der eine Überhitzung des Motors signalisiert, löste wenige Minuten nach Start des Motors aus und war nur durch Deaktivierung abzustellen.

Und das Wetter – seit einigen Tagen fantastisch! Strahlendblauer Himmel, Sonne pur und eine leichte Brise aus Südost. Dazu eine äußerst vielversprechende Prognose auch für die nächsten 14 Tage. In Deutschland mochte das ja kaum jemand recht glauben, dass wir Grund hatten, uns in den vergangenen Wochen regelmäßig über das Wetter zu beschweren: doch der Vergleich der Tageshöchsttemperaturen und Niederschläge zwischen Köln und Almerimar ist wohl evident. Wir trainieren nun jeden Tag an Deck mit Theraband und „Twistfit“. Und auch die überfälligen Decksarbeiten können nun starten. Todo va a estar bien. So hoffen wir. Aber es braucht noch viel Vorsicht und Geduld …

Ausgangssperre Tag 31 – und kein Ende in Sicht

Vorläufig bis zum 26. April wurde die rigorose Ausgangssperre in Spanien in der vergangenen Woche verlängert, verbunden mit der klaren Ansage des Ministerpräsidenten, dass er im Anschluss für weitere 15 Tage Verlängerung bis zum 10. Mai plädieren werde. Laut einer der spanischen Regierung vorliegenden Analyse einer bekannten Consulting-Firma muss an dem herrschenden Ausnahmezustand jedoch noch mindestens bis Juni festgehalten werden, im schlimmsten Fall soll es Juli werden …..

Diese Aussichten tragen weiß Gott nicht zu unserer Erheiterung bei. Seit 31 Tagen nunmehr sind wir ohne vernünftige Bewegung. Wir dürfen nicht spazieren gehen, nicht joggen oder walken oder Rad fahren, nicht zum Schwimmen an den Strand – abgesehen davon, dass das Wasser hierfür noch ein bisschen kalt ist. Auf der Straße oder am Steg vor dem Anlegeplatz einige Lockerungsübungen absolvieren kann nur, wer in der glücklichen Lage ist, die Streifen-Fahrzeuge der Sicherheitsbehörden so rechtzeitig zu erspähen, um ungesehen schnell wieder an Bord hüpfen zu können. In solcher komfortablen Situation sind wir leider nicht, sobald die Ordnungshüter um die Ecke biegen, haben sie uns voll im Blick. Nicht ohne Neid sehen wir immer wieder, wie ein paar unserer deutschen Leidensgenossen am Pier gegenüber sich vor ihren Booten die Beine vertreten und auch ein Schwätzchen auf Distanz halten.

​Und kontrolliert wird immer noch akribisch, sogar die Einkaufstasche und der Kassenbon muss zuweilen vorgezeigt werden, um den Aufenthalt auf der Straße zu legitimieren. Offenbar gibt es jede Menge listige Menschen, die ihre Einkaufstüten nur zum Schein spazieren tragen. Aus Mallorca hört man sogar von einem angeblich geforderten Mindesteinkaufswert, wohl um zu vermeiden, dass jemand mehrmals täglich den erlaubten Gang zur Nahrungsmittelbeschaffung für unnötige Bewegung im öffentlichen Raum schamlos ausnutzt.

Von solcher Trickserei sind wir allerdings auch jetzt noch, nach Wochen der schuldlosen Inhaftierung an Bord, weit entfernt. Obwohl der Bewegungsmangel mittlerweile unerträglich wird und die Stimmung auf engstem Raum zuweilen gereizt, vermeiden wir weiterhin jeden unnötigen Gang unter Menschen. Noch immer ist Spanien das Land mit den weltweit höchsten Infektionszahlen pro Einwohner, meldet die absolut meisten Infizierten in Europa und belegt auch bei den durch Covid-19 indizierten Sterbefällen einen traurigen dritten Platz hinter USA und Italien. Krank werden möchte und darf man hier in dieser Situation nicht. 

Mehr als 28.000 Menschen, die hier im Gesundheitsdienst tätig sind, sind inzwischen selbst infiziert oder unter Infektionsverdacht isoliert. Die Bilder und Berichte, mit denen man täglich in den spanischen Medien konfrontiert wird, sind zutiefst traurig und verstörend. So wurde das Ifema-Messegelände in Madrid zu einem riesigen Lazarett umgebaut, der sogenannte Eis-Palast ebendort wird in Ermangelung von adäquaten Lagerungsmöglichkeiten als temporäre Leichenhalle genutzt. Auf der Eisfläche, wo sonst Familien und Kinder Schlittschuh laufen, stehen nun die Särge der Verstorbenen, in Reihen geordnet, nach Alphabet.

Freudig begrüßt wird inzwischen jede kleine Reparatur an Bord, über die man vorher in jedem Fall gemeckert hat. So darf Burkhard in diesen Tagen mal wieder unseren defekten Heißwasserstab tauschen, der sich sehr zu unserem Leidwesen bisher in jedem Winter, den wir im Hafen und damit am Landstrom verbringen, mit Kurzschluss verabschiedet hat.

Seit Beginn des Ausnahmezustands ist uns auch das Wetter leider nicht wirklich wohlgesonnen, so dass wir ausstehende Arbeiten außen am Schiff bisher nicht durchführen konnten. Vorrangig die Arbeiten am Teakdeck sind noch überfällig, auch müssen wir dringend im Masttopp die Ankerlaterne tauschen, sowie die Decksbeleuchtung erneuern.

Also weiter die Zähne zusammenbeißen und ausharren. Allabendlich um 20:00 Uhr zusammen mit den Anwohnern applaudieren für die tapferen Helfer im Gesundheitsdienst und in allen anderen Berufen, die die existenzielle Versorgung aufrechterhalten. Wie 95% aller Spanier nur mit Maske vor die Tür gehen, mit Einweghandschuhen einkaufen. Am Supermarkt geduldig anstehen und Abstand halten. Der tägliche Gang zum circa 100 Meter entfernten Müllcontainer ist für Burkhard inzwischen das erklärte Highlight des Tages, auch wenn er tatsächlich unterwegs keiner Menschenseele begegnet.

Während in Deutschland unsere Freunde am Ostersonntag auf der Terrasse und im Garten grillen, schalten wir die Heizung mal wieder an, wobei es draußen schon wieder kräftig regnet. Immerhin – ein paar Schokoladeneier haben wir in einer Ecke im Supermarkt dann doch noch entdeckt, und etwas Eierfarbe sowie ein über die Jahre wohlgehüteter Rest Ostergras haben dann auch ein wenig heimisches Ostern in unseren Salon gezaubert.

Endlich geben die Statistiken der letzten Tage Anlass zur Hoffnung, dass sich das Blatt für Spanien allmählich zum Besseren wendet. Wir hoffen, dass mit der schrittweisen Rückkehr zur Normalität, über die zumindest mal gesprochen wird, die rigorosen Maßnahmen differenziert und angepasst werden. 

Auch die Spanier – bei aller Vernunft und Betroffenheit – beschweren sich inzwischen zunehmend über den – wie einige formulieren – „brutalsten Hausarrest der Welt“.

Spanien Allgemeine Ausgangssperre – Tag 10

Viel Lob haben wir für unsere selbstgenähten Atemschutzmasken schon bekommen. Bisher haben wir lediglich für den Eigenbedarf gebastelt. Leider reichen die Bordbestände an Materialien nicht für eine Massenproduktion, insbesondere Gummi und Draht werden schnell zu einem Engpass führen, und kaufen kann man so was im Moment hier nicht. Vielleicht riskieren wir eine Bestellung, ist im Moment jedoch eher fraglich, ob und wann etwas geliefert wird. Oder wir probieren es ohne Nasenbügel und Gummizug. Die Originalanleitung sieht ohnehin Stoffbänder anstelle von Wäschegummi vor.

Bleibt gesund!